Yoga für Kletterer – Die Theorie

753
© Cory Richards

Klettern und Yoga haben vieles gemeinsam: zum Beispiel die enge Verbindung von Körper und Geist, das Spiel zwischen Kraft und Beweglichkeit oder das Spannungsverhältnis zwischen stabilem Halt und dem Mut zu neuen Perspektiven. Wir finden: Diese Kombination rockt!

Wer öfter mal in die Kletterhalle geht, hat es vielleicht schon bemerkt: Immer häufiger blitzen aus den Ausrüstungstaschen der Climber zwischen Seilen, Gurten und Magnesiumbeuteln auch Yogamatten hervor. Sogar spezielle Yogabücher und -Kursangebote für Kletterer gibt es bereits. Kein Wunder: Wie kaum eine andere Ausgleichssportart (wenn man Yoga denn darauf reduzieren mag) verleiht die Asanapraxis Kletterern genau die Fähigkeiten, auf die es in der Vertikalen ankommt: Gleichgewichtsgefühl, Beweglichkeit und eine kraftvolle Rumpfmuskulatur. Lydia Zamorano, eine aus Ontario stammende Yogalehrerin und passionierte Kletterin, sieht aber auch den umgekehrten Effekt: „Yoga lehrt dich, deine Kraft effizient und entspannt einzusetzen. Dein zentrales Nervensystem bleibt im Ruhemodus, so kannst du intelligenter reagieren. Beim Klettern kann ich das ganz unmittelbar anwenden und vertiefen, denn es ist ein ständiges Lösen von Problemen: Wie kann ich den nächsten Griff erreichen? Wie kann ich mit einem Maximum an Effizienz und einem Minimum an Anstrengung eine neue körperliche Aufgabe bewältigen?“

Kennen Sie das Gefühl, wenn sich eine Haltung so mühelos anfühlt, dass Sie sich darin fast schon ausruhen? Oder wenn man die bekannte Abfolge der Vinyasas wie eine Erholung wahrnimmt, nachdem man neue, komplexe Bewegungsabläufe geübt hat? Nach dem gleichen Prinzip gelingt es auch Kletterern, sich geschmeidig und kräfteschonend zu bewegen: Sie richten ihre Körperteile intelligent zueinander aus, sie probieren Neues und schaffen sich inmitten von längeren Routen Ruhe-Inseln und optimieren so die Übergänge zwischen einzelnen Bewegungen immer weiter. Auch Lydia Zamorano weiß: „Meine Yogapraxis hilft mir enorm, mich effizient zu bewegen, weil ich dabei lerne, den ganzen Körper einzusetzen, anstatt einseitig bestimmte Muskelgruppen zu benutzen. Yoga gibt mir das Gefühl, ein Körper, ein großer Muskel zu sein.“ Yogaübungen wie die Heldenhaltung II mobilisieren die Hüften und helfen Kletterern so, ihren Körper dichter an die Wand zu bringen. Asanas wie nach oben schauender Hund oder Kuhkopf dehnen Rücken und Schultern und weiten die Brust – was ziemlich hilfreich ist, wenn man sich immer wieder aus der Kraft der Arme und Schultern heraus nach oben ziehen will. Überhaupt ist Yoga das beste Mittel gegen muskuläre Dysbalancen: Es kräftigt den gesamten Rumpf, von der stützende Muskulatur der Wirbelsäule über die queren Bauchmuskeln bis hin zum Beckenboden.

Yogis sind durch ihre Asanapraxis also körperlich prädestiniert zum Klettern. Noch wichtiger als Kraft, Balance und Beweglichkeit sind aber zwei andere Qualitäten: Konzentration und die beruhigende Kraft des Atems. Sportkletterei ist nicht ungefährlich, schon ein Moment der Unachtsamkeit oder ein Anflug von Panik kann schlimme Folgen haben. Man muss also lernen, wie ein echter Yogi die Ruhe zu bewahren und in jedem Moment ganz bei der Sache zu sein. Kein Wunder, dass sich für Lydia Zamorano der Schwerpunkt mit der Zeit verschoben hat: „Ich habe vor zwölf Jahren mit Yoga begonnen, um besser zu klettern. Jetzt klettere ich, um meine Yogapraxis zu unterstützen. Das Draußensein in den Bergen ist eine wunderbare Ergänzung zu den innerlichen Erfahrungen, die ich auf der Yogamatte mache. Außerdem fordert mich das Klettern immer wieder dazu auf, meine Komfortzone zu verlassen, eine Umgebung aufzusuchen, die ich nicht kontrollieren kann und in der Verbindung mit der Natur Neues – und vielleicht auch mal Riskantes – auszuprobieren.“


Hier finden Sie eine Praxisstrecke, die Sie perfekt auf die nächste Klettertour vorbereitet! (ab 11. Oktober 2017)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here