Spielplatz

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Mit dieser spielerischen Praxis drehen wir den Spieß um: Hier bringen nicht die Erwachsenen den Kindern Yoga bei, sondern vielmehr lernen sie von ihnen, Asanas mit mehr Phantasie, Leichtigkeit und kindlicher Neugier zu üben. Den ersten Teil gibt es am 9. Juni 2018. 

Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig unbeschwert gefühlt? Hoffentlich nicht als Kind! Aber es stimmt natürlich: Das Gefühl, die Welt sei einfach nur schön und das Leben leicht, bringt man unwillkürlich mit der Kindheit in Verbindung. Die Momente, in denen man als Erwachsener völlig unbeschwert Spaß hat und Konventionen über Bord wirft, um spielerisch und befreit aus sich herauszugehen, sind für die meisten von uns ziemlich rar. Schließlich müssen wir ernsthaft sein, wenn wir die Herausforderungen in Schule, in Ausbildung und später im Job erfolgreich meistern wollen. Dieser schon früh erfahrene „Ernst des Lebens“ überträgt sich nur allzu leicht auf viele andere Lebensbereiche – auch auf die Yogamatte. Natürlich sind eine gewisse Sorgfalt und Achtsamkeit und auch ein gesundes Maß an Disziplin im Yoga angebracht, aber der permanente Fokus auf minutiös genaues Alignment, das Meistern der nächsten schwierigen Asana oder die perfekte Atemführung kann auch zu Lasten der Beweglichkeit von Körper und Geist gehen.

Patanjali hat in seinem Schlüsseltext zur Yogaphilosophie, dem Yogasutra, erläutert, dass Asanas sich durch das Zusammenwirken und Ausbalancieren von sthira und sukha definieren. Der Sanskrit-Begriff sthira bedeutet „kompakt, fest, stabil, entschlossen“ – also all jene Qualitäten, die wir in unserem Erwachsenen-Leben verkörpern (müssen). Sukha dagegen kann man übersetzen mit „leicht, angenehm, freudvoll, gelöst, spielerisch“ – Qualitäten, die man häufig mit Kindern in Verbindung bringt. Wenn wir als Erwachsene sukha über Bord werfen, vielleicht weil wir meinen, uns keine Fehler mehr erlauben zu können, dann geht die gesunde Balance aus Ernst und Leichtigkeit verloren. Gleichzeitig ist gerade die Yogamatte ein guter Platz, um sich wieder an die Freude und Leichtigkeit von sukha zu erinnern. Man kann sich beim Üben mit seinem inneren Kind verbinden und zu mehr Kreativität und -Freiheit in der Praxis (und hoffentlich auch im Alltag) finden. Echte Kinder sind dafür vielleicht die besten Lehrer. „Kinder erinnern uns daran, wer wir tief im Inneren eigentlich sind“, sagt die Autorin dieser Sequenz, die amerikanische Yogalehrerin Christen Bakken. „Sie zeigen uns, wie wichtig es ist, Ängste, Sorgen und Gedanken auch mal loszulassen, einfach zu sein und zu spielen. Das Gute daran: Wenn wir Spaß haben, werden wir uns viel eher mal auf etwas Neues, Ungewohntes einlassen, das wir uns ansonsten nicht zugetraut oder erlaubt hätten.“

Auch die Gründerin des Kinderyoga-Programms Next Generation Yoga, Jogi Komitor, betont die positive -Wirkung, die ein kindlicher Zugang zum Yoga auf -Erwachsene haben kann: „Kinder sind spontan, spielerisch und kreativ – alles Eigenschaften, die wir als Erwachsene viel zu sehr unterdrücken.“ Sie empfiehlt daher sowohl Kindern wie auch Erwachsenen, weniger die Form einer Yogahaltung nachzubilden, sondern eher ihre Essenz zu verkörpern, zum Beispiel indem man in der Kobra mit der Zunge zischelt oder die Wirbelsäule schlängeln lässt. Gerade Erwachsenen hilft das, den Körper zu lockern und den Geist zu verjüngen. „Werden Sie kreativ und nutzen Sie die Asana-Praxis, um sich wirklich lebendig zu fühlen!“, rät Komitor.

Sicher ist es nicht jedermanns Sache, mitten in einer gut besuchten Yogastunde während der Katzenhaltung laut zu miauen. Es gibt auch subtilere Wege, mehr Phantasie und Spielfreude in die Praxis zu bringen. Etwa indem Sie bei einer Übung wie „Jumbo Jet“ (Seite 52) ein inneres Bild in sich aufsteigen lassen und sich vorstellen, wie Sie hoch über den Bergen der Sonne entgegenfliegen. „Schon ein einfaches Lächeln kann helfen, die Begrenzungen aufzubrechen, die wir uns selbst auferlegt haben,“ weiß Christen Bakken. „Zum Beispiel wenn Sie bemerken, dass Sie sich und eine Asana gerade viel zu wichtig nehmen. Lachen Sie über sich selbst, wenn Sie in einer Haltung umkippen, anstatt sich dafür zu verurteilen!“ Die Erlaubnis, auf der Matte zu spielen und ganz einfach nur zum Spaß zu üben, kann nicht nur Ihre Praxis bereichern, im besten Fall erweitert sie auch Ihren Blick auf das Leben und schafft Raum für Magie, Inspiration, Freude, Glück und Lachen.


Jessie Lucier braucht eine Menge spielerische Leichtigkeit, um Ihr Leben als freiberufliche Journalistin, Mutter und Yogini im Gleichgewicht zu halten. Da kam ihr diese Übungsstrecke von Christen Bakken gerade recht. Bakken unterrichtet Yogis jeden Alters, zuhause in Denver, Colorado und quer durch die USA. Hier ist sie mit ihrem kleinen Yoga-Buddy Noah Ciel-Tilton zu sehen.

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