Macht Spiritualität das Leben schwerer? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.de. Heute: Macht Spiritualität das Leben schwerer?

Petra: Sind wir glücklicher, wenn wir dümmer und oberflächlicher sind? Oder wenn wir tatsächlich mehr Bewusstheit haben? Ich beobachte in der Spiritualität eine ewige Blase der Heilung, mit gehobenem Anspruch an sich selbst und an die Welt, wie sie sein sollte… während Menschen, die oberflächlich leben, tatsächlich noch an sehr einfachen Dingen Spaß und Freude empfinden können.

Das, was den Menschen auszeichnet, ist, dass er ein Bewusstsein hat und dass er zur Reflexion fähig ist. Darin liegt seine Stärke, die aber auch mit Schwächen verbunden ist. Der Mensch, animal rationale (Aristoteles: zoon logon echon) oder nach Kant animal rationabile, ist ein denkendes bzw. zur Vernunft befähigtes Tier. Der Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin bringt es auf den Punkt: “Der Mensch ist nicht mehr nur ein Seiendes, das weiß, sondern ein Seiendes, das weiß, daß es weiß.”[1] Er nimmt sich als ein Individuum wahr. Das denkt, handelt und fühlt. Ferner kann er sich in ein rechtes Verhältnis zu seiner Außenwelt setzen. Er hat eine Vorstellung vom Guten und kann sich davon motivieren und leiten lassen. Diese Stärken können sich jedoch in Schwächen wandeln, wenn er den Ansprüchen des Menschseins nicht gerecht wird.

Bewusstseinsarbeit gehört zum Menschsein dazu

Mensch sein bedeutet – bewusste – geistige Entwicklung und Entfaltung. Schöner ausgedrückt: Aufbruch zu höheren Bewusstsseinsphären. Obwohl dieses Höher eher einer Erweiterung entspricht, im Sinne eines ganzheitlichen All- oder Einheitsbewusstsein. Die Natur des Menschen als Geistwesen ist Bewusstwerdung. Und zwar die seiner MENSCHLICHKEIT. Der Mensch ist noch nicht, sondern er wird es erst. Der Mensch ist noch nicht erwachsen, so Teilhard. Der Mensch oder die Menschheit als Ganzes steckt (geistig) noch in den Kinderschuhen. Evolutionsbiologisch mag der Mensch seine Vollendung erreicht haben, seinen geistigen Höhepunkt jedoch noch nicht. Seine geistige Evolution steht noch aus bzw. ist noch im Werden. Sie vollzieht sich über den Prozess des bewussten Bewusstwerdens zu einem unbewussten Gewahrsein.

Bewusste Bewusstheit meint Achtsamkeit seiner Selbst und die seiner Umwelt. Die Achtsamkeit ist in der spirituellen Szene zu einem must have geworden, doch bedauerlicherweise ist sie in der realen Welt weniger angekommen als gedacht. Denn Achtsamkeit ist  nicht, wenn man (nur) seinen Guru oder Meister verehrt, im Ashram großherzig die Toiletten putzt und im Retreat gütig wohlwollend, erleuchtet lächelt. Achtsamkeit ist, wenn man zwischen seinem Guru und seinem Nächsten nicht unterscheidet. Und dana, die Großzügigkeit und die Praxis des Gebens, auch im alltäglichen Leben erfüllt und lebt. Die Kunst der Achtsamkeit liegt in dem Verstehen und in der Annahme, dass der Meister nicht über den Dingen steht. Sondern dass er mir in jedem Augenblick durch jeden Menschen, der mir begegnet, entgegenblickt.

Der Meister oder die Meisterschaft bezieht sich nicht auf eine äußerliche Person, sondern steht für eine innere Haltung, der ich folgen und die ich für mich verinnerlichen bzw. meistern möchte. Die Meisterschaft liegt nicht bei dem Meister, sondern ganz bei mir selbst. Ein wahrer spiritueller Meister weiß weder von einem Meister noch von einer Meisterschaft. Er ist frei von jeglicher Trennung und Spaltung.

Leben voller Widersprüche

Der moderne Mensch ist unbewusst bewusst. Er lebt ein Leben in Widersprüchen und Oberflächlichkeiten. Er führt ein selbstentfremdetes, innerlich verarmtes und zugleich ein selbstgefälliges, äußerliches Dasein in Saus und Braus. Sein Motto ist: Schneller, weiter, höher. Lieber mehr als weniger, und mir das Meiste. Mit dem Ziel, dass alles Spaß machen und mir zum Vergnügen gereichen muss. Und ist das nicht der Fall, dann braucht man einfach noch mehr. Mit dem Lebensprinzip Quantität statt Qualität, Hedonismus statt inneren Frieden und Eitelkeit statt Wahrheit haben wir das Gefühl und das Maß für die essentiellen Dinge im Leben verloren.

Wir trinken zu viel, wir essen zu viel oder zu wenig, wir schauen viel zu viel Fernsehen oder hängen stundenlang am Computer, wir machen Extremsport, wir konsumieren zu viel, sind ständig unterwegs oder können uns zu nichts aufraffen. Nach einer Botoxspritze muss noch ein Lifting hinterher, nach einem Tattoo folgt das nächste. Nach einer Reiki-Ausbildung kommt das Engelchanneling, danach noch sechs Wochen Heilfasten in Indien. Aus dem Fiat Panda wird ein Volvo, aus dem Volvo ein 3er BMW, aus dem BMW ein Porsche Cayenne usw.

