Was ist Tugend und warum brauchen wir sie?

Kann ein tugendhafter Mensch, im traditionellen Sinne materiell erfolgreich sein oder ist das ein Widerspruch in sich? In der Satsang-Kolumne geht Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf diese Frage ein.

Anna: Was ist die beste aller Tugenden?

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass so etwas wie die Tugend etwas zeitunabhängiges sei. Aber leider scheint auch die Tugend mit der Zeit zu gehen. In der heutigen, materialistisch ausgerichteten Gesellschaft versteht man unter Tugendhaftigkeit etwas anderes als vor 100 Jahren oder in der Antike.

Generell ist eine Tugend eine gute und vorbildliche bzw. löbliche Eigenschaft eines Menschen. Zu den klassischen Tugenden gehören zum Beispiel: Gerechtigkeit, Fleiß, Klugheit, Großzügigkeit, Tapferkeit, Weisheit, Nachgiebigkeit, Besonnenheit und Geduld. Die Tugend steht für Vorzüglichkeit oder wie in der griechischen Antike Areté für Best- oder Gutheit einer Sache. Der griechische Begriff der Areté bezog sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Dinge. Auch ein Pferd oder Messer konnte tugendhaft sein, wenn es seine Funktion, als das, was es war, bestmöglich erfüllte. Ein Messer besaß insofern Tugend, wenn es einwandfrei schnitt. Ein Pferd war tugendhaft, wenn es gesund war und gut lief.

Höchste Ziel des Menschsein: Glückseligkeit

Dieses Prinzip galt ebenso für den Menschen. Ein Mensch war tugendhaft, wenn er das höchste Ziel des Menschsein im Form der Glückseligkeit (Eudaimonia) verwirklichte. In der griechischen Antike war ein glückliches Leben ein geglücktes Leben, das man nur durch einen ethischen Lebenswandel, genauer gesagt durch Selbstgenügsamkeit, erreichte. Das geglückte Leben war nicht unbedingt ein vergnügliches Leben, in dem man tun und lassen konnte, was man wollte, vielmehr musste es sinnvoll sein – für sich selbst und zugleich für die Gemeinschaft.

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Heute kennen wir drei große Ethiklehren: Die aristotelische Tugendethik, die deontologische – oder Pflichtethik nach Immanuel Kant – und den Utilitarismus, begründet von Jeremy Bentham. Die letztere, die in unserer hedonistischen und zweckorientieren Gesellschaft vorherrscht, wenn auch unbewusst, ist eine Nutzen- oder Maximierungsethik: Die Zahl des größtmöglichen Nutzens oder Glücks entscheidet, was moralisch richtig oder falsch ist. Das kollektive Wohl ist dem individuellen übergeordnet. Das Wohlergehen oder das Leben von 100 Menschen zählen also mehr als das von 9 oder 81. Hier ist es moralisch vollkommen korrekt ein vollbesetztes Flugzeug mit einer Sprengladung über einem Meer oder einer Kleinstadt abzuschießen, um die Explosion in einer Großstadt zu verhindern. Diese Haltung mag vielleicht noch nachvollziehbar sein, aber ist Massentierhaltung zur Befriedigung menschlicher Gelüste gerechtfertigt? Oder die Vertreibung der Kleinbauern in Schwellenländern, damit große Weltkonzerne Soja für Biosprit anbauen und exportieren können? Ist das Glück der Minderheiten weniger Wert?

Dagegen sind in der kantischen Pflichtethik gewisse Handlungen in sich – intrinsisch – gut oder schlecht, unabhängig von den Folgen oder den Konsequenzen. Zum Beispiel ist Töten oder Lügen an sich schlecht, ungeachtet davon, dass eine Lüge vielleicht Leben retten könnte. So wäre das Foltern eines Terroristen, um ein Attentat zu vermeiden, moralisch unzulässig.

