Interview // Twee Merrigan

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Während ihrer dreijährigen „Soul Connections Tour“ bringt Twee Merrigan Prana Flow Yoga in die Welt. Analog zu ihrem fließendem Yogastil bildet ihr Nomaden-Leben die Basis für Verbindungen quer über den Globus – Engagement für zahlreiche Charity-Projekte inklusive.

YOGA JOURNAL: Twee, Du nennst Deine Workshops „Fluid Power“. Spielst Du auf die Analogie zwischen Prana Flow Yoga und Wasser an?

Twee Merrigan: Der Fokus liegt auf Wasser, weil ich finde, dass viele Yogastile regelrecht „austrocknen“, ähnlich wie bei Flüssen, die klimabedingt verschwinden. Vorgänge, die in der Natur geschehen, lassen sich auf Yoga übertragen – eben auch im negativen Sinne. Ich habe oftmals den Eindruck, Yoga ist im Konsum erstarrt. Dabei ist er doch konstant in Bewegung, er pulsiert regelrecht. Deshalb geht die Analogie über die Wasser-Verbindung hinaus: Fluid Power bezieht sich auf die gesamte Natur. Die Bewegungen im Prana Flow reflektieren die Elemente der Natur. In der gesamten Tier- und Pflanzenwelt sind wellenartige Bewegungen zu finden, die wir übernehmen.

YJ: Wie sieht das konkret auf der Matte aus?

TM: Bei uns laufen die Asana-Sequenzen nicht von A nach B – vom Aufwärmen über Rückbeugen Twists bis zu Vorwärtsbeugen – ab. Wir nehmen dagegen die Asanas wieder auf, kehren zu ihnen zurück. Das ist unser Prinzip, unsere „Wellen-Theorie“. Indem wir die Asanas wiederholen, steigen wir ein in eine wellenartige Bewegung. Es sind zwar die gleichen Haltungen – aber immer anders. Das Empfinden der Asanas verändert sich mit jeder Welle. Je nachdem, in was für einer Verfassung man sich befindet, wird die Praxis herausfordernder oder entspannter – abhängig von der entstehenden Energie. Nach der dritten oder vierten Welle kann der Körper schließlich sein volles Potential entfalten.

YJ: Du sagst, im Prana Flow-Yoga geht es nicht um die perfekte Ausführung der Haltungen.

TM: Richtig. Für mich ist es nicht wichtig, ob meine Schüler irgendwann ein perfektes Trikonasa beherrschen. Es geht vielmehr darum, wie Prana Flow die innere Entwicklung der Person in einer Haltung fördert. Das wesentliche für mich ist, dass meine Schüler den Moment fühlen. Spüren sie den Zustand, in dem sie sich befinden? Sie sollen ihre Konzentration auf sämtliche Abläufe einer Asana richten. Wie komme ich hinein, wie ist es, wenn ich drin bin und wie fühlt sich das Auflösen der Position an? Was geschieht in diesen Momenten mit mir? Dieses ganz bei sich sein – das ist es, was ich bei meinen Schülern erreichen möchte. Viele versuchen die perfekte Haltung zu erreichen und haben Schmerzen dabei. Sie sind genervt oder frustriert und warten darauf, dass ihr Körper die perfekte Asana beherrscht. Dieses Warten ist verschwendete Zeit und sollte auf keinen Fall das Ziel der Praxis sein. In meinen Stunden spielt deshalb Humor eine große Rolle – kombiniert mit Musik, Poesie, Gesang und Farben.

YJ: Du bittest Deine Workshop-Teilnehmer sich in weiß, grün oder blau zu kleiden – was steckt dahinter?

TM: Ich bin zwar kein Experte, aber die Wirkung von Farbtherapie auf die Psyche ist bewiesen. Meiner Meinung nach haben Farben Einfluss auf das gesamte Leben. Und da Leben für mich Yoga bedeutet und umgekehrt, finde ich sie sehr wichtig – speziell während des Übens. Das kennst du doch auch, oder? Du streichst dein Wohnzimmer gelb, und dann ist da diese warme Helligkeit, die dich gemütlich empfängt. Gelb hat eine bestimmte Frequenz, die deine Empfindungen positiv beeinflussen. Die Workshop-Farben sollen Assoziationen zur Natur hervorrufen und zusätzlich zu den Wellen-Bewegungen eine Verbindung zu ihr schaffen.

YJ: Du bist seit zwei Jahren auf deiner „Soul Connection Tour“, also ständig im Fluss. Wie beeinflusst das ständige unterwegs sein dein Yoga?

TM: (lacht) Oh, das ist eine komplexe Frage. Einerseit hat das Reisen mein Leben enorm bereichert. Zum anderen hat es mich bescheiden werden lassen. Es ist wie Michael Franti in einem seiner Songs beschreibt: „The more places I go, the less know“. Je mehr Länder, Orte, unterschiedliche Kulturen ich sehe, desto mehr wird mir klar, wie wenig ich weiß.
Ich hatte noch nie festgelegte Regeln oder Grundsätze, was Yoga angeht. Der konstante Fluss, in dem ich mich auf Reisen befinde, spiegelt sich in meinem Yoga genauso wie in meinem Unterricht wider. Ich habe vorher meistens keine Ahnung, was ich machen werde. Meine Stunden gestalte ich sehr intuitiv – abhängig von den Menschen, dem Ort und dem Moment. Letztes Jahr war ich in Afrika bei den Massai. Von ihnen habe ich einen Tanz gelernt. Dabei galt: Je höher die Männer springen können, desto mehr Frauen bekommen sie. Diesen Tanz habe ich danach in meinen Unterricht eingebaut. So entwickeln sich großartige Verbindungen quer durch die Kulturen. Wir atmen uns gegenseitig: Mein Ausatem ist dein Einatem und umgekehrt. Ich begegne so vielen Menschen mit tollen Ideen. Diese Erfahrungen schaffen Inspiration für andere. Damit diese Gedanken möglichst viele Menschen erreichen, trage ich sie weiter in andere Länder und Kulturen. Dieses Teilen schafft Verbundenheit und zeigt: Wir sind alle auf der gleichen Reise.

