The Good, the Bad and the Ugly

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Yoga jenseits der Matte: Seane Corn über spirituellen Aktivismus

Warum uns strecken, wenn wir zugreifen können? Ihre charakteristische Verbindung aus physisch herausforderndem Vinyasa Flow Yoga und sozialem Engagement empfindet Seane Corn nur als logisch. In dem von ihr mitgegründeten Training „Off The Mat Into The World“ zeigt sie Yogis Möglichkeiten, ihrer körperlichen Praxis eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Konkrete Unterstützung für Projekte, die Wandel bewirken wollen: Im YJ Interview spricht die Yogalehrerin aus Los Angeles, die ihren Weg 1987 als Kellnerin in David Lifes New Yorker „Life Cafe“ begann, über Balance, Verbundenheit, Netzwerke und Selbsterforschung als Basis für sinnvollen Aktivismus.

Yoga Journal: Jeder Yogi weiß um den immensen persönlichen Gewinn, den diese Praxis bewirkt. Dabei kann der Impuls entstehen, diese Inspiration konkret einzusetzen und auf andere zu übertragen.

Seane Corn: Für mich persönlich gab es nie eine Trennung zwischen dem physisch heilenden Yoga, der Bedeutung für den Geist und Seva, Dienst am Göttlichen. Gerade in der modernen Welt liegt die Herausforderung nicht darin, die Realität zu transzendieren, sondern sie zu erkennen und sich mit ihr zu verbinden. Die Yogapraxis sensibilisiert uns für alle Arten von Ungerechtigkeit in der Welt. Dabei kann es passieren, dass man für eine bestimmte Sache zu brennen beginnt. Mit „Off The Mat Into The World“ (OTM) wollen wir Yogis ein paar Strategien an die Hand geben, diese Energie gezielt zu kanalisieren – sie ist zu wertvoll, um zu verpuffen.

YJ: „Von der Matte in die Welt“ – wie sah dieser Schritt bei dir aus?

SC: Wie alles war das ein Prozess, der sich allmählich entwickelt hat. Vor etwa zehn Jahren begann ich verstärkt darüber nachzudenken, wie man die Struktur der Yoga Community gezielt für soziale Projekte nutzen könnte. Unter den Yogis gibt es viele gebildete, gutverdienende und großzügige Menschen – ein ideales Umfeld für Spendenaktionen. Laut einer Umfrage des amerikanischen Yoga Journal ist beträgt das jährliche Durchschnittgehalt der US-Yogis 72.000 Dollar. Genau da wollte ich ansetzen.

Mein Fundraising verlief überraschend erfolgreich. So war ich bald in der Lage, unter anderem Obdachlosenheime und die Organisation YouthAids unterstützen zu können. Im Laufe der Arbeit merkte ich aber bald, dass ich der Burn-Out drohte und viel Enthusiasmus für Dinge verloren ging, die mich überforderten. Die Sache brauchte mehr Struktur. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits gemerkt, dass es mir Spaß machte, spirituellen Aktivismus zu vermitteln. Mit der unschätzbar großen Hilfe des „Engage Network“ der Umweltaktivistin Julia Butterfly Hill entwickelten wir OTM zu einer Trainingsorganisation for Yogis, die in ihrem direkten Umfeld eine karitative Führungsrolle übernehmen wollen – sei es beim Tier- und Umweltschutz, im sozialen Bereich oder in der Entwicklungshilfe.

YJ: Welche Aspekte des Yoga klingen hier speziell an?

SC: Über die Yogapraxis können wir die Verbindung zu allen anderen Lebewesen herstellen. Bereits diese Einsicht der Einheit ist radikal und macht uns zu Aktivisten, zu Vermittlern des Umbruchs. Hierdurch können wir vermeiden, dass wir die, denen wir helfen wollen, als Opfer zu sehen. Vielmehr können auf einer gemeinsamen Ebene Kontakt herstellen. Dabei ist persönliche Authentizität sehr wichtig, auch die Fähigkeit, mit den eigenen Schatten umgehen zu können – besonders in der Arbeit mit Jugendlichen, die einen unfehlbaren Radar für fehlende Authentizität haben. Um Klarheit vermitteln zu können gilt es, die eigene Stimme zu finden. Aktivismus ist ein Spiegel des Ego und kann durchaus heilende Wirkung haben. Es geht nicht um uns – es geht aber auch nicht NICHT um uns.

"Selbst-Bewusstsein, Selbst-Respekt und Selbstkontrolle sind der Schlüssel zu äußerer Aktivität."

YJ: Kann man Aktivismus wirklich „lernen“?

