Macht die Seele Fehler? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Philosophin Dr. MoonHee Fischer auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Stelle auch du MoonHee eine Frage! Schreibe uns dafür eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt. Wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist. Heute: Macht die Seele Fehler?

Anonym: Kann man seine Seele verlieren und woran erkennt man Menschen, die ihre Seele verloren haben?

Alles Leben ist beseelt. Leben und Seele sind korrelative Begriffe. Die Seele ist das, was Materie zum Leben erweckt. So kann auch der menschliche Körper ohne Seele nicht lebendig sein. Entgegen der gängigen Vorstellung, die Seele würde bei der Zeugung in den materiellen Körper eintreten und bei dessen Tod wieder hinaus, ist die Seele nicht ein kleines Etwas, welches im menschlichen Körper lokalisiert ist. Vielmehr befindet sich der Mensch mit seinem Körper in der Seele. Das Größere beinhaltet das Kleinere und das Kleinere nicht das Größere. Der Mensch ist also der Seele unterstellt und die Seele nicht dem Menschen. Die Seele verbindet den Menschen und alle anderen Lebewesen zu einer übergeordneten Einheit. Denn Leben kann es nur durch Verbundenheit und Gemeinschaft geben.

Nichts existiert für sich alleine. Alles ist mit allem verbunden. Die Seele ist das alles verbindende Glied bzw. Energie, die niemals verloren geht. Weder durch Tod noch durch Karma oder schwerwiegende Traumata. Das alles Verbindende ist untastbar und unveränderbar. Die Seele als übergeordnete verbundene Instanz ist sich der Materie, dem Köperlichen, gewahr. Aber die Materie oder der Köper nicht unbedingt der Seele. Das Größere erkennt mit Leichtigkeit das Kleinere, aber das Kleine nicht ohne Mühe das Größere. Dieses Nicht-Gewahrsein der Seele kommt einem Schlaf- oder Dämmerzustand gleich. Das wiederum hat schwerwiegende Folgen für das menschliche Leben.

Die Trennung von der Mitwelt

Die Nicht-Wahrnehmung der Seele geht mit dem Gefühl von Nicht-Verbundenheit einher. Das daraus resultierende Gefühl von Verlorenheit und Einsamkeit drückt sich positiv durch die Suche nach sich selbst und negativ durch Egoismus aus. Egoismus bedeutet nicht Selbstbezogenheit, sondern Selbstentfremdung. Der egoistische Mensch lebt in Trennung zu sich selbst und somit zu seiner Mitwelt. Widersprüchlicher Weise zieht der Mangel am Selbst oder das Nicht-Bewusstsein der Seele eine selbstentfremdende Ich-Fixierung nach sich.

Je größer der Mangel, desto stärker der Egoismus. Je stärker der Egoismus, desto mehr verliert der Mensch den Glauben an seine Seele. Und dadurch den Bezug zu ihr. Der scheinbare Verlust der Seele ist Ausgangspunkt für Ängste, schlechte Gefühle und Unfrieden, aber vor allem wird der Kopf wichtiger als das Herz. Das Einzige woran man noch glaubt, ist das Materielle und das Greifbare. Die Folgen sind Wissenschafts- und Obrigkeitshörigkeit, Bürokratie, Kapitalismus, Ausbeutung, Korruption, Klimawandel, Konsumsucht etc. Die Aufhebung solcher Missstände und Unmenschlichkeit liegt in der Bewusstwerdung der Seele. Dem Gewahrsein seines Selbst. Dies geschieht, wenn wir zur übergeordneten Einheit zurückkehren und uns gewahr werden. Wir können niemals unsere Seele verlieren. Nur den Glauben an sie.

Jana: Liebe Moonhee, macht die Seele Fehler?

Es gibt keine Fehler. Fehler sind nur Fehler, welche man sie als solche sieht. Fehler existieren nur im menschlichen Ego. Das Ego bewertet, ob etwas gut oder schlecht ist. Was ist ein Fehler? Ein Fehler zeigt nur das auf, was einem fehlt. Fehler weisen auf eine Schwäche oder auf einen Mangel hin. Dieses Fehlen sollte ohne eine Wertung angenommen. Das verborgene Potenzial dahinter erkannt werden, um sich neu zu finden.

Da die Seele noch Veränderungen unterworfen ist, ist sie nicht vollkommen frei. Auch sie muss sich noch entwickeln, um ihrer Bestimmung nachzukommen. Sie ist Verbindungspunkt zwischen dem menschlichen Geist und dem höchsten Geist der All-Verbundenheit. Ohne Mangel würde es keine Entwicklung geben, alles wäre starr und unbeweglich. Alles würde so bleiben, wie es ist. Daher braucht der unbewusste Mensch bzw. die noch nicht zurückgeführte Seele noch Fehler, damit sie wieder in die Einheit des Seins, des Gewahrseins zurückkehren kann. Jedoch vor dem höchsten Sein ist alles eins. In Wirklichkeit gibt es weder Trennung, noch Bewertung und daher auch keine Fehler. Macht die Seele Fehler? Nein.

Satsang von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und „Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis„. Ihre Verknüpfung „spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch“ eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. „Denn nichts existiert unabhängig voneinander“.

Portraitfoto Elias Hassos | Titelfoto von cottonbro von Pexels

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