Unser schnelllebiges, oberflächliches Leben wird von Eitelkeiten diktiert. Die Eitelkeit, zu gefallen und immer geliebt zu werden. Die Eitelkeit, mehr zu wissen als andere. Die Eitelkeit, besser und mehr sein zu wollen als der Rest der Welt. Die Eitelkeit, alles richtig zu machen und die Eitelkeit, anderen zu helfen. Und schlussendlich die Eitelkeit des Strebens nach dem ewigen Leben und nach dauerhaftem Glücklichsein. Unser Lifestyle ist Hedonismus pur. Maximales Vergnügen und größtmöglicher Gewinn bei einem Minimum an Aufwand. Der Hedonist mag schlau sein, aber er ist nicht weise. Er mag gut drauf sein, aber er ist nicht glücklich, er mag haben, aber er IST nicht. Und wer nicht IST, lebt unbewusst! Im Stadium des unbewussten Bewusstsein kann es keine Freiheit geben. Denn die Bezogenheit auf sich selbst und auf seine Wünsche macht nicht frei, sondern bedürftig und abhängig. Ein wollendes Ich bedarf immer eines gebenden Du.

Mit Bewusstsein aus der Trennung

Auf der bewussten Bewusstsseinebene werden wir uns der mentalen Trennung von Ich und Du – schmerzlich – bewusst. Der Preis der Bewusstwerdung ist die Vertreibung aus dem Paradies, der Einheit allen Seins. Wie anfangs schon erwähnt, birgt Bewusstsein auch Schwächen, da Bewusstsein immer Trennung bedeutet. Wir erfahren Bewusstsein immer als Bewusstsein von etwas. Dem Subjekt steht ein Objekt gegenüber. Auf der hedonistischen Bewusstseinsebene wird dieser Trennungsschmerz unterdrückt und wird durch Selbstsucht kompensiert. Die Beziehung ICH-DU geht hier immer vom Ich aus und kehrt immer wieder zum Ich zurück. Das Du ist dem Ich nur Mittel zum Zweck.

Im bewussten Bewusstsein öffnet das Ich sich in seiner Ich-Begrenztheit und das Ich wird zum dialogischen Du. Ich und Du stehen sich in Achtsamkeit partnerschaftlich gegenüber. Die Bedürfnisse des Du`s sind auch meine Bedürfnisse. Dieser achtsame Dialog geschieht jedoch nicht von selbst, sondern setzt den Weg der Selbsterkenntnis und Selbstaufgabe voraus, welches mit Mühen und Leid verbunden ist. Ob man diesen Weg trotz aller Schwierigkeiten und der damit verbundenen Einsamkeit gehen möchte oder nicht, hängt davon ab, was man in seinem Leben als lebens- und erstrebenswert empfindet. Wahrheit, innere Freiheit und Verbundenheit oder Selbsttäuschung, Abhängigkeit und Zerrissenheit?

Auf der letzten Stufe der Bewusstseinsevolution wird das bewusste Bewusstsein zu einer reinen Bewusstheit, dem reinen Gewahrsein, erhoben bzw. erweitert. Jede mentale Trennung von Ich und Du, von Subjekt und Objekt, ist nun in einer harmonischen Einheit aufgehoben. Aber nicht im symbiotischen Sinne, dass das eine das andere sich einverleibt, sondern im Sinne einer gegenseitigen Ergänzung und Erweiterung. Gerade weil ich auch ein DU bin, kann ICH sein. Das DU steht meinem Ich nicht mehr isoliert gegenüber, sondern ist Teil meines Ichs. Nun bin ich ein WIR, aber auch ein DU und ein ICH. Erst dieses ganzheitliche Erleben macht mich zum wahren Menschen. Menschlichkeit beginnt mit der Erkenntnis. Das Wahre ist das Ganze und nicht seine Teile. Nicht Entweder-oder sondern Sowohl-als-auch.


[1] Teilhard de Chardin 1974, Aufstieg zur Einheit 85, Olten und Freiburg.

Satsang Kolumne von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto von Elias Hassos | Titelfoto von RF._.studio von Pexels

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Das Neueste

Meditation in 15 Minuten: Frei in der Natur

Im Freien vertiefen wir unsere Verbindung zur Natur und zur eigenen Mitte. In 5 simplen Schritten zeigt...

Heilkraft der Natur: Kleine Kräuterkunde

Du wolltest dir schon immer einen eigenen Kräutergarten anlegen? Sehr gut, denn Petersilie, Minze und andere Kräuter...

Yoga gegen Stress und Depression

In schwierigen Lebensphasen kann Yoga eine besonders große Hilfe sein. Das hat auch Sandra erfahren, die durch...

Was bedeutet Ahimsa?

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv - Respekt für alle Lebewesen; Vermeidung von Verletzung und Gewalt - Ahimsa,...

Atemtechniken für Fokus und Klarheit

Yogalehrerin Nora Kersten zeigt dir, wie du mit Hilfe dieser Atemtechniken mit mehr Energie, Fokus und Klarheit...

Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel?

Brauche ich sie und wenn ja, welche? Worauf sollte man bei Kauf und Dosierung achten? Die wichtigsten...
- Werbung -

Pflichtlektüre

Yoga gegen Stress und Depression

In schwierigen Lebensphasen kann Yoga eine besonders...

Was bedeutet Ahimsa?

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv - Respekt...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallenEmpfohlen
Unsere Tipps