Asana im Fokus: Krieger I – Virabhadrasana I

Virabhadra = Krieger; Asana = Haltung

Ganz ehrlich: Virabhadrasana I ist nicht gerade meine Lieblingshaltung. Ich finde sie schwierig und kämpfe oft mit ihren vielen, scheinbar widersprüchlichen Details. Wenn ich zum Beispiel versuche, den hinteren Fuß fest in den Boden zu schieben, geht mir das Anheben der Rippenbögen verloren. Und wenn ich mich bemühe, die Arme lang zu strecken, dann rundet sich die Brust. Ich verbessere ein Detail, verliere die exakte Ausrichtung in einem anderen Körperteil – und dann beginne ich, mich zu verspannen. Sie kennen das? Keine Sorge: Man kann Virabhadrasana I auch anders angehen.

Die wichtigste Aufgabe eines Yogi besteht darin, die ganzheitlichen Beziehungen zwischen allen Körperteilen wahrzunehmen. Und wenn wir von Beziehungen sprechen, geht es natürlich um Kommunikation. Alle Elemente einer Asana sprechen zueinander – und was noch wichtiger ist: Sie müssen auch aufeinander hören. Auf diese Weise kann der in den Boden schiebende hintere Fuß eine freundliche Einladung für die Rippen darstellen, sich zu heben. Und die sich weitende Brust schafft erst den Raum, damit sich die Arme lang strecken können. Wenn Sie diese Kommunikation zulassen, dann ist das Halten der Asana nicht länger Schwerstarbeit. Es wird zu einem tänzerischen Wechselspiel von Information und Reaktion.

Der physische Nutzen dieses Tanzes erstreckt sich auf den gesamten Körper: Fußgelenke, Waden und Oberschenkel werden intensiv gedehnt, Quadrizeps und Rückenmuskulatur gleichzeitig kraftvoll angespannt und diese straffende Anspannung setzt sich über die Schultern bis in die Arme hinein fort. Die Dehnung des Iliopsoas bereitet den Körper auf intensivere Rückbeugen vor und findet eine Entsprechung in der Öffnung von Bauch, Brust, Schultern und Nacken – sogar die Lungen bekommen ein Stretching.

Es passiert also eine ganze Menge. Kein Wunder, dass ich manchmal Lust habe, mich aus dem Raum zu schleichen, wenn der Krieger I an der Reihe ist. Ich tue es aber nicht. Ich bleibe auf meiner Matte und versuche, die Kommunikation in meinem Körper offen und mit ruhigem Geist stattfinden zu lassen: das Wechselspiel in der Arbeit von Armen, Beinen und Rücken und die Gedanken, die dabei aufsteigen. Indem Sie inmitten der widerstreitenden Kräften nicht nur äußere Stabilität, sondern auch innere Stetigkeit üben, kommen Sie in den Genuss des tieferen Nutzens von Virabhadrasana I: Sie entwickeln Zuversicht und den Mut, sich auch schwierigen Lebenssituationen zu stellen.

Tief geerdet
Zunächst erforschen Sie den Aufbau der Haltung in einer vorbereitenden Variante. Sie beginnen in Tadasana (Berghaltung) und legen die Hände an die Hüften. Drücken Sie das Becken kräftig nach unten. Spüren Sie, wie sein Gewicht über Beine und Füße nach unten abgeleitet wird und wie Sie sich dadurch im Boden verwurzeln. Schieben Sie alle vier Ecken der Füße gleichmäßig in den Boden: das Großzehengrundgelenk, das Kleinzehengrundgelenk, die innere und die äußere Fersenkante. Dann aktivieren Sie die Beinmuskeln, indem Sie sie wie lange Strümpfe an den Knochen nach oben ziehen. Diese aufsteigende Energie setzt sich an der Wirbelsäule entlang fort bis unter die Schädeldecke.

Jetzt machen Sie mit dem rechten Fuß einen Ausfallschritt nach hinten und beugen das linke Bein. Wählen Sie dazu einen für Sie bequemen Winkel, in dieser Variante müssen es noch keine 90 Grad sein. Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um wieder die Beinmuskeln zu aktivieren. Der hintere Fuß steht zunächst gerade, Sie drücken nur den Ballen fest in die Matte, die Ferse hängt in der Luft. Dennoch schieben Sie alle vier Ecken nach unten.

Krieger_1_Arme falsch
So Nicht: Krieger 1
Krieger_1_Arme_richtig
So: Krieger 1

Legen Sie den linken Daumen von außen in die linke Leistenbeuge und vertiefen Sie die Falte etwas, die vier anderen Finger liegen außen am Oberschenkel. Diese Hand hilft Ihnen, den vorderen Oberschenkel stabil zu halten, das Knie gerade nach vorne zeigen zu lassen und den Körper nach vorne auszurichten, wenn Sie nun den rechten Oberschenkel auswärts drehen, den Fuß etwa in einen 45-Grad-Winkel bringen und die Ferse flach aufsetzen. Dabei wird die rechte Hüfte etwas nach rechts gezogen. Vermeiden Sie aber, dass sich das ganze Becken mitdreht, sonst kommt zu viel Spannung ins vordere Knie. Um den hinteren Fuß eben aufzusetzen, breiten Sie den Kleinzehballen Richtung hinterer Mattenrand aus und schieben die Fersenaußenkante bewusst in den Boden. Spüren Sie, wie dieser Impuls dafür sorgt, dass sich die Beininnenseite bis in die Leiste hinein hebt?

Der Brustkorb zeigt gerade nach vorne, wenn Sie nun die gestreckten Arme nach vorne bis auf Schulterhöhe heben. Drehen Sie von den Daumen ausgehend die Arme nach außen, so dass die Handflächen nach oben zeigen. Sie strecken die Fingerspitzen weit in den Raum hinein, halten aber zugleich die Schulterblätter fest an den Rücken geschmiegt. Dann drehen Sie vom Ellenbogen ab nur die Unterarme wieder einwärts, bis sich die Handflächen ansehen, und beginnen, die Arme langsam bis in einen 45-Grad-Winkel zu heben. Vorausgesetzt, dass die Brust weit und der Nacken frei bleiben, können Sie die Arme auch bis auf Höhe der Ohren bringen. Den Unterschied sehen Sie deutlich auf den „So“- und „So nicht“-Abbildungen. Wenn Sie merken, wie das Anheben der Arme dazu führt, dass der Nacken zwischen den Schultern verschwindet, breiten Sie die Arme V-förmig aus, anstatt sie parallel zu halten.

Das Gespräch beginnt
Jetzt ist es Zeit, die Haltung genauer zu erforschen: Als erstes stellen Sie vielleicht fest, dass sich Ihre rechte Hüfte ziemlich weit nach außen drehen muss, damit der hintere Fuß flach auf dem Boden bleiben kann. Das ist okay. Bei vielen Menschen ist es nur so möglich, den hinteren Fuß zu verwurzeln, das Bein zu strecken und die Kniescheibe in die gleiche Richtung zeigen zu lassen wie die Zehen. Und das ist wichtig, um das Knie zu schützen.

Manche Leute behaupten zwar, das Becken müsse in Virabhadrasana I gerade nach vorne zeigen, doch leider gibt es viele Menschen, die diese Anweisung unmöglich ausführen können. Und es geht in dieser Haltung auch gar nicht um die Hüften, sondern um das Verhältnis zwischen aufwärts und abwärts wirkenden Kräften, zwischen Vorder- und Rückseite, zwischen Armen und Beinen, Rippen und Becken, Atem und Körper, Himmel und Erde. Anstatt sich also um exakt nach vorne ausgerichtete Hüftknochen zu sorgen, erforschen Sie lieber die Beziehungen zwischen Oberschenkeln, Becken und unterem Rücken und lernen, die verschiedenen Teile Ihres Körpers miteinander ins Gespräch zu bringen.

Verbindung herstellen
Vergewissern Sie sich, dass der hintere (also der rechte) Fuß fest im Boden verwurzelt ist und dass das gebeugte vordere Knie gerade nach vorne zeigt. Legen Sie die Spitze des rechten Mittelfingers von vorne auf den rechten Beckenkamm und den rechten Daumen genau oberhalb davon auf den untersten Rippenbogen. Dann streichen Sie mit dem Mittelfinger langsam Richtung Daumen und locken damit die Vorderseite des Beckens nach oben Richtung Rippen. Ein leichtes Anziehen des unteren Bauchs unterstützt diese Bewegung. Beobachten Sie, wie dabei das Steißbein ganz von selbst nach unten sinkt und wie Länge im unteren Rücken entsteht. Indem Sie das Schambein nach oben ziehen, zugleich das hintere Bein anspannen und den hinteren Fuß in die Matte schieben, schaffen Sie die Voraussetzung für eine gut gestützte, sichere Rückbeuge. Diese Rückbeuge dehnt die Körpervorderseite und den Iliopsoas, einen langen Muskel, der die Innenseite des Oberschenkels mit dem unteren Rücken verbindet.

Mit dem gut aufgerichteten Becken und der Weite im unteren Rücken wird es Ihnen leichter fallen, Bauch und Brust gerade nach vorne auszurichten. Durch diese Ausrichtung bekommt die Haltung eine kleine Drehung. Der Brustkorb rollt sich nach oben und weg vom hinteren Fuß. Vielleicht folgt dabei das Becken dem Brustkorb und die rechte Hüfte wandert wieder etwas nach vorne. Das ist an sich gut, stellen Sie aber nochmals sicher, dass das hintere Knie durch einen tief im Boden verwurzelten hinteren Fuß und ein kraftvoll gestrecktes Bein geschützt ist. Falls nicht, dann drehen Sie die rechte Hüfte lieber wieder etwas zur Seite auf. Experimentieren Sie mit den verschiedenen Feinheiten und finden Sie heraus, welche Ausrichtung für Sie am besten funktioniert, so dass alle Teile Ihres Körpers eine gesunde Beziehung zueinander aufrechterhalten können.

Nachdem Sie den Krieger I fünf bis zehn Atemzüge lang gehalten haben, kehren Sie in Tadasana zurück. Dann erforschen Sie die andere Seite und setzen das Gespräch zwischen den einzelnen Elementen der Haltung fort: Das hintere Bein schiebt sich in den Boden und die Rippen antworten, indem sie sich heben. Das gibt dem Brustkorb Weite, wodurch wiederum die Arme ermutigt werden, nach oben zu steigen. Es ist wie bei einer Kettenreaktion mit Dominosteinen: Jede Bewegung löst die nächste aus. Das hintere Knie sackt nach innen? Dann müssen Sie die Arme etwas nach vorne senken, damit der hintere Fuß wieder festen Kontakt zum Boden bekommt. Auf diese Weise wird der mittlere Rücken besser gestützt und die Brust kann sich umso weiter öffnen.

Die Kräfte in Fluss bringen
Wenn Sie sich bereit fühlen, tiefer in die Haltung hineinzuwachsen, dann beginnen Sie eine zweite Runde. Sie starten wieder in Tadasana mit auf den Hüften liegenden Händen. Ein Ausfallschritt bringt das rechte Bein nach hinten und Sie verwurzeln den schräg stehenden rechten Fuß tief und gleichmäßig in der Matte. Zugleich beugen Sie das linke Knie langsam in Richtung eines 90-Grad-Winkels, so dass der linke Oberschenkel parallel zum Boden steht, das Knie aber nicht vor die Zehen kommt. Lassen Sie sich Zeit: Die Sicherheit des hinteren Knies geht hier in jedem Fall vor. Dafür muss das hintere Bein kraftvoll gestreckt sein. Sobald das Knie nach innen sackt, beugen Sie das vordere Bein etwas weniger (oder verkleinern die Schrittweite) und schieben das hintere Bein wieder fest in den Boden.

Um den Quadrizeps des vorderen Beins nicht zu stark zu beanspruchen, lassen Sie die Beinrückseite einen Teil der Arbeit übernehmen. Dazu schieben Sie die Ferse des vorderen Fußes in den Boden und ziehen sie in einer äußerlich nicht sichtbaren Bewegung nach hinten. Dieser Impuls spannt die Muskeln an der Rückseite des Oberschenkels zum Knochen hin. Vielleicht spüren Sie diese feine Bewegung nicht auf Anhieb, aber lassen Sie sich nicht entmutigen.

Nun erzeugen Sie wieder Länge im unteren Rücken, indem Sie die Vorderseite der rechten Hüfte nach oben ziehen. Dann drehen Sie Bauch und Brust nach vorn. Wenn es sich für Sie ganz natürlich anfühlt, lassen Sie zu, dass das Becken dieser Bewegung folgt. Versuchen Sie aber nicht, das Becken mit Gewalt nach vorne hin auszurichten. Sobald Knie oder unterer Rücken sich ungut anfühlen, müssen Sie wieder etwas nachlassen und zu einem stabilen, für Sie angemessenen Aufbau der Haltung zurückfinden.

Von dieser soliden Basis ausgehend, heben Sie jetzt die Arme diagonal nach oben, drücken die Handflächen gegeneinander und strecken sich himmelwärts. Beobachten Sie sich sorgfältig: Wenn sich die Brust bei dieser Bewegung verengt, dann öffnen Sie die Arme lieber. Die Brust folgt den Armen, die wie das Schwert eines Kriegers gehoben sind. Nach einigen Atemzügen lösen Sie die Haltung auf, kehren zurück zu Tadasana und üben die andere Seite.

Soweit die Anleitung. Nehmen Sie so viel davon in sich auf, wie Sie können, aber dann lassen Sie Worte und Vorstellungen auch wieder los. Verabschieden Sie sich, so gut es geht, vom konzeptuellen Denken und kommen Sie zur sinnlichen Erfahrung, die immer nur gerade jetzt ist und alle Wahrnehmungen gleichwertig auffasst: brennende Muskeln, wundervolle Dehnung, kräftiges Schwitzen, die volle Atmung in den weit geöffneten Lungen – Sie bleiben ruhig und beobachten die feinen Veränderungen im Inneren.

Sanfte Variante
Sanfte Variante: Virabhadrasana I

Sanftheit und Furchtlosigkeit sind die Waffen eines Yoga-Kriegers. Immer geht es im Yoga darum, das Verhältnis zwischen den Gegensätzen auszuloten. Die starke körperliche Anspannung unterstützt dabei einen weiten, klaren Geist. Ein Yoga-Krieger ist tief geerdet und doch geschmeidig, so kann er der Welt begegnen, wie sie ist. Das ist der Grund, warum ich mich nicht aus dem Unterricht schleiche, wenn Virabhadrasana I an der Reihe ist. Ich hätte zwar gute Lust dazu, aber ich weiß, dass es viel besser ist, zu bleiben und ein bisschen loszulassen. Dann öffnet sich ein kleiner Spalt und dieser Spalt weitet sich zu einem Raum, in dem mein Geist Ruhe finden kann. Der innere Krieger erwacht – ein pulsierendes, klares Wesen, das die innere Dauerradiosendung abstellt und auf der Frequenz des Atems Himmel und Erde vereint.

Wirkungen
– Kräftigt den Quadrizeps
– Dehnt Fußgelenke und Waden
– Dehnt den Iliopsoas und die Körpervorderseite

Gegenanzeigen
– Knieschmerzen
– Bluthochdruck


Cyndi Lee ist Autorin, Künstlerin, Yogalehrerin und Gründerin des OM Yoga Center in New York.

Das goldene Zeitalter des Yoga ist – jetzt!

Gerne verwendet die Yogawelt Worte wie „alt“ oder „traditionell“, um bestimmte Aussagen zu vermarkten. Dadurch wird impliziert, dass uns etwas Essenzielles verloren gegangen ist und wir die Missstände der modernen Welt nur dann ausräumen können, wenn wir zu den alten Werten zurückkehren. Doch haben wir uns wirklich verirrt? War die Welt früher so viel besser? Und die Menschen weiser?

Da keiner von uns zur viel beschworenen „damaligen Zeit“ lebte, kann uns niemand eine glaubwürdige Antwort liefern. Wenn ich mir allerdings manche Gegebenheiten ansehe, die als Maßstab dienen könnten, glaube ich, dass wir heute eindeutig besser dran sind. Unsere Lebenserwartung, die Menschenrechte und die Möglichkeit, andere Kulturen und Ideen kennen lernen zu können, sind ein wesentlicher Fortschritt. Die heutige Zeit ist weitaus freundlicher zu Menschen mit Zahnschmerzen, zu Homosexuellen, zu Kritikern der vorherrschenden politischen Meinung oder denjenigen, die bestimmte Konzepte von Gott oder gar die Existenz Gottes in Frage stellen.

Angesichts der Missstände der modernen Welt ist allerdings auch nachvollziehbar, weshalb sich viele Menschen in eine nostalgische, mythische und vermeintlich tugendhafte Vergangenheit zurückträumen. Diese Zuflucht in Illusion und Wunschdenken ist allerdings unproduktiv und rückwärtsgewandt. Schließlich ist es gerade im Yoga wichtig, die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart, das Jetzt, zu richten. Die persönliche Innenschau umfasst zwar auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – allerdings nur, um sich von ihr zu befreien. Daher sollten die Versprechen rund um den Nutzen des Yoga auf den Erfahrungswerten unserer Zeit beruhen.

Überhaupt: Yoga, wie wir es heute kennen, ist alles andere als althergebracht. Yoga ist kein Museumsstück – die Praxis ist ein lebendiges, atmendes, und sich stets weiterentwickelndes Konzept. Die meisten Asanas wurden erst im 20. Jahrhundert entwickelt und befinden sich weiterhin in einem evolutionären Prozess. Während der vergangenen 100 Jahre haben die Ideen und Praktiken des Yoga mehr und mehr Menschen und heute sogar globale Relevanz erreicht. Das goldene Zeitalter des Yoga ist – jetzt!

Kirtan kommt aus dem Herzen
Mit der wachsenden Yoga-Community wird auch die Praxis des Kirtan immer populärer. Viele Übende kommen durch das Chanten in Berührung mit Bhakti Yoga. Die verschiedenen Ausprägungen und Stile des Kirtan werden immer zahlreicher. Parallel wird die Frage laut, worin die „wahre“ Tradition dieser Praxis besteht. Die Diskussion ist spannend und spricht für unsere dynamische und innovative Kultur. Dennoch finde ich es wichtig, darüber nicht die Intention und Wirkung aus den Augen zu verlieren. Kirtan (Sanskrit für „singen“) ist eine der ältesten Formen spiritueller Musik. In der westlichen Welt bringen wir unweigerlich unsere eigenen kulturellen Prägungen mit. Meine Absicht ist weniger traditionell, als vielmehr authentisch zu sein. Damit meine ich, dass das, was ich tue, aus meinem Herzen kommt. Yoga stärkt das Bewusstsein, dass alles eins ist. Vor diesem Hintergrund
ist ein Verschmelzen der östlichen Kirtan-Tradition – mit seinem Fokus auf der Auflösung des Individuums – mit westlichen Musiktraditionen wie Gospel, Jazz und Rock kein Widerspruch. Zwar steht bei Letzteren der Ausdruck des Individuums im Mittelpunkt, aber alle Richtungen entstehen aus demselben Impuls heraus: Das auszudrücken, was ekstatisch, befreiend und transzendent ist. Kirtan ist volkstümliche Musik, die im Rahmen der indischen Bhakti-Bewegung im 15. Jahrhundert entstanden ist. Ursprünglich wurde er von Sängern und Musikern praktiziert, die wenig formelle Ausbildung hatten. Die Bhaktis schrieben ekstatische Liebesgedichte, die dem Göttlichen gewidmet waren, und zogen singend umher. Ihre Botschaft war einfach, aber in einer Kastengesellschaft radikal: „Kultiviere und fördere Freude. Sieh das Göttliche im Anderen. Die Liebe macht uns alle gleich.“

Kirtan ist Innovation
Jede Neuerung, etwa die Erweiterung des Spektrums an Instrumenten, die im Kirtan zum Einsatz kommen, hat für Kontroversen gesorgt. Die Einführung der Sarangi, einem Streichinstrument, das der westlichen Viola ähnelt, sorgte für Entrüstung, da sie traditionellerweise in Bordellen gespielt wurde. Tablas stammen aus der musikalischen Kultur der Perser und wurden von muslimischen Mogulen eingeführt. Die Briten steuerten das Harmonium bei, das ursprünglich christliche Gesänge begleitete. Der Kirtan hat sie alle gleichermaßen integriert. Aktuell halten in der westlichen Welt Gitarre, Bass und Schlagzeug aus der Rockmusik, Violine und Cello aus der klassischen Musik, das Hackbrett aus der Tradition der Sinti und Roma, Trompete und Saxophon aus dem Jazz Einzug. Kirtan gibt ihnen allen Raum. Innovation und Synthese sind Teil seiner Tradition.

Die Absicht des Kirtan ist Bewusstseinsveränderung. Er lädt die Sänger ein, eins zu werden mit dem Gesang – ähnlich wie Regentropfen, die wieder Teil des Ozeans werden. Was mich besonders am Kirtan fasziniert, ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen dem Publikum und dem Künstler. Eine Menschenmenge, die gemeinsam singt und atmet, wird zu einem großen Ganzen mit einer eigenen Intelligenz – ähnlich einem Schwarm Vögel, der in völliger Harmonie die Richtung wechseln kann. Teil von so etwas zu sein, ist eine beeindruckende Erfahrung. Man fühlt sich mit den Menschen um sich herum verbunden, obwohl man sie nie zuvor
gesehen hat. Man spürt sich über die Grenzen des Selbstkonzeptes hinaus und fühlt sich lebendig.

Das Chanten öffnet unsere emotionalen Kanäle und wirkt wie eine Katharsis. Das hat zur Folge, dass sich unsere Konzentration vom Hirn zum Herz hin verlagert. Der Verstand bemüht sich, die Dinge in Kategorien einzuordnen, das Herz hingegen sehnt sich nach Einheit. Auch die neurochemischen Vorgänge beim Chanten sind beeindruckend: Singen reduziert die Aktivität in den Bereichen des Gehirns, die dafür sorgen, dass wir uns als getrennt von unserer Umwelt wahrnehmen. Dadurch verringert sich das Gefühl von Einsamkeit.

Aus linguistischer Perspektive ist Sanskrit die Mutter vieler moderner Sprachen. Es kann als eine Art göttlicher „Nonsens“ erfahren werden, der dazu dient, Unreinheiten des Geistes fort zu spülen. Mantras sind in erster Linie Rezitationen der vielen verschiedenen Namen für das Göttliche. Ihre wahre Bedeutung liegt vermutlich jedoch in dem Gefühl der Verbundenheit, des Wohlbefindens und der Zeitlosigkeit, die sie in uns auslösen.

Um Kirtan in der Tiefe zu erleben, müssen wir uns in ihn hinein begeben. Kirtan repräsentiert ein Miniaturmodell des Universums, wo jeder im Mittelpunkt steht und das Gesamtgeschehen mit beeinflusst, während er sich gleichzeitig vom Ganzen beeinflussen lässt. Kirtan ist ein Weg, Freude zu erleben und zu spüren, wie sie durch andere verstärkt wird. Kirtan ist ein Weg, um unsere Verbundenheit mit dem großen Ganzen wahrzunehmen.

Yoga basiert auf Erfahrung, nicht auf Glauben. Es fordert uns auf, zu praktizieren und unsere Erfahrungen zu beobachten, um unsere Wahrheit in unserem Herzen zu finden. Auch wenn ich die Namen hinduistischer Götter und Göttinnen singe, richte ich mich damit nicht konkret an etwas oder jemanden. Für mich stehen die Gottheiten und ihre Mythologien für die verschiedenen Kräfte, aus denen unser Universum besteht. Mich motiviert mein Interesse, einen Ort des reinen, liebenden Bewusstseins zu erreichen, der jenseits aller Bilder, Konzepte und Dinge existiert. Das ist, was ich unter „Gott“ verstehe. Ein Bewusstsein, das ich nur in Momenten tiefer, innerer Stille erfahren kann. Das Chanten bringt mich dorthin: in die unmittelbare Gegenwart.


Autor: Dave Stringer

Gongmeditation: Woher kommt der Gong?

Gongmeditation

Ihr Klang ist nicht von dieser Welt. Das Zusammenspiel mehrerer Gongs ist eines der kraftvollsten Hilfsmittel zur Meditation. Dass die Herstellung der Instrumente schwere, fokussierte Handarbeit ist, erlebte der Gongspieler und Yogalehrer Satya Singh bei einem Besuch der Gong-Manufaktur Paiste in Norddeutschland. Aber was passiert vor der Gongmeditation?

Sommer 2009 in Berlin: Auf dem weitläufigen Gelände des großen Yogafestivals am Wannsee herrscht Woodstock-Atmosphäre. Mit acht weiteren Yogalehrern und Gongspielern werde ich in wenigen Minuten im großen Zelt eine Gongmeditation spielen. Die neun Gongs auf der Bühne sollen das Zelt in einen Klangteppich verwandeln. Auf ihren Matten drängen sich die Besucher am Boden und blicken in gespannter Erwartung zu uns auf die Bühne.

Ein elementarer Teil von Yoga ist die Meditation. Seit Alters her haben die Aspiranten ihre Schwierigkeiten damit, die Gedanken im Geist zu beruhigen. Ein kraftvolles Hilfsmittel ist hierzu der Gong. Seit ich vor vielen Jahren auf einem Yogafestival in Frankreich zum ersten Mal mit Gongmeditation in Berührung kam, fasziniert mich die magische Anziehungskraft dieses Klangs. Damals spielte Nanak Dev Singh, der später mein Lehrer wurde, den Gong. Vor über fünf Jahren durfte ich mit meiner damaligen Ausbildungsgruppe erstmals die Gong-Manufaktur von Paiste im norddeutschen Rendsburg besuchen.

Auf der Suche nach der Herkunft

Der mittelständische Instrumentenbauer, seit 1901 geführt von der estnischstämmigen Paiste-Familie, spezialisierte sich auf Cymbals (Becken) und Gongs. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es die Nachfahren des Gründers Michail Toomas Paiste zunächst nach Rendsburg. Später nach Nottwil in der Schweiz. Dort liegt heute der Hauptsitz der Firma, in Rendsburg findet jedoch die Hauptproduktion der Becken statt. Nach wie vor ist Paiste ein Familienunternehmen.

Nur wenigen Gruppen pro Jahr öffnet der renommierte Gonghersteller seine Türen. So können sie sich direkt einen der begehrten Paiste-Gongs auswählen. Man sagt, dass der Gong sich seinen Spieler wählt. Die Herstellung dieser alten und seltenen Instrumente erfolgt traditionell in schwerer Handarbeit. Die Männer beherrschen perfekt die Kunst, aus einer silbernen Metallscheibe einen exakt gestimmten Gong zu hämmern. Jedes ihrer Werkzeuge ist ein handgemachtes Unikat. Sie bringen die Scheibe zum Glühen und hämmern mit gezielten Schlägen den nach hinten gebogenen Rand. Der dadurch entstandene Rohling sieht aus wie der überdimensionale Kronkorken einer Bierflasche.

Pures Handwerk

Die Gongherstellung ist eine schwere und schweißtreibende Arbeit. In der Manufaktur erinnert nichts an den filigranen Klang der späteren Instrumente, der niemanden kalt lässt. Zahlreiche fertige und halbfertige Instrumente hängen in Reihen angeordnet an der Wand. Darunter auch der größte spielbare Gong der Welt. Mit seinen gut zwei Metern Durchmesser beeindruckt er jeden Besucher.

Allerdings sagen die Gongbauer selbst auf Nachfrage, dass sie noch nie gehört haben, was wir mit ihren fein gestimmten Gongs bewirken. Ihre Arbeit endet an dem Punkt, wo der Gong den Werkraum verlässt. Die Verbindung von Yoga und dem Gongspiel ist ihnen fremd. Es interessiert sie auch nicht weiter. Und doch sind es die gleichen Männer, die absolut fokussiert mit ihrem feinen Gehör die Instrumente stimmen. Jeder Gong erhält so viele Hammerschläge wie nötig, keinen mehr. Moderne Elektronik, Computer und Software sucht man hier vergebens. Ein einfaches, altes Gerät bestätigt dem Gongmeister final, dass die von ihm und seinem Team gestimmte Klangfrequenz passt. So verlassen pro Woche nur wenige der begehrten Instrumente den Werkraum.

„Der Gong ist der Kern des Klangs.“ Das sagte Yogi Bhajan, der Meister des Kundalini Yoga. Wir spielen unseren Gong nach seiner Tradition, wie er sie nur einer Handvoll Schülern persönlich weitergab. Einer von ihnen ist Nanak Dev Singh, bei dem ich meine Ausbildung durchlief. Der Gong legt die Gedankenwellen der Teilnehmer einer Meditation still, ganz nach den Worten Patanjalis. „Yogas chittá vritti nirhoda. Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist.“ Unser Gongspiel ist so kraftvoll, der Klangteppich so stark, dass die Meditierenden die Klangwellen in ihrem Körper spüren können. Wenn es ihnen gelingt, völlig die Kontrolle über ihr Selbst loszulassen, kommen sie in den Zustand der Trance. Ihre Gehirnwellen verlangsamen sich, die Gedanken stehen still, Energie durchströmt ihre Körper.

Gongmeditation

Energiearbeit mit der Gongmeditation

Yogi Bhajan sagte dazu: „The gong is not sound, the gong is resound.“ Klang und Widerhall. „Wenn du in die Berge gehst und nur ein Wort rufst, wird das Echo tausendmal mehr erschallen und tausend Meilen weiter klingen. Das ist die Kraft des widerklingenden Sounds. Wir nennen es ‚Anahad‘, den absoluten Klang ohne Grenzen.“ Der Gong klingt nicht durch den einzelnen Schlag des Spielers, er ertönt durch den Sound, der vom letzten Schlag zurückkommt. Mit ihm vermischt er sich zu einem neuen Klang. Außerdem addiert sich mit jedem einzelnen Gongschlag der Widerklang des Gongs zu einem Klangraum, der die Meditierenden trägt – der „Resound“. Er ist nicht vorhersehbar, er bedient kein Muster und verwirrt die Zuhörer. Ihr Verstand weiß ihn nicht einzuordnen. Der Gong durchbricht die Klangmuster der Teilnehmer und öffnet sie dadurch.

Seit einigen Jahren wird der Gong zunehmend als Möglichkeit entdeckt, die Teilnehmer einer Gongmeditation zu ihrem Ursprung, dem eigenen „Urton“, zu führen. Die Frequenz des Gongs ist das Om. Durch ihn erhalten wir die Chance, uns mit unserem Urton zu verbinden. Außerdem heißt es in yogischen Lehre, dass das Universum aus Klang erschaffen sei und sich alles in Frequenzen widerspiegele. Jenseits alles Physischen begann die Schöpfung mit einer Vibration. In der Bibel heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ In der Yogalehre ist dies „Naad“, der Klang. Wissenschaftler nennen es „kosmische Strahlung“. Also der konstante Klang, der vom Urknall übrig ist. Dabei stellt die Gong-Manufaktur Paiste ihre „Planetengongs“ auf Basis von Berechnungen des Mathematikers Hans Cousto her. Jeden in der Frequenz des zugehörigen Planeten.

Beim Yogafestival Berlin bereitet Nanak Dev Singh die Festivalgäste im großen Zelt mit einer kräftigen Übungsreihe aus dem Kundalini Yoga auf die Gongmeditation vor. Heute liegt der Fokus im dritten Energiezentrum, dem Manipura-Chakra. Dieses steht für innere Stärke, Kraft, Selbstbewusstsein, Fülle und Durchsetzungsvermögen. Damit ausgestattet und aufgeweckt, sind die Teilnehmer bestens für die Wirkung des Gongs vorbereitet. Dabei legen sie sich flach auf den Rücken in Savasana, decken sich zu und entspannen sich. Wir spielen die ersten Töne der Gongs, die noch ganz leise klingen und doch bereits beginnen, den Klangteppich auszubreiten.

Der weiße Sound

„Spüre den Energiefluss der Gruppe und schaffe den Energiefluss, der vom Gong ausgeht“, sagt Nanak Dev. „Du selbst bist als Gongspieler nur ein hauchdünnes Papier. Du reagierst nicht. Durch dieses hauchdünne Medium nimmt dein Bewusstsein Informationen auf, die genutzt werden, um die Meditation zu führen.“ Seitdem weiß ich: Je reiner mein Bewusstsein ist, je fokussierter ich spiele, desto reiner sind die Informationen, die durch mein Nervensystem gehen und sich im Gongspiel manifestieren. Denn diese Reinheit ist wichtig, um sich auf die Schwingungen der energetischen Blockaden – alte Muster, Verletzungen oder Krankheiten – der Teilnehmer einzustimmen und sie zu neutralisieren. Als Yogalehrer und Gongspieler bin ich nur ein Kanal, der die Informationen und Schwingungen der Teilnehmer aufnimmt und sie in der entgegengesetzten Richtung wieder abgibt.

Langsam kommen in Berlin die neun Gongs zu ihrem Höhepunkt – dem „weißen Sound“. Er ertönt klar und rein, ist pure Kraft, nichts kann ihm widerstehen. Die Lautstärke ist für viele unbeschreiblich. Dieser Sound ist Anahad. „Er vibriert, erschafft Licht und Leben“, so Yogi Bhajan. Ich fokussiere all meine Konzentration auf den Gong und halte die Energie.

Nach dem weißen Sound sind viele Teilnehmer*innen völlig offen. Alte Muster und Blockaden wurden gelöst. Wir lassen unsere mächtigen Instrumente in langen Wellen ausklingen und führen die Meditierenden wieder zurück. In dieser Phase bringen wir unsere Schüler wie Bergführer vom Gipfel wieder sicher zurück ins Tal. Allerdings kämpften manche Teilnehmer innerlich mit dem Gong. Dabei bedeutet die Hingabe zu ihm das Loslassen der Kontrolle über sich selbst. Allerdings möchte der eine oder andere Verstand diese Kontrolle nicht abgeben.

Kopf, Brust und Bauch

Einer der Gongbauer bei Paiste fragt mich: „Warum nennt ihr den Höhepunkt des Gongs‚ weißer Sound?“ Wenn seine Energie am stärksten ist, die Lautstärke und Frequenz am höchsten sind, sprechen wir vom „weißen Sound“. Er ist mit direktem Sonnenlicht vergleichbar, das ohne Brechung auf uns strahlt. Es ist weiß, klar und bringt die höchste, reinste Energie mit sich. Der Gongbauer findet dies offensichtlich spannend. Trotzdem sind ihm Yoga und Meditation eher fremd.

Mit einer Zigarette im Mund erklärt er mir die Frequenz der drei Sound Creation-Gongs „Kopf“, „Brust“ und „Bauch“. Diese Gongs sind nach der Frequenz des Kopfes, der Brust und des Bauches gestimmt und werden auch so aufgehängt. Der „Kopf“-Gong ist der kleinste, seine Frequenz ist am schnellsten, er tönt am höchsten. Der Brustbereich mit dem Klangraum des Brustkorbes entspricht einer mittleren Frequenz und soll diesen Teil des Körpers aktivieren und öffnen. Der „Bauch“-Gong aktiviert den Klangraum zwischen Bauchnabel und Becken. Er ist der größte des Dreier-Ensembles und klingt am tiefsten, womit die Frequenz am langsamsten schwingt.

Sein Kollege rollt gerade einen Gong auf seiner Kante durch den Raum. Dann kommt mir der Gedanke, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Hier der ehrfürchtige Gongspieler und Yogalehrer, der es kaum wagt, seinen Gong anzufassen, geschweige denn, ihn auf der Kante zu rollen. Dort der handwerklich geniale Gongbauer, dessen Aufgabe mit der Fertigstellung dieser mächtigen Instrumente endet. Aber auf ihren weiteren Weg hat er keinen Einfluss. Dieser führt keineswegs nur zu Yoga und  Meditation. Denn er stellt sie auch für Symphonie-Musiker und Heavy Metal-Schlagzeuger wie beispielsweise Nicko McBrain von Iron Maiden her. Berühmte Paiste-Gong-Sequenzen aus der Rockmusik finden wir unter anderem bei Queen im Song „Bohemian Rhapsody“ oder Led Zeppelins „What Is And What Should Never Be.“

Mehr über wichtige Konzepte in Yoga und Meditation findest du im Yoga World Glossar.


Gong_paiste

Mehr Infos über den Gong, Gongmeditation und Wirkung finden sich unter www.gongmeditation.de.
Autor: Satya Singh A.J. Renner; Fotos: Lucie Jansch
; Titelfoto von cottonbro von Pexels

Volle Kraft voraus: Die vollständige Bootshaltung

Paripurna Navasana

paripurna = vollständig, komplett; nava = Boot; Asana = Haltung

Vermutlich haben Sie schon einmal gehört, dass Paripurna Navasana (vollständige Bootshaltung) ausgezeichnet geeignet ist, um unsere Körpermitte zu kräftigen. Dieses „Zentrum“, oder auch englisch „Core“, schließt weit mehr ein als nur die Bauchmuskulatur. Laut B.K.S. Iyengar führt uns die Praxis auf eine Reise nach innen – und zwar von der Peripherie des Körpers bis zum Zentrum oder Kern unseres Selbst. Navasana stärkt die Bauchmuskulatur, um den unteren Rücken zu unterstützen. Zudem lehrt uns die Koordination der Aktion von Armen, Beinen und Oberkörper wichtige Lektionen in Bezug auf unsere Aufmerksamkeitsspanne, Gefühle und wahre Natur. Ja, selbst eine verhältnismäßig einfache Haltung wie Navasana kann über den Weg der Muskeln, Nerven, Knochen und Organe unser wahres Selbst berühren – unseren tiefsten, innersten Kern.
Navasana ist eine kompakte Haltung, die alle Aktionen zur Körpermitte hin ausrichtet: Der untere Bauch zieht zur Wirbelsäule, die Wirbelsäule bewegt sich nach vorne, um die Vorderseite des Oberkörpers zu unterstützen, die Schulterblätter schieben nach unten und vorne in Richtung Brust, während diese sich weitet. Die Arme und Beine bleiben aktiv. Die Integration des ganzen Körpers verleiht uns ein Gefühl von physischer Stärke und Geschmeidigkeit, sowie emotionaler Ausgeglichenheit. Sobald der Geist unaufmerksam wird und die Gedanken zu wandern beginnen, schwindet diese innere Stabilität. Eine solche mentale Unausgeglichenheit äußert sich sofort in einem Mangel an Balance. Um eine gute Verbindung mit dem inneren Zentrum herzustellen und Stabilität in der  Asana zu erlangen entspannen Sie Ihr Gesicht und den Atemfluss. Der Gedanke dahinter ist: Wenn unser Geist verkrampft und unsere Augen hervortreten, verlagert sich unser Fokus nach außen. Sobald wir unsere Gesichtshaut entspannen, verlagert sich unsere Aufmerksamkeit nach innen, und wir erreichen echte Stabilität.

Wirkungen:
Stärkt die Bauch und Rückenmuskulatur
Gegenanzeigen:
– Schwangerschaft
– Menstruation

Auch wenn Navasana unsere Bauchmuskulatur trainiert, ist diese Haltung alles andere als ein direkter Verwandter des klassischen Sit-up aus dem Fitnesstraining. Anstatt die Brust so nahe wie möglich in Richtung Hüften zu bewegen und dabei die Vorderseite des Oberkörpers zu verkürzen, ziehen Sie in Navasana den Brustkorb vom unteren Bauch weg nach oben, um die Brust zu heben – während Sie auf Ihrem Gesäß balancieren. Dabei wird die Bauchregion zugleich angespannt und gedehnt. Die Körpervorderseite auf diese Weise verlängern zu können, ist eine Grundvoraussetzung für viele andere Asanas und zahlreiche Pranayama-Techniken. Dadurch wird die Brustkorbweitung gefördert (im Gegensatz zu einer verspannten, verkürzten Körpervorderseite, die Druck auf Lungen, innere Organe und den unteren Rücken ausübt). Ein gleichmäßiger und effizienter Atemfluss während der Praxis und im Alltag wird so unterstützt.

Bootshaltung_gebeugte_Knie_abb1Die vollständige Bootshaltung ist die Balance-Variante von Dandasana (Stabhaltung). Sollte es Ihnen also schwer fallen, aufgrund verkürzter Beinrückseiten in Dandasana aufrecht zu sitzen, dann werden Sie in Navasana Probleme haben, die gestreckten Beine mit geradem Rücken und gehobener Brust in Richtung Torso zu bewegen. In diesem Fall sollten Sie die Knie beugen (Abbildung 1), um die Haltung mit geradem Rücken zu üben.

 

Bootshaltung_Hände_UnterstützenFalls Ihre Bauch-, Rücken- oder Oberschenkelmuskulatur schwach trainiert ist, beginnen Sie mit der in Abbildung 2 gezeigten Variation. Beide Vorstufen der Asana ermöglichen eine graduelle Annäherung an die Endposition und schulen zugleich das essenzielle Zusammenspiel von Rücken, Beinen und Bauch. Für die Variante mit gebeugten Beinen beginnen Sie in Dandasana. Setzen Sie dann Ihre Handflächen rechts und links vom Becken auf den Boden. Pressen Sie die Oberschenkel nach unten und schieben Sie die Fersen von der Hüfte weg, um die Beine vollständig auszustrecken. Bewegen Sie den Oberkörper vom Boden weg und öffnen Sie den Brustraum. Ihr Rücken sollte sich anfühlen, als ob er sich nach vorne, in Richtung Oberkörpervorderseite schieben würde. Nun heben Sie die Körpervorderseite an – und zwar vom Beckenboden bis zum obersten Punkt des Brustkorbs. Um etwas Raum zwischen dem Oberkörper und den Beinen zu schaffen, pressen Sie die Spitzen Ihrer Oberschenkelknochen in den Boden und heben Sie die untere Bauchmuskulatur nach oben und von den Oberschenkeln weg, ohne das Gewicht auf den hinteren beziehungsweise oberen Teil des Gesäßes zu verlagern. Heben Sie den Brustkorb nach oben – vom Abdominalbereich weg – und rollen Sie die Schultern nach hinten. Als nächstes beugen Sie die Beine und setzen Ihre Füße auf den Boden. Greifen Sie die Knie mit den Händen und ziehen Sie sich leicht nach oben, indem Sie das Brustbein anheben. Heben Sie die Füße, bis die Schienbeine parallel zum Boden ausgerichtet sind, und flexen Sie dann die Füße. Die Innenseiten der Beine berühren sich. Mit immer noch gebeugten Beinen führen Sie nun die Oberschenkel näher zur Brust, während Sie diese weiter anheben.

Bootshaltung_fehler
So nicht: Vermeiden Sie einen Rundrücken und das Einfallen der Brust.

Sobald Sie stabil auf den Gesäßhälften balancieren, achten Sie darauf, den Rücken nicht rund werden zu lassen. Schieben Sie die Wirbelsäule in Richtung Körpervorderseite. Greifen Sie erneut die gebeugten Beine, um die Brust noch weiter anzuheben, und vergrößern Sie den Abstand zwischen Brustbein und Nabel. Ohne den Brustraum einsinken zu lassen, strecken Sie nun die Arme nach vorne auf eine Höhe mit den Unterschenkeln und parallel zum Boden. Die Handflächen zeigen zueinander. Nehmen Sie wahr, dass Ihre Bauchmuskulatur arbeitet, wenn Sie Ihre Oberschenkel in Richtung Oberkörper ziehen. Halten Sie den Rücken gerade, und versuchen Sie, die Oberkörpervorderseite noch stärker zu verlängern. Auch wenn Sie die Arme nach vorne strecken, ziehen Sie die Schultern zurück, und bewegen Sie die Schulterblätter nach unten und innen, in Richtung Brust. Zugegeben, gleichzeitig die Abdominalregion zu aktivieren und zu verlängern ist herausfordernd – dieser Vorgang dient jedoch der mentalen Fokussierung, indem die Aufmerksamkeit nach innen verlagert wird, hin zum Ursprung der Bewegungen. Lassen Sie den Atem ganz natürlich fließen, entspannen Sie die Kehle, und richten Sie den Blick gerade nach vorne. Halten Sie die Pose zwischen mindestens 30 Sekunden und einer Minute. Anschließend setzen Sie Ihre Füße mit einer Ausatmung zurück auf den Boden und kommen Sie zurück in Dandasana.

In der zweiten Variation (Bild s. oben) balancieren Sie in Navasana mit gestreckten Beinen, während Sie sich mit den Händen abstützen. Beginnen Sie auch hier in Dandasana. Lehnen Sie sich leicht zurück und platzieren Sie die Hände einige Zentimeter hinter dem Becken. Heben Sie die Brust an, beugen Sie die Beine, und bringen Sie die Beine so weit nach oben, bis die Unterschenkel parallel zum Boden ausgerichtet sind. Führen Sie die Oberschenkel näher zum Oberkörper, und bewegen Sie die hinteren Rippen und die Schulterblätter nach vorne. Mit einer Ausatmung strecken Sie die Beine aus, ohne den Rücken rund werden zu lassen. Beginnen Sie bei den Waden über die Fersen, bis Ihre Zehen schließlich die Höhe Ihres Kopfes erreichen. Während Sie die Leistung der Bauchmuskulatur deutlich wahrnehmen, achten Sie darauf, die Körpervorderseite nicht zu verkürzen. Stattdessen heben Sie den Nabel in Richtung Brust und die Rippen weg vom unteren Bauch. Rollen Sie die Schultern nach hinten und richten Sie den Blick geradeaus. Sie werden schnell merken, dass die Beine hart arbeiten müssen, damit Sie gerade und aufgerichtet in der Position verweilen können. Genau wie in Dandasana pressen Sie auch hier die Oberschenkelvorderseiten in Richtung Beinrückseiten, und strecken Sie die Waden in Richtung Fersen. Verlängern Sie die Beine durch die Innenseiten der Fersen und verbreitern Sie die Fußsohlen. Nutzen Sie die Hände, um im Gleichgewicht zu bleiben, ohne nach hinten zu kippen. Atmen Sie gleichmäßig, und entspannen Sie Gesicht und Kehle. Meistern Sie die Anstrengung aus der Kraft Ihres inneren Zentrums heraus, ohne äußerliche Anspannung, so dass der Geist ruhig bleiben kann. Anschließend setzen Sie die Füße mit einer Ausatmung wieder auf dem Boden ab.
Bootshaltung_richtigWenn diese Vorstufen kein Problem (mehr) für Sie darstellen, sind Sie bereit für die Endhaltung. Wenn Sie merken, dass Ihr Rücken und Ihre Beine doch noch nicht stark genug sind, um die Position mit geradem Rücken zu bewältigen, dann stützen Sie die Fersen an einer Wand oder auf einem hohen Stuhl ab. Beginnen Sie in Dandasana und stützen Sie sich hinter dem Rücken auf den Händen ab. Heben und strecken Sie die Beine – wie zuvor in Variante 2. Kommen Sie nun auf die Fingerspitzen und heben Sie den unteren Rücken, so dass sich Ihre gesamte Wirbelsäule anfühlt, als ob sie sich in Richtung Körpervorderseite schieben würde. Heben Sie die Arme und strecken Sie sie parallel zum Boden nach vorne aus. Die geöffneten Handflächen zeigen zueinander. Strecken Sie die Finger nach vorne aus, rollen Sie die Schultern nach hinten und unten, während Sie das Brustbein anheben. Behalten Sie die stabile Streckung der Kniegelenke bei, während Sie die Beininnenseiten in Richtung Ferseninnenseite verlängern. Spreizen Sie die Zehenballen – vom Großzeh bis zum Kleinzeh. Ohne die Knie zu beugen, heben Sie die Beine höher, bis die Zehen den Kopf überragen. Heben Sie die Brust, halten Sie Ihr Kinn horizontal zum Boden und entspannen Sie die Kehle. Blicken Sie geradeaus oder zu Ihren Füßen, und halten Sie die Pose zwischen 30 Sekunden und einer Minute. Dann setzen Sie Ihre Füße mit einer Ausatmung wieder zurück auf den Boden. Kommen Sie in die Rückenlage und lassen Sie den Körper mit gebeugten Beinen zur Ruhe kommen. Entspannen Sie die Bauchmuskulatur, indem Sie sie nach unten in Richtung Rücken sinken lassen. Erlauben Sie auch Ihrem Rücken, auf der Erde anzukommen. Sich in Paripurna Navasana aufrecht zu halten und Arme, Beine, Bauch und Brustbereich zu verlängern, dient auch dazu, die körperliche, geistige und emotionale Ebene zu verbinden. Diese Konzentration auf unser inneres Zentrum ähnelt einem Ruhepol inmitten eines Sturms. Trotz der vielen körperlichen Aspekte dieser Asana führt uns deren Resultat auf direktem Wege zu unserer tiefsten Quelle ruhiger Gelassenheit.


„Die Kraft der Präzision“: Unter diesem Motto unterrichtet Jason Crandell, Yogalehrer aus Francisco, Autor des amerikanischen YOGA JOURNAL, „Star“ diverser YOGA JOURNAL-DVDs und Model dieses Artikels diverse Workshops (auch in Deutschland).

 

Leserfotos: Alles neu macht der …

Mai… In Zukunft wollen wir unseren Leserfotos etwas mehr Platz im YOGA JOURNAL einräumen – und dabei auch die Geschichten hinter den Bildern erzählen.

Immer wieder freuen wir uns über die vielen spannenden, inspirierenden Bilder unserer Leserinnen und Leser. Und oft haben wir uns schon gefragt, welche Geschichte wohl dahintersteckt: Wo war das? Wie entstand die Idee, hier Yoga zu machen? Warum gerade diese Asana? Und was geschah dabei vielleicht, das auf dem Bild gar nicht zu sehen ist?

Wenn Sie dabei sein möchten, dann senden Sie uns Ihr Lieblingsbild und einen kurzen Text (maximal 1000 Zeichen) an: redaktion@yogajournal.de

Wir sind gespannt! Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion

Sind Sie sich Ihrer inneren Flamme bewusst?

Yoga Sutra I.36
In jedem von uns gibt es ein Licht, das vollkommen frei ist von Sorge und Trauer, egal, wie viel Leid wir erfahren mögen.

Die Symptome verringern, die unvermeidbar durch die verschiedenen Hindernisse und Herausforderungen des Lebens entstehen: Hierzu schlägt Patanjali im ersten Kapitel der Yoga-Sutras praktische Lösungen vor. Eine meiner Lieblingsstellen darin ist Sutra I.36: Visoka va jyotismati. Es lehrt uns, dass es, was uns auch immer in unserem Leben zustoßen mag, einen inneren Platz der Ruhe und des Friedens gibt, der völlig frei von Sorge und Leid ist. Diesen Zufluchtsort vergleicht Patanjali mit einem hellen Leuchten, das nicht bedrohlich ist und universelle Qualität hat. Es ist beruhigend zu wissen, dass dieses Licht – auch wenn es nur ein kleiner Funke ist – in jedem von uns scheint. Ein Funke, der Licht in die Dunkelheit und Klarheit in scheinbar ausweglose Situationen bringen kann. Durch Atmung, Meditation, einfache Bewegung oder stille Reflexion können wir uns jederzeit dieser leisen, subtilen, aber dennoch starken Kraftressource in uns selbst bewusst werden.


Illustration: Annick Poirier

Thomas D: Ein geniales Prinzip

Du bist nicht gerade als Yogi bekannt, hast aber die Schirmherrschaft des 6. Yoga Vidya Musikfestivals übernommen. Wie kam diese Kooperation zustande?
Das war keine große Sache – ich wurde angefragt und habe zugesagt. Ich finde das Festival unterstützungswert, da ich die Kombination aus Musik und Yoga als spannende Mischung empfinde. Und klar war es bis jetzt nicht so, dass ich meine Freude am Yoga so deutlich nach außen getragen habe. Das liegt daran, dass meine Begeisterung für Yoga noch recht jung ist.

Seit wann spielt Yoga eine Rolle in deinem Leben?
In der Theorie kenne ich Yoga natürlich schon sehr lange. Und wenn man sich ein wenig mit der Jahrtausende alten Philosophie auseinander setzt, wird schnell klar, dass es ein geniales Prinzip ist. Mich fasziniert an diesem System der Gesunderhaltung, dass es nicht nur die Körper- und Atemübungen umfasst, sondern auch die komplette Schule der Ernährung.

Bist Du über den Vegetarismus zum Yoga gekommen?
Dieser Aspekt hat eine Rolle gespielt, aber ich bin eher aus generellem Interesse an der Frage ‚Was ist gut für mich als Mensch?‘ auf Yoga gestoßen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich noch keine regelmäßige Yogapraxis kultiviert habe. Aber meine Frau gibt mir seit neuestem Hatha-Yoga-Stunden.

Wie sah dein Sportprogramm bisher aus?
Während meiner Pubertät wollte ich unbedingt zunehmen, weil ich so ein Leichtgewicht war. Das lief damals ganz klassisch über Bodybuilding. An die Stelle der Muckibude trat aber im Laufe der Zeit – und vielleicht auch mit dem Wachsen der Vernunft- ein Gesundheitsbewusstsein. Mittlerweile liegt der Fokus eher auf Stärkung der Ausdauer. Ich laufe regelmäßig. Demnächst werde ich an diesem wahninnigen Braveheart Battle in der Rhön teilnehmen – ein 20 Kilometerlauf mit krassen Hindernissen. Aber so etwas muss ich mir ab und zu geben, damit ich auch einen Grund habe zu trainieren.

Und Dich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen?
Ja, wobei ich bemerke, dass es mir verstärkt um Flexibilität geht – gerade in meinem hohen Alter (lacht). Es ist mir wichtig, dass alles im Fluß ist. Im Gegensatz zu meinem früheren Ziel, härter und kräftiger zu werden, ist es jetzt mein Wunsch, eher weicher, geschmeidiger, gelenkiger und flexibler zu sein.

Womit hängt dieser Wandel zusammen?
Früher ging es darum sich querzustellen, unangepasst und hart zu sein oder sogar zu blockieren. Vielleicht ist es eine Frage der eigenen persönlichen Reife, jedenfalls habe ich irgendwann realisiert, dass mir diese Blockaden nicht gut tun. Es geht vielmehr darum, mit sich ins Reine zu kommen und dadurch zu einer weicheren Form der Körperbewegung und Körperwahrnehmung überzugehen. Das mag nach außen hin nicht so cool sein, aber vielleicht kommt das ja noch.

Ist Laufen eine Form von Meditation für Dich?
Auf jeden Fall. Sport allgemein ist für mich eine Form von Meditation, die sich mir sehr gut erschließt. Ich habe einen umtriebigen Geist und mache mir gern Gedanken. Und da Worte mein Handwerkszeug sind, denke ich natürlich sehr viel über Texte und neue Ideen nach. Aber es ist ja auch bekannt, dass allem die Stille des Nicht-Denkens zugrunde liegt – die Pause zwischen den Gedanken. Und die weitet sich bei mir besser in Bewegung als im stillen Sitzen aus.

Das Laufen hilft Dir, ein Gedankenloch zu schaffen, um danach kreativ zu werden?
Je länger ich laufe, desto weniger Gedanken kommen auf und am Ende ist es dann nur noch eine Konzentration auf den nächsten Schritt, auf das nächste Atmen. Laufen führt mich zurück zu diesem Moment, zu diesem einen Augenblick, in dem wir uns alle befinden, der durch unsere Gedanken und unseren Verstand allerdings die meiste Zeit als unrealistisch oder uninteressant deklariert wird. Tatsächlich ist er die Essenz, die Wahrheit, in der wir uns alle befinden. Dieser Gedanke ist das ewige Jetzt – dem kommt man im Sport sehr nahe, vielleicht auch beim Sex, sicherlich auch im Yoga oder der Mediation.

Nutzt Du das Laufen, um auf Tour abschalten zu können?
Nein, es ist eher eine Vorbereitung auf eine Tour oder Festivals, um fit zu bleiben. Die Tour ist die Zeit, auf die wir hinarbeiten, es ist die Zeit zu ernten. Wenn wir auf der Bühne stehen und mit der Band abrocken ist das fast wie ein Rausch. Es ist ein ekstatischer Zustand, der soviel Endorphine freisetzt, die ich womöglich mit einer Runde Joggen vor dem Konzert alle schon vorher abbauen würde. Wäre ja schade drum.

Welche Rolle spielt die Energie des Publikums?
Diese enorme Beanspruchung wäre ohne deren Energie und das Momentum auf der Bühne nicht möglich.

Das Momentum auf der Bühne?
Wenn jeder von uns und der Band zur richtigen Zeit seinen Teil dazu gibt, entwickelt sich ein bestimmtes Ganzes. Wobei wir eigentlich nichts erschaffen. Musik ist ja keine Materie in dem Sinne, sondern es sind Töne und Schwingungen, die wieder verschwunden sind, sobald der letzte Ton verklungen ist. Aber wenn wir richtig gut waren, dann schwingt beim Publikum etwas nach und das nehmen sie mit nach Hause. Erst dann haben wir etwas geleistet, was tatsächlich Bestand hat und den Moment überlegt. Das hat etwas Magisches.

Wieviel Thomas D steckt im neuen Fanta 4 Album „Für Dich Immer Noch Fanta Sie“?Thomas D ©BorisBreuer
Ich glaube jeder gibt 100 Prozent, wenngleich Fanta 4 verlangt, sich manchmal zurück zu nehmen. Seinen Willen nicht immer durchsetzen zu können und auch mal anderen Platz lassen, das mussten wir über die Jahre erst lernen. Wenn die vier Fantas mehr als die Summe der einzelnen Teile sein wollen, muss man sich auch mal zurücknehmen oder still halten können.

Sich auch mal zurücknehmen – ist diese Haltung auch eine logische Konsequenz deines Vaterseins?
Ja auf jeden Fall, bei zwei Kindern – Lya ist jetzt sieben und Max zwei Jahre alt. Aber den anderen Jungs geht es ähnlich. Smudo hat gestern sein neuestes Kind bekommen. Andi ist vor einem halben Jahr Vater von Zwillingen geworden. Allein wegen des Nachwuchses war es nicht immer für alle möglich, am Start zu sein. Aber trotz dieser wilden Bedingungen ist das Ergebnis ein grandioses Album.

Was zeichnet Euer achtes Studioalbum aus – neben väterlichen Glücksvibes?
Ich glaube, der entspannte Umgang miteinander, mit der Musik und natürlich ist auch das, was wir in den letzen zwanzig Jahren gelernt haben, darauf zu finden. Das kann natürlich auch nach hinten los gehen, weil Erfahrung betriebsblind machen kann. Oder man steckt in einer ‚ich will nichts mehr Neues, weil das Alte gut ist‘-Schleife fest. Aber so war es Gott sei Dank noch nie. Wir haben immer versucht einen neuen Schritt zu machen, eine neue Richtung einzuschlagen oder zumindest für uns eine Weiterentwicklung zu finden. Das ist uns auch bei diesem Album gelungen.

Hattest Du noch nie das Gefühl, dass du dich im Kreis drehst und sich alles wiederholt?
Natürlich kommt jeder Künstler irgendwann an einen Punkt, an dem er sich sagen müsste: Ich habe genug Texte geschrieben oder genug Lieder gemacht. Ich hab meinen Love-Song, ich hab meinen Hass-Song, ich hab meinen Song für etwas und gegen etwas. Es gibt Emotionen, über die schon Millionen Lieder geschrieben wurden. Dann fragt man sich: Wer braucht jetzt noch ein Liebeslied? Aber dann kommt ein Musikstück um die Ecke oder ein Gefühl verändert sich, weil man sich als Mensch verändert. Dann hast du plötzlich wieder einen Grund für einen Lovesong, der sich dann nicht anhört wie der letzte, weil er aus einer anderen Perspektive geschrieben ist oder eine andere Herangehensweise beinhaltet. Es geht nicht immer darum, den neuesten ultimativen Supersong zu schreiben. Manchmal geht es nur um ein schönes einfaches Lied, das dir ein gutes Gefühl gibt. Ich hab mich ein bischen entspannt in dem Punkt, das nächste große Monsterding erfinden zu müssen.

Inwieweit beinflusst Deine Lebensweise auf dem M.A.R.S. (Moderne Anstalt Rigoroser Spakker) auf dem Land diese Einstellung? Das erklärte Ziel deiner Land-Kommune ist die Entfernung vom Stadtleben, um eine gewisse Entschleunigung zu kultivieren. Allerdings habt ihr auf dem Bauernhof ein Plattenlabel, ein Film- und Tonstudio und einen Musikverlag. Wie trennst Du Leben und Arbeiten?
Die Idee der Kommune war nicht, aus der Gesellschaft auszusteigen. Vielmehr wollen wir als Teil der Gesellschaft ein alternatives Lebensmodell präsentieren. Das funktioniert mal mehr und mal weniger. Es ist ein täglicher Versuch, indem wir hier Firmen aufbauen und in der Entschleunigung trotzdem noch gesellschaftlich und wirtschaftlich tätig sind. Es ist die Herausforderung, Kunst und Kommerz zu verbinden.

Das funktioniert?
Es ist natürlich nicht einfach, aber es bereichert mich sehr, weil wir doch mehr der Kunst folgen als dem Kommerz. Und wie gesagt, es klappt mal mehr und mal weniger. Ich bin ein Landei, ich liebe das Leben hier draußen. Und gleichzeitig lebe ich gern mit anderen zusammen. Was dazu führt, dass es hier eine eigene Familie neben meiner wirklichen Familie gibt. Ich bin dauerhaft von Freunden und Gleichgesinnten umgeben.

Altersmäßig seid ihr gemischt…
Wir sind neun Erwachsene und drei Kinder. Und von jedem einzelnen kann ich unheimlich viel lernen. Mir ist früh klar geworden, die eigenen Erfahrungen und Werte nicht als die alleinige Wahrheit aufzufassen und zu glauben, alle anderen müssten auch so funktionieren. Meistens hat es mehr Sinn offen zu bleiben und Menschen die eigenen Fehler machen zu lassen. Und so lerne ich lieber von den anderen, und schaue, wie die das machen anstatt ihnen zu erklären, wie sie es machen sollen.

Thomas D ©Carsten ThonackIhr beschreibt die Lebensweise auf dem M.A.R.S. als friedlich-spirituell orientiert. Inwiefern lebt ihr spirituell?
Wir verstehen darunter einen bewussten Umgang miteinander und mit den Ressourcen. Wir leben nachhaltig, das fängt bei Hybridautos an, geht über unsere Solaranlage, eine Pelletsheizung bis hin zu veganer oder vegetarischer Ernährung. Das sind Eckpunkte, bei denen wir uns einig sind. Und in dieser Art und Weise versuchen wir, in Harmonie miteinander zu leben.

Laut Website bietet der M.A.R.S. Fastenwochen, Schweigetage und Mantren Singen mit Hare Krishna Mönchen. Habt ihr diese Aktionen wirklich durchgeführt?
Jaja (lacht), das haben wir alles gemacht. Wir sind sehr offen für solche Experimente. Wir finden es spannend, einfach mal zu schauen, was passiert. Beim Fasten etwa empfand ich es unglaublich faszinierend, wie schnell man innerhalb einer Woche extremste Erfahrungen machen kann, die von ‚Oh mein Gott, ich habe Hunger!‘ bis hin zu ‚Wahnsinn, ich brauche nur noch vier Stunden Schlaf‘ reichten.

Und die Mantren-Sessions?
Eines Tages tauchten hier einige Hare Krishna Anhänger auf, mit denen wir gesprochen und Musik gemacht haben. Ich wurde auch schon von einem Pfarrer aus Mittelbiberach zu einem Kirchentag eingeladen und mit dem Flyer, „Kirche und Thomas D – Glaube And More“ (lacht) angekündigt. Da musste ich einfach hingehen. Lektionen in Demut mit Thomas D in der Kirche.

Bist Du eigentlich mittlweile Veganer?
Nein, ich war Veganer, bin aber mittlerweile wieder Vegetarier. Ich kann nicht ohne Eier leben. Jetzt beziehe ich meine Eier- und Milchprodukte direkt vom Bauern gegenüber. Ich kenne die Hühner mit Namen und weiß auch, wo und wie sie leben. Die Milch ist Rohmilch und nicht ultrahocherhitzt. Wobei ich bis zu dieser Milch auch keine Milch getrunken hatte. Milch ist mir irgendwie nicht so sympathisch. Außerdem war es unheimlich schwer, sich außerhalb von Zuhause vegan zu ernähren.

Zur Zeit stehst Du auf Rohkost.
Ja, ich bin total begeistert davon. Rohkost ist eine sehr energetische Nahrung.

Leben die beiden Schweine noch bei Euch?
Ja, Erika und Schnute. Erika wird vielleicht mal die älteste Sau Deutschlands – sie ist bereits zwölf Jahre alt.

Ernähren Du und Deine Frau Eure Kinder auch vegetarisch?
Ja, völlig klar. Später können sie machen, was sie wollen. Ich werde nichts unternehmen können, wenn sie ihren ersten Klassenausflug zu McDonalds machen. Meine Frau und ich sorgen allerdings dafür, Lya und Max aufzuklären und ihnen zu vermitteln, woraus Wurst gemacht wird.

Das Schizophrene in unserer Gesellschaft ist ja die Doppelmoral, die totes Fleisch auf dem Teller nicht mehr mit Lebewesen assoziiert. Dann hört man ‚Ach was für ein süßes Häschen‘ und zu Ostern gibt es dasselbe dann zum Mittagessen. Ich glaube, wenn Kinder wirklich wissen würden, aus was die Wurst besteht, die sie essen, würden viele freiwillig damit aufhören.

Über Vegetarismus stößt man unmittelbar auf das Karma-Prinzip. Glaubst Du an das Ursache-Wirkung-Konzept?
Auf jeden Fall. Vielleicht ist es die Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, um sich selbst einfach besser zu fühlen. Aber wenn man die Einheit sieht, aus der die Vielfalt entspringt, und die Einheit als Ursprung der Dualität erkennt, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass deine Taten einen Effekt haben, der auf dich zurückfällt. Ich kann nicht sagen, ob das in diesem oder in einem nächsten Leben geschieht, aber ich glaube daran. Ich finde, es ist eine extrem eingeschränkte Sicht- und Handlungsweise, die Umwelt zu verpesten und zu denken ‚Nach mir die Sintflut‘. Diese Sintflut werden erleben und zwar in vollem Umfang – davon bin ich überzeugt.


Thomas D wurde Anfang der neunziger Jahre mit der Hip-Hop Band „Die fantastischen Vier“ bekannt und katapultierte mit dem Track „Die Da“ den deutschen Rap Richtung Mainstream. Seit 1997 ist er auch solo unterwegs. Der 41-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Thomas Dürr heißt, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mehr Infos: www.thomasd.net, www.diefantastischenvier.de

Auf ein Rendezvous mit Sanskrit

In diese Sprache muss man sich einfach verlieben. Das ist die Botschaft, die Manorama während ihres Sanskritseminars verbreitet. Die bekannte Lehrerin erklärt, dass Sanskrit-Lernen nach den gleichen Regeln funktioniert wie Dating. So sollen sich die Teilnehmer dieses Seminars unvoreingenommen auf ein Rendezvous mit Sanskrit einlassen…

Obwohl Manorama ruhig und anmutig vor der Klasse sitzt, sprühen ihre leuchtenden Augen nur so vor Energie und Charisma. Ihr vorrangiges Dosha ist Pitta. Das hätte sie bei ihrer Vorstellung gar nicht erst erwähnen brauchen. Ihr Unterricht ist ansteckend, feurig und voller Leidenschaft. Schnell sind alle in ihren Bann gezogen und davon überzeugt, dass Sanskrit nicht nur als eine Sprache anzusehen ist, die es aus einem Buch zu erlernen gilt, um einen Zugang zu alten Schriften zu erlangen. Sie möchte, dass man die Seele der Sprache kennen und aufrichtig lieben lernt. Zugleich soll man verstehen, dass Sanskrit als ein „Stück des Yogakuchens“ in mehrere Facetten zu gliedern ist und dass es eine Sprache der Befreiung sowie Kultur des Verständnisses ist. Mit YOGA JOURNAL sprach Manorama nach dem kurzweiligen und vielversprechenden Rendezvous über ihren Werdegang und die Schönheit der Sprache.

Manorama, was bedeutet dein Name?
Ich habe meinen spirituellen Namen „Manorama” von Guruji (Shri Brahmananda Sarasvati, Anm.d.Red.) erhalten. Eigentlich heiße ich Thea D’Alvia. „Mano” bedeutet „Geist“ und „Herz“, „Rama” „liebreizend“. In seiner vollen Pracht bedeutet der Name soviel wie „Liebreizend für das Herz, bezaubernd für den Geist”.

Du hast Guru kennengelernt, als du noch sehr jung warst. Hat er dir geraten, Sanskrit-Lehrerin zu werden?
Als ich ihm das erste Mal begegnete, war ich 13 Jahre alt. Zwischen 16 und 22 sagte er mir, ich würde einmal Tausende von Menschen unterrichten. Aber erst sollte ich vernünftig Sanskrit studieren. Er war eine extrem liebenswürdige Person, aber auch ein strenger Vormund. Er wollte wirklich, dass ich ein erfülltes Leben habe und er wusste, dass Sanskrit mein Pfad dorthin sein sollte. Zuerst lehrte er mich und später brachte er mich dazu, selbst zu lehren. Nach seinem Tod dauerte es eine Weile, bis ich Fuß gefasst hatte, aber nach und nach wuchs meine Schülerzahl. Sharon Gannon bat mich irgendwann, bei der Jivamukti Yoga School zu unterrichten. Jetzt bin ich dort und für weitere Yogaschulen während der Yogalehrerausbildungen die Hauptlehrerin für den Sanskrit-Unterricht.

Wie können Menschen aus Europa an deinen Kursen teilnehmen?
Ich unterrichte mein Luminous Shabda, also Sanskrit, Meditation und in verschiedenen Yogazentren in New York. Außerdem bin ich häufig in Florida, Texas und Mexiko unterwegs. Seit einigen Jahren toure ich auch durch Europa. Europäische Schüler haben zudem die Möglichkeit, mit mir online mittels eines Teleclass-Formats Sanskrit, Mantren und die yogischen Lehren zu lernen. Gerade eben hat ein neuer Kurs begonnen, der sich „Fundamentals Of Yoga Club TM” nennt. Man kann sich dafür ganz leicht per Skype einwählen. Letztes Jahr gab es zum Beispiel den Kurs „The Year of Living Gita TM”, in dem Schüler das Prinzip des Luminous Shabda und der Bhagavad Gita erlernen konnten. 2013 stehen weitere Kurse auf dem Programm. Deutsche sind übrigens sehr gut im Sanskritunterricht! Ihr habt Endungen und zusammengesetzte Wörter, den Wunsch, das Sanskritsystem zu verstehen und die Gabe, gut strukturieren zu können und organisiert zu sein.

Wie sieht ein typischer Sanskritunterricht bei dir aus?
Zuerst erkläre ich die innere Haltung, mit der der Sprache am besten begegnet werden sollte. Ich lehre Sanskrit nämlich durch die Prinzipien des Luminous Shabda. Man sollte zum Beispiel immer an einem Punkt des gegenseitigen Respekts starten. Dann erkläre ich sehr spezifisch, was Sanskrit ist, was nicht und welchen Platz es im Leben eines modernen Westlers und Inders hat und lehre spezifische Mantren. Wichtig ist dabei vor allem, dass jeder einzelne der Sanskrit-Klänge ordentlich und korrekt betont wird. Dann geht es los mit dem Büffeln von Vokabeln und Grammatik. Aber das muss natürlich jeder für sich selbst tun.

Was bedeutet denn “Luminous Shabda“?
Ich habe den Terminus immer als „Sprache der Vibration“ verstanden und erklärt. Aber nach einigen Jahren verstehe ich „luminous“ (deutsch: leuchtend; Anm.d.Red.) als die Bewegung des Lichts auf dem Gaumen und im ganzen Körper. „Shabda“ wiederum ist der Klang. Für mich ist das dann „Klang aus Licht“. Übrigens sind die Wörter Gott und Göttin auf der Wurzel „div“ (Englisch „divine“: göttlich; Anm.d.Red.) aufgebaut. Das bedeutet „glänzen“ oder „scheinen“. Aus „div“ wird Deva, was dann mit „Gott“ oder „von Licht erfüllt“ übersetzt werden kann. Das hört sich sehr abstrakt an, aber eigentlich geht es nur darum, wie man sein eigenes Selbst besser wahrnehmen kann, indem man Sprache und Vibration gezielt einsetzt. Durch Luminous Shabda lehre ich aber nicht nur Sanskrit, sondern auch wie man die Prinzipien des Yoga in sein Leben integrieren kann. Da gibt es zum Beispiel die Santosha Meditation TM (Zufriedenheit) und das korrekte Rezitieren von Mantren. Für mich ist jedes Mantra wie ein Mini-Guru. Wenn man sich länger mit der jeweiligen Bedeutung auseinandersetzt, wird man irgendwann Antworten erhalten. Immerhin kommen die Mantren von den Rishis, den Sehern, also erleuchteten Wesen.

Im Unterricht hast du behauptet, jede Sprache hätte seine eigene Schönheit. Welche Schönheit hat Sanskrit für dich?
Für mich ist es immer wieder faszinierend, wie Menschen grundlegende Heilung erfahren, wenn sie nur den Klang dieser Sprache sprechen oder hören. Der Klang des Sanskrit ist magisch! Für mich ist er wie ein Durchgang, der mich in einen anderen Raum führt. Dennoch ist es schön, auf diesem Weg geführt zu werden. Sanskrit zu lernen passiert nicht einfach nur, wenn man Vokabeln und Grammatik lernt. Als Teil des Prozesses brauchst du zur Unterstützung einen Guru. Oder wenn man das Wort Guru nicht mag: Jeder benötigt einfach einen Lehrer, der ein tiefes Verständnis für den spirituellen Aspekt der Sprache hat. Deswegen nenne ich es auch Luminous Shabda, weil es eben nicht stures Lernen einer Sprache ist. Es geht darum, die Sprache deines eigenen Selbst zu erlernen – und dafür brauchst du Anleitung.

Also würdest du nicht empfehlen, aus einem Buch zu lernen?
Viele Leute lernen Sanskrit aus einem Buch und das ist auch in Ordnung. Aber es ist nicht das gleiche. Ich habe mit meinen Guruji studiert und habe genau in der Art und Weise weitergemacht, wie es mir beigebracht wurde. Die Lehren des Yoga werden nun mal am allerbesten von einem Guru überliefert. Und das ist eine wunderschöne Tradition. Heutzutage fragt man sich oft, ob es richtig, falsch oder überhaupt notwendig ist, einen Guru zu haben. Aber in seiner reinen Form ist dies eine wunderbare Sache. Guru wird mit „Wachstum“ übersetzt, Wachstum von der Dunkelheit hinein in die Helligkeit. Genau das ist die Absicht des Sanskrit: uns zu helfen, aus der Dunkelheit ins Licht zu wachsen, wo wir uns zwar schon befinden, es aber noch nicht erkennen können.

Ist es deiner Meinung nach für Yogapraktizierende wichtig, Sanskrit zu lernen?
Wenn du Zugang zu Sanskrit hast, hast du auch Zugang zu den Tiefen der Lehre des Yoga, da ja auch alle alten Schriften in Sanskrit verfasst sind. In mir persönlich baut Sanskrit Liebe und Sanftheit auf.

In deinem Unterricht hast du gesagt, ein Mantra müsse immer korrekt betont und ausgesprochen werden, um richtig wirken zu können. Aber was ist, wenn ich zwar eine gute innere Intention habe, das Mantra aber dennoch falsch ausspreche? Hat dies nicht denselben Effekt wie eine korrekte Aussprache?
Sanskrit korrekt auszusprechen und Mantren ordentlich zu chanten ist noch einmal eine viel reichere und komplett andere Erfahrung. Wenn du die Mantren in korrekter Ausrichtung der Mundpositionen sprichst, in ordentlichem Rhythmus, Tempo, Atem und der dazugehörigen Intention, wirst du große Heilung erfahren. Trotzdem sollte man sich als Anfänger dadurch bitte nicht entmutigen lassen! Etwas Neues anzufangen bedeutet auch immer eine gewisse Bereitschaft zum Fall. Scheitere also, mach’ Fehler, aber bleib’ am Ball und bemühe dich weiter nach einem tieferen Verständnis. Am Anfang kommt einem Sanskrit sehr entgegen, wenn man sich Mühe gibt, aber ab einem gewissen Punkt liegt es an einem selbst, das Erlernte zu verfeinern. Jede Phase des Lernens erfordert ein neues Bewusstsein und stellt darüber hinaus eine neue Herausforderung dar. Yoga lehrt uns, dass das Leben nie eine Einbahnstraße ist. Der Prozess ist immer ein Dialog.

Wie einst Hebräisch soll nun auch Sanskrit wiederbelebt werden. Im Rahmen dieses Programms werden neue Wörter für neuartige Gegenstände erfunden und Radio- und Fernsehsendungen in Sanskrit ausgestrahlt. Könntest du verstehen, was dort geredet wird?
Ja, ich denke schon, aber ich müsste mich natürlich mit den neuen Worten auseinandersetzen. Ich finde diese Bewegung sehr gut, die von einigen Hindu-Gruppen ins Leben gerufen worden ist. Ich bin glücklich, dass Sanskrit gefördert wird. Ich persönlich halte mich aber an das Motto der International Sanskrit Community: „Vasudhaiva kutumbakam.” Das bedeutet „alles eine Familie“. Die Idee dahinter ist, dass wir durch das Studium einer Ursprungsphase mit unserer eigenen, uns innewohnenden Einheit in Kontakt zu treten. Von diesem Punkt aus wird alles und jeder zu unserer eigenen Familie und wir fühlen diese Einheit.


Manorama ist weltweit als Lehrerin für Sanskrit und Yogaphilosophie bekannt. Sie unterrichtet unter anderem auf Yoga Teacher Trainings bei Jivamukti Yoga, tourt durch Europa und bietet Online-Sanskrit-Unterricht an. Mehr Informationen unter www.sanskritstudies.org.