Ist der Tod das Ende oder der Anfang? Satsang Kolumne

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin Dr. phil. MoonHee K. Fischer. In unserer neuen Satsang-Kolume beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen. Heute: Ist der Tod das Ende oder der Angang? Gibt es Wiedergeburt?

Anne: Fast alle Menschen berichten in Nahtoderfahrungen von einem Seinszustand in Wärme, Licht und Liebe. Was bedeutet es dann für uns als Menschen und “Erdenbürger” hier all diese Erfahrungen, oft auch schmerzliche, zu machen?

Ist der Tod das Ende? Die Frage nach dem Tod wirft viele Fragen auf. Was bedeutet Tod? Und wann ist der Mensch überhaupt tot?

Geht der Tod, wie der griechische Philosoph Epikur es vertreten hat, uns nichts an, da wir den Tod selbst, wenn wir tot sind, nicht wahrnehmen können? Der Tod sei für uns nicht von Bedeutung, denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da, so Epikur. Für den Griechen stand fest: “Die Aufhebung der Sinneswahrnehmung ist der Tod.” (Brief an Menoikeus) Die meisten Menschen würden, trotz ihrer Furcht oder ihrem Unbehagen vor dem Tod, dieser Logik folgen. Denn wenn wir nichts mehr fühlen und nichts mehr wahrnehmen, so müssen wir sicherlich tot sein.

Aber was ist mit den Menschen, die im Koma liegen? Hängen sie deshalb noch am Leben, weil sie auf ihre Art und Weise etwas fühlen und wahrnehmen? Aber was ist mit dem Phänomen des Tiefschlafes? Hier fühlen und nehmen wir ganz gewiss nichts wahr. Theoretisch sind wir also tot. Praktisch jedoch leben wir. Unser Herz schlägt, unser Gehirn weist Aktivitäten auf und unsere Körperfunktionen laufen wie gewohnt weiter. Leben ist also auch ohne jegliche Wahrnehmung und ohne Bewusstsein möglich. Oder nicht? Leben scheint nicht gleich Leben zu sein. Nun, ist dann Tod auch nicht gleich Tod?

Ist es möglich, tot zu sein und dabei bewusst zu bleiben, so wie es möglich ist, nichts wahrzunehmen und trotzdem am Leben zu sein? Stehen Leben und Tod sich vielleicht gar nicht kategorisch getrennt, unvereinbar und unversöhnlich gegenüber? Nehmen wir das nur so an, weil wir dem Tod so wenig Bedeutung beimessen bzw. beimessen wollen. Einzig allein aus dem Grund, weil er sich unseren normalen Sinnen bzw. der Erfassbarkeit entzieht? Wir alle fürchten den Tod in seiner angeblichen Endgültigkeit, weil er sich weder erfühlen noch erfassen und somit auch nicht kontrollieren lässt. Daraus resultieren Ablehnung und Vermeidung, sich mit ihm tiefer auseinander zu setzen. Tod gleich Ende aller Wahrnehmung gleich Ende des Lebens. Wir erleben den Tod immer nur aus zweiter Hand. Denn der eigene Tod ist (demnach) nicht erfahrbar.

Es lohnt sich ein Blick in die Nahtodforschung

So wird die Nahtodforschung von den Naturwissenschaften gerne in den Bereich des Übersinnlichen, des Paranormalen abgetan und als unseriös belächelt. Das, was nicht messbar erfassbar und nicht empirisch belegbar ist, ist wissenschaftlich unhaltbar. Ist eine Erfahrung jedoch, sei sie noch so subjektiv, nur deshalb nicht wahr, weil man sie nicht verobjektivieren kann? Niemand würde sagen, dass Schmerz und Freude nicht wahr seien, obwohl diese Phänomene auf rein subjektivem Erleben beruhen. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass der Anspruch auf Objektivität der Wahrheit geschuldet ist und nicht einer wissenschaftlichen Allgemeingültigkeit, die auf einem physikalischen und meist reduktionistischen Weltbild beruht. Dem gegenüber steht der integrale holistische Ansatz mit seiner Theorie. Das Ganze ist mehr als die Summer seiner Teile. Das Einzelne bestimmt nicht das Ganze, sondern das Ganze bestimmt seine Teile. Dieses Prinzip kommt auch in der Quantenphysik zur Geltung.

Leben und Tod können verständlicherweise nur aus einer ganzheitlichen Sicht in ihrer Gänze verstanden werden, denn Leben gibt es nicht ohne Tod und Tod nicht ohne Leben. Beide sind eng miteinander verwoben und verweisen aufeinander. Wir alle sind uns darüber einig, dass  Leben, Tod in sich trägt. Könnte es dann nicht sein, dass Tod, auch Leben enthält?

Hört der Mensch mit seinem physischen Tod wirklich auf zu existieren oder gibt es ein Leben nach dem Tod oder sogar im Tod? Die Frage ist hier: Was ist der Mensch? Ist der Mensch nur eine Ansammlung von physischen Elementen und Funktionen oder ist er mehr als das? Und was ist dieses Mehr-als-das und was passiert damit, wenn der Mensch stirbt? Ist der physische Tod vielleicht nicht das endgültige Ende, sondern nur das Ende einer bestimmten Daseins- bzw. Bewusstseinsform? Damit wäre das Ende vielmehr ein Anfang oder ein Übergang für etwas Neues oder Anderes zu dem der zu Lebzeiten lebende Mensch mit seinen alltäglichen begrenzten Sinnen keinen Zugang hat. Müssen wir das körperliche Sterben und all das Leid, das uns in unserem Leben widerfährt, in Kauf nehmen, um zu erkennen, dass Leben und Tod jeweils nur Übergänge von verschiedenen Bewusstseinsebenen sind und dass es so etwas wie ein Ende überhaupt nicht gibt? Die Berichte über Nahtoderfahrungen würden diese Annahme bestärken.

Rückkehr zur Gesamtseele

Raymond A. Moody, Philosoph, Psychiater und Experte auf dem Gebiet der Nahtodforschung, wagt die Hypothese, der ich mich anschließen möchte, dass der Tod eine Trennung des Geistes vom Körper ist und dass der Geist an der Schwelle des Todes in eine andere Seinssphäre wechselt.[1] In der Loslösung des Geistes vom Körper (Tod) scheint das begrenzte Alltagsbewusstsein eine Erweiterung und neue Klarheit zu erfahren, welches nun übersinnlich und überzeitlich agiert und wahrnimmt. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten von außerkörperlichen Reisen, von einer verschärften Wahrnehmung ihrer Umgebung. Sie hören und sehen Dinge, die mit den normalen herkömmlichen Sinnen nicht möglich sind, und sie empfinden keine Zeit. Nicht selten berichten Rückkehrer von Begegnungen mit Verstorbenen oder sehen ihr ganzes Leben in einem einzigen Augenblick. Darüber hinaus beschreiben viele einen Zustand von unendlichem Frieden, Licht und Wissen. Manche erfahren ein sehr starkes Einheitserlebnis, welches sie mit einer göttlichen Kraft gleichsetzen.

Nicht selten fühlen sich Nahtoderfahrende wie neu geboren und widmen ihr neues Leben der Allgemeinheit. Es sei aber auch angemerkt, dass nach Zeugenberichten eine Nahtoderfahrung (NTE) auch schmerzvoll und sehr furchterregend sein kann. Von negativen Nahtoderfahrungen hört man aber seltener; die Mehrheit fühlt sich beschenkt und bereichert. Neben der Frage nach der Ursache, muss man sich natürlich fragen, warum nicht alle Menschen nach einer erfolgeichen Reanimation eine NTE haben? Ist eine NTE bloß eine Halluzination (Narkosemittel, Sedativum) oder wollen diese Menschen sich einfach nur wichtig machen? Eine andere Überlegung, wäre eine NTE als ein Wunder anzusehen, welches zu erleben nur bestimmten Menschen vorbehalten ist.

