(Wahn)Sinn in Indien

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Früher waren es die Hippies, heute sind es die Yogis: Sie malen eine rosa Aura um das chaotische, laute und arme Indien. Was soll denn romantisch sein an einem Land, bei dessen Besuch jeder „normale“ Yogi eigentlich durchdrehen müsste? YOGA JOURNAL-Autorin Diana Krebs macht sich auf die Suche nach Antworten und schubst uns dabei die rosarote Brille von der Nase…

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin noch nie in Indien gewesen. Als sich meine Freunde und Bekannten auf ihre Backpacker-Trips vorbereiteten, suchte ich mit meinem Finger auf der Karte Serbien, Bosnien-Herzegovina und den Kosovo. Außerdem war mir die Schweiz bis dahin immer noch ein Rätsel, oder sagen wir: die Schweizer. Und das, obwohl ich unmittelbar an der Schweizer Grenze aufgewuchs. Und an der Grenze zu Frankreich, direkt am Elsass.
Während meine Freunde also gen Indien aufbrachen, war ich noch dabei, Europa zu verstehen. Nicht nach Indien zu gehen, war eine bewusste Entscheidung. Ich hatte mich in Büchern mit diesem schwer fassbaren Land beschäftigt und war von Ben Kingsley als Gandhi fasziniert. Aber ich traute mich nicht wirklich an dieses Land heran. Wahrscheinlich befürchtete ich schon damals, dass eine Reise meinen Verstand in tausend Einzelstücke sprengen würde.
Nun praktiziere ich regelmäßig Yoga und liebe dieses System. Über Jahre hinweg hatte ich mich mit dem christlichen Glauben abgestrampelt. Yoga gibt mir die Freiheit, nicht mehr alles glauben zu müssen, was da einer sagt. Trotzdem bleibt mir der Gedanke, nach Indien zu fahren, fremd. Das Betrachten der Bilder, die man auf Facebook sieht, weckt eine bestimmte Sehnsucht. Es ist allerdings nur die Sehnsucht nach Licht, Sonne und Urlaub. Ich reagiere mit den selben „Will-auch“-Gefühlen bei Urlaubsbildern von Mallorca. Oder Kreta. Oder Irland.

Der Yogi dreht durch – und keiner merkt’s
Indien wird gerne als Liebling der jüngeren Demokratien bezeichnet. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als Wirtschaftsdemokratie. Diejenigen, die es im marktwirtschaftlichen Schnellboot zu etwas gebracht haben, sind wenige: In dem mit 1,2 Milliarden Menschen zweitbevölkerungsreichsten Staat dieser Erde leben 44 Prozent von weniger als einem Dollar pro Tag.
Westliche Yogis, die nach Indien fahren, sind meiner Meinung nach stark gefährdet, ihren Verstand zu verlieren. Als kleine Beigabe zum unvermeidlichen Durchfall. Der Anblick dessen, was der unerfahrene Yogi dort zu sehen bekommt – und ich spreche nicht von Goa – müsste ihn theoretisch in den Wahnsinn treiben. Doch es gibt meines Wissens nach kein Indien-Syndrom, also eine vorübergehende Wahrnehmungsstörung des spirituell Suchenden. Wahrscheinlich merkt es einfach keiner, wenn einer durchdreht. Das gehört in Indien vermutlich dazu.

Von Diana Krebs

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der März/April 2011- Ausgabe des YOGA JOURNAL.

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