SC: In unserer Arbeit wollen wir das Rad nicht neu erfinden. Mit OTM wollen wir Resourcen bieten, die das unterstützen, was viele Yogis ohnehin schon auf den Weg gebracht haben. Mit Meditationsübungen begleiten wir die Selbsterforschung im Sinne von „Was bedeutet Engagment für mich?“ und geben Anregungen hinsichtlich Netzwerkbildung, Zusammenarbeit, Organisation und Strategie. Es geht darum, das Engagement nachhaltig zu gestalten und inneres Ausbrennen zu vermeiden. Mir selbst hat das Delegieren vieler Bereiche neuen Auftrieb gegeben und auch die Vision vergrößert. Eigentlich war es meine Rettung – sonst hätte ich mich irgendwann als Märtyrerin verstanden.

YJ: Worin bestehen die wichtigsten Stufen bei der Netzwerkbildung?

SC: Finde Menschen, die du magst, für die du einen Instinkt hast und mit denen du gut zusammen arbeitest. Finde Führungspersönlichkeiten für jeden Bereich, baue Selbstvertrauen auf, werde kreativ. Erweitere den Raum für Aktivitäten und Gruppen, die dich unterstützen. Entwerfe ein konkretes Projekt, wie wir es für unsere „Seva Challenges“ tun. 2008 gaben wir folgende Parole aus: Jedes Mitglied der Yoga Community, das 20.000 Dollar Spendengelder sammelt, kann mit uns nach Kambodscha reisen, um in Phnom Penh in Zusammenarbeit mit dem Cambodian Children’s Fund humanitäre Arbeit zu leisten.

YJ: Welche Qualitäten zeichnen in diesem Zusammenhang eine „Führungspersönlichkeit“ aus?

SC: Auf jeden Fall Organisationstalent und die Fähigkeit, Verantwortung abzugeben. Ich bin immer auf der Suche Menschen, die manche Bereiche besser umsetzen als ich es je könnte. Führungspersönlichkeit stellen für mich die richtigen Fragen an sich und andere, schöpfen kreativ aus vorhandenen Resourcen und sind emotional involviert – obwohl die Situationen, denen sie begegnen, roh, brutal und überwältigend sein können. Konfrontationen wie mit den Greueltaten der Roten Khmer in Kambodscha können das individuelle Yoga auf eine harte Probe stellen. Da ist es wichtig, sich in einem sicheren inneren und äußeren Rahmen zu bewegen.

YJ: Welche Rolle spielt im sozialen wie spirituellen Aktivismus das Ego? In manchen Formen des Aktivismus scheint es, als würden ihre Vertreter ihr Engagement vor allem zur Selbstheilung nutzen.

SC: Hier geht es um innere und äußere Balance. Als ich sehr jung war, war ich eine schlechte, vielleicht sogar nervende Aktivistin. Weil ich keine Methode hatte, um meinen Ärger zu verarbeiten, war ich ständig auf der Suche nach den „Bösen“, denen, die „unrecht“ hatten. Jugendlicher Aktivismus ist oft so strukturiert, trotzdem aber auch nicht wirklich „schlecht“, weil er sehr leidenschaftlich ist. Vorsicht aber vor Fanatismus. Im spirituellen Aktivismus gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ und vor allem keine Abgrenzung. Die Auffassung „Ich gegen den Rest der Welt“ ist die Wurzel vielen Übels. Man kann also direkt bei sich ansetzen: Inwiefern und von wem lebe ich abgekoppelt und wo kann ich mehr Mitgefühl einsetzen?

YJ: Aktivismus beginnt also bei der Selbsterforschung?

SC: Selbst-Bewusstsein, Selbstrespekt und Selbstkontrolle sind die Schlüssel zu äußerer Aktivität. Es ist um so vieles einfacher, andere in Ordnung zu bringen als sich selbst. Viele sind geradezu süchtig danach, gebraucht zu werden und für ihre „Selbstlosigkeit“ anerkannt zu werden. In der Konfrontation mit den Schwierigkeiten des Lebens gibt es viele Krisen und dadurch eine Palette dunkler Gefühle. Die Yogapraxis hilft, sich ihrer nicht zu schämen, sie nicht zu verurteilen und sie nicht zu verdrängen, sondern als Teil der menschlichen Erfahrung zu betrachten.

YJ: Wie könnte ein „effektiver“ Aktivist im Sinne des Yoga aussehen?

SC: Sinnvoller Aktivismus ist weder besonders dramatisch noch glamourös. Ein „guter“ Aktivist hört eher zu als dass er sich äußert. Er nimmt etwas so an, wie es ihm begegnet. Die komplexen Gefühle, die in Krisensituationen in ihm aufsteigen, kann er weiterziehen lassen. Die Motivation für das Engagement ist uneingeschränkte Liebe. Sein Verhalten trägt dazu bei, den Fluss für andere zu verändern. Und er ist offen für die Veränderung, die dieser Einsatz bei ihm selbst bewirken kann. Das bedeutet zwangsläufig Verletzlichkeit, durch die man viel lernen kann. Verabschieden sollte man sich von Perfektionismus und die Tatsache annehmen, dass man allein nicht alles leisten kann.

YJ: Welche Formen kann dieser authentische Aktivismus annehmen?

SC: Die Möglichkeiten sind unendlich. Sie beginnen bei der Yogapraxis und der Meditation. Auf keinen Fall müssen spektakulären Ausruck finden und radikale Lebensbrüche bedeuten. Eine der komplexesten und wirkungsvollsten aktivistischen Herausforderungen des Lebens besteht meiner Meinung nach in der Kindererziehung. Diese erstreckt sich eben nicht nur auf einen Monat humanitäre Arbeit in einem Entwickungsland. Als Familie zu leben ist Aktivismus pur. Eine bewusste Ernährung ist Aktivismus pur. Bedachter, informierter Konsum – alles radikale Aktionen.

seane_scorpionYJ: Diese Haltung kann sich auch in der Asanapraxis wiederspiegeln. Früher warst du für besonders forderndes Vinyasa Flow Yoga bekannt. Teilnehmer deiner frühen Klassen berichten von 16 Dhanurasanas (Bögen) hintereinander – 16!!!

SC: Es kommt noch besser. Manchmal fragte ich einen Schüler nach seinem Geburtstag und richtete die Zahl der Asana-Wiederholungen nach dem Datum. Zu dumm, wenn es der 31. März war…
Ich habe damals einfach das Spektakel über die Substanz gestellt. Vielleicht, weil ich zu unsicher war, einen Bogen in 16 Minuten interessant zu erklären – da waren mir 16 Bögen wichtiger. Heute unterrichte ich drei Dhanurasanas hintereinander…

YJ: Ein beliebter Workshop, den du unterrichtest, heißt „Detox Flow“. In welchem Zusammenhang stehen für dich die Entgiftung des Körpers und der spirituelle Aktivismus?

SC: Yoga ist physisch und mystisch. Über diesen Weg können wir das ganze Leben körperlich, mental und spirituell erfahren. Mit meiner Detox-Klasse kann ich ein Mainstream-Publikum erreichen, das sich vor allem für die körperlichen Vorteile des Yoga interessiert. Natürlich spielt das eine wichtige Rolle, aber die „Entgiftung“ der Gedanken ist ebenso effektiv. Wut, Trauer, Selbstzweifel und ungelöste Probleme setzen sich als Vibrationen in jede Zelle ab, und das ungeeignetste Mittel, sie ruhig zu stellen, sind Abhängigkeiten – sei es von Drogen, Genussmitteln oder sogar Sex. Aber es gibt nie genug Ersatz für die Leere. Abhängigkeit bedeutet Entfremdung, auch das ist Thema im „Detox Flow“. Diese Stunden sollen ein balanciertes Umfeld schaffen, um über die ultimative Verbindung von Körper und Geist sprechen zu können.

YJ: Seane, bist du ein richtig guter Mensch?

SC: Selbstverständlich! Aber ernsthaft: Für meine Arbeit werde ich oft mit Lob überschüttet. Sich davon nicht beeindrucken und manipulieren zu lassen, ist eine echte Herausforderung. Insgesamt bin ich einfach in der glücklichen Lage, mit der Unterstützung eines grandiosen Netzwerks meine Vision umsetzen zu können. Aber ich habe das niemals komplett selbstlos getan – denn ich bekomme mehr zurück, als ich jemals geben kann.

Interview: Christina Raftery

In ihrer über 20jährigen „Yogakarriere“ lernte Seane Corn unter anderem bei Sharon Gannon und David Life, Pattabhi Jois, Erich Schiffman, Bryan Kest und Patricia Walden. Sie ist „National Yoga Ambassador“ des Programms YouthAids und Mitorganisatorin der „Bare Witness Humanitarian Tours“. 2005 erhielt sie für ihr Engagement den „Conscious Humanitarian Award“. Mit Hala Khouri und Suzanne Sterling gründete sie 2007 die Organization „Off The Mat Into The World“ (www.offthematintotheworld.org), eine Trainingsinitiative für nachhaltigen Aktivismus. Sie lebt in Topanga/Kalifornien und unterrichtet weltweit.

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