Yoga und Schreiben – die große Freiheit

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Seinen individuellen Ausdruck finden, auf der Matte wie auf dem Papier – für Schriftstellerin Milena Moser („Schlampenyoga“) und Yoga-Lehrerin Barbara Immick eine selbstverständliche Kombination. In ihrem Schreibyoga-Workshop übertragen sie den Ansatz des Vini Yoga auf den Prozess des kreativen Schreibens. Dabei gilt: Die Bedürfnisse des Einzelnen sind wichtiger als die Lehre.

„Erst schreiben, dann denken!“ lautet Milena Mosers Methode, die sie zur Maxime des Schreibyoga-Workshops in der Yoga-Schule Hannover ausruft. „Die Putzfraueninsel“ machte sie zur Bestseller-Autorin und mit „Schlampenyoga oder Wo geht’s hier zur Erleuchtung?“ präsentierte sie ihre persönliche, höchst amüsante Auseinandersetzung mit der Yoga-Szene und Patanjalis Yoga-Sutra. Zu ihrem Workshop mit Barbara Immick sind Yoga-Anfänger, angehende Lehrer, professionelle Schreiber und Hobby-Autoren gekommen. Es schwirren Ideen für einen Roman, die Lust, Tagebuch zu führen oder ganz einfach der Wunsch, kreativ zu sein, durch den Raum. In den kommenden zwei Tagen werden die Schreib- und Yoga-Willigen jede Menge Texte verfassen, Yoga üben, Papier zusammenknüllen und zuweilen ratlos auf ihre Matten starren. Sie werden auf verblüffende Ideen stoßen, über wunderbare Textfragmente staunen und eine Ladung Inspiration und Motivation mitnehmen. Doch zunächst beginnt der Workshop mit einer Vini Yoga-Session.

YOGA JOURNAL: Was ist Ihr Ansatz beim Vini Yoga?
BARBARA IMMICK: Es geht darum, die passende Form zu finden und seine Grenzen zu erkennen. Es gibt kein „One size fits all“ und auch kein Gut oder Schlecht, weder im Yoga noch beim Schreiben. Es ist schon viel wert, auf ein ­bestimmtes Ziel in sinnvollen Schritten hinzuarbeiten. Sei es eine bestimmte Asana…
MILENA MOSER: …oder eine Textidee.

Was genau ist mit „passender Form“ gemeint?
B. I.: Im Vini Yoga versuchen wir, das Herz der Asana zu finden, zu berühren und zu erspüren. Im nach unten ­schauenden Hund ist das beispielsweise der gerade ­Rücken, ­unabhängig davon, ob die Beine gestreckt sind oder nicht. Es gilt, die Fülle der Asana zu erkennen und daraus zu schöpfen, sie dabei aber konstant zu hinterfragen: „Was passt heute für mich? Wie weit kann ich gehen?“
M. M.: Dieser Ansatz lässt sich eins zu eins aufs Schreiben übertragen. Man kann an Grenzen stoßen, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Daran scheitern die meisten Schreibwilligen. Die primäre Hemmung ist die Angst, etwas Schlechtes zu schreiben. Dabei geht es vielmehr darum, seinen individuellen Ausdruck zu finden. Und ich verrate ihnen etwas: Der erste Satz ist nie der erste Satz. In puncto Form gibt es beim Schreiben zahlreiche Möglichkeiten: Dem einen liegen eher Kurzgeschichten, dem anderen längere Texte. Auch hier gilt es herauszufinden, welche Form die passende ist.

Milena Moser erklärt ihre Herangehensweise mit dem „Häh-Effekt“ – beim Schreiben geschieht etwas, das man sich vorher nicht ausdenken kann. Die praktische Umsetzung erleben die Teilnehmer augenblicklich, indem sie von ihr vier Fragen erhalten und spontan aufschreiben sollen, was ihnen dazu in den Sinn kommt. Dieses intuitive, freie Schreiben soll den Prozess des Sich-Beobachtens, ohne sich zu bewerten, in Gang bringen. Angelehnt an die Yoga-Praxis sollen die Übungen so ausgeführt werden, wie es jedem Einzelnen in diesem Moment möglich ist.

M. M.: Wenn man wirklich schreiben will, muss man in Kauf nehmen, auch mal aufs Gesicht zu fallen. Man muss mit dem arbeiten, was man hat. Chaturanga Dandasana gelingt auch nicht gleich beim ersten Mal. Als ich angefangen habe, Ashtanga Yoga zu praktizieren, war meine Ausgangssituation: Couch Potato. Zu Beginn fiel es mir unheimlich schwer, mitzuhalten, aber mit genügend Praxis boten sich neue Möglichkeiten.

Kann man Schreiben „üben“?
M. M.: Durchaus! Nehmen wir Patanjalis Sutra „shtira sukham asanam“. Es geht darum, Ausgewogenheit zwischen Fokus und Leichtigkeit zu erreichen. Aufs Schreiben bezogen bedeutet das: In einer starren Struktur Freiheiten zu genießen. Ich empfehle meinen Teilnehmern, jeden Tag 20 Minuten zu schreiben. In dieser Zeit darf nichts anderes gemacht werden außer – und hier halte ich es wie der US-Schriftsteller Raymond Chandler – „sich in Verzweiflung am Boden zu schlängeln“. Dabei ist es egal, was in welcher Form geschrieben wird; das können Tagebucheinträge oder Alltagsbeobachtungen sein. Hauptsache, es etabliert sich eine gewisse Routine.
B. I.: Dieses Prinzip der Gegensätze begegnet uns beim Yoga als ständige Balance zwischen Kraft und Beweglichkeit oder Konzentration und Leichtigkeit. Das ist die Herausforderung beim Üben, wobei das Ziel nicht ein „endgültiges Ankommen“ ist. Vielmehr ist es ein konstantes Neuergründen des eigenen Zustands und der damit definierten Grenzen – abhängig von der Konstitution, die jeden Tag anders sein kann.

Die zweite Schreibübung ist inspiriert durch die Surrealisten und ihre „Écriture automatique“. Moser stoppt die Zeit. Die Teilnehmer haben sieben Minuten und dürfen währenddessen dem Bleistift keine Pause gönnen. Es gilt, ohne Unterlass zu schreiben und offen zu sein für das, was ihnen in den Sinn kommt. Auf dem Papier geht es zuweilen fantastisch zu. Die Ideen sind nicht immer realitätskonform, müssen sie auch nicht. In sieben Minuten entwickeln sich Love-Storys, wird der Fokus auf Erinnerungen gerichtet, werden detailgetreue Beobachtungen festgehalten und so manche Blockade gelöst. Wem nichts einfällt, der muss seinen Bleistift trotzdem beschäftigen. Aber genau darin liegt der Sinn: Orthografie, Grammatik, Interpunktion sind egal. Wortketten, Satzstücke und einzelne Wörter transportieren Bilder, Gefühle oder Zustände intuitiv und ohne kritische Selbstreflexion. Und schon sind die Teilnehmer im Flow der experimentellen Literatur. Moser hat sie geschickt hineinmanövriert.

Warum schreiben Sie?
M. M.: Meine Mutter hat einmal gesagt, wenn ich schreibe, bin ich am meisten ich selbst. Sie hat Recht. Schreiben ist der Ausdruck von dem, was man ist. Im Grunde genommen ist es die Analogie zum Herz der Asana – das Eigene zu finden und es mit Worten ausdrücken zu können. In seinem eigenen Stil und in der Form, die zu einem passt.

Sind damit auch Themen definiert?
M. M.: In gewisser Weise ja. Ich schreibe beispielsweise keine hochintellektuellen Abhandlungen, weil das nicht mein Material ist. Ich kann nicht über etwas schreiben, was ich nicht bin. Genauso wie ich im Yoga nur die Rückbeugen praktiziere, die mein Rücken aushält, kann ich nur über Themen schreiben, die ich als meine akzeptiere.
Sie finden zahlreiche Parallelen und Analogien beim Yoga wie beim Schreiben – worin liegen jedoch die Unterschiede?
M. M.: Beim Yoga sucht man die Balance zwischen Shtira und Sukha und findet sie ab und an. Beim Schreiben bleiben stets Zweifel. Aber genau das ist es, was das Wesen eines kreativen Geistes ausmacht – diese Unausgeglichenheit. Das Potenzial für kreative Tätigkeiten liegt darin, nicht eins zu sein mit sich und der Welt.

Ist Yoga dann nicht eher kontraproduktiv?
M. M.: Keinesfalls. Den größten Gewinn erziele ich auf mentaler Ebene und das, obwohl ich nicht meditiere. Ich erinnere mich an einen Meditationstag, der für mich schlicht und einfach die Hölle war. Ich schaffe es nicht, meinen „Monkey Mind“, die Affenstimmen, abzuschalten oder auch nur zu beruhigen. Stattdessen praktiziere ich viel Pranayama. ­Außerdem spielt die yogische Philosophie eine große Rolle in meinem Leben. Das Sutra über Avidya, die falsche Wahrnehmung, hat mich beispielsweise inspiriert, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Inwiefern hat Yoga ihr Schreiben beeinflusst?
M. M.: Wie schon gesagt, war mein körperlicher Zustand zu Beginn meiner Yoga-Praxis nicht der beste. Die positiven Veränderungen haben mir gezeigt, dass es sich auszahlt, ­Herausforderungen anzunehmen. Logischerweise gab es auch schlechte Tage. Nach Übungserfolgen wurde ich hin und wieder zurück katapultiert, mit der Konsequenz, dranzubleiben und es weiter zu versuchen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
M. M.: „Schlampenyoga“ hätte ich ohne meine Yoga-Praxis so nicht geschrieben. Und ich meine hier nicht die inhaltliche Ebene, es ist vielmehr die Form, auf die ich anspiele. Das Buch kommt ohne besondere Kunstgriffe aus. Den Mut, es aber genau so zu machen, hätte ich vermutlich ohne Yoga nicht gehabt. Ich habe es geschafft, mich nicht ständig zu vergleichen und habe einfach mein Ding durchgezogen.
B. I.: Sich vom Vergleichen zu lösen, ist eine Kunst. Auf der Yoga-Matte schielen viele Schüler zum Nachbarn und checken, ob sie alles richtig machen, vielleicht sogar besser sind. Höher, schneller, weiter – diese Einstellung entfernt uns von uns selbst. So ist es schwierig, seinen eigenen Weg zu gehen und seine individuellen Grenzen zu erspüren.

Während der Vini Yoga-Session bietet Immick stets drei Varianten der jeweiligen Asana an. Jeder übt nach seinen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Bei den Schreibübungen stehen Vergleiche auf dem Plan. So unerwünscht sie im Yoga sind, so elementar sind sie in der Literatur. Moser erzählt von Jugendlichen, die während des Projekts „Schulhausroman“ mit ihr zusammen eine Geschichte entwickelt haben. Mit ungeheurer viel Mut und Fantasie hätten die Schüler sich ins Schreiben gestürzt. Ihre Welt vermochten sie in Vergleiche wie „Ich fühle mich wie ein T-Shirt, das nicht gekauft worden war“ zu packen. Die Workshop-Teilnehmer versuchen es ebenfalls und bemerken, wie schwierig es sein kann. Danach dürfen sie den Blickwinkel wechseln und eine andere Perspektive einnehmen. Sie schlüpfen aus sich heraus und wahlweise in eine andere Person oder einen Gegenstand hinein.

M. M.: Schreiben bietet die Möglichkeit, andere Leben zu streifen. Dabei gilt es, seinen Figuren Freiheiten zu lassen. Ich weiß nie alles über meine Figuren und es bleiben immer gewisse Lücken. Genau wie im wahren Leben. Schließlich kenne ich meinen Mann, meine Söhne oder meine Mutter auch nicht in- und auswendig.
B. I.: Ich vermute, Vertrauen ins eigene Schreiben spielt eine große Rolle?
M. M.: Genau. In meinem letzten Roman gab es beispielsweise diese Figur, die eigentlich für eine Liebesgeschichte vorgesehen war. Doch plötzlich war sie tot. Menschen machen auf dem Papier, was sie wollen.

Frau Moser, Sie führen zusammen mit ihrer Kollegin Sybille Berg und der Literaturagentin Anne Wieser eine Schreibschule. Haben Sie zum Abschluss noch ein paar elementare Tipps?
M. M.: Schreiben muss Selbstzweck sein. Ich verfolge den Ansatz, mich nicht den Normen anzupassen. Schauen Sie nicht auf andere, finden Sie ihren eigenen Ausdruck. Ich halte es wie Desikachar: So wie Yoga dem Einzelnen dienen soll und nicht umgekehrt, so ist es mit dem Schreiben. Außerdem ist die Unterstützung Gleichgesinnter enorm wichtig. Finden sie einen Mittelweg zwischen Home Practice und Gruppenkurs. Man braucht immer mal wieder Leute, die einen antreiben. Und wie gesagt – kultivieren Sie ihre 20 Minuten tägliches Schreiben.

Illustration: Carla Schostek


Milena Moser lebte acht Jahre in San Francisco und entdeckte dort Ashtanga Yoga für sich. Die Schriftstellerin ist mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt. Barbara Immick ist Yoga-Lehrerin und ­Mitbesitzerin der Yoga-Schule Hannover.

 

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