Tugend und Moral sind dehnbare Begriffe

Wir sehen Tugend und Moral sind dehnbare Begriffe und unterschiedlich auslegungsfähig. In einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft sind Ehrlichkeit, Fleiß oder Bescheidenheit keine notwendigen Tugenden mehr. Das Leben ist heute geglückt, ob sinnvoll oder nicht, wenn wir materiell erfolgreich oder wenn wir bekannt sind. Die wichtigsten Tugenden hierfür sind Macht, Selbstvermarktung und Effizienz. Im Vergleich dazu zählen in einer Gemeinschaft von Yogis oder Changemakern Tugenden wie Achtsamkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl und Nachhaltigkeit.

Was ist also die beste aller Tugenden? Kann ein tugendhafter Mensch, im traditionellen Sinne materiell erfolgreich sein oder ist das ein Widerspruch in sich?

Eine gute Antwort darauf finden wir bei Aristoteles in seiner Tugendethik, die eine Ethik der Mitte ist. Die aristotelische Mesoteslehre, die Lehre von der Mitte, weist einen Weg zu einem tugendhaften Leben bzw. zum Glück – ohne in Extreme zu verfallen. Auch bei Siddharta Gautama, Begründer des Buddhismus, führt der Mittlere Weg über die Sittlichkeit zur Glückseligkeit. In beiden Lehren wird die Tugendhaftigkeit durch das rechte Maß und das Treffen der Mitte verwirklicht. Extreme stellen demnach Laster dar und müssen vermieden werden. Nach Aristoteles ist die Tugend eine Mitte zwischen zwei Lastern und zwar von einem Übermaß und von einem Mangel. Da es nur eine Mitte gibt, gibt es auch nur eine richtige Weise zu handeln, aber viele Arten von Verfehlungen. Die tugendhafte Mitte ist keine arithmetische Mitte (10: 2 = 5), sondern eine, die individuell gefunden werden muss. Denn jeder braucht ein anderes Mehr oder Weniger, um die richtige Mitte zu finden. Aristoteles bringt hierfür ein Beispiel von einem geübten Sportler, der mehr Nahrung bedürfe als ein Anfänger. Was für den Einen das richtige Maß ist, kann für den Anderen ein falsches sein. Im Falle des Anfängers wäre das gleiche Maß Völlerei oder Gier.

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Mäßigkeit ist eine Tugend

Da die Mäßigung nicht gerade zu den Stärken des Menschen gehört, ist das Treffen der Mitte und damit verbunden ein tugendhaftes Leben überaus schwierig. Die Mäßigkeit ist eine Tugend, also ein Mittleres. Das Übermaß ist die Unmäßigkeit und der Mangel an Lust ist die Gefühllosigkeit. Die Mitte von Furcht und Mut ist zum Beispiel die Tapferkeit. Jemand, der in einer Gefahrensituation wegläuft, ist feige, aber jemand der sich unüberlegt der Gefahr ausliefert, ist tollkühn. Ein tapferer Mensch wäre der, der sich trotz seiner Furcht der Gefahr stellt, aber sie nicht sucht. Des Weiteren ist die Mitte von Geben und Nehmen die Freigebigkeit, das Übermaß Verschwendung und der Mangel Geiz. Stolz ist die Mitte in Bezug auf Ehre und Ehrlosigkeit, das Übermaß Eitelkeit, der Mangel Kleinmütigkeit. Die Freundlichkeit ist ebenso eine Mitte. Ihr Übermaß ist die Beliebtheitssucht und wer die Mitte verfehlt, weil die Freundlichkeit nur auf Nutzen beruht, den nennt man einen Schmeichler. Wer aber in jeder Situation unangenehm ist, der ist ein Streitsüchtiger oder ein mürrischer Mensch.

