Wie gefühlte Zeit unser Bewusstsein beeinflusst – Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.deHeute fragt Claudia nach Ganzheit und Einheit in einer dualen und leistungsorientierten Welt.

Claudia: Wir befinden uns in einer schnelllebigen und fordernden Zeit, die einen, wenn man Familie, Partnerschaft, Freunde, Job und Schule der Kinder meistern soll, zusehends überfordert. Das Mittel der Wahl ist dann Abgrenzung oder Priorisieren. Wie kann man in unserer dualen, verstand- und leistungsgesteuerten Welt Einheit und Ganzheit leben?

Zeit ist subjektiv

Zeit ist ein merkwürdiges Phänomen. Trotz ihrer allgemeingültigen, objektiven Messbarkeit empfinden wir sie als etwas sehr Subjektives. Wie wir Zeit erleben, schnell oder langsamer vergehend, erfüllend oder nicht erfüllend, ist individuell bestimmt. Allgemeinsprachlich reden wir von Zeit als einer, die sich ständig verändert. Ich meine dies nicht im heraklitischen Sinne – alles fließt (panta rhei) oder im Sinne der Relativitätstheorie, die von einer Raum-Zeit spricht, in der es eine festgelegte, starre Zeit nicht gibt, sondern die relativ ist (Zeitdilatation). Wenn ich hier von Zeit spreche, dann von einer psycho-sozial konditionierten.

Nicht die Zeit hat sich verändert, sondern wir

Allzu gerne sagen wir: Die Zeiten haben sich geändert. Zeit war ursprünglich natur- oder gottgegeben. Mit der Erfindung der Uhr wurde sie stückweise zu etwas Weltlichem und Mechanischem portioniert. Zeit war von nun an nicht mehr ein natürlicher Welt – bzw. Wegbegleiter, sondern Maßstab für ein neues, detailverliebtes Bewusstsein. Der Blick auf das Große und das Ganze verschwand und die Zerlegung und Spaltung in Einzelteile wurde favorisiert und vorangetrieben. Seit dem scheint die Uhr, nicht die Zeit, immer schneller zu ticken. Die Zeit an sich (messbare Zeiteinheit), ungeachtet der Diskussion, ob es so etwas wie Zeit überhaupt gibt, hat sich nicht verändert – wir haben uns verändert! Zeit ist ein menschliches Bewusstseinsphänomen. Denn in der Natur gibt es weder Raum noch Zeit. Und wo ein Bewusstsein ist, da ist Dualität, und wo Dualität ist, da sind Gegensätze und Trennungen. Dualistisches Bewusstsein bedeutet: gefühlte Gedanken – gedachte Gefühle.

Zeit ist eine Gefühlsache

Zeit ist weniger eine quantitative Sache als eine qualitative. Zeit ist eine Gefühlsache. Betrachten wir die Zeit, unsere Zeit, unter diesem Aspekt, so müssen wir unsere Gefühle anschauen. Welche Gefühle haben wir? Welche bestimmen unseren Alltag? Können wir diese steuern, sie stoppen oder unterliegen wir ihnen? Woher kommen sie, wohin gehen sie? Gefühle bestimmen unser Alltagsleben und somit unser Bewusstsein von Zeit. Da wir unzählige Gefühle und damit verbunden unendlich viele Gedanken haben, läuft uns die Zeit davon. Immer hinken wir irgendwelchen Gedanken hinterher. Ich muss dieses; ich muss jenes. Ich brauche dieses, ich brauche jenes nicht. Tick tack, tick tack. Wir sind unser eigener Gefangener einer selbstkreierten Zeitschleife. Einerseits scheint die Zeit zu rennen, andererseits läuft sie gefühlt in Slowmotion im ewigen Trott dahin. Der moderne Mensch ist gestresst und gelangweilt zugleich. Er ist ein in sich widersprüchliches und zerrissenes Wesen. Er weiß viel und dann doch nichts. Er ist selbstbezogen, dennoch liebt er sich nicht. Er hat alle Freiheit und doch nutzt er sie nicht.

Der Mensch ist zu sehr nach Außen gerichtet

Das Problem der schnelllebigen Zeit liegt im schnelllebigen Menschen. Dieser hängt an Begrifflichkeiten und äußerlichen Dingen. Er glaubt, dass Freiheit eine äußere Sache sei und keine innere. Da er keine innere Freiheit kennt, ist sein Fühlen, Denken und Handeln nicht selbstbestimmt. In seiner Unmündigkeit vertauscht er Wirkung mit Ursache und Realität mit Wirklichkeit. Deshalb neigt er dazu, zu handeln, wo er ruhen sollte, und zu ruhen, wo er handeln sollte. Er redet, wo er schweigen sollte und schweigt, wo er reden sollte. Dies führt zu Energieverlust und zu einer Überforderung im Allgemeinen. Die Folgen sind Optimierung, Effizient und Priorisierung. Jedoch sind das alles nur andere Bezeichnungen bzw. Vorgehensweisen, die Welt zu funktionalisieren und zu bürokratisieren.

