Wo die Götter Urlaub machen – Reisetipp Türkei

146

In möglichst naturbelassener Umgebung Yoga praktizieren und sich eine Woche Auszeit gönnen: An der lykischen Küste findet man im Seminar-Center Olympos Mitos die Ruhe, nach der man sich oft so sehr sehnt …

Noch heute schlagen mancherorts „die ewigen Feuer der Chimäre“ aus dem Erdreich, die nach einem dramatischen Kampf gegen Sisyphos’ Enkel von den Göttern in der Unterwelt eingeschlossen worden war. Laut Überlieferung wird das Ungeheuer erst dann wieder entfesselt, wenn ein schrecklicher Herrscher das Land unterjocht, um ihn samt Gefolge zu vernichten. „Wenn Sie also nach Chimera kommen und keine Flammen entdecken können, dann hat sich das feuerspeiende Mischwesen wahrscheinlich schon auf den Weg Richtung Ankara gemacht…“, erzählt uns unsere Reiseführerin, als wir in den Ruinen von Olympos stehen. Das Lachen bleibt einem angesichts der aktuellen politischen Lage in der Türkei zwar beinahe im Halse stecken, aber ich bin trotzdem und im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme für die Geschichten und die traumhafte Landschaft an der südlichen Westküste der Türkei.

Der Weg vom Seminarcenter zur weiten Bucht mit ihrem türkisfarbenen Wasser schlängelt sich 2,5 Kilometer zwischen kulturträchtigen Ruinen, schattigem Grün, Granatapfelsaftständen und den für die Gegend berühmten „Tree Houses“ an einem malerischen Bachlauf entlang. Wer will, kann von hier aus auch auf dem Lykischen Weg wandeln, der als einer der zehn schönsten Fernwanderwege der Welt gilt. Sobald ich den ersten Fuß über die liebevoll gestaltete Anlage des Seminarcenters Olympos Mitos gesetzt habe, fallen Alltag und Großstadtstress augenblicklich von mir ab. Es duftet nach Zedernholz und unbekannten Blumen. Im großen Garten zwischen den 28 kleinen Holzhäuschen laden ein paar Pavillons (türkische „Kösks“) zum Verweilen ein und auf der Terrasse meines Bungalows hat sich ein glänzendes und sehr glücklich dreinschauendes Huhn auf dem Sessel gemütlich eingerichtet. Der innere Lärm verstummt. Nur noch das Quaken der Frösche, das Krähen der Hähne und der Ruf des Muezzins klingt in meinen Ohren. So simpel kann Entschleunigung also sein. Da stehe ich morgens auch gerne um 6.30 Uhr auf, um mich mit einer Tasse Kräutertee auf dem Weg zum Yogahaus zu machen, das ein Stückchen weiter oben am Hang liegt und den Blick ins grüne Tal eröffnet.

Die Münchner Yogalehrerin Petra Kobel, die bei Neue Wege regelmäßig als Referentin Reisen leitet und unsere Gruppe diese Woche täglich vier Stunden lang unterrichtet, empfängt uns jeden Morgen und jeden Abend mit einem Strahlen im Gesicht, das davon zeugt, dass sie in ihrem Beruf ihre Berufung gefunden hat. Das spürt man auch in ihrem Unterricht sofort. Mit sanftem Gleichmut schafft sie es, allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen gerecht zu werden, was in unserer recht heterogenen Gruppe gar nicht so einfach sein dürfte. „Seid einfach präsent und schaut, was mit euch geschieht. Und wenn es euch zuviel wird, dann übt einfach mental mit“, sagt sie – und meint es auch so. Auf jeden geht sie individuell ein, integriert Asanas nach Wunsch in ihr Programm, macht die Musik an und wieder aus, verlegt die Stunde spontan aufs Dach der Yogahalle, wenn das Wetter es zulässt. Sie lässt uns in kürzester Zeit sowohl wachsen als auch tiefer in unsere Praxis gehen. Als ich es nach Jahren plötzlich ohne Anstrengung schaffe, in Hanumanasana (Spagat) zu gleiten, ist mir klar, dass hier etwas Besonderes passiert, das man mit Worten nicht beschreiben kann. Mit Sicherheit hat es etwas mit Vertrauen und der Kunst des Loslassens während den Meditation zu tun.

Man merkt dem Olympos Mitos und seinen Mitarbeitern an, dass „Nachhaltigkeit“ hier kein leeres Marketing-Wort ist. Der Pool aus Naturstein hinter dem Haupthaus etwa ist mit Quellwasser gespeist; ein großer Teil des Stroms wird mithilfe von Solarkollektoren erzeugt, Obst und Gemüse für das reichhaltige und vorwiegend vegetarische Frühstücks- und Abendbuffet kommt von kleinen Märkten der Region und direkt vom Erzeuger, Müll wird weitestgehend vermieden und die Angestellten sind allesamt Einheimische. Seit etwa einem Jahr wird die Anlage exklusiv von den Reiseanbietern ReNatour und Neue Wege genutzt, für die Umweltschutz und der Erhalt sozialer Strukturen in den Gastländern im Mittelpunkt des Angebots stehen. Mit diesem Wissen im Gepäck verlasse ich Olympos Mitos nach sieben Tagen schweren Herzens, aber mit einem sehr guten Gefühl. Wäre ich eine griechische Göttin, ich würde meinen (Spät-) Sommersitz auf jeden Fall in die Türkei verlegen.

Von Verena Kling