Wie umgehen mit den heutigen Problemen? Satsang Kolumne

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin Dr. phil. MoonHee K. Fischer. In unserer neuen Satsang-Kolume beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen. Heute: Wie umgehen mit den heutigen Problemen?

Peter: Wie kann man es schaffen, angesichts der Fülle der heutigen Probleme (Umweltverschmutzung, Covid-19, Rassismus, wirtschaftliche Ungleichheit) sich auf das zu konzentrieren, was man selbst zur Verbesserung der Welt beitragen kann?

Warum ist die Welt so, wie sie ist? – Weil wir sie so machen! Wir alle tragen unseren Beitrag zu den bestehenden Weltproblemen bei – ob passiv oder aktiv; der eine mehr, der andere weniger. Krieg und Terror, Kapitalismus, globale Armut, Welthunger, Klimawandel, Landgrabbing, Korruption, Ausbeutung, Diskriminierung, Massentierhaltung etc. sind real und menschengemacht.  

“Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der gren­zenlosen Überfluss produziert.”[1] Trotz einer Landwirtschaft, die ein Drittel mehr Kalorien erzeugt, als für die Versorgung der Weltbevölkerung rechnerisch notwendig wäre, leiden immer noch 805 Millionen Menschen an Hunger.[2] 1,4 Milliarden Menschen leben in extremer Armut[3], obwohl laut Weltbank 16 Prozent der Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte verfügen.[4] Nach Jean Ziegler, Soziologe und Politiker, werden die Kinder, die an Hunger sterben, ermordet. Auch der Philosoph Thomas Pogge spricht von aktiver Tötung, da es leicht möglich wäre, dieses Sterben zu ver­hindern.[5] Peter Singer, ebenfalls Philosoph und Ethiker, bringt den gleichen Vorwurf zum Ausdruck.

Wir brauchen die 2015 erschienene Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus nicht als Mahnappell, um uns zu vergegenwärtigen, dass das Verhältnis von Mensch und Welt nicht nur kein dialogisches, sondern im höchsten Maße besorgniserregend ist. Die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels sind allgemein bekannt. Ein Leugnen oder ein Nichthandeln kommt einer Massenvernichtung von Mensch und Natur gleich. Der Geist des Klima­wandels zerstört unerbittlich und unwiderruflich. Seine Hauptverursacher sind die Industriestaaten, vor allem die USA und Europa. Mittlerweile tragen aber auch China und Indien immer stärker zur globalen Erwärmung bei. Dennoch sind es (noch) vorrangig die Armen in den Entwicklungsländern, die die schweren Folgelasten zu tragen haben.

Nicht nur, dass der Klimawandel die schlechten Lebensbedingungen der Armen auf dramati­sche Weise verschärft. Die westliche kapitalistische Welt weiß diese Situation auch noch für sich profita­bel zu nutzen. Ein prominentes Beispiel ist “Landgrabbing”. Weltkonzerne eignen sich für den Ex­port (Bio-Sprit, Palmöl, Wasser etc.) auf unlautere Weise fremdes Landeigentum an. Zurzeit liegen 39 Millionen Hektar Land in Händen von ausländischen Investoren. “Zusätzlich laufen Verhand­lungen über weitere 15 Millionen Hektar Fläche.”[6] Der Kolonialismus ist mit all seinen schlechten Seiten zurückgekehrt. Sklavenähnliche und menschenunwürdige Zustände gehören dort zur Tagesord­nung. Nicht selten treiben Scham und vollkommene Hoffnungslosigkeit Vertriebene und Unter­drückte in den Selbstmord.

Es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass Klimapolitik, globale Armut, Welthunger und Friedenspolitik nicht voneinander zu trennen sind. “Wo es an Ernährungssicherung mangelt, sind soziale und politische Stabilität gefährdet und Frieden und Sicherheit bedroht.”[7] Die Lösung lautet: Ganzheitliche Ökologie. Ein isoliertes Denken führt “zu inkonsistenten politischen Maßnah­men, die sich teilweise gegenseitig aufheben.” Interdisziplinäre und dialogische Wissenschaften helfen, weltweite Missstände und Defizite klar zu formulieren. Dennoch ist es zu bezweifeln, dass sie fä­hig sein werden, das komplexe Problem des Klimawandels zu lösen. Dass es eine radikale weltweite Veränderung braucht, ist unbestritten. Doch die wird nicht von außen kommen können, sondern erst durch einen Wandel des Menschen selbst.

Nach dem Philosophen Slavoj Žižek geschieht die Katastrophe vor dem (F)Akt.[8] Nehmen wir als Beispiel den “Dritten Pol” in Ti­bet. Die Katastrophe ist nicht die gefährliche Gletscherschmelze und deren schwerwiegenden Fol­gen, sondern die Haltung, die dazu geführt hat. Soll die Veränderung mehr als nur eine kosmetische sein, braucht es einen radikalen und bleibenden Wandel und dafür brauch es eine Ethik der Nachhaltigkeit, die unumstößlich auf einer Ethik der Liebe basiert. Denn die Lösung aller menschlichen Probleme liegt in einer gelebten Offenheit und Verbundenheit, getragen von dem Gedanken, dass alles mit allem verbunden ist. So banal das auch klingen mag, scheint die Umsetzung dessen fast unmöglich. Die Frage ist, können wir nicht oder wollen wir nicht?