Wir dümpeln in kollektiver Unverbindlichkeit dahin

Eine drastische Auswirkung davon ist Unverbindlichkeit. Nicht nur, dass wir unverbindliche Beziehungen führen, auch ist unsere Einstellung zum Leben im allgemeinen unverbindlich und beziehungslos geworden. Da die ganze Welt so tickt, nehmen wir das als selbstverständlich hin und machen alle kräftig mit. Als Rechtfertigung muss die schnelllebige Zeit herhalten. Aber der wahre Grund unserer Beziehungsunfähigkeit ist die kollektive Oberflächlichkeit, in der wir so dahindümpeln. Unserem Leben fehlt die Tiefe. Sich auf einen anderen einzulassen, bedeutet heute nur noch Belastung und Zeitverlust und nicht mehr Bereicherung und Freude. Die kollektive Unverbindlichkeit fußt auf der Angst, sich einschränken und Verantwortung übernehmen zu müssen. Der moderne Mensch leidet an Individualitis, verbunden mit einem Selbstverwirklichungswahn und einem vollkommen überzogenen Freiheitsbegriff. Wir pochen auf unsere Rechte und jede Art von Pflicht wird als Opfer empfunden, statt als Dienst oder Geschenk am Nächsten.

Unsere Gesellschaft vereinsamt kollektiv

Oft wird die zunehmende Unverbindlichkeit durch “Esoterik” verschönt. Hier gibt man sich gern den Dingen der Welt gegenüber gleichmütig und ist stolz darauf, alle Erwartungen abgelegt zu haben. In diesem Kontext repräsentiert solch eine Haltung jedoch keinen erleuchteten Geist, sondern Gleichgültigkeit oder die Hoffnung, wenn man keine Erwartungen an andere stellt, dann bleibt man auch von denen der anderen verschont und man hat Gott sei Dank seine Ruhe. Wenn wir aber keine Erwartungen mehr haben oder stellen dürfen, dann wird die Welt einsam und dunkel. Denn dann steht jeder für sich alleine und keiner traut sich noch um Hilfe und um Anschluss zu fragen. Was traurigerweise schon der Fall ist. Es heißt zwar: Gemeinsam ist man weniger allein, aber leider stimmt das nicht. Unsere Gesellschaft vereinsamt kollektiv.

Wir wollen alles unter Kontrolle haben

In der großen Weltmaschine wird der Einzelne nicht gehört. Das einzige, was noch zählt, ist den Betrieb am Laufen zu halten. Dafür sind wir bereit, uns selbst und das, was uns zum lebendigen Menschen macht, zu opfern. Heute ist es zur Tugend geworden, alles unter Kontrolle zu halten. Gelingt uns das nicht, so fühlen wir uns unzureichend und überfordert. Da negative Gefühle lieber kompensiert statt aufgelöst werden, verfallen wir in ein Noch-mehr-tun oder in ein Noch-mehr-haben-wollen. Beide Begriffe sind austauschbar. Das eine bedingt das andere.

Freiheit beginnt bei uns selbst

Ich möchte betonen, dass Konsum sich nicht nur auf physische Dinge bezieht. Der moderne, schnelllebige Mensch ist Konsument. Er hat viel mehr, als er braucht, und nimmt sich mehr (vor), als er verarbeiten kann. Sogar wenn er glaubt loszulassen, fügt er ein Weiteres hinzu. Denn es werden keine Gedanken entleert, sondern es werden Strategien und Konzepte entwickelt und angeeignet, um entspannter zu sein bzw. um mehr Zeit zu gewinnen. Aber umso mehr wir tun, desto schneller und lauter tickt die Uhr. Nun haben wir noch ein Ding mehr, das wir bewerkstelligen müssen. Tick tack, tick tack. Nur dort, wo keine Gedanken sind, ist kein Handeln oder Tun und somit auch keine Zeit. Das Pferd von hinten bzw. von außen aufzuzäumen ist also müßig. Freiheit, auch die von Zeit, beginnt immer bei uns selbst. Sie setzt Klarheit voraus und unabhängig von äußerlichen Faktoren ist sie eine Größe, die nicht trennt oder ausschließt, sondern vereint.

Alte Gewohnheiten verändern

Wie beginnt man alte Gewohnheiten zu verändern? Indem wir zum Beginn, zum Anfang, zurückgehen. Und der Anfang allen Seins und Nicht-Seins ist das universelle Bewusstsein. Wenn wir von der Illusion einer Dualität ablassen, erkennen wir, dass alles universelles Bewusstsein ist: Es ist Anfang, Ende und das Dazwischen. Dualität ist ein Konstrukt, ein Produkt des menschlichen Denkens, und nicht Wirklichkeit. Wollen wir die universelle Einheit erfahren, müssen wir uns aller mentalen Barrieren entledigen. In einem dualen Verstand oder Leben, kann es keine Freiheit und Einheit geben. Wir brauchen uns nicht von der Welt abzuwenden – wir müssen nur eine klare Entscheidung treffen: Glaube ich an Einheit und Universalität, an Wahrheit und Wirklichkeit, oder halte ich an einer Realität mit Täuschungen, Grenzen und Trennungen fest?

Das universelle Bewusstsein

Ist die Entscheidung für das universelle Bewusstsein erst einmal getroffen, dann eröffnet sich auch der Weg. Der Weg ist immer schon da, aber erst wenn wir die Wichtigkeit des Gehens verstanden haben, dann haben wir auch die Muße ihn zu beschreiten. Es liegt ganz an uns selbst, ob wir uns dem großen Ganzen, in dem die Dualität nicht verneint, sondern transzendiert wird, in Freude unterwerfen oder ob wir in Selbstzentrismus und Gegensätzen verweilen. Als Bewusstseinswesen haben wir die Freiheit zu wählen. In Michael Endes Buch Momo heißt es: “Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.”


Moonhee K. Fischer Satsang

Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto von Elias Hassos; Titelbild von Engin Akyurt via Pexels

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