Superheldin

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Indem Sie Durga, die weibliche Urkraft des Universums, anrufen, können Sie Erstaunliches bewirken.


Vor fünf Jahren eröffnete Lynda im Zentrum einer großen Stadt an der Ostküste der USA ein Yogastudio. Lynda, die früher Alkoholikerin gewesen war, sah ihr Studio als einen Dienst an der Allgemeinheit, als einen Weg, junge Frauen zu erreichen, die sonst vielleicht auf Abwege geraten wären. Sie zahlte ihre Miete mit Hilfe von Spenden und mit den Honoraren, die sie von Privatkunden bekam. Dafür bot sie Gratis-Yogastunden für Schülerinnen an. Langsam füllten sich ihre Klassen, oft mit Mädchen, die nachmittags nach der Schule nicht wussten, wo sie sonst hingehen sollten. Es war eine große Herausforderung für Lynda, diese verletzlichen, verwundeten und skeptischen jungen Frauen zu unterrichten. Eines Abends, nach einem besonders harten Tag, träumte sie von einer wunderschönen Frau, die auf einem riesigen, brüllenden Löwen ritt. Als sie aufwachte, wurde ihr klar, dass dieses Bild sie an Durga erinnerte, die Kriegsgöttin der indischen Mythologie. An diesem Tag unterrichtete sie eine besonders unruhige Gruppe von Mädchen, und während der Kriegersequenz begann sie, ihnen von Durga zu erzählen. Die Mädchen waren fasziniert. Eine Schülerin bat Lynda, ein Bild von Durga aus dem Internet für sie herunterzuladen. „Ich möchte ein T-Shirt bedrucken lassen“, sagte sie. „Diese Frau ist meine Heldin.“ „Als sie das sagte“, erzählte mir Lynda, „wurde mir klar, dass das auch für mich galt. Das Bild von Durga taucht schon in meinen Träumen auf, solange ich zurückdenken kann. Sie ist das Bild, das ich in mir trage, wenn ich Probleme mit meinem Vermieter klären oder mich mit einer Schülerin auseinandersetzen muss, die die Klasse stört. Auf gewisse Weise ist das Bild von Durga ein Symbol der Kraft für mich geworden, die ich brauche, um mit der Yogaschule weiterzumachen.“ Wie Lynda identifizieren sich viele Yoginis mit Durga. Das Bild der Göttin, die auf dem Löwen reitet und in ihren acht Armen Waffen und Blumen hält, kann man als Inkarnation von Macht und Schutz betrachten, besonders für Frauen. Frauen, die Familie, Job und Yoga unter einen Hut bringen, die sich für die Umwelt einsetzen oder die in zerstörte Städte reisen, um beim Häuserbau für obdachlos gewordene Familien zu helfen, leben eine moderne Version der Durga-Legende. Eine Meditation an Durga kann Männern und Frauen gleichermaßen kriegerische Kraft verleihen und die Leidenschaft, sich für andere einzusetzen. Wenn ihr Bild Teil unserer inneren Welt wird, kann sie unsere radikalsten Sehnsüchte stärken und uns durch die heftigsten Konflikte leiten, die das Leben für uns bereithält. Durga verkörpert die innere Kraft, uns selbst zu verändern und Hindernisse zu überwinden– uns von Süchten, Illusionen und Ängsten zu lösen, die uns zurückhalten.

