Über den Aufstieg und Fall eines Gurus

133

Anusara zählt zu den beliebtesten Yogastilen der jüngeren Vergangenheit. Die Gemeinde um Anusara-Gründer John Friend wuchs in den letzten Jahren stetig. Kein Wunder, besticht Anusara doch durch eine so elegante wie lebensbejahende Philosophie und das Konzept der Kula, der Gemeinschaft der Anusara-Yogis. Aus der Bewegung gingen namhafte Lehrerinnen und Lehrer hervor, die heute durch die Welt touren wie Popstars. Nichts schien den Erfolg von John Friend und der Anusara-Kula aufhalten zu können. Nun stolpert der Guru über seinen eigenen Schatten. Ist das verwunderlich? Nein, nur menschlich.

Ich bin mit Anusara yogisch groß geworden. Schon in den ersten Klassen wusste ich: Das ist es. Es folgten spannende Stunden im Yogastudio und eine teure, so genannte Immersion, in der ich meine Praxis vertiefen durfte. Das Anusara-Handbuch wurde eine Zeit lang zu meiner Bibel. Auch wenn ich kaum mehr Klassen besuche, bin ich immer noch begeistert von den exakten Ausrichtungsprinzipien, dem durchdachten System, der lebensbejahenden Philosophie und am allermeisten von der herzbetonten Sprache. Auch wenn sie sich im Deutschen manchmal schwülstig anhört.

Natürlich will man irgendwann wissen, wer dieses System ausgeheckt hat. John Friend durfte ich dann eines Tages bei einem Workshop in Berlin erleben. Die Turnhalle war bis auf die letzte Yogamatte belegt – und in der ersten Reihe gab es die eine oder andere Dame, deren Verhalten an typische Groupies erinnerte. Während des Workshops erfreuten sie Friend mit zu lauten Zustimmungsbekundungen. Ich schämte mich ein wenig fremd, er schien daran gewöhnt. Seinen zweiten Workshop an diesem Nachmittag ließ ich ausfallen. Ich hatte genug gesehen, er war ein netter Typ – und ich war ihm dankbar, dass er dieses Yoga ins Leben gerufen hatte. Aber das Wetter war viel zu schön, um in einer stickigen Halle Yoga zu üben.

Nun sind in den vergangen Wochen zahlreiche Anschuldigungen gegen Friend erhoben worden, die in einschlägigen Blogs bereits ausführlich und zum Teil reißerisch diskutiert worden sind. Eine Freundin, selbst Ansuara-Lehrerin, hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Wir waren uns einig: Das Ganze ist nicht wirklich überraschend. John Friend ist einer, den die von ihm angezettelte Revolution – und Ansuara war für viele eine Revolution im Yoga – nun auffrisst. Ein weiterer Guru, der über seinen eigenen Schatten stolpert – obwohl er diesen Titel immer strikt ablehnte.

Dass die Anschuldigungen gegen ihn nicht völlig haltlos sind, das beweist der regelrechte Exodus vieler renommierter Anusara-Lehrer: Elena Brower, Noah Mazé, Amy Ippoliti und Sienna Shermann sind nur einige Zugpferde der Anusara-Community, die ihre Zertifizierungen zurückgegeben und öffentliche Statements verfasst haben. Diese lesen sich teils wolkig, teils unverblümt direkt. Anstelle bitterer Abrechnungen findet man hier jedoch häufiger ehrliche Darlegungen der Gründe, die die- oder denjenigen veranlassten, die Organisation und damit Friend zu verlassen. Der Tenor lautet: Der Verlust der persönlichen Integrität stand auf dem Spiel, wäre man weiter in der Organisation geblieben. Nun stellt sich die Frage: Wenn diese Dinge wahr sind, die über Friend behauptet werden – wie konnte er überhaupt so weit kommen? Im Grunde zeigen sie eine Seite der Menschlichkeit, die im Yoga – und gerade im amerikanischen Yoga – so stark unterdrückt wird, dass es schon fast peinlich wird. Gerade die Amerikaner neigen zur Vereinfachung hochkomplexer Themen wie innere Reife und das Überwinden von Hindernissen. Alles scheint immer nur Licht und Liebe zu sein. Die so oft gelobte Akzeptanz des eigenen Schattens gerät stellenweise zur Farce.

Yoga hilft dabei, sich ganz und gar anzunehmen. Doch das ist eine lange und beschwerliche Reise – die niemals enden wird. Der Umgang mit dem eigenen Schatten ist ein fester Bestandteil dieser Reise. Viele Lehrer und Schüler scheinen den Umgang mit dem eigenen Schatten jedoch zu verwechseln mit der Negierung des eigenen Schattens. Von welchem Lehrer hört man den wirklich einmal aufrichtig, dass er sich wie ein Idiot und Kleinbürger benehme?

Der sexuell abstinente Yogalehrer, die fast schon militant vegane Yogalehrerin, der ewig lächelnde Guru, die würdevoll alternde Meisterin – wir alle kennen so jemanden, und wir hoffen, dass sie uns in ihrer Haltung nicht enttäuschen werden. Tun sie es doch, so ist das Wehgeschrei groß, weil wir sie als Übermenschen und Stellvertreter für jene Arbeit gesehen haben, die wir am Ende selber leisten müssen.

Bei mir geht, wenn ich von solchen Lebenskonzepten lese, automatisch das Kopfkino los: Der angeblich abstinente Yogalehrer hat Sex mit seiner Assistentin im Kopierraum des Yogastudios; die angeblich vegane Yogalehrerin fährt nachts heimlich durch den Fastfood-Drive-Through, um sich einen Big Mac zu bestellen; der lächelnde Guru lässt sich von seinem Steuerberater Tipps geben, wie er sein Geld am besten am Fiskus vorbei nach Liechtenstein schleusen kann; die würdevolle -Meisterin piesackt das junge, knackige weibliche Personal, wo sie nur kann.

All das fände ich nicht überraschend, sondern einfach nur normal. Wer sich einem extremen Konzept verschreibt, dessen Zustand gleicht einem Dampfkochtopf, bei dem nie Druck abgelassen wird. Und der Druck, unter dem Yogalehrer stehen, ist enorm. Schließlich ist Yoga zum Geschäft geworden.

Würde ich schreiben, wir wären alle John Friend, dann liefe ich Gefahr, die Anschuldigungen gegen ihn als Kavaliersdelikte abzutun – was sie definitiv nicht sind. Es ist jedoch wichtig, sich auch an die eigene Nase zu fassen. Inwieweit lassen wir es jeden Tag zu, dass sich jemand in einer verantwortlichen Position hält, dessen Verhalten uns Unbehagen bereitet? Inwieweit profitieren wir von diesem Fehlverhalten – und sind wir bereit, der Wahrung unserer persönlichen Integrität wegen etwas aufzugeben, dass uns Freude bereitet oder gar ein Einkommen beschert?

Im Zweifelsfall entscheidet die Justiz. Aber bevor so etwas zu einem Rechtsfall wird, kann es schon länger einen Schwelbrand gegeben haben – dem wir eventuell tatenlos zugesehen haben. Häufig sind bei solchen Geschichten gebrochene Frauenherzen im Spiel. Solange Frauen sich weiterhin getrennt von sich fühlen, solange die Schwesternschaft nur ein Lippenbekenntnis ist, solange werden Frauen Kanonenfutter für hungernde Männeregos in der Yogaszene bleiben. Zum Glück treten im Augenblick Frauen in Erscheinung, die Yoga glaubwürdig und würdevoll repräsentieren, die keinem männlichen Guru hinterzurennen scheinen, sondern Männer lediglich als gleichberechtigte Partner in der Yoga-Arbeit sehen. Die Zeiten scheinen also vorbei, in denen Frauen für ihre eigene spirituelle Erhöhung auf Teufel komm raus einen männlichen Guru brauchen. Das ist nämlich der beste Schutz vor emotionalen Verletzungen und überhöhten Erwartungen an den eigenen Lehrer.


Über die Autorin: Diana Krebs lebt und arbeitet als freie Texterin in Berlin.
Fotocredits: Pexels.com