Das richtige Maß

Wir sehen, das Finden der rechten Mitte ist eine schwierige Aufgabe. Wird das richtige Maß nicht getroffen, wird die Tugend verfehlt. Der Weg der Mitte setzt Besonnenheit, Disziplin und Übung voraus. Denn der Mensch wird gut, indem er sich darin übt und das Richtige praktiziert. Der gute oder tugendhafte Mensch wird an seinen Taten erkannt und nicht an seinem Wissen. Wir alle kennen aus eigener Erfahrung das Phänomen, dass wir zwar viel wissen, jedoch wenig(er) umsetzen. Das liegt vor allem daran, dass wir die Wichtigkeit der Tugend für unser menschliches Dasein nicht verstanden haben. Tugendhaft zu sein bedeutet nicht Opfer zu bringen, sondern Bereicherung und Selbstverwirklichung. Der Mittlere Weg führt über die Selbstdisziplin zur wahren Selbsterkenntnis und stellt somit den Weg zur Leidbefreiung dar – die Freiheit von Affekten und Trieben.

Ohne Tugend keine Selbsterkenntnis und somit auch keine Selbstliebe. Selbstliebe zeigt sich nach Aristoteles darin, dass man mit sich selbst Freund ist. Und nur wer mit sich selbst in Freundschaft lebt, kann auch Freund von anderen sein. Das ist der Grund, warum sittliches oder ethisches Verhalten in allen spirituellen Lehren ein Muss für ein glückliches Leben ist. Ein geglücktes Leben wird nicht primär um seiner selbst willen angestrebt, sondern wegen der Liebe zu und der Einheit mit allen Wesen. Ein tugendhaftes Leben ist ein Leben in achtsamer Bewusstheit. Bewusstes oder achtsames Leben fängt beim Ich an und geht über das Selbst(erkennen) zum Wir.

Tugend muss Freude machen

Wahre Tugend und Selbsterkenntnis kann sich jedoch nur einstellen, wenn man Freude an ihr hat. Für Aristoteles ist der Tugendhafte nur dann wahrhaft tugendhaft, wenn er aufrichtige Freude an dem hat, was er sollte, und bedauern darüber empfindet, was er nicht sollte. Jemand der gut ist, weil er muss, aber es eigentlich nicht möchte, ist nicht wahrhaft gut. Derjenige aber, der das Gute liebt und tut, hat alle Tugenden. Aristoteles weist in seiner Tugendethik auf eine sehr interessante Tatsache hin – der Einheit der Tugenden. Besitzt man Klugheit, so ist man auch tapfer, großzügig, bescheiden, dankbar etc. wie auch umgekehrt. Ist man tapfer, so ist man auch klug, ehrlich, großzügig und so weiter. Alle Tugenden sind im Grunde eine Tugend. Hat man eine Tugend, so hat man alle; hat man aber eine nicht, so hat man keine. Man kann sagen: Eine Tugend kommt selten alleine. Klugheit ohne Ehrlichkeit oder Großzügigkeit ist nicht viel Wert. Der Tugendhafte ist Meister seiner selbst und so handelt er in allen Situationen besonnen bzw. richtig. Vernunft und Gefühle bilden eine Einheit. Der gute oder tugendhafte Mensch ist mit sich selbst eins. Einssein mit sich selbst bedeutet Frieden mit der Welt. Das Gute oder das Richtige muss eigentlich nicht getan werden, denn alles Gute kommt aus dem Guten und ist immer schon gegeben. Die Tugend offenbart sich, indem man das Falsche sein lässt. Auch, wenn das nicht immer leicht sein mag, der Weg der Mitte macht es möglich.

´O wie glücklich leben wir, haßlos unter Gehässigen!-
O wie glücklich leben wir, gierlos unter den Gierigen.
O wie glücklich leben wir, die wir gar nichts besitzen, nichts!
Von Heiterkeit durchsättigt, wie lichte Götter strahlen wir.´
(Dhammapada, 197-200)“1

1 Lama Anagarika Govinda Die Dynamik des Geistes 76., Bern, München, Wien 1992.

Du willst auch eine Frage an Moonhee stellen? Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.de.


Satsang

Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto von Elias Hassos / Titelfoto: Peng Luis via Pexels

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