Wie kann ich endlich ich selbst sein? Satsang Kolumne

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In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.deHeute fragt Anna, wie sie endlich der Mensch wird, der sie eigentlich ist.

Anna: Ich hatte so lange das Gefühl, bestimmte Erwartungen anderer Menschen erfüllen zu müssen, dass ich mich komplett selbst verloren habe. Ich wollte immer, dass mich alle mögen, und versuchte deshalb immer so zu handeln und zu reden, wie ich dachte, dass es mein Gegenüber jetzt von mir erwarten würde. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass mein ganzes Leben eine Lüge war und ist. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Und ich denke nicht, dass mich jemand lieben oder mögen kann, wenn ich mich ständig verstelle und verbiege. Wie soll überhaupt jemand die Chance haben, mich kennenzulernen, wenn ich mich immer verbiege? Das ist mir jetzt ja klar. Aber ich habe keine Ahnung, was ich dagegen machen kann, wie ich das ändern kann. Ich trau mich nicht ich selbst zu sein. Und irgendwie weiß ich nicht mal mehr, wie das geht. Aber ich weiß, dass das Leben keinen Sinn hat, wenn ich so weitermache. Ich will nicht ständig alle (inklusive mich selbst) belügen. Ich weiß, dass ich es irgendwann bereuen werde, mich nicht auf das Leben eingelassen zu haben. Aber dieses Anpassen und Verstellen ist so zur Gewohnheit geworden. Ich weiß echt nicht, wie ich das ändern kann. Aber ich kann so nicht mehr. Vielleicht haben Sie ja einen Rat oder Tipp für mich?

Wenn auch du eine Frage loswerden willst, schreibe einfach eine Email an redaktion@yogaworld.de.

Wir verbiegen uns, um geliebt zu werden

Liebe Anna, deine Frage hat mich sehr bewegt. Wer sind wir und warum sind wir so, wie wir sind? Warum tun wir Dinge, die wir eigentlich nicht wollen bzw. die wir eigentlich nicht sind? Wir alle kennen diese Fragen und das Gefühl, sich nicht so geben zu können, wie wir es gerne möchten. Zu oft verstecken wir unser wahres Wesen aus Angst, nicht verstanden zu werden, nicht dazuzugehören oder irgendetwas falsch zu machen. Wir alle wünschen uns Anerkennung und geliebt zu werden. Aus diesem Grund lernen wir schon relativ früh uns anzupassen und leider uns auch zu verbiegen; und zwar so sehr, dass wir irgendwann nicht mehr wissen, wer wir eigentlich wirklich sind. Wir alle wollen echt sein, aber kaum einer hat den Mut es wirklich zu sein.

Wir glauben, wenn wir all das tun, was andere tun, dann wird das schon gut sein bzw. dann sind wir beliebt und werden geliebt. Beliebt- und Geliebtsein sind aber zwei Paar Schuhe. Beliebt zu sein ist einfach und beruht auf Berechnung: Ich gebe mich so, wie die anderen mich haben wollen. Ich bin mein eigenes Produkt, dass ich immer so modifiziere und vermarkte, dass die Nachfrage gewährleistet bleibt. Ich bin Ware und Verkäufer zugleich. Der Preis dafür ist emotionale Erpressbarkeit – ich muss ja so sein, wie die anderen mich wünschen. Dabei bleibt das Gefühl von Autarkie und Authentizität auf der Strecke.

Lieben ist Befreiung von Ängsten und Zwängen

Dagegen kann man das Geliebt-zu-werden nicht kalkulieren. Liebe ist weder käuflich noch ist sie ein Tauschgeschäft. Sie ist ein Geschenk des Himmels und der ist grenzenlos. Die Liebe ist immer und überall, wir müssen nichts für sie tun. Sie ist selbstlos und verlangt nichts – sie ist dort, wo innere Freiheit ist und innere Freiheit ist dort, wo Liebe ist. Das will sagen: Liebe ist nichts anderes als Liebe und sie ist nur durch Liebe. Wollen wir wahrhaftig geliebt werden, so müssen wir lieben – ohne Wenn und Aber. Ohne Wenn und Aber bedeutet ohne Anhaftungen an ein Ich. Liebe wird durch Liebe gefunden! Dem passiven Geliebt-werden geht das aktive Lieben voraus. Irrtümlicherweise denken wir, dass das höchste Glück im Geliebt-werden läge, aber das wahre Glück oder die Erfüllung des Menschen liegt im Lieben. Nur das Lieben selbst macht frei. Lieben ist Befreiung – von Ängsten und Zwängen, von zermürbenden Selbstzweifeln und von den Vorstellungen, dass etwas so oder anders sein müsste. Wenn wir lieben, sind wir Herr unseres Selbst und souverän; im Geliebt-werden sind wir Knecht, stets in einem Wollen gefangen, hilflos und abhängig.

Lesetipp: Was ist Liebe?

