Was ist Liebe? Satsang Kolumne

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin Dr. phil. MoonHee K. Fischer. In unserer Satsang-Kolume beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen. Heute: “Was ist Liebe?”

„Das Größte ist die Liebe.

  1. Wenn ich mit den Zungen der Menschen und der Engel rede, doch Liebe nicht habe, bin ich ein tönendes Metall oder eine klingende Schelle.
  2. Und wenn ich Prophetengabe besitze und um alle Geschehnisse weiß und aller Erkenntnis, und wenn ich allen Glauben habe, dass ich Berge versetze, doch Liebe nicht habe, so bin ich nichts.
  3. Und wenn ich all meine Habe austeile (zur Speise für die Armen) und wenn ich meinen Leib hingebe zum Verbrennen, doch Liebe nicht habe, nützt es mir nichts.
  4. Die Liebe übt Nachsicht; in Güte handelt die Liebe. Sie eifert nicht; die Liebe macht sich nicht groß, sie bläht sich nicht auf.
  5. Sie benimmt sich nicht ungehörig; sie sucht nicht das Ihre; sie lässt sich nicht erbitten; sie rechnet das Böse nicht an.
  6. Sie hat nicht Freude am Unrecht, freut sich aber an der Wahrheit.
  7. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
  8. Die Liebe hört niemals auf. Ob Prophetengaben, sie gehen zu Ende; ob Reden in Zungen, sie werden aufhören; ob Erkenntnis, sie nimmt ein Ende.
  9. Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwert unser prophetisches Reden.
  10. Kommt aber die Vollendung, wird das Stückwerk abgetan werden.
  11. Als ich noch ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte ich wie ein Kind, überlegte wie ein Kind; da ich aber Mann geworden, legte ich die Arte des Kindes ab.
  12. Denn jetzt schauen wir durch einen Spiegel im unklaren Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich erkannt bin.
  13. Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; das Größte von ihnen ist die Liebe.“

(Das Hohelied der Liebe, 1. Korinther 13)

Im Leben des Menschen ist die Liebe das meist Ersehnte und zugleich das meist Gefürchtete. Wir ersehnen sie, weil wir lieben und geliebt werden wollen. Wir fürchten sie, weil wir glauben, ihrer nicht Wert zu sein und ihr niemals zu begegnen. Die Liebe ist allgegenwärtig und dennoch das größte Mysterium in unserem Universum. Wir alle begehren sie, aber kaum einer versteht sie bzw. hält ihr stand. Denn das Wesen der Liebe ist, zu lieben, und nicht (vordergründig) geliebt zu werden. Sie eifert nicht und sucht nicht das Ihre. Wahre Liebe ist aktiv und produktiv und nicht passiv. Sie ist Mitteilung und Hingabe. Sie lässt sich nicht erbitten, sondern sie schenkt sich aus freien Stücken.

Die Liebe ist eine Gabe, die uns zuteilt wird, wenn wir uns ihr ganz hingeben. Dies ist jedoch nur durch Vertrauen und Loslassen möglich. Wir wissen: Die Liebe ist freigiebig und sie behält nichts für sich. Dennoch sorgen wir uns stets, zu wenig zu bekommen. So sehr wie wir an die Liebe glauben wollen, so sehr zweifeln wir auch an ihr. Denn es scheint als würde sie uns verletzlich und hilflos machen. Aber es ist nicht die Liebe, die uns verletzt oder uns das Herz bricht. Es ist unsere Angst um uns selbst, die uns unserer Kraft und unseres Mutes beraubt, rückhaltlos und bedingungslos uns auf die Liebe einzulassen und uns der Welt ganz und gar auszuliefern und hinzugeben.

Liebe ist nicht exklusiv

Was ist Liebe? Die Liebe als einendes Prinzip bezieht sich auf die Welt als Ganzes. Sie ist inklusiv und nicht exklusiv. Sie ist universell und nicht teilbar. Ich stimme mit Erich Fromm, Psychoanalytiker und Soziologe, vollkommen darin überein. Indem ich sage: ” ‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt‘ “.[1] Es ist selbstredend, dass die Liebe zu allen und allem die Liebe zu sich selbst voraussetzt und einschließt. Denn wer sich selbst nicht liebt, liebt auch keinen anderen, wie umgekehrt, wer nur andere liebt, liebt gar nicht. Diese Aussage mag vielleicht weniger eingängig sein. Aber verstehen wir, was Liebe wirklich ist,

Liebe ist Stille, die aber kein Schweigen ist. Sie ist nicht stumm. Sondern sie spricht. Sie ruft uns (zu)! Dass wir aufwachen und erkennen: SelbstaufGabe gleich Selbstrealisation. Ich bin ICH, weil ich nicht ICH bin. Die Liebe wie das wahre Selbst sind selbstlos, so auch der wahrhaft Liebende. In der Selbstlosigkeit bzw. Ichlosigkeit wird das Ich genichtet und wird dadurch zum wahren selbstlosen Selbst. Der Zen-Buddhismus spricht vom Selbst als einem Doppelselbst.[2] “Das wahre Selbst ist immer ein Doppelselbst – gerade darin liegt seine Selbstlosigkeit.”[3] Im Gegensatz zum Selbst ist das ICH in sich gefangen und von seiner Umwelt isoliert und getrennt. Das Selbst in seiner Selbstvergessenheit oder Selbstlosigkeit ist Offenheit und Beziehung schlechthin.

In der zwischenmenschlichen Begegnung wird das absolute Nichts (das Nicht-Ich) aufgeschnitten, wodurch das nun geöffnete Selbst sich als das Zwischenentfaltet.[4] Wobei dieses Zwischen des ICH-DU der eigene Spielraum des Selbst ist.[5] Das ICH-DU oder das DU-ICH ist also die ganze Beziehung des Selbst und zeigt sich in seiner wahren Selbstheit des selbstlosen Selbst darin, dass es den anderen aus seiner Ich-Verschlossenheit befreit.[6] Die Liebe, die auf dem wahren Selbst basiert, ist Verbundenheit an sich. Sie ist von Ich und Du, weder das ICH noch das DU. Sie ist das UND! Sie ist das leere (unangehaftete) Dazwischen, welches Einheit schafft. Die Liebesmystik im Sufismus spricht von einer vollkommen gegenseitigen Durchdringungen und Auslöschung. – Das was bleibt und bleiben darf, ist allein die Liebe selbst. Und “wenn die Liebe schläft, so gehe hin und wecke Sie”. (Ahmad al-Ghazālīs)


[1] Erich Fromm, Die Kunst des Liebens 79, München 2014.

[2] Das Phänomen des Selbst als Doppelselbst wird im Zen-Gleichnis vom Ochs und seine Hirte wunderbar anschaulich dargelegt.

[3] Moonhee Fischer, Wir erleben mehr als wir begreifen. Studien zur Bedeutung und Interpretation des mystischen Weges der Leere und Fülle in fünf religiösen Traditionen 96, St. Ottilien 2020.

[4] Vgl. Shizuteru Ueda,  Wer oder Was bin ich? Zur Phänomenologie des Selbst im Zen-Buddhismus 18/19, Breisgau 2011.

[5] Vgl. Shizuteru Ueda , Phänomenologie des Selbst in der Perspektive des Zen-Buddhismus, in Philosophie der Struktur – „Fahrzeug“ der Zukunft? 26, Freiburg/München 1995.

[6] Vgl. Shizuteru Ueda,  Wer oder Was bin ich? Zur Phänomenologie des Selbst im Zen-Buddhismus 37, Breisgau 2011.


Satsang von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto: Elias Hassos | Foto von Elly Fairytale von Pexels

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