Eine NTE als Folge eines Betäubungsmittel kann ausgeschlossen werden, da sie nicht nur nach einem klinischen Tod auftritt, sondern auch in tiefen Meditationszuständen, bei Todesängsten, in Schockzuständen und in lebensbedrohlichen Krisen. Die NTE als erfunden zu erklären, um sich zu profilieren, ist ebenso nicht haltbar, obwohl es Trittbrettfahrer überall gibt. Denn wie lassen sich die erweiterte Wahrnehmung und neue Sensibilität erklären, und woher kommt das Bedürfnis, sein Leben zu Gunsten anderer radikal zu verändern? Die NTE als ein unerklärliches Wunder ad acta zu legen, ist für die Erforschung des Erlebens des eigenen Todes auch keine befriedigende und hilfreiche Lösung. Eine NTE mag sicherlich außergewöhnlich und wunderbar erscheinen, aber wir wissen ja: Ausnahmen bestätigen die Regel. Und tun Wunder nicht das Gleiche?

Das Außergewöhnliche, die Regel oder das Normale liegt im Auge bzw. im Bewusstsein des Betrachters. Alles menschliche Er-Leben ist bewusstseinsgebunden, jedoch ist Bewusstsein nicht an Leben bzw. an einen Körper gebunden – es existiert über den Tod hinaus. Der Kardiologe und ebenfalls Fachmann für Nahtoderfahrungen Pim van Lommel schreibt in seinem Buch Endloses Bewusstsein: “Selbst wenn das Gehirn nachweislich nicht mehr funktioniert, können Menschen ein klares Bewusstsein haben – eine Einsicht, die uns zwingt, unser bisheriges Verständnis von Leben und Tod von Grund auf zu überdenken.”[2] Der Titel des Buches fasst wunderbar zusammen, dass alles, was ist, Bewusstsein ist, und dass dieses Bewusstsein unendlich ist.

Der Tod ist also nicht das Ende, sondern die Erweiterung bzw. die Transzendierung unseres physischen Lebens in eine andere Bewusstseinsform. Jedoch ist dieses Bewusstsein eigentlich kein neues oder anderes Bewusstsein, sondern das gleiche wie davor – denn es gibt nur ein universellen Bewusstsein, an dem alles Anteil hat –  welches nur die Begrenzungen des Körpers und die Identifikation mit ihm abgeworfen hat. Das Bewusstsein selbst ist immer und überall das gleiche, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, ob wir schlafen oder wach sind, ob wir lebendig oder tot sind. Das endlose Bewusstsein ist unveränderlich; es kennt kein  Vorher und kein Nachher.

Das heißt: Nicht der Mensch stirbt (keine Energie kann verloren gehen, 2. Hauptsatz der Thermodynamik), sondern nur die selbst gewählten mentalen Begrenzungen und Beschränkungen. Diesen Tod oder diese Befreiung in völliger Bewusstheit zu erfahren, führt zum Erleben des universellen Einheitsbewusstsein, welches frei von Trennung, Leid und Schmerz ist. Alles Leid, das wir im Leben erfahren, resultiert aus der mentalen Trennung und der Unwissenheit über die All-Einheit und Verbundenheit allen Seins. Eine NTE lehrt uns des Weitern, dass wir an nichts gebunden sind, nicht einmal an Bewusstsein, denn wir haben kein Bewusstsein, sondern sind reines Bewusstsein. Das ist der Grund, warum es ein Bewusstsein im Tod und darüber hinaus geben kann. Die Frage ist nur, ob wir bereit dafür sind. Ich bin frei – du bist frei. Wer auferstehen will, der stehe auf. Jetzt, morgen und nach dem Tod. Jeden Augenblick neu.

Christian: Gibt es Wiedergeburt? Wenn ja, was sage ich einem Wiedergeburtsskeptiker?

Reinkarnation ist ein sehr komplexes Thema und von vielen verschiedenen Religionen unterschiedlich interpretiert. Allen gemeinsam ist es jedoch, dass der Glaube an eine Wiedergeburt immer eine höhere Ordnung voraussetzt und mit einer seelischen oder geistigen Entwicklung einhergeht. Als Physikalist oder Materialist kann man dies als einen tröstenden oder verzweifelten Versuch, der menschlichen Endlichkeit zu entrinnen, abtun.