Unsere Welt und unsere Gesellschaft ist krank – weil der Einzelne in ihr krankt bzw. leidet. Die Hauptursache unserer verheerenden Weltprobleme liegt nicht in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem mit seinen machtorientierten Weltkonzernen, sondern in der Entfremdung des Einzelnen von sich selbst. Der Kapitalismus ist nur eine Folge davon. Es ist nämlich der selbstentfremdete Mensch als getrenntes und in sich abgekapseltes Individuum, der der Welt unvereinbar entgegensteht. Sein Motto Individualität und Freiheit über alles verführt ihn zu einem ich-bezogenen eingeschränkten Fühlen, Denken und Verhalten. So stellt er aus einem falschen Idealismus und dem damit einhergehenden Glauben, Recht zu haben, seine Bedürfnisse über die der anderen.

Dabei hält er lieber an einer destruktiven Haltung – die anderen sind die Bösen bzw. die Blöden – fest, als eine positive konstruktive Haltung der Solidarität und Gemeinschaftlichkeit zu pflegen und zu leben. Paradoxerweise versteckt sich der Individualist allzu gerne hinter dem Kollektiv Welt, aus dem er sich aus Angst vor Individualitäts– und Identitätsverlust schon längst herausgenommen hat. Das führt wiederum dazu, dass er sich persönlich weniger verantwortlich für die Belange und Nöte der Welt fühlt. – Die anderen sind Schuld. – Jedoch helfen Schuldzuweisungen nicht weiter. Indem wir die Fehler bei anderen suchen, retten wir nicht die Welt. Wir alle sind Teil des Systems und nutzen unsere Vorteile daraus. Wir alle sind mitschuldig und wir alle sitzen im gleichen Boot.

Erwarten wir deshalb nicht von anderen, dass sie die Welt retten mögen und uns gleich mit. Retten wir sie, indem wir sie vor uns schützen. Für den Soziologen und Psychoanalytiker Erich Fromm steht fest: “Unser ethisches Problem ist die Gleichgültigkeit des Menschen sich selbst gegenüber. Wir haben den Sinn für die Bedeutung und Einzigartigkeit des Individuums verloren und haben uns zu Werkzeugen für Zwecke gemacht, die außerhalb von uns selbst liegen. Wir erleben und behandeln uns als Ware und wur­den unseren eigenen Kräften entfremdet. Wir sind zu Dingen geworden, und auch unsere Mitmenschen sind für uns Dinge.

Da wir unseren eigenen Kräften nicht vertrauen, haben wir keinen Glauben an den Menschen, keinen Glauben an uns oder an das, was unsere Kräfte schaffen können. Wir haben kein Ge­wissen im humanistischen Sinn, denn wir wagen es nicht, uns auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu ver­lassen. Wir sind eine Herde: wir glauben, dass der Weg, dem wir folgen, zu einem Ziel führen müsse, weil wir alle anderen denselben Weg gehen sehen. Wir tasten im Dunkeln und bleiben nur deshalb mutig, weil wir auch alle anderen pfeifen hören.”[9]  

Die Rettung der Welt liegt also nicht in den Händen irgendwelcher Machthaber, sondern an und in jeden von uns. Wir alle sind aufgerufen unser Bestes zu geben. Erkennen wir: Nicht die Welt schuldet uns etwas, sondern wir der Welt. In den Worten Mahatma Gandhis: “Sei du die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.” Ich schließe mich Erich Fromm in seiner Hoffnung an, dass der Mensch sein Leiden erkennen mag – den Mangel an Liebe. Nur in dem wir diesen Mangel in uns selbst beheben, kann die Welt als gefestigte Einheit gesunden.

Denn die Gesellschaft krankt nicht an äußeren Dingen, sondern an Trennung und Lieblosigkeit. Die Liebe gehört nicht nur zu den tiefsten und grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen, sondern sie ist die seelische Fähigkeit, die den Menschen zum Menschen macht. So kann nur die Lie­be die einzige vernünftige und befriedigende Lösung auf alle unserer Probleme sein.[10] Sie allein stellt einen vernünftigen und gesunden Weg aus unserer kranken Gesellschaft dar. Jedoch muss hierfür unser Alltagsverständnis von Liebe neu bzw. weiter gefasst werden. Wahre Liebe ist weder nur ein Gefühl noch ist sie individuell – sie ist Bezogenheit bzw. Verbundenheit schlechthin und somit immer universell.

