Yoga und Nachhaltigkeit

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Yoga und Nachhaltigkeit
Illustration: Carla Schostek

In jeder noch so unbedeutenden Ansprache ist von Nachhaltigkeit die Rede. Kein Politiker, kein CEO, keine Werbebotschaft spart das Thema aus. Doch die Ergebnisse dieses Hypes fallen oft spärlich bis katastrophal aus. Wie sieht es aber beim Thema Yoga und Nachhaltigkeit aus? Was sich Wirtschaft und Staat auf die Fahnen geschrieben haben, ist im Yoga vielleicht eine der wichtigsten Nebenwirkungen.

Eines steht fest: Gäbe es eine Top-Ten-Liste mit Begriffen, die einem hohen Abnutzungsrisiko ausgesetzt sind, stünde “Nachhaltigkeit” sicherlich auf einem der vordersten Ränge. Was die Glaubwürdigkeit des Wortes gefährdet, ist die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Bedeutung und dem, was uns Vertreter des öffentlichen Lebens täglich vorleben. Der “Rat für Nachhaltige Entwicklung“, ein von der Bundesregierung einberufenes Gremium, definiert das Wort übrigens wie folgt: “Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.”

Nachhaltigkeit unterliegt der freien Marktwirtschaft

Durch nachhaltige Strukturen sollen also unterschiedliche Ebenen in unserem Leben verbessert werden und erhalten bleiben. Im Mittelpunkt stehen dabei immer Mensch und Umwelt, nicht Profit und Zerstörung. Nachhaltige Strategien und Anstrengungen unterliegen jedoch nicht selten der Profitgier und den finanziellen Rahmenbedingungen der freien Marktwirtschaft oder des Staates. Der Ölriese BP beispielsweise betont auf der Firmen-Website leidenschaftlich sein soziales und ökologisches Engagement. Gleichzeitig ist der Ölproduzent für die wohl größte Umweltkatastrophe der USA verantwortlich. Seit der Explosion der Bohrinsel “Deepwater Horizon” sind Expertenschätzungen zufolge etwa 15 bis 20 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko geflossen.

Es sollte also nicht weiterhin ­verwundern, wenn Umweltschutz und Sozialreformen das ­erfahren, worunter die Kulturlandschaft in Deutschland und an anderen Orten immer wieder zu leiden hat: Sie werden eingespart oder nicht ausreichend zum Wohle von Mensch und ­Umwelt umgesetzt.

Sehnsucht nach anhaltendem Wandel

Trotzdem: Dass man außerhalb der konventionellen CEO-Interessen und Politikerreden in Zeiten des Wahlkampfes ­immer wieder auf das schöne Wort stößt, spiegelt die Sehnsucht der zivilen Gesellschaft nach einem wirkungsvollen und ­anhaltendem Wandel auf vielerlei Ebenen wieder. Schon ­lange, bevor die Nachhaltigkeit in Mode gekommen ist, waren unzählige Initiativen auf diesem Gebiet tätig. Und täglich werden es mehr, um den ­Herausforderungen der modernen Welt für Mensch und Umwelt gerecht zu werden. Egal ob Politiker, Umweltschützer und Gewerkschafter, alle sind sich einig: Das ­Engagement auf sozialer, ökologischer und ­ökonomischer Ebene muss sich verstärken.

Yoga und Nachhaltigkeit

Worin aber liegt nun der Nachhaltigkeitsaspekt im Yoga? Gibt es so etwas wie nachhaltiges Yoga, “sustainable Yoga” – ein Begriff, der im US-­amerikanischen Sprachgebrauch öfter auftaucht? Hat Nachhaltigkeit im Yoga etwas damit zu tun, wie oft ich zuhause oder im Studio übe? Oder mich mit den Yoga-Sutren auseinandersetze? Kann man mit Yoga die Umwelt schützen? Wäre sogar in dieser Sphäre Müll zu trennen? Als ich die Arbeit für diesen Beitrag begann, unternahm ich vielleicht den Fehler, das Thema von einer ungünstigen Warte aus zu betrachten. Der Begriff “nachhaltiges Yoga” wollte für mich keinen rechten Sinn ergeben. Das würde ja bedeuten, dass manche Yoga-Richtungen nachhaltiger sind als andere. Damit würde die Methode jedoch an Glaubwürdigkeit ­verlieren und zu Grabenkämpfen in den ­verschiedenen Yoga-Lagern verführen. Yoga ist für mich außerhalb der Verbesserungs­spirale anzusiedeln, die den Nachhaltigkeitsboom so sehr umgibt. Es gibt nichts zu verbessern am Yoga, es steht so klar und strahlend für sich, dass sogar ­Atomkraftbefürworter vor Neid erblassen müssten.

Yoga: Kompost für emotional Unausgereiftes?

Die Intention, die wir mit zum Yoga bringen, setzt unseren ganz persönlichen Nachhaltigkeitsaspekt fürs Leben. Die nachfolgende Situation ist typisch für viele Yogis: Am Anfang waren die Rückenschmerzen, die uns auf die Matte geführt haben. Ein paar Monate später wechseln wir endlich zum Ökostromanbieter, flicken die platten Reifen unseres Drahtesels und denken über alternative Lebensentwürfe nach. Über kurz oder lang bleibt niemandem das weitreichende Potenzial von Yoga verborgen. Yoga und Nachhaltigkeit gehen irgendwie Hand in Hand.

Für mich ist Yoga mittlerweile so etwas wie ein emotionaler Komposthaufen: Auf den kann ich alles gefühlsmäßig Unausgereifte kippen, dort wird es zersetzt und nach einer Weile entsteht etwas Neues, hoffentlich Gutes. Wir können uns Yoga hingeben und darauf vertrauen, dass sich unser Leben ­verändern wird. Es ist eine allmähliche, jedoch stetige Entwicklung. Die positive Nebenwirkung dabei ist, dass sich meine Um- und Nachwelt immer weniger von meiner Existenz bedroht fühlen muss.

Yoga zuhause üben – fehlt da nicht etwas?

Nur in Gedanken darin zu schwelgen, was Yoga für unser Leben bedeutet, reicht natürlich nicht aus. Yoga will praktiziert und als Konsequenz auch umgesetzt werden – und zwar regelmäßig. Damit fangen wir am besten gleich zuhause an. Die meisten kommen zum ersten Mal im organisierten Umfeld eines Studios mit Yoga in Berührung. Vor dem regelmäßigen Ausrollen der Matte in den eigenen vier Wänden jedoch schrecken viele von uns zurück. Kein Wunder: Die Daheim-Praxis fühlt sich oft so an wie Autofahren mit angezogener Handbremse. Langsam stottern wir uns voran, wissen nicht so recht, welche Asana-Sequenzen wir als nächstes üben sollen. Schon wieder den Sonnengruß? Also gut – und schon klingelt das Telefon. Danach wieder auf die Matte zurückzufinden ist nicht einfach, der Flow ist verschwunden. Schuldbewusst rollen wir unsere Matte wieder ein und verschieben eine etwas konzentriertere Heimpraxis auf unbestimmt. Wenn es jetzt richtig dumm läuft, tritt uns zu guter Letzt auch noch der innere Zensor gehörig auf die Füße: “Und du willst ein Yogi mit einer hingebungsvollen Praxis sein? Dir fehlt es mal wieder an Durchhaltevermögen”, flüstert er gemein.

Ich habe gelernt, meine Erwartungen an das, was ich zuhause auf der Matte tue, einfach zu reduzieren. Das Credo: Die Heimpraxis gehört mir! Da darf ich machen, was ich will, mit Musik oder ohne, zehn verschiedene Asanas oder auch nur eine. Hauptsache, ich bin auf der Matte! Es ist gar nicht notwendig, ein 90-Minuten-Äquivalent für die Unterrichtseinheiten im Studio zu finden. Auch wenn es sich bisweilen holprig anfühlt, so wissen wir: Es kommt alles einem guten Zweck zugute.

Heimpraxis: Ruhig und unspektakulär

Aha-Erlebnisse auf der Heimmatte bleiben im Übrigen nie aus. Es sind meist die kleinen Augenblicke, die uns erst auf den zweiten Blick wichtige Erkenntnisse liefern: Da nimmt man zum ersten Mal den inneren Oberschenkel des gestreckten Beines wahr und begreift die Dimension dieser Anweisung, die man zuvor schon hundertmal im Unterricht gehört hat. Oder man erkennt, wie wichtig der Kraftaufbau in der Hüfte ist, um Ardha Chandrasana halten zu können. Wie während einer Sonnengruß-Sequenz plötzlich der Atem fließt, ohne dass man sich dafür am Nebenmann ­orientieren muss. Die Heimpraxis läuft ruhiger und ­unspektakulärer ab als im Studioalltag – aber sie ist nicht weniger wichtig.

Mit ihr ehren wir nicht nur die Tatsache, dass wir uns regelmäßig einer Lehre hingeben, die sich der Transformation unserer körperlichen und seelischen Zustände verschrieben hat. Wir gedenken darüber hinaus auch der wechselseitigen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Das Übermittelte zuhause verfeinern und vertiefen zu wollen: Welcher berufene Yoga-Lehrer träumt nicht von solchen Schülern? Unsere eigene Praxis ist eine Möglichkeit, etwas davon zurückzugeben. Und wem partout keine Übungssequenz einfallen will, fragt einfach einmal im Yoga-Studio seines Vertrauens nach.

Nachhaltiges Leben: Yoga-Studios in der Pflicht

Wo Yogis aufeinandertreffen, wird leidenschaftlich über Yoga philosophiert und diskutiert. Dieses ganz offensichtliche Bedürfnis spiegelt sich jedoch selten in den wöchentlichen Angeboten der meisten Yoga-Studios wieder. Es fehlen beispielsweise die regelmäßige intensive Auseinandersetzung mit Patanjalis Yoga-Sutren, der Yoga-Mythologie und -Philosophie oder der Meditation. Genau auf diesem Gebiet jedoch gibt es eine ­Menge über Nachhaltigkeit zu lernen.

Der normale Unterrichtsbetrieb bietet Kurse für alle Altersgruppen und körperlichen Verfassungen an: Yoga für Alle eben. Yoga für Schwangere, ­postnatales Yoga, Yoga für Kinder, Stress- und Rückenschmerzgeplagte. Yoga für Frauen mit hormonellen Beschwerden und ­Menschen ab 50. Viele Kurse werden auch auf Spendenbasis angeboten. Mediationskurse beispielsweise findet man oft nur in Form von Wochenend-Workshops mit Gastlehrern. Der Workshopcharakter, den viele der Yoga-Aspekte haben, erweckt leicht den Eindruck, dass diese Glieder außerhalb von Yoga ­anzusiedeln sind. Oder zumindest nicht so wichtig wie das ­Praktizieren von Asanas sind.

Yoga muss mehr sein

Natürlich kann nicht jedes Yoga-Studio dieser Republik ­sämtliche Yoga-Aspekte im wöchentlichen Stundenplan ­abbilden. Die großen und bekannten Studios sollten sich dies jedoch zum Ziel setzen. Außerdem setzt ein umfassender Stundenplan genau jene Qualitätskriterien, die in der Yoga-Landschaft oft schmerzlich vermisst werden. Als Ausbildungsbetrieb ist man so beispielsweise gegen den Vorwurf gefeit, nur eine “Yoga Light”-Ausbildung anzubieten. Yoga und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Durch die Einbeziehung aller Yoga-Glieder in unsere Praxis – sei diese nun zuhause, im Studio oder auf einem Retreat – werden die Nachhaltigkeitsaspekte im Leben zusätzlich gestärkt und gefestigt. Und wie gut und schön klingt der ­Zusatz, mit dem so ein Yogastudio werben könnte: “Dies ist ein Ausbildungs- und Lehrbetrieb für ein nachhaltiges Leben.”


Drei Menschen, drei Meinungen: Yoga und Nachhaltigkeit

Nicola Knoch, Beraterin bei der Sustainable AG in München: “Nachhaltigkeit ist ein Prozess, bei dem wir Altes hinter uns und Neues entstehen lassen. Hinsichtlich der Herausforderungen wie dem sozialen Wandel oder dem Klimawandel stellt sich die Frage, wie die Welt aussehen sollte, in der wir morgen leben möchten. Je mehr wir bereit sind, diese Zukunft selbst zu gestalten, desto ‘nachhaltiger’ ist unser Beitrag.”

Annette Söhnlein, Inspired Anusara-Yogalehrerin in Berlin: “Nachhaltigkeit im Yoga bedeutet für mich ‘Action in Balance’. Ich pflege Körper und Geist auf einer tieferen Ebene, ohne andere dabei auszunutzen. Dieser Weg der Mitte schafft Bewusstsein für die Verknüpfung all meiner Gedanken und Taten mit denen des Universums. Yoga kümmert sich um mich und stärkt meine Weitsicht auf alle Dinge.”

Tom Beyer, Home Yoga Berlin: “Yoga zu leben, yogisch zu leben, heißt im Einklang mit unserer Umwelt, mit der Natur und auch mit unseren Mitmenschen zu leben. Achtsamkeit, Gewaltlosigkeit, Respekt und Toleranz auf allen Ebenen sind dafür notwendig. Das Gleiche gilt für nachhaltiges Leben und Wirtschaften mit Blick auf zukünftige Generationen: Dies erfordert ebenfalls Achtsamkeit und ein Bewusstsein, das über den eigenen Horizont, das eigene Ego hinausgeht. Ein echter Yogi lebt immer nachhaltig.”