Dennoch, was verstehen wir unter Wiedergeburt? Was wird wieder geboren? Unsere Seele, unser Selbst? Der Buddhismus basiert aber auf der Lehre des Anatman, des Nicht-Selbst. Im kaschmirschen Shivaismus ist es Shiva – die höchste Einheit selbst –der sich im göttlichen Spiel immer selbst gebiert. In der Mystik wird man wieder geboren, wenn man bereit ist zu sterben. Hier stirbt aber nicht der Körper, sondern die Unwissenheit, dass irgendetwas für sich alleine existieren könnte. Wiedergeburt verweist immer auf einen größeren Kontext, auf einen Gesamtzusammenhang hin, unabhängig erst einmal, was oder wer wieder geboren wird, denn alles wird wieder geboren, im Kleinen wie im Großen.

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, auch als Entropiesatz bekannt, besagt, dass keine Energie verloren gehen kann (vereinfacht dargestellt). Energie geht also niemals verloren, sie ändert nur ihre Form. Das können wir am Kreislauf des Wassers sehen. Im Wasserkreislauf geht kein Wasser verloren. Nur sein Aggregatszustand wechselt von Meer, Wolke, Wasserdampf, Regen, Schnee, Hagel etc. wieder zu Wasser. Materie entsteht durch reine Energie, ist Energie und kehrt wieder dorthin zurück, so auch der Mensch. Der Kreislauf des Universums ist so viel größer als dass wir ihn ermessen und begreifen könnten. Da alles fließt panta rhei ist Wiedergeburt überall gegeben, sonst wären weder Bewegung noch Leben möglich.

Diese Wiedergeburt ist aber im engeren Sinne keine Wiedergeburt, denn wie Heraklit schon feststellte: “Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.” So ist das Wasser, das aufsteigt ein anderes als das, was wieder niederschlägt und doch ist es in seinem Wesen oder Grundenergie immer das gleiche. Ein anderes Beispiel: Die Nacht ist die Fortsetzung des Tages, aber als Nacht weiß der Tag nichts von einem Tag, er ist ganz und gar Nacht, sonst könnte er seiner Bestimmung Nacht zu sein, nicht erfüllen. Auch ist der nächste Tag immer ein ganz neuer und nicht die Wiedergeburt des vorherigen. Ich möchte mich Heraklit anschließen: “Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.”


[1] Dr. med. Raymond A. Moody, Leben nach dem Tod 159, Stuttgart/München 1977.

[2] Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung (Rückseite), München 2013.

Satsang Kolumne von letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. “Denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto Elias Hassos | Titelfoto von Gantas Vaičiulėnas von Pexels

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Das Neueste

Meditation in 15 Minuten: Frei in der Natur

Im Freien vertiefen wir unsere Verbindung zur Natur und zur eigenen Mitte. In 5 simplen Schritten zeigt...

Heilkraft der Natur: Kleine Kräuterkunde

Du wolltest dir schon immer einen eigenen Kräutergarten anlegen? Sehr gut, denn Petersilie, Minze und andere Kräuter...

Yoga gegen Stress und Depression

In schwierigen Lebensphasen kann Yoga eine besonders große Hilfe sein. Das hat auch Sandra erfahren, die durch...

Was bedeutet Ahimsa?

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv - Respekt für alle Lebewesen; Vermeidung von Verletzung und Gewalt - Ahimsa,...

Atemtechniken für Fokus und Klarheit

Yogalehrerin Nora Kersten zeigt dir, wie du mit Hilfe dieser Atemtechniken mit mehr Energie, Fokus und Klarheit...

Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel?

Brauche ich sie und wenn ja, welche? Worauf sollte man bei Kauf und Dosierung achten? Die wichtigsten...
- Werbung -

Pflichtlektüre

Yoga gegen Stress und Depression

In schwierigen Lebensphasen kann Yoga eine besonders...

Was bedeutet Ahimsa?

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv - Respekt...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallenEmpfohlen
Unsere Tipps