Göttliche Kraft
Vielleicht fragen sich moderne Yogis, warum sie überhaupt die Energie mythischer Gestalten in ihre Meditationspraxis einbinden sollten. Die kurze Antwort lautet: Diese archetypischen Energien sind Beschleuniger. Zu Gottheiten wie Durga, Hanuman, Shiva oder Lakshmi zu meditieren kann besondere Kräfte und Eigenschaften in uns wecken. Diese göttlichen Kräfte erreichen uns jenseits unseres begrenzten Egos und können uns helfen, Herausforderungen anzunehmen, unser Herz zu öffnen und über das Alltägliche hinauszusehen. Seit Jahrhunderten lehren die indischen und tibetischen tantrischen Traditionen Meditationen und Mantras, um die Energie der Gottheiten an Körper und Geist weiterzugeben. Göttinnen sind besonders stark, da sie Shakti verkörpern, die feinstoffliche weibliche Kraft, die der Welt Leben einhaucht und die als die Kraft hinter jedem spirituellen Wachstum gilt. Wenn wir also die Geschichten und Mantras dieser heiligen Figuren in unsere Praxis einbinden, können wir die Energien, die für Veränderungen nötig sind, buchstäblich in unser Leben einladen. Die Bilder dieser Göttinnen können als Schlüssel für eigenes inneres Potenzial dienen. Denn obwohl die Göttinnen mythische Figuren sind, sind sie nicht lediglich Erfindungen der menschlichen Fantasie. Die Göttinnen verkörpern echte Kräfte, die im Universum wirken. Ihre Form ist höchst subtil, deshalb sind sie normalerweise nicht wahrnehmbar. Durch die Geschichten, Meditationen und Mantras, die von ihnen erzählen, können wir lernen, ihre Gegenwart zu spüren. Je mehr wir uns mit ihnen verbinden, desto greifbarer werden ihre inneren Geschenke und Segnungen für uns. Genau wie wir Lakshmi als Shakti um Fülle bitten, ist Durga die Shakti, die uns Kraft, Schutz und Wandel schenken soll. Sie wurde von den Herrscherfamilien in Rajastan verehrt, die sich von ihr Hilfe im Kampf erhofften; doch Durga ist viel mehr als eine Kriegsgöttin. Sie ist auch die Kraft hinter dem geistigen Erwachen, der inneren Macht, die die spirituelle Kraft im menschlichen Körper in Form von Kundalini freisetzt. Und sie ist eine Beschützerin: wunderschön, königlich und mütterlich. Durga trägt einen Speer, eine Keule, einen Diskus, einen Bogen und ein Schwert – und dazu eine Muschel, die für den kreativen Klang steht, eine Lotusblüte als Symbol für Fruchtbarkeit und einen Rosenkranz als Sinnbild für das Gebet. In einer Variante des Mythos ist sie aus den vereinten Kräften der männlichen Götter hervorgegangen, die den Büffeldämon Mahisha bekämpfen wollten. Die vereinigten Götter, rasend vor Wut, weil sie machtlos gegen diesen Dämon waren, schleuderten ihren Ärger als Licht und Kraft von sich. Diese Energie verschmolz zu einer wunderschönen jungen Frau, deren Licht in alle Richtungen strahlte. Ihr Gesicht entstand aus dem Licht Shivas, ihr Haar kam von Yama, dem Totengott, und Vishnu, der Bewahrer, verlieh ihr Arme. Shiva gab ihr seinen Dreizack, Vishnu seinen Diskus und Vayu, der Gott des Windes, Pfeil und Bogen. Himalaja, der Gott der Berge, gab ihr einen Löwen als Reittier. Durga zieht in den Kampf gegen den Dämon, um die Welt zu retten, ausgestattet mit allen Kräften der männlichen Gottheiten. Seit jeher war Durga die Gottheit, an die sich Menschen in Schwierigkeiten wandten. In dem mittelalterlichen Liederzyklus „Devi Mahatmyam“ (Triumph der Göttin), der immer noch überall in Indien vorgetragen wird, verspricht sie, dass sie immer dann erscheinen wird, wenn wir sie brauchen, um unsere Welt zu beschützen. Sie lädt uns ein, uns in unserer Not an sie zu wenden und verspricht, Berge zu versetzen, um uns vor jeder Form des Bösen zu bewahren – auch vor dem Bösen, das wir selbst schaffen!

