Wie kann man sich selbst lieben ohne egoistisch zu sein?

Die Liebe und das Ego, wie die Welle und das Meer. Wo fängt die Welle an, wo hört das Meer auf? Anders gefragt: Wo beginnt die Liebe, wo hört der Egoismus auf oder wo beginnt der Egoismus und wo hört die Liebe auf? Heute dreht sich unsere Satsang-Kolumne um die Frage: Wie kann man sich selbst lieben ohne egoistisch zu sein?

Anna: „Wie kann man sich selbst lieben ohne egoistisch zu sein?

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Obwohl Liebe und Egoismus gegensätzliche Pole sind, scheinen die Grenzen zwischen Liebe und Egoismus weniger eindeutig, als wir annehmen. Obwohl wir uns alle nach Liebe sehnen, regiert nicht die Liebe die Welt, sondern der Egoismus – und wir alle leiden darunter.

Selbstentfremdung als Wurzel allen Egos

Der Mensch ist ambivalent. Er wünscht sich das eine, tut aber das andere. Oder er sagt das eine, fühlt jedoch etwas anderes und umgekehrt. In seiner essentiellen Zerrissenheit hat er kaum Vertrauen in und Glauben an sich selbst. In seinem Dilemma nimmt er die Bedürfnisse der anderen als seine eigenen an. Das heißt: Er ist immer der Andere und nie er selbst. Die Tragik ist, dass diese Selbstentfremdung, mehr oder weniger, jeden betrifft. Da kaum einer er selbst ist, ist auch der Andere nicht. Der Andere so wie ich sind nicht bzw. sind leere Hüllen. Der Andere ist kein reales Gegenüber, dem ich begegnen und mit dem ich mich austauschen kann, sondern er ist (r)eine Fiktion meines Daseins ohne Sein. Der Andere dient als Platzhalter für mein unwirkliches Sein; ein Phantom, dem ich nachjage und nacheifere, weil ich selbst nicht bin. Aufgrund dieses Nicht-wirklich-Seins ist der Mensch sich selbst entfremdet. Und genau in dieser Selbstentfremdung liegt die Wurzel allen Egos. Denn wer nicht ist, liebt nicht.

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Liebe verbindet alles

Liebe setzt Sein voraus; und Sein wiederum setzt Selbsterkenntnis voraus. Liebe ist nur dort, wo Selbsterkenntnis ist. Denn das Erkennen seines Selbst bedeutet Nähe zu sich selbst. Ohne Nähe keine Beziehung und ohne Beziehung keine Liebe. Habe ich keine Beziehung zu mir selbst, so habe ich auch keine Beziehung zu anderen. Die Liebe ist keine sentimentale oder romantische Gefühlsduselei – sie ist Offenheit und Beziehung schlechthin. Als Beziehung schlechthin ist sie ein Mittleres, ein Zwischen. Das Mittlere vermittelt: Es verbindet und vereint. Hier wird aus Vielheit Einheit, aus Unterschiedenheit Gleichheit, aus Fremdheit  Vertrautheit. Kurz gesagt: aus Zwei wird Eins. Das Mittlere, weder Anfang noch Ende, noch Recht, noch Schuld, noch Falsch, noch Gegensätzliches kennend, geht vollkommen – selbstvergessend – in sich selbst auf. Und weil es sich selbst vergisst, kann alles andere, ohne Trennung, so sein, wie es (wirklich) ist.

Nur wer ist, kann geben

Aber Vorsicht: Selbstvergessenheit ist nicht Selbstentfremdung. Im Gegensatz zur Selbstentfremdung geschieht der Akt des Selbstvergessens aus freien Stücken – durch Fülle, und nicht unter Zwang einer inneren Leere. Wer nicht ist, kann nichts aufgeben, –vor allem sich selbst nicht. Nur wer ist, kann (her)geben. Zum Lieben gehört Mut. Denn die Liebe verschenkt sich ganz und gar; sie behält nichts für sich. Die sufische Liebesmystik rät dem Liebenden: Stirb, bevor du stirbst. Indem wir in Liebe sterben, werden wir in Liebe neu auferstehen.

Egoismus ist fehlende Verbundenheit

Der Liebende stirbt, um zu werden, und wird, um zu lieben. Hingegen ist der egoistische Mensch der ängstliche Mensch; ständig in Sorge um sich selbst. Da Angst Abwesenheit von Liebe ist, hat er keinen Bezug zu sich selbst und somit auch nicht zu anderen. Die Grundlage des Egoismus ist nicht Selbstbewusstsein – denn nur der Liebende ist sich selbst bewusst (Selbsterkenntnis) – sondern fehlende Verbundenheit. Aller Egoismus und alle Unmenschlichkeit resultiert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit bzw. aus dem Gefühl der Nicht-Verbundenheit. Wenn Liebe Offenheit und Beziehung schlechthin ist, so ist Egoismus Verschlossenheit und Isolation. Um dieser schmerzhaft inneren Einsamkeit zu entfliehen, nimmt der Egoist sich besonders wichtig und drängt nach Außen. Er möchte sich und der Welt beweisen, dass er (jemand) ist. Aber der Egoist ist nicht!

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Die Liebe ist alles und nichts

Egoismus ist nichts Anderes als der Mangel an sich selbst. Will man diesen Mangel beheben, müssen alle Trennungen und Abgrenzungen losgelassen werden. Lässt man von der begrenzten Haltung eines Getrenntseins ab, so wird erkannt: Ganz gleich wie stark sich die Welle aus dem Meer erhebt, hat sie doch kein eigenständiges, getrenntes Dasein – sie ist nichts anderes als das Meer selbst. Der Unterschied zwischen Liebe und Egoismus ist der, dass die Liebe darum weiß. Die Liebe ist alles und nichts – in ihr gibt es kein Anderes oder einen Anderen. In der wahren Liebe zu sich selbst, von der alle Liebe ausgeht, erlischt jeder Gedanke einer Getrenntheit; die Welle geht vollkommen im Meer der Einheit auf. Realisiere: „Du bist kein Tropfen im Ozean. Du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.“ (Rumi)



Satsang

Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – „denn nichts existiert unabhängig voneinander“. // Titelbild: Foto von RODNAE Productions von Pexels

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