YJ: Hast Du ein persönliches Ziel, dass Du während deiner Tour verfolgst?

TM: Nein, ich habe keinen Plan. Ich weiß, dass ich Menschen berühren kann, genauso wie ich schon oft berührt wurde. Die Verbindung von Herzen ist unbezahlbar – dass ist mein Ansatz, da steckt all meine Leidenschaft drin. Ich möchte Verknüpfungen schaffen und Menschen inspirieren, auf eine innere Reise zu gehen. Ich möchte dabei helfen, Energien frei zu setzen und sie zu kanalisieren, bevor sie auf der Strecke bleiben. Wenn diese Energien einmal freigesetzt sind, sollte man zuerst sich selbst damit Gutes tun und sie dann in die Welt tragen. Erst wer mit sich selbst im Reinen ist, kann auch anderen helfen. Es ist wie in diesem Country-Song (singt) „Looking for love in all the wrong places, looking for love in too many faces.“ Du hast ewig gesucht und dann bemerkst du auf einmal, dass die Liebe überall ist. Wie auch immer du es nennen magst – Gott oder die universelle Energie – es füllt dich und deine Umgebung komplett aus. Ich möchte den Menschen helfen, genau das zu entdecken. Wobei ich dieses Anliegen nicht nur auf mich beschränken möchte. Jeder ist dazu in der Lage, andere zu inspirieren. Selbst wenn du noch nicht weißt, was deine Gabe ist – bleib dran! Es ist wichtig, etwas zu tun und sich zu entwickeln, zu wachsen oder einfach nur bewusst zu sein.

YJ: Hast du dich inzwischen an Dein Nomaden-Leben gewöhnt?

TM: Nein, daran werde ich mich niemals gewöhnen.

YJ: Vermisst Du NY oder einen festen Platz, ein Zuhause?

TM: Im Moment habe ich tatsächlich keine eigene Wohnung mehr, ich zahle im wahrsten Sinne des Wortes nirgendwo Miete. All meine Möbel sind bei meinen Eltern. Ich lebe aus dem Koffer und reise mit wenig Gepäck. Nach und nach ist Yoga zu meinem Zuhause geworden. Obwohl ich ständig unterwegs bin und auch mein Yoga ständig im Fluss ist, bildet es für mich in dieser Hinsicht eine Konstante. Aber natürlich habe ich Momente, in denen ich traurig und frustriert bin, weil ich schon wieder packen muss. Aber das ist okay.

YJ: Ein weiteres Anliegen Deiner Tour sind die zahlreichen Charity-Projekt, die du unterstützt. Du engagierst dich für hilfsbedürftige Menschen und die Umwelt.

TM. Ja, das ist mein Mantra letztes Jahr geworden: „Was tust Du für die gute Sache?“ Wir sind aufgerüttelt – mehr und mehr Menschen empfinden ein Bewusstsein für die Gemeinschaft im kleinen und die Gesellschaft im größeren Rahmen. Sie fragen sich, was sie tun können. Auf meiner Reise erlebe ich unendlich viel Unterstützung und Begeisterung. Viele Schüler haben Projekte übernommen und weiter betreut.

YJ: Wie suchst Du die Projekte aus, die du unterstützt?

TM: An die gerate ich oft über Begegnungen mit Menschen, die mir davon erzählen oder sogar involviert sind. Es bleibt also nicht bei einem abstrakten Namen oder Orten, sondern ich weiß genau, wen ich unterstütze. Im ersten Jahr war das etwa der Kenya Education Fund, der Gründer ist ein Freund von mir. Das war übrigens der Grund meiner Afrika-Reise. Im Moment unterstützen wir Amnesty International. Wobei mein Team und ich nicht einfach nur Geld spenden. Wir besuchen die verschiedenen Projekte und helfen vor Ort, indem wir Yoga unterrichten. Wir waren erst kürzlich auf Bali in einem Waisenhaus. Wir hatten soviel Spaß mit den Kindern – und sie mit uns. Vielleicht wird ja mal eines von ihnen ein begeisterter Yogi.

Interview: Monique Opetz

Twee Merrigan, Prana Flow Senior Teacher, absolvierte ihre Ausbildung bei Yorigaj Alan Finger (ISHTA Yoga) in New York und bei Shiva Rea in Kalifornien. Seit über zwei Jahren reist Twee um die Welt und unterrichtet im Rahmen ihrer „Soul Connection Tour – Staying Wide Awake!“  zahlreiche Workshops und Teacher Trainings. Twee engagiert sich aktiv in globalen und lokalen Projekten zur Unterstützung benachteiligter Menschen und der Umwelt.