Was ist die Existenz? – Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf deine dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.deHeute fragt Heishiro: Was ist die Existenz? Wozu existieren wir? Existieren wir wirklich oder bilden wir uns das nur ein?

Philosophisch betrachtet ist das Wesen der Existenz das Dasein. Oder wie Martin Heidegger es sagt: “Das Sein selbst, zu dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz.” Für Hegel ist Dasein In-der-Welt-Sein, in das wir nach Heidegger immer geworfen sind. Da wir ungefragt in die Welt kommen, ist unser Dasein unausweichlich. Damit verbunden ist das Sein zum Tode (Heidegger), denn alles Dasein endet mit dem Tod. Dazwischen liegt das Dasein oder die Existenz des Seins, das sich dem Leben mit alle seinen Fragen und Facetten stellen muss.

Alles ist verbunden

Existenz, Dasein, Sein, Leben und Tod sind korrelative Begriffe. In ihrer Ganzheit und Gemeinsamkeit, welche wir Wirklichkeit nennen, verweisen sie auf die Kontinuität, das Werden und Vergehen aller Entitäten hin – und dass alles mit allem verbunden ist! Kein Phänomen existiert für sich alleine. Alles, was ist, steht in Beziehung zueinander und erhält gerade dadurch sein Sein. Dies betrifft auch das Nicht-Sein. Das Nicht-Sein ist auf Grund des Seins. “Alles Sein hat seinen Anfang im Nicht-Sein, so wie alles Sein in einem Nicht-Sein endet. Dementsprechend braucht das Nicht-Sein das Sein, um Nicht-Sein sein zu können. Beide Seins-Zustände geben sich in ihrer Gegenseitigkeit erst ihre Bestimmung und ihren Zweck.”[1]

Im Tao te king heißt es: “Alle Dinge, in ihrer Bestimmtheit und mit ihrer ihnen zugehörigen Aufgabe, sind einseitig und nur durch die Gemeinschaft mit anderen sinnvoll.”[2] Die gegenseitige Abhängigkeit und Zugehörigkeit aller Phänomene wird im Yin-Yang-Symbol dargestellt. Nicht nur, dass das jeweilige Eine in dem Anderen enthalten ist, es findet auch eine ständige Verkehrung von dem jeweils einen Zustand in den anderen statt. Das scheinbar Konträre ist nicht reine Widersprüchlichkeit oder Gegensätzlichkeit. Es ist vielmehr das notwendige Ergänzende, die ne­gative Verkehrung zur positiven ganzen Wirklichkeit. Deshalb stellen Yin und Yang die zwei Grundprinzipien des Lebens dar, denn ohne Wandlung kein Sein.

Existenz ist gegenseitige Abhängigkeit

Existenz oder Dasein ist also Relation und Wandel und nur auf Grund eines Gesamtzusammenhanges verständlich und möglich. Nur indem es ein Ganzes bzw. eine Einheit gibt, kann es auch Vielheit geben, denn das Eine in seiner Ganzheit ist die Vielheit selbst. Wäre Einheit nicht Vielheit und Vielheit nicht Einheit, so gäbe es kein Sein. Ein absolutes Sein oder ein Sein an sich gibt es nicht. “Eine absolute Existenz wäre weder erkennbar, noch erfahrbar. Sie wäre vollkommen autark, frei von jeglichem Ent­stehen und Vergehen, von Ursachen und Wirkungen. Somit gäbe es aber auch keine Bewegung, keine Veränderungen und keine Relationen.”[1]

Pointiert gesagt: Es gäbe kein Leben oder keine Existenz, denn zur Existenz gehört Vergänglichkeit und Tod. Die Lehre vom Abhängigen Entstehen im Mahāyāna-Buddhismus besagt: “Da Dinge und Erscheinungen nicht zugleich Ursache und Wirkung ihrer Selbst sein können, exis­tieren sie nur in einem Abhängigen Entstehen.”[1]  Wie schon erläutert, ist Sein nur in Bezug zu anderem. “Auch mein Ich existiert nur in Bezug zu anderen Wesen. Nur indem uns ein Gegenüber erscheint, kann es auch ein Ichgeben.”[1]

