Die Suche nach dem Urvertrauen – Satsang Kolume

In der Satsang-Kolumne antwortet Philosophin Dr. MoonHee Fischer auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Stelle auch du MoonHee eine Frage! Schreibe uns dafür eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt. Wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist. Heute: Wie findet man den Zugang zum Urvertrauen?

Eberhard: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, was ist damit gemeint? 

Wir haben hier den Begriff des Selbst und den Begriff Gott. Beide Begriffe scheinen sich diametral entgegen zustehen; das Selbst als individuelle und endliche Seele und Gott als das Universelle und unendliche Alles-was-ist. Jedoch setzt sich das unendliche Große aus dem unendlich Kleinen zusammen. Es gibt nichts, was am Unendlichen nicht teilt hat. Würde das Unendliche nicht alles umfassen, wäre es nicht unendlich. Alle Teile des Unendlichen sind somit selbst unendlich. Damit kommt dem “Kleinen” und dem “Großen” nicht nur eine gegenseitige Verantwortung zu, sie teilen sich auch die gleichen Aufgaben. Denn das eine trägt das andere.

Akzeptieren wir diese Erkenntnis, dann liegt es an jedem Einzelnen von uns. Für uns selbst Sorge zu tragen und zwar bestmöglich wie wir können. Indem wir uns selbst helfen, fördern, erziehen, erfüllen wir unsere Verantwortung für das große Ganze. Das ist nichts anderes als Gott selbst. Und es ist Gott selbst, der in jedem von uns genau das bewirkt. – Das wir uns selbst helfen.

Helena: Im Unterschied zu vielen Freundinnen und Freunden, leide ich nicht ständig an Zukunftsängsten, auch wenn ich die, objektiv gesehen, wirklich haben müsste. Woher kommt dieses Urvertrauen?

Erich Fromm, Soziologe und Psychoanalytiker bezeichnet den modernen Menschen als notorisch unglücklich. In seinem Buch Haben und Sein schreibt er: “Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen. Einsam, von Ängsten gequält, deprimiert, destruktiv, abhängig. Jene Menschen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene Zeit totzuschlagen, die sie ständig einzusparen versuchen.” Für Fromm liegt das Problem in der kapitalistischen Komsumgesellschaft. Denn diese bringt den selbstentfremdeten und konformen Menschen hervor. Die weltweit steigende Zahl der psychisch erkrankten Menschen geben ihm recht. Laut WHO litten 2015 44,3 Mio. Menschen an Depression und 37,3 Mio. an Angstzuständen in den europäischen Regionen.

Depression und Angstzustände sind die neuen Volkskrankheiten der reichen bzw. der Wohlstandsländer und nicht wie man vermuten würde der armen Länder. Die zunehmende westliche Schnelllebigkeit, basierend auf einem materialistischen Weltbild, fördert einen tiefgreifenden Nihilismus. Dieser zeigt sich wiederum in Werteverfall, Langeweile, aber vor allem in der Unfähigkeit zu Reziprozität und Solidarität. In einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, wie Fromm es treffend beschreibt, wird alles zu einem Ding degradiert. Das Leben und sich selbst betrachtet man nur noch als ein Ding. Und da Dinge kein Selbst besitzen, wird der Mensch zu Automaten und Automaten lieben nicht.

Weiter führt Fromm aus: Der Ding-Mensch ist der Haben-Mensch, der sich nur noch über das bestimmt, was er hat und haben kann und nicht mehr was er sein könnte. Das Sein ist zu einem bloßen Haben mutiert. Das natürliche Bedürfnis des Menschen ist aber zu sein und nicht nicht zu sein. Hinter der Sinnlosigkeit des Nihilisten steckt die Furcht vor der Seinslosigkeit, ein leeres Da ohne Sein. Um dieser nihilistischen Seins- bzw. Sinnlosigkeit zu entfliehen, muss der Haben-Mensch haben, um zu sein. Denn wenn er nicht hat, ist er nicht. Das weckt das Verlangen, mehr zu haben oder – lieber noch – am meisten zu haben.

Deshalb ist das Verhältnis zwischen den Menschen der Existenzweisen des Habens durch Rivalität, Antagonismus und Furcht belastet. Das Haben schließt den anderen aus: Anstelle des dialogischen Selbst, des wahren Seins, rückt ein entfremdetes, sinnentleertes Ich – verkrüppelt und isoliert vom Rest der Welt. Der Haben-orientierte Mensch, der seine Identität im Haben von Dingen, Menschen, Ideologien und Macht findet, ist der äußerlich reiche Mensch und zugleich der innerlich ärmste.

Fehlendes Urvertrauen trotz Wohlstand

Der Wohlstandsmensch hat zwar, aber er ist nicht mehr. Der Verlust des Seins geht proportional mit einer innerlichen Vereinsamung und der Verarmung von sozialen Fähigkeiten einher. Die Unfähigkeit zu teilen, zu Gemeinschaft und zu Selbstreflexion sind tragische Ausläufer davon. Denn der Mensch als zoon politikon ist kein in und für sich abgeschlossenes Wesen, sondern ein Gemeinschaftswesen. Jedes zuwider Handeln der menschlichen Natur muss früher oder später zu psychischen Krankheiten führen. Depressionen und Ängste sind Zeichen eines nekrophilen Menschen. Nach Frommscher Termini ist die Nekrophilie im Gegensatz zur Biophilie, der Liebe zum Lebendigen, die Liebe zum Toten. Hier gilt Zerstörung um der Zerstörung willen, Konflikte werden mit Gewalt gelöst und alles Leben wird mechanisch gedeutet. Fromm antwortet auf Nietzsche, nicht Gott sei tot, sondern der Mensch.

Will der Mensch diesem Tod entrinnen, so muss das Leben – in Gänze – wieder bejaht werden. Ganzheit ist jedoch nur durch Offenheit und Verbundenheit möglich. Die Lösung bzw. Heilung liegt also in der Aufgabe eines falschen Selbstzentrismus, eines isolierten Ich. Und dem Finden des wahren Selbst, dem allverbundenen Wir, welches das Fundament eines Gott- oder Urvertrauens ist.

Hucky: Wer oder was spricht zu dir? Ich gehe jetzt erst mal nur von mir aus!

Das kommt auf die Frage an, die gestellt wird. Das heißt in welchen Bereich sie fällt und wie sie am besten beantwortet wird. Generell ist mein Ansatz ganzheitlich. Eine Mischung aus Hellsichtigkeit, Spiritualität und Philosophie. Auch spielt bei der Beantwortung der Frage der Fragesteller eine wichtige Rolle. Was ist die Intension der Frage? Welches Anliegen ist damit verknüpft und vor allem was ist der Fragesteller bereit zu hören. Die Antwort einer Frage kann heute eine andere sein als in 4 Monaten oder in 3 Jahren.

Die Antwort passt sich dem Fragesteller an. Das liegt daran, dass die Information, die du erhältst, aus deinem eigenen höheren Selbst kommt. Die Quelle “meiner” Information ist “das höhere Selbst“, welches mit “deinem höheren Selbst” in Verbindung tritt. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Ich rufe die Antworten nur ab und stelle sie dir zu Verfügung. Wer oder was spricht? Du – nur in einer fokussierten und reineren Form. Alle persönlichen Fragen werden auf dieser Ebene beantwortet. Je aufrichtiger die Frage, desto klarer die Antwort.

Satsang von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. “Denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto Elias Hassos | Titelfoto von Gantas Vaičiulėnas von Pexels

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