Die Geschichte der zwei Dämonen
Tatsächlich kämpft Durga in den Erzählungen nicht nur gegen äußere Bedrohungen – die Gegner stehen auch für innere hemmende Kräfte, denen wir auf unserer Reise zur Erleuchtung und Selbstverwirklichung begegnen. Wenn wir also ihre Geschichte lesen, sollten wir sie nicht als bloße Superhelden-Sage betrachten, sondern als Parabel über den Prozess innerer Arbeit. Stellen wir uns vor, dass sie uns zeigt, wie wir negative Energien wie Angst, Gier und Wut auflösen können, damit wir die Kraft und Schönheit, die in uns wohnt, zur Entfaltung bringen können. Unser innerer Kampf ist vielleicht nicht so dramatisch wie dieser. Aber führen müssen wir ihn trotzdem! Shumbha und Nishumbha sind geniale Dämonenbrüder mit magischen Superkräften. Sie haben viele Entbehrungen auf sich genommen, um die Gunst und Hilfe ihres kosmischen Großvaters Brahma zu verdienen. Dessen Gabe macht sie unbezwingbar durch Menschen und Götter – aber Brahma hat seinen Segen mit einem Schlupfloch formuliert: Er sagt nichts über Göttinnen. Die Dämonenbrüder sind bald die Herrscher des Universums. Sie vertreiben die Götter aus den himmlischen Gefilden und versklaven alle Erdenbürger. Die Götter sind gezwungen, sich in Höhlen zu verstecken und Rachepläne auszuhecken. Aber schließlich verrät ihnen ein Weiser, dass die Dämonen eine Schwäche haben: Auch wenn Shumbha und Nishumbha von keinem männlichen Wesen besiegt werden können, sind sie durch eine weibliche Kriegerin verwundbar. So reisen die Götter zu dem Berg, wo sich Durgas Versteck befindet, und bitten sie um Hilfe. Als sie sie mit Gebeten und Lobeshymnen rufen, erscheint Durga aus den Wolken, gekleidet in Gewänder, die ihre Farbe verändern und die Schönheit ihres Busens und Bauchs entblößen und wieder verbergen. Sie ist von einem erotischen Duft umgeben und reitet auf einem Löwen. Mit einer Stimme, die wie sanfter Donner in den Bergen hallt, erklärt sie sich bereit, einzugreifen und die Machtbalance wieder herzustellen. Kaum hat sie gesprochen, begibt sie sich in den Garten der Dämonenkönige. Blumen tropfen von ihren Fingern, aus ihrem Haar steigen Wolken und lösen sich wieder auf. Sie ist die Schönheit in Person, die personifizierte Verlockung, die Verzauberung selbst. Innerhalb weniger Augenblicke sind die Dämonenkönige ans Fenster gekommen, um sie anzusehen. Sie sind Kenner weiblicher Schönheit und natürlich wollen sie sie in ihren Harem aufnehmen. Aber als ein Palastdiener Durga den Vorschlag der Dämonen überbringt, lächelt sie. „Es gibt da nur eine Schwierigkeit“, erklärt sie. „Als ich ein Mädchen war, habe ich den albernen Eid abgelegt, dass ich nur einen Mann heiraten würde, der stark genug ist, mich im Kampf zu besiegen. Du weißt, wie Mädchen sind – voller Fantasie und romantischer Vorstellungen. Aber ein Eid ist ein Eid. Wenn deine Meister mich wirklich wollen, müssen sie gegen mich kämpfen.“ „Du bist entweder verrückt oder lebensmüde“, antwortet der Diener. „Noch niemand hat jemals meine Meister besiegt.“ „Trotzdem ist das meine Bedingung“, sagt Durga und wirft ihm einen so verführerischen Blick zu, dass der Diener in jedem Teil seines Körper spürt, wie seine Lust sich regt. „Und wenn deine Meister Angst vor einem Kampf haben, trete ich auch gern gegen ihre Armee an.