Das bedeutet, dass sie unteilbar und allgemein ist. Sie ist die Bezogenheit des Menschen zur Welt als Ganzem. Für Fromm steht fest: Indem ich sage: “‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt‘”.[11] Universelle oder wahre Liebe zeigt sich in Fürsprache und Fürsorge für und um den anderen, so wie in einem Verantwortungsgefühl und der Achtung vor allem Leben. Die Voraussetzung hierfür ist die Liebe zu sich selbst. Selbstliebe und Nächstenliebe bedingen einander. Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch keinen anderen, wie umgekehrt. Wer scheinbar nur andere liebt, liebt gar nicht. Das Wesen der Liebe ist paradox. Sie ist Vereinigung, bei der die Integrität und die Individualität bewahrt bleiben – Wir sind Eins und doch Zwei. Oder wie Teilhard de Chardin, Jesuit, Paläontolge und Anthropologe sagt: “Die wahre Vereinigung verschmilzt nicht, sie differenziert.”[12] Nur so kann die Gleichheit und Freiheit aller Menschen gewährleistet werden.

Isabella: Die heutige Gesellschaft ist bestimmt von Verpflichtungen, Verantwortung und Vernunft. Wie kann man trotzdem wirklich frei sein?

Reinhard Mohn, Gründer des Bertelsmannverlag, schrieb an den Club of Rome: “Wir haben die Freiheit zum Handeln! Wir sollten sie nutzen.” Hinter diesem Appellsteckt die tiefe Einsicht, dass Freiheit zwar ein Recht ist, auf das wir alle einen Anspruch haben, jedoch zugleich mit Pflichten einhergeht. Keine Rechte ohne Pflichten.

Freiheit wird irrtümlicherweise als etwas verstanden, was vollkommen losgelöst über allem steht. Da Freiheit aber Wahlmöglichkeiten voraussetzt, bedeutet Freiheit immer Verbindlichkeit. Ob wir uns frei fühlen oder nicht, hängt ganz alleine von der Einstellung zu unseren Pflichten ab und nicht daran, ob wir welche haben oder nicht. Wahre Freiheit liegt nämlich nicht darin, das zu tun was man möchte oder liebt, sondern das zu lieben, was man tut. Denn wirkliche Freiheit kann nicht nur Freiheit von und Freiheit zu sein, sondern muss auch Freiheit von Freiheit sein. Alles andere wäre keine echte Freiheit.

Es liegt also an uns, ob wir unseren Beitrag für eine bessere Gesellschaft als wertvoll erachten oder ob wir an der Last der Verantwortung zerbrechen. Konkret gesagt: Freiheit bedeutet zu Wollen und nicht Müssen. Hierzu eine schöne Geschichte aus dem Buch Der Meister von Chao-Hsiu Chen. Es wird von der Begegnung eines Meisters und seinem Schüler mit einem Schafhirten berichtet.

Der Schüler fragt den Schafhirten: “Lebst du hier alleine?” “Nein”, antwortet dieser, “du siehst doch, ich lebe mit meinen Schafen”. “Aber du hast keine Eltern und Verwandten?”- “Nein”, wiederholte der Hirte. “Dann musst du schrecklich einsam sein”, meinte der Junge voll Mitleid […]. “Nein”, lachte der Schäfer, “ich bin nicht einsam, ich bin frei.”

“Keiner von uns ist frei”, sprach daraufhin der Meister und blickte zu den Schafen hin: “Wir sind wie sie. Ohne Fürsorge ist niemand lebensfähig. Wir sind alle aufeinander angewiesen; und deshalb haben wir Verantwortung zu tragen.”

“Aber das hieße ja, dass es gar keine Freiheit gibt”, begehrte der Junge auf. “Freiheit gleicht der Luft. Du kannst sie weder sehen noch hören; und wenn sie dich berührt, weißt du ihren Wert nicht zu schät­zen. Hast du sie aber verloren, dann sehnst du dich nach ihr. Meinst du, ein freier Mann kann tun, was er will? Nein, denn er muss ebenso die Last der Verantwortung auf sich nehmen wie der Hirte, der für seine Tiere sorgt.” Da sagte der Schäfer: “Aber es ist doch selbstverständlich, dass ich für sie sorge.”

“Gerade deshalb bist du frei”, sprach der Meister und blickte gleichzeitig auf seinen Schüler.”


  • [1] Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern 15, München 2013.
  • [2] Vgl. Welthunger-Index 5, Bonn 2014.
  • [3] Vgl. Peter Singer, Leben retten. Wie sich Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun 22, Zürich 2010.
  • [4] Siehe Jean Ziegler, Ändere die Welt 49, München 2014.
  • [5] Siehe Thomas Pogge, Weltarmut und Menschenrechte 18, Berlin 2011.
  • [6] Welternährung Bonn 20/21, 2014.
  • [7] Welternähung 16, Bonn 2014.
  • [8] Vgl. Slavoj Zizek, Was ist ein Ereignis? 36, Frankfurt 2014.
  • [9] Erich Fromm, Den Menschen verstehen 191, München 2014.
  • [11] Erich Fromm, Die Kunst des Liebens 79, München 2014.
  • [12] Teilhard de Chardin Aufstieg zur Einheit 285, Olten und Freiburg 1974.

Satsang Kolumne von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens”. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. “Denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis. Foto: Elias Hassos | Titelfoto von Anna Shvets von Pexels

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