Was steckt hinter Angst? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Philosophin Dr. MoonHee Fischer auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Stelle auch du MoonHee eine Frage! Schreibe uns dafür eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt. Wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist. Heute von Rosa: Was für ein Gefühl steckt hinter Angst?

Es gibt zwei Arten von Gefühlen, die allen Menschen, unabhängig von Ethnie, Kultur und Normen, gemeinsam sind: Die Freude und die Angst. Beide Gefühle schließen sich aus. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Freude und Angst werden weltweit sprachübergreifend verstanden und erkannt. Sie gehören zu den essentiellen Gefühlen, die die Welt verbinden oder spalten. Die Freude ist im Gegensatz zur Angst Verbundenheit, Weite und Offenheit und geht mit Vertrauen und Glauben einher. Hingegen ist Angst Trennung, Enge und Verschlossenheit, welche Misstrauen und Selbstzweifel nach sich zieht.

So wie die Freude uns für den Anderen, die Welt, öffnet, da sie eine Kraft ist, die nach außen ausstrahlt und sich vervielfältigt, so verschließt die Angst uns. Vor unserer Umwelt, aber auch vor uns selbst. Sie beraubt uns unserer Vitalität, unseres Mutes und unserer Eigenständigkeit. Sie macht uns zum Gefangenen einer in sich abgekapselten und einsamen innerlichen Welt. Denn sie gibt nicht, in dem Sinne, dass sie sich mitteilt, sondern sie nimmt und reduziert. In der Freude fühlen wir uns sicher und geborgen, in der Angst hilflos und ausgeliefert:

Was steckt hinter Angst?

Wir fühlen uns nackt und unseres Seins bemächtigt. Wir alle kennen das erdrückende und einengende Gefühl der Angst. Ganz gleich, wie die Angst sich auch zeigen mag. Ob als Verlustangst, Angst vor Versagen, die Angst nicht anerkannt und geliebt zu werden, die Angst um körperliche Unversehrtheit etc. Es wird jede Angst von der Angst des Kontrollverlustes dominiert. Die größte Angst des Menschen ist, nicht geliebt zu werden, die mit der Angst, ganz alleine zu sein, und mit der Angst, keine Kontrolle zu haben unmittelbar zusammen hängt. Alles Nicht-Greifbare oder Nicht-Erfassbare versetzt den Menschen in Angst und Schrecken. Daher bekämpft oder lehnt der Mensch alles ihm Fremde ab. Hier liegt der Nährboden für Krieg, Gewalt und Hass.

In der Psychologie wird zwischen Furcht und Angst unterschieden. Dort wird die Meinung vertreten, dass die Furcht auf etwas Konkretes gerichtet ist und die Angst unbestimmt bleibt. Wir alle kennen den Ausdruck: die Angst vor der Angst. Das Unbestimmte bestimmt das Unbestimmte. Die Angst selbst ist also nicht wirklich real. Sie ist eine Art emotionale Fata Morgana, ein Konstrukt unseres denkenden Verstandes. Entgegen der gängigen Meinung ist es sinnvoll zwischen Emotionen und Gefühlen zu unterscheiden. Emotionen sind kopfgesteuerte Zustände, die von einem bewertenden und vergleichenden Verstand gebildet werden. Ich bin schön – ich bin hässlich. ich bin klug – ich bin dumm. ich bin glücklich– ich bin unglücklich. Ich bin es wert geliebt zu werden – Ich bin es nicht wert geliebt zu werden.

Ursprung: Kopf

Wahre, aufrichtige Gefühle haben jedoch ihren Sitz im Herzen, das eint und nicht trennt. Unberührt von Veränderungen im Außen sind sie überzeitlich und universell. Dagegen sind Emotionen Launen eines unruhigen, sich immer verändernden Verstandes und somit der Ursprung von Leid und Ängsten. Je mehr Ängste wir haben, desto mehr leben wir im Kopf. Der Unterschied zwischen einem emotionalen Menschen und einem Gefühlsmenschen ist das Gewahrsein des Herzens. Das Herz kennt weder Negatives noch Gegensätze oder Widersprüchliches. Wahre Gefühle sind immer rein positiv. Das Herz ist immer FÜR und kann aus diesem Grund auch niemals brechen. Das, was bricht, unglücklich oder verzweifelt ist, ist das vom Verstand geschaffene Ego.

Der moderne Mensch zeichnet sich durch eine hohe Emotionalität und Empfindlichkeit aus (siehe Frage über die Hochsensibilität). Er lebt hauptsächlich im Kopf und weniger im Herzen. Er klammert sich an Fakten und greifbare Dinge. Werden diese ihm entzogen, so fühlt er sich unsicher und im schlimmsten Fall hört er, aus einem falschen Selbstschutz, auf (wahrhaftig) zu fühlen. Scheitert nun der Versuch, den Mangel an echten und tiefen Gefühlen durch Projektionen zu kompensieren, so tritt eine existenzielle, beängstigende Leere ein.

Diese Leere wird als Bedrohung alles Greifbaren und Kontrollierbaren empfunden. Die Angst, nicht mehr Herr der Dinge zu sein, ist die diffuse Angst vor der Angst. Angst gleich Kontrollverlust gleich Verlust. Das Einzige, was der nicht greifbaren Angst entgegen wirken kann, ist die freiwillige Abgabe von Kontrolle und die konkrete Annahme der Leere von Verlust. Jedes dagegen Ankämpfen verschlimmert die Misere. Nur im Loslassen (von Kontrolle) erfahren wir die Freiheit von Angst. Je mehr wir loslassen können, desto angstfreier leben wir und umso mehr können wir von einem falschen Selbstschutz ablassen und wieder anfangen, richtig zu fühlen.

Angst vs. Freiheit und Liebe

Da Angst und Freiheit sich gegenseitig ausschließen, bedeutet Angst immer Zwang. Niemand ist in seinen Ängsten frei. In unseren Zwängen sehen wir nur uns selbst und unsere eigenen Probleme und Nöte. Wir sind blind für das objektiv Richtige und für die Bedürfnisse der anderen. Da der Mensch seiner Natur nach aber ein
Gemeinschaftswesen ist, verliert er dadurch an Menschlichkeit, welches ein unmenschliches Verhalten nach sich zieht. Unmenschlichkeit zeigt sich nicht erst in Gräueltaten, sie fängt im Kleinen durch Selbstbezogenheit an. Unglücklicherweise kann dort, wo Egoismus herrscht, keine Liebe sein –nicht nur für andere, auch für sich selbst nicht. Das gleiche gilt für die Angst.

Dort, wo Angst ist, kann es keine Liebe geben. Und da, wo Liebe ist, gibt es keine Angst – denn Kontrolle ist immer Abwesenheit von Liebe! Liebe ist nur in und durch Freiheit möglich und niemals durch Zwang. Wahre Liebe schenkt sich und begrenzt nicht. Die Tragik des Menschen ist, dass seine größte Angst ist, der Liebe nicht wert zu sein und zugleich fürchtet er sie. Denn die Liebe gewinnt man nicht durch einen kontrollierbaren Verstand und greifbare Tatsachen, sondern allein durch ein losgelöstes und mutiges Herz. Zur Liebe gehört außerdem Mut. Sie ist ein Abenteuer, welches weder berechnet noch gesteuert werden kann. Zudem tut Liebe nicht – sie ist.

Satsang von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. “Denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto Elias Hassos | Titelfoto von Nandhu Kumar von Pexels

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