Individualität entsteht allein durch Gemeinschaft

Der Weg des Liebens oder der Weg der inneren Freiheit ist der Weg der Selbstmeisterung: Indem ich mich selbst erkenne, werde ich zum Meister. Die spirituelle Meisterschaft bzw. das Zu-mir-Selbst-kommen liegt also darin, dass ich mein wahres Selbst erkenne. Dafür muss alles losgelassen werden, was das Selbst nicht ist. Das Selbst ist nicht das Ich. Alle negativen Gedanken und Muster sind Resultate des Ichs. Ebenso alle Vorstellungen von diesem oder diesem nicht. Das Ich trennt und bewertet. Es braucht ein Nein, die Trennung, um zu sein. Denn ohne Trennung kein Ich – Ich gleich Trennung. So gaukelt es uns vor, dass Trennungen und Gegensätze real seien und redet uns schön von Abgrenzung und Isolation, verpackt in dem heroischen Gedanken der Individualität. Aber wahre Individualität kommt allein durch Gemeinschaft zustande. Durch sie wachse und werde ich. Ein isoliertes Individuum ist lost in space; in seiner Verlorenheit kann es keinen Halt bzw. keine wahre Anerkennung finden. Und genau das tut und will das Ich.

Das Ich ist ein Troublemaker

Die beste Strategie jemanden zu schwächen ist Separation. Bei der Jagd wird die Beute vom restlichen Rudel getrennt. Beim Menschen geschieht die Absonderung durch das säen von Zwietracht, Neid, Missgunst, Ängsten, Zweifel, Rechthaberei, Intoleranz, Unzufriedenheit etc. Durch die Identifikationen mit einem Nein, einem Dagegen-sein zieht das Ich seine Kraft. Alle Gefühle, alle Gedanken und alle Handlungen, die uns von unserer Mitwelt trennen oder isolieren, sind dem Ich geschuldet. Das Ich duldet keine Harmonie oder Frieden. Es nährt sich durch Zweifel und Zweiheit. Das Ich ist ein Troublemaker. Es stiftet Unruhe, indem es die ursprüngliche Einheit spaltet. Das Gegenteil vom Ich ist Frieden, so wie das Gegenteil von Nein Ja ist. Will man wieder inneren Frieden erlangen, so müssen wir zur Einheit zurückkehren. Dafür müssen alle Trennungen und Bewertungen aufgegeben werden. Im Zen sagt man: Kein Ich – keine Probleme. Analog dazu: Keine Trennung – kein Leid.

Lesetipp: Ist (spiritueller) Egoismus schlecht?

Ich Selbst-Sein ist Alles-Sein

Befreiung vom Leid bedeutet Freiheit vom Ego. Freiheit vom Ego ist Selbsterkenntnis. Indem ich von jeglicher Vorstellung einer Trennung ablasse, befreie ich mich aus der Knechtschaft des Ichs. Ich werde zu dem, was ich schon immer war – ursprüngliches Selbstsein. In der Erfahrung meines wahren Selbst erkenne ich: Mein Selbst ist die Einheit selbst. Es gibt niemanden anderen. Selbst die Vorstellung eines Nicht-echt-seins, der Weg und die Suche nach sich selbst, bin immer ich selbst. In der Annahme dieser Tatsache geschieht die wahre Heimkehr. Der verlorene Sohn wird vom liebenden Vater mit offenen Armen empfangen. In der Stille des Ichs hört der Sohn (das Selbst) den Ruf des Vaters (die Einheit). In der Wiedervereinigung mit der Einheit offenbart sich mir die wahre Bedeutung von Zuhause-sein. Zuhause ist dort, wo geliebt wird, und zu lieben bedeutet Ja zu sich selbst, das zugleich alle anderen Selbste mit einschließt. Mein Zuhause ist das Zuhause aller. Sich Selbst-Sein ist Alles-Sein, außer Ich-Sein. Das ist die Bedeutung von: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”

Lesetipp: Weibliche und männliche Selbstliebe

Eine Geschichte aus dem Zen: Nach und nach

“Ein bereits älterer Mönch kam zu einem Zen-Meister und sagte: «Ich habe in meinem Leben eine Vielzahl von spirituellen Lehrern aufgesucht und nach und nach immer mehr Vergnügungen aufgegeben, um meine Begierden zu bekämpfen. Ich habe lange Zeit gefastet, jahrelang mich dem Zölibat unterworfen und mich regelmäßig kasteit. Ich habe alles getan, was von mir verlangt wurde, und ich habe wahrhaft gelitten, doch die Erleuchtung wurde mir nicht zuteil. Ich habe alles aufgegeben, jede Gier, jede Freude, jedes Streben fallengelassen. Was soll ich jetzt noch tun?» Der Meister erwiderte: «Gib das Leiden auf!»”

Noch mehr spannende Fragen und Antworten findest du in unserer Satsang-Kolumne.


Satsang

Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto von Elias Hassos /Titelbild: Photo by Anita Jankovic on Unsplash

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