“ Und das tut sie. In einem heftigen Kampf besiegt die Göttin ein Bataillon nach dem anderen. Weitere Göttinnen steigen aus ihrem Körper hervor, darunter die furchterregende Kali. Zusammen zerstören die Göttinnen die gesamte Armee der Dämonen, bis nur noch die Brüder übrig sind. Shumbha nähert sich Durga. „Du sagtest, dass du allein gegen meine Armee kämpfen würdest“, ruft Shumbha mit einer Stimme, die so laut ist, dass die umliegenden Berge zu Staub zerfallen. „Aber du hattest Helferinnen. Du hast versagt.“ „Nein“, donnert die Göttin so laut, dass der Himmel vor Donner hallt. „Diese Göttinnen sind Teile von mir.“ Die anderen Göttinnen verschmelzen wieder mit ihr, bis nur noch Durga übrig ist, die in fast blendendem Licht erstrahlt. Die achtarmige Silhouette der Göttin schwillt an, bis sie den Himmel ausfüllt. Sie schwingt ihr riesiges Schwert wie einen Stock in einer Hand und ihre Äxte, Keulen, Speere und Armbrust in den anderen. So fliegt sie durch die Luft und tötet die Dämonenkönige. „Ma“, haucht Shumbha mit seinem letzten Atemzug und dann erscheint ein Lächeln auf seinem Gesicht, als die Verzückung der Göttin sein Wesen erfüllt. In diesem Moment werden beide Dämonen verwandelt, lösen sich in Durgas Körper auf und verschwinden in ihrem Mysterium. Wenn das Ego sich auflöst, kehrt sogar die dämonischste Seele zurück nach Hause, ins Herz der Mutter. Durga kehrt in ihre Bergheimat zurück und verspricht, zurückzukommen, wenn ihre Hilfe gebraucht wird. Die Überwindung des Ego Diese Geschichte ist auf mehreren Ebenen lehrreich. Betrachtet man sie durch den Blickwinkel der Umwelt, ist es eine Geschichte über die unaufhaltsame Kraft der Natur. Aus anderer Perspektive verspricht sie uns, dass uns höhere Mächte beschützen, wenn wir sie um Hilfe bitten. Aber auf der esoterischen Ebene erzählt die Geschichte der Durga von der Überwindung des Ego. Der mächtige Kampf zwischen der Göttin und den Dämonen ist der innere Kampf, der stets beginnt, wenn wir uns an eine Praxis wagen, die uns wirklich verändert. Wie die Dämonenkönige hat unser Ego seine ganz eigenen Pläne, wenn wir mit einer spirituellen Praxis beginnen. Das Ego will Kontrolle – über die Umstände, über den Körper und über die Menschen um uns herum. Macht und Herrschaft sind die Antriebskräfte des Egos. Deshalb widersetzt es sich, anstatt sich höheren Mächten zu ergeben, seine Pläne zu ändern oder auf irgendeiner Ebene Kontrolle abzugeben. Shakti hat andere Pläne: Sie will uns von unserem egozentrischen Bewusstsein lösen und uns lehren, die grundlegende Einheit miteinander und mit dem Kosmos zu erkennen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie das Ego überwinden und letztendlich auflösen. Das Ego aber wird sich bis zum letzten Lebenshauch dagegen wehren. Die Dämonen verkörpern die primitiveren und unnachgiebigen Kräfte des Egos. Sie sind die Teile von uns, die unverfroren die Macht über andere anstreben. Der dämonische Teil des Selbst sieht alles und jeden, auch die höheren Mächte des Universums, als Werkzeuge, die den eigenen Absichten des Egos dienen. Die Götter repräsentieren, wie schon erwähnt, ebenfalls Aspekte unseres Selbst, aber sie stehen für das authentische Selbst, die einzigartigen Eigenschaften, die uns