Seiltanz: Die Kniescheibe

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Viel häufiger als man denkt, ist eine nicht zentriert geführte Kniescheibe die Ursache für Beschwerden. Dr. Ronald Steiner weiß Abhilfe. Nur wenn die Kniescheibe mittig in ihrem Gleitlager sitzt und von den umgebenden Faszienzügen gut geführt wird, kann sich das Knie leicht bewegen und bleibt gesund. Mit sechs einfachen Übungen schaffen Sie ein Gefühl für diese Balance der Kniescheibe – und lassen diesen ebenso unscheinbaren wie wichtigen Knochen tanzen wie auf einem Seil. Die  Übungen folgen am 17.06.

Wenn ein Knie immer wieder schmerzt und jeder Schritt einer zu viel zu sein scheint, haben viele Menschen sofort den Meniskus in Verdacht. Die Rolle der Kniescheibe wird dagegen häufig übersehen. Zu Unrecht, denn häufig liegt die Ursache für Beschwerden ganz einfach in einem gestörten Gleichgewicht der Kniescheibenführung. Dieses Gleichgewicht lässt sich durch gezielte Übungen sehr effektiv wiederherstellen – so verschwinden die Beschwerden in vielen Fällen überraschend schnell.

Die Kniescheibe (Patella) ist in eine Sehne, die Patella-Sehne, eingebettet. Sie leitet die Kraft des Oberschenkelmuskels zum Schienbein. Steht das Knie gerade, so ist die Kniescheibe lediglich in die Sehne eingespannt (Abbildung 1). Sobald wir das Kniegelenk beugen, lenkt die Kniescheibe die Kraft über das Ende des Oberschenkelknochens um. Je spitzer dabei der Winkel im Kniegelenk ist, desto größer wird die bei der Umlenkung entstehende Kraft (Abbildung 2). Schon bei einer einfachen Kniebeuge kann die Kniescheibe mit doppeltem Körpergewicht in ihr Sehnen-Knorpel-Gleitlager gedrückt werden. Bei Sprüngen oder Kniebeugen mit Gewicht entsteht sogar ein Vielfaches dieser Kraft. Daher hat die Natur sowohl die Kniescheibe als auch die Sehne für hohe Belastungen ausgelegt: So finden wir hier mit 4 Millimetern eine der dicksten Knorpelschichten des gesamten Körpers. Dennoch würde dieser Knorpel alleine nicht ausreichen. Wie so oft in der menschlichen Anatomie wird auch hier Druck in Zugkraft umgewandelt, um Überbelastung zu vermeiden.

Entscheidend ist dabei die richtige Zentrierung der Kniescheibe: Das Gleitlager der Kniescheibe ist V-förmig eingekerbt. In dieser Kerbe wird die Patella von Faszienzügen (den sogenannten parapatellaren Fasern) nach innen und außen ausgerichtet und gehalten. Wenn das gut funktioniert, dann schwebt sie selbst bei hoher Belastung über ihrem Gleitlager – genau wie ein Seiltänzer über dem Boden schwebt, wenn das Seil die richtige Spannung hat (Abbildung 3).

Ist die Zentrierung der Kniescheibe dagegen gestört, so entsteht ein sehr hoher Druck auf dem Knorpel zwischen der Kniescheibe und der Gleitrinne am Oberschenkel (Abbildung 4). Und wo immer wieder Druck entsteht, sind Abnützung und Beschwerden nur eine Frage der Zeit. Die häufigste Ursache für Kniebeschwerden sind deshalb nicht – wie oft vermutet – Meniskusschäden. Vielmehr hängen die Schmerzen sehr oft mit einer Störung des beschriebenen Aufhängungs- und Druckumwandlungsmechanismus der Kniescheibe zusammen. Typische Symp­tome sind dann Schmerzen unter der Kniescheibe. Sie treten vor allem beim Bergauf- oder Bergabgehen auf. Manchmal knirscht es auch buchstäblich unter der Patella (Chondropathia Patellae, subpatellare Arthrose). Zudem können sich die Muskel- und Sehnenansätze an der Kniescheibe oder am Schienbein entzünden (Insertionstendinitis Ligamentum Patellae, Bursitis Infrapatellaris, Patella-Spitzensyndrom), denn auch sie verlieren ihren optimalen Winkel, sobald die Kniescheibe nicht richtig zentriert ist. All das zeigt, wie wichtig es ist, sich für eine gesunde und ausgewogene Ausrichtung dieses unscheinbaren kleinen Knochens zu interessieren. Mit den folgenden Übungen bekommen Sie ein gutes Gefühl dafür.

 


Dr. RONALD STEINER ist Yoga­lehrer, Sportmediziner und Wissenschaftler. Er zählt zu den wenigen traditionell von Pattabhi Jois und BNS Iyengar autorisierten Lehrern. Die von ihm begründete AYI®-Methode verfolgt eine für den Einzelnen maßgeschneiderte, sehr persönliche Yogapraxis – von therapeutisch-präventiv bis hin zu sportlich-akrobatisch.

www.AshtangaYoga.info

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