Das große Ganze

Die Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist, eröffnet eine starke, epistemisch-psychologische Dimension, die sich in einer gelebten Ethik verinnerlicht zeigt. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Diese Frage kann nur aus einer übergeordneten, ganzheitlichen Sicht beantwortet werden. Die gegenseitige Verbundenheit und Durchdringung aller Phänomene verweist auf die Existenz eines größeren Ganzen hin, welches dadurch ist, dass es nicht ist – sondern wirkt. Um diese Aussage zu verstehen, müssen wir unsere Vorstellung von Realität neu überdenken. Realität und Wirklichkeit sind keine Synonyme, auch wenn sie irrtümlicherweise so verwendet werden. Die Wirklichkeit entspricht dem Ganzen, was ist. Die Realität, die Welt der Dinge (res. Ding), stellt aber nur Teile der Wirklichkeit dar.

Für das Individuum ist Realität real, aber sie ist nicht Wirklichkeit. Denn ihr fehlt die Einsicht der Einheit, der Ganzheit und der Universalität. Die Wirklichkeit ist im Gegensatz zur Realität a-materiell und a-dual. Man kann sie in ihrer Ganzheit weder er- noch begreifen. Denn ihr Wesen ist prozesshafte Potenzialität, ein Sowohl-als-Auch. Als lebendige und spontane Offenheit ist sie das Alles-Verbindende, oder als das Alles-Verbindende ist sie spontane und lebendige Offenheit. Das Universum ist relational: nichts existiert für sich alleine oder aus sich selbst heraus. Es gibt nur Verbindungen und Zusammenhänge. Durch die Trennung von Subjekt und Objekt wird die Wirklichkeit, das dynamische eine Ganze zur Realität verstümmelt.

Realität und Wirklichkeit ist nicht dasselbe!

Der Unterschied von Realität und Wirklichkeit eröffnet sich uns, wenn wir die Identifikation mit einem nicht existierenden Ich fallen lassen. Der Mensch ist keine in sich abgeschlossene Ich-Substanz, sondern allverbundenes Selbst. Die Wirklichkeit, das Ganze, kann nicht in isolierte Teile aufgeknüpft werden; denn ist Dieses nicht, dann ist auch Jenes nicht. Leben bzw. Er-leben ist das Vermögen zur optimalen Kohärenz, die nur im Kontext eines Ganzen mög­lich ist. Menschsein bedeutet, in Beziehung und Interaktion mit seiner Um- und Mitwelt zu treten. Ist ihm dies verwehrt, so kann man ihn kaum einen Menschen nennen.

Der Mensch mag animal rationale, ein Vernunfttier, sein, jedoch das, was ihn in seiner Menschlichkeit auszeichnet, ist, dass er homo relationale, ein Beziehungswesen ist. Die Wirklichkeit oder das, was existiert, ist keine feste und starre Substanz, sondern dynamische Wechselseitigkeit und liebender Dialog. Denn wirklich ist das, was WIRKT. Nach Martin Buber ist Wirklich­keit nur, wenn Wechselwirkung ist. “Die stärkste und tiefste Wirklichkeit ist, wo alles ins Wir­ken eingeht, […] das geeinte Ich und das schrankenlose Du.”[3] Dies gilt nicht nur für Lebewesen. Alles ist von einem Wirken durchdrungen, ob belebt oder scheinbar unbelebt. Ohne Wirklichkeit, die radikale Relativität oder totale Reziprozität ist, gäbe es nichts. Dann wäre nichts, wo vielmehr etwas ist.


[1] Moonhee Fischer Wir erleben mehr, als wir begreifen. Studien zur Bedeutung und Interpretation des mystischen Wegesder Leere und Fülle in fünf religiösen Traditionen 30, St. Ottilien 2020.

[2] Laotse Die Seidentexte von Mawangdui 30/31, Frankfurt 1995.

[3] Martin Buber Ich und Du 270, Ditzingen 1995.


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Titelfoto: Foto von Nicolas Postiglioni von Pexels

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