ausmachen. Die Devas verkörpern unsere Liebe, unsere Hingabe, unsere guten Absichten, die Vergebung und das Mitgefühl, das wir an den Tag legen, wenn wir mit unserem höheren Selbst verbunden sind. Durga kommt in unsere innere Welt, um diese höheren Eigenschaften zu stärken, entweder, damit wir Gutes in der Welt tun, oder damit wir auf dem spirituellen Pfad vorangehen. Als postmoderne Menschen nehmen wir in unserer Praxis normalerweise eine sanftere Haltung unserer dunklen Seite gegenüber ein. Die meisten von uns haben sich von autoritären Religionen mit ihren Lehren von der Sünde und der Notwendigkeit, die dunklen Mächte in uns selbst zu besiegen, schon lange verabschiedet. Wenn wir Übende auf einem Pfad sind, der die in uns wohnende Güte hervorhebt, ignorieren wir vielleicht lieber die negativen Eigenschaften unseres Selbst – nach dem Motto: Wenn wir unser Ego bekämpfen, stärken wir es bloß. Wenn wir psychodynamisch denken, wollen wir vielleicht unsere „dunklen“ Eigenschaften ans Licht bringen, damit wir die Kraft, die in Wut oder Stolz gebunden ist, integrieren können. Wenn wir einen nondualen Weg verfolgen, haben wir vielleicht den Eindruck, dass wir jeden Kampf aufgeben müssen, weil sowieso alles letztendlich eins ist. All diese Ansätze sind sinnvoll, einige auf der Ebene der Persönlichkeit, andere als Teil einer Praxis, die nach Erleuchtung strebt. Aber es gibt Momente, in denen wir unseren Narzissmus nur mit dem Schwert in seine Schranken weisen können – dem Schwert der Weisheit, das ein kompromissloser Krieger schwingt. Das ist die Rolle Durgas, wenn sie in der äußeren oder inneren Welt wirkt. In meinem Leben zeigt sich die Kriegsgöttin mit ihrem erhobenen Schwert, um mich daran zu erinnern, mein ehrgeiziges leistungsorientiertes Ego zu überwinden, damit sich die tiefer liegenden Kräfte in meinem Leben nach dem evolutionären Imperativ der Göttin entfalten können. Durga steht in meiner inneren Welt für die unaufhaltsame Energie des spirituellen Wachstums. Wenn ich mich dagegen wehre, erlebe ich häufig unerwartete Rückschläge. Sie zeigt ihre Macht durch eine Art kosmisches „Nein!“ gegen meine persönlichen Pläne – und manifestiert sich dann als das tiefere Erwachen, das folgt, wenn es mir gelingt, loszulassen. Über die Jahre habe ich diesen Kreislauf oft erlebt. Manchmal wuchsen die Illusionen des Egos an, türmten sich auf und dominierten meine Welt – bis sie, wie ein Fluss im Frühjahr, so stark anschwollen, dass sie sich ergießen mussten. An diesem Punkt hörte ich fast immer das Brüllen von Durgas Löwen in meinen Träumen. Vielleicht zeigt sich Durga, um mich aus einer Sackgasse zu führen. Vielleicht mache ich einen schrecklichen Fehler und sie erscheint, um mir zu helfen, mit den Folgen fertig zu werden. Ich habe mehr und mehr gelernt, mich in diesen Momenten ihrer Macht zu beugen, um mir den Schmerz zu ersparen, der aus dem Widerstand gegen die Pläne entsteht, die Shakti für mein inneres Wachstum hat. Wann immer Sie sich in einem solchen Moment gefangen fühlen – wenn Ihr persönlicher Wille von unüberwindbaren Hindernissen blockiert scheint – denken Sie daran, dass das ein Signal von Shakti sein könnte. Versuchen Sie, einige Minuten zu meditieren und sich selbst in die Gegenwart Durgas zu versetzen.

Die eigene ungebändigte Kraft entdecken
Eine der wirksamsten Übungen, um sich mit der Göttin zu verbinden, ist diese: Stellen Sie sich vor, dass Sie mit jeder Einatmung Durgas liebende, schützende und mächtige Energie einatmen und mit jeder Ausatmung ihre Energie in Ihren Körper fließen lassen. Wie so oft in der Yogapraxis ist der Atem die Brücke zwischen unserem physischen Selbst und den feinstofflichen Energien der unsichtbaren Welten. Wenn wir Durga heraufbeschwören, kann es sein, dass wir sie als erhöhte Energie wahrnehmen. Aber sich mit der Energie der Durga zu verbinden, kann genauso gut zu größerer Einsicht führen, zu einem Gefühl des Beschütztwerdens, das uns in schweren Zeiten beisteht, oder als strategischer Instinkt, der uns bei den Kämpfen hilft, die wir ausfechten müssen. Das kann auf so subtiler Ebene geschehen, dass wir erst im Nachhinein merken, dass die Göttin uns beigestanden hat. Und es kann auf überraschende Art passieren. Wenn Sie die Durga-Kraft in sich aktivieren und die Weisheit der Göttin heraufbeschwören, werden Sie wahrscheinlich entdecken, dass in Ihnen die Fähigkeit zu kämpferischer Herrschaft im positiven Sinne schlummert. Wenn wir mit unserer inneren Durga in Kontakt treten, werden wir automatisch Schutzzonen um uns und um andere Menschen in unserem Leben schaffen.

Sich für das Gute einsetzen
Eine Methode, ein Gefühl für die Durga-Shakti zu bekommen, ist diese: Erinnern Sie sich an einen Moment, an dem Sie aus tiefstem Inneren gespürt haben, dass etwas falsch war, dass sich etwas ändern musste. Wenn diese Erkenntnis von der Durga-Shakti herrührt, geht sie über reine Frustration oder koginitive Wahrnehmung eines sozialen Problems hinaus. Durgas verändernde Kräfte tragen eine Überzeugung, die tief aus dem Körper kommt und die oft mit einem dringenden Bedürfnis einhergeht, jetzt etwas zu verändern. Wenn dieses Bedürfnis stark genug ist, werden Taten folgen. Sie werden Ihren Körper und Ihre Worte einsetzen, um diese Situation zu verändern, egal, ob es sich um einen äußeren oder inneren Zustand handelt. Eine meine Durga-Freundinnen bemerkte, dass sich das Asthma ihres Sohnes immer dann verschlechterte, wenn die Felder in ihrer Umgebung aus dem Flugzeug mit Pestiziden besprüht wurden. Sie stellte eine Gruppe von Frauen auf die Beine, die sich gegen die Schädlingsbekämpfung engagierten, und nach einigen Jahren erreichte die Gruppe nicht nur, dass diese Methode in Los Angeles verboten wurde, sondern sogar, dass das betreffende Pestizid komplett vom Markt verschwand. Jetzt leitet sie neben ihrem Beruf als Psychotherapeutin eine Umweltgruppe. Dieselbe Kraft zielgerichteten Handelns können wir heraufbeschwören, wenn wir eine tief verwurzelte Gewohnheit oder Abhängigkeit verändern wollen, wenn wir uns Zeit für unsere spirituelle Praxis schaffen oder einer inneren Berufung folgen wollen. Die Durga Shakti kann uns die Kraft verleihen, uns mit den Teilen unseres Selbst auseinanderzusetzen, die unserer Entwicklung im Weg stehen. Aber sie kann uns auch zeigen, wie wir für uns selbst einstehen, wenn wir eine Gehaltserhöhung fordern, vor einer Herausforderung stehen oder eine schwerwiegende Verantwortung übernehmen – kurz gesagt, wenn wir uns für etwas einsetzen wollen. Je mehr wir die Energie der Durga in unser Leben einladen, desto mehr werden wir spüren, wie wir uns für unsere innere Kriegerin öffnen. Ihre Kräfte unterstützen unsere stärksten Hoffnungen und Erwartungen und sie verspricht, uns niemals im Stich zu lassen.

 

Die Autorin Sally Kempton ist eine international gefragte Lehrerin für Meditation, Yoga und Philosophie. Sie hat unter anderem das Buch „Meditation: Das Tor zum Herzen öffnen“ (Kailash 2012) geschrieben. Dieser Artikel ist eine Kurzfassung aus Sally Kemptons neuem Buch „Awakening Shakti: The Transformative Power of the Goddesses of Yoga“ (2013).