Wie komme ich zu mehr Akzeptanz?

In der Satsang-Kolumne beantwortet Dr. Moon Hee Fischer jede Woche philosophischen Fragen. Heute fragte Laura nach Akzeptanz: Wie schafft man es, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, und nicht nach mehr zu streben?

Dr. Moon Hee Fischer: Der Grund allen menschlichen Leidens ist, dass der Mensch sich als ungenügend und mangelhaft empfindet. So wie er ist, das was er kann oder hat ist, immer zu wenig. Bedingungslose Liebe und Annahme kennen wir aus zahlreichen Medien wie Filmen, Büchern und Liedern, aber im realen Leben glauben wir nicht wirklich daran. Wir alle sind davon überzeugt, dass wir etwas dafür tun müssten bzw. wir alle leben so, als müsste man sich selbst und andere davon überzeugen, dass man der Liebe wert sei. Im Leben bekommt man eben nichts umsonst und schon gar nicht so etwas Großartiges wie die Liebe. Denken wir nicht so?

Das Streben nach Akzeptanz und Liebe

Da wir Menschen aber geliebt werden möchten, sind wir bereit alles dafür zu tun. Wir halten uns an: schön, klug, erfolgreich, begabt, reich, gut zu sein und vieles mehr. Wir setzten uns ständig unter Druck mehr zu sein und vergleichen uns unaufhörlich mit anderen, bewusst oder unbewusst. Das Resultat sind Minderwertigkeitskomplexe, Konkurrenzkampf und Verlustängste. Da es aber jedem so ergeht, verhärteten sich die Fronten: Ein Spiel auf Leben und Tod beginnt.

Wenige Menschen sind mit sich selbst im Reinen und leben aus diesem Grund kein authentisches Leben. Wir geben uns meistens so, wie wir denken, dass wir sein müssten oder sollten. Wir alle sind recht gute Schauspieler, der eine mehr, der andere weniger. Das betrifft auch, oder vor allem, den Egoisten. Wir alle haben uns Verhaltensmuster angewöhnt, an denen wir hängen, und verteidigen diese bei Angriff bis aufs Blut. Wir spielen unsere Rollen nicht mehr, sondern sind zu unseren Rollen geworden. Das mag oberflächlich ganz gut funktionieren, aber ein tiefer Schmerz, eine Leere, nagt an uns. – Wir sind unerfüllt!

Da wir aber nicht mehr wissen oder vielleicht sogar nie wussten, wer wir eigentlich sind, können wir die Dinge nicht mehr so sehen, wie sie wirklich sind. Je weniger wir uns selbst (er)kennen, desto weniger können wir auch das Wahre, die Wirklichkeit, erkennen. Dementsprechend ist es auch nicht möglich, sie zu akzeptieren. Eine Illusion oder Täuschung führt immer zur nächsten. Die Lösung liegt in der Ent-Täuschung. Wir müssen aus unserem Schlaf – nicht wir selbst zu sein – erwachen. Wir müssen das werden, was wir wirklich sind. Nicht-Akzeptanz, Wollen und Streben nach MEHR sind untrügliche Zeichen, dass wir alles andere sind, bloß nicht wir selbst.

Auch die Rollen loslassen

Der spirituelle Weg ist der Weg des Erwachens, das Erwachen zu sich selbst. Dafür muss alles losgelassen werden, was wir nicht sind. Loslassen ist Akzeptanz. Akzeptiere ich, dann lasse ich los. Loslassen und Akzeptanz gehören untrennbar zusammen. Die Frage hier ist: Wer bin Ich? Wer bin Ich wirklich? Jenseits von gesellschaftlichen Erwartungen? Gehen wir dieser Frage in ihrem tiefen Sein nach; dringen immer tiefer und tiefer in sie hinein, dann erfahren wir, dass Ich und Wirklichkeit ein und dasselbe sind.

Lies mehr über die Illusion Maya.

Das falsche Ich (der Schauspieler) ist nicht real, denn in Wirklichkeit gibt es kein getrenntes, isoliertes und bedürftiges Ich – alles ist mit allem verbunden. Es gibt nur Verbundenheit. Unser wahres Wesen ist Fülle und nicht Mangel. Alles ist schon immer da, wir müssen weder etwas erreichen, noch müssen wir nach etwas streben. Der spirituelle Weg ist ein wegloser, weil es keinen Weg gibt, den wir gehen müssten. So wie wir sind, sind wir vollkommen. Vollkommenheit ist unsere Selbstnatur, alles andere ist Selbstbetrug. Lüften wir den Schleier der Illusion, dann schwindet auch jeglicher Egoismus. Denn Wirklichkeit ist nicht Ich, sondern Alles.

Buchempfehlung: Wer bin ich? von Ramana Maharshi und von Sri Nisargadatta Maharaj Ich bin

moonhee

Wenn auch du eine Frage loswerden willst, schreibe einfach eine Email an redaktion@yogaworld.de.

1Vgl.Thomas Fuchs 2017, 133.


Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und „Der Weg des Friedens„. Ihre Verknüpfung „spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch“ eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”. // Titelbild: Foto von Maksim Goncharenok von Pexels

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