Über den Kopfstand und was er alles richtig stellen kann…

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Ich war ein sehr ängstliches Kind. Man konnte mich nicht alleine zum Brot kaufen schicken oder erwarten, dass mehr als ein kleiner Arm von mir unter dem Bett hervorlugte, wenn Fremde zu Besuch waren. Aber am allermeisten hatte ich Angst davor, „über Kopf zu sein“. Andere Kinder machten Purzelbäume, ich machte mir fast in die Hose. Andere Kinder produzierten einen Felgaufschwung nach dem anderen, ich produzierte Panikschweiß. Meine Mutter nahm mich mit zum Mama-Kind-Yoga und musste feststellen, dass ihre Tochter schon beim Opening Chant heimlich zur Tür robbte, sobald alle die Augen schlossen.

Schweiß und Panik
So war es dann auch keine große Überraschung, dass ich relativ nervös wurde, als 25 Jahre später in einer Yogastunde zum ersten Mal Kopfstand geübt wurde.
Ja genau, Shirshasana, die 180 Grad Umkehrhaltung: Durchblutet das Gehirn und regt die Nasen- und Augenfunktion an, macht wach, entlastet das Herz, beugt Krampfadern vor und wirkt angeblich sogar Falten reduzierend. Und nicht zuletzt ist auch der psychologische Effekt hervorzuheben: Im Kopfstand sehen wir die Welt verkehrt herum. Alles, woran wir glaubten, ist plötzlich ganz anders. Dies soll für größere Gelassenheit und spontane Erheiterung sorgen. Bei mir sorgte es natürlich – wir ahnen es schon – nur für das absolute Gegenteil: blanke Panik. Ich fürchtete mich immer noch davor, umzukippen und ins Nichts zu stürzen wie in einem bösen Traum, in dem man fällt und fällt und fällt… Horror!
Und so versteckte ich mich beharrlich im Delphin, der mir noch harmlos erscheinenden Vorübung, während meine Mutter sich daheim akkurat wie ein Zollstock aufklappt. Während sie die Beine zur Abwechslung anzieht und genüsslich wieder ausstreckt, drückte ich meinen schweißnassen Hintern an die Berliner Studiowand und hopse hilflos und mit hochroter Birne auf der Stelle. Meine Mutter kauft sich ein rundes kleines Plüschkissen, das sie in einem Tierladen gefunden hat und welches ihr perfekt für längere Aufenthalte down under erscheint – und ich, ich kaufte mir entschlossen ein Bahnticket nach Hause, um endlich Shirshasana von meiner persönlichen Meisterin der ruhigen Schädelplatte zu lernen.

Ein Hund in Festivalstimmung
Und dann hocken wir da, im elterlichen Wohnzimmer auf einer Schafwollmatte, während der Hund aufgeregt um uns herumturnt und auf jeden Fall mitmachen will bei dem, was auch immer wir da machen. Meine Mutter zeigt auf einen unbestimmten Fleck auf dem Fußboden. Da, da kommt der Kopf hin, auf die Erde. Die andere Hand hält sie mir entgegen. Und damit, mein Kind, stütze ich deinen Rücken, damit du nicht umfällst. Ich kann vor den Augen des immer enthusiastischer werdenden Hundes nicht kneifen und platziere mit dem ersten Taubheitsgefühl der aufsteigenden Dosis Adrenalin in den Nervenenden meinen Kopf auf dem Boden. Dann merke ich ihre Hand in meinem Rücken. Fühle, wie sie mich hält. Warm und stark. Und ich trau mich und kippe leicht zu ihr.. und etwas mehr… und plötzlich stehe ich tatsächlich kopfüber. Im Kopfstand! Herz über Kopf, noch mit angezogenen Beinen, aber da bin ich und es ist überhaupt nicht so, wie ich dachte. Es ist… irre, wahnwitzig, lustig! Übermütig will ich die Beine nach oben strecken, zapple dabei aus der sicheren Hand heraus – und falle. Instinktiv mache ich mich rund und rolle über meinen Rücken, meine Mutter und einen mittlerweile in reinster Festivalstimmung befindenden Hund. Wir liegen auf der Matte, kugeln durcheinander, einige von uns bellen sogar, und ich bin atemlos, stolz und baff in einem. Weil die Erde mich nicht in die Unendlichkeit hat fallen lassen. Sie hat mich getragen, wie sie es immer schon tat und immer tun wird, egal ob Fuß oder Kopf auf ihr steht. Selbst wenn man das Gleichgewicht verliert, fängt sie einen auf und lässt einen nicht in der ewigen Kälte des Weltalls davontrudeln.

Sich der eigenen Furcht aussetzen
Ich kann nicht behaupten, dass ich nach dieser Begebenheit schlagartig zum Shirshasana-Meister wurde. Tatsächlich brauche ich immer noch oft eine Hand im Rücken. Aber die Angst, die ist tatsächlich weg. Wie schreibt noch B.K.S Iyengar? „Die beste Weise, Furcht zu überwinden, ist, sich mit Gleichmut dem auszusetzen, was wir fürchten.“