Können wir Stress abschütteln und wenn ja, wie könnte das funktionieren? Unsere Autorin hat sich über TRE, die aktiven Meditationen nach Osho und das Schütteln nach Ilan Stephani schlau gemacht. Ihr Fazit: Wir versuchen immer noch, unsere Probleme mit dem Kopf zu lösen. Vielleicht würde es helfen, öfter mal den Körper ranzulassen.
Text: Andrea Goffart / Titelbild: wickedberlin von Getty Images Signature via Canva
Ein Sonnenstrahl fällt mir ins Gesicht, während ich in bequemer Kleidung und dicken Socken auf meiner Matte liege – und zittere. Rechts von mir liegt ein Mann, dessen Schultern schütteln, neben mir eine Frau, deren Hüfte vibriert. Ich schaue ihnen zu und beobachte zugleich, wie meine Oberschenkel sich schütteln. Begonnen hat das alles vor 15 Minuten mit Aufwärmübungen. Wir – eine Gruppe von vielleicht acht Personen – streckten und dehnten uns, machten ein paar sanfte Balanceübungen, Bein heben, Fuß kreisen, und spürten zu unserer natürlichen Atmung hin.
Annette Gall kenne ich schon lange als Yogalehrerin. Heute darf ich bei ihr TRE ausprobieren: Tension and Trauma Release Exercises. Nach den vorbereitenden Übungen legten wir uns auf unsere Matten und brachten die Beine in eine etwas ungewohnte Position, die Füße aneinander, die Knie gebeugt. Das genügt meist schon, um den natürlichen Zitterreflex auszulösen, um den es im TRE geht. Vorab hatte Annette uns erklärt, wie wir dieses Zittern jederzeit stoppen können, denn ein Gefühl von Sicherheit sei essenziell für unser Nervensystem und damit für die Wirkung, die TRE bereits im Namen hat: das Lösen von traumatischen Spannungen im Körper.

„Faszien und Nervensystem hören in jeder Millisekunde zu und reagieren genauso schnell. Ein natürlicher Reflex bei Stress ist Anspannung. Je nachdem, wie wir uns bewegen, wie wir durch Verspannungen in eine Schonhaltung kommen, festigt sich diese Anspannung und das alte Reaktionsmuster bleibt, obwohl der Auslöser längst vorbei ist. Durch TRE kann diese Information im Körper aktualisiert werden.“
Annette Gall ist TRE-Providerin, Entspannungs- und Yogalehrerin
Natürliche Reaktion: Stress abschütteln
Zittern zur Entspannung – funktioniert das? Eigentlich zeigt diese Körperreaktion doch das genaue Gegenteil: Meistens zittern wir nach einem großen Schreck. Wenn wir zum Beispiel gerade knapp einem Unfall entgangen sind, beben die Hände oder die Knie. Viele kennen das Zittern auch bei großem Stress oder Angst oder es beginnt nach einem heftigen Streit. Dass der Körper so reagiert, ist nicht nur normal, es ist sogar nützlich, das behaupten zumindest Forscherinnen oder Therapeuten, die den Schüttelreflex für Entspannung und Heilung nutzen.
Denn im automatischen Zittern ist Körperintelligenz am Werk: Das vegetative Nervensystem schaltet bei Gefahr, bei Angst und Aufregung in den Aktionsmodus, indem es zum Beispiel Muskelgruppen aktiviert, die für Kampf, Flucht oder Erstarrung gebraucht werden. Nach einem solchen Ereignis würde der Körper die Anspannung gerne wieder lösen und den Stress im wahrsten Sinn des Wortes „abschütteln“ – so wie man das auch bei Tieren beobachten kann, etwa wenn sich ein Hund nach einer Bellerei mit einem anderen erst mal schüttelt. Wir Menschen unterdrücken diese Reaktion, weil wir sie vielleicht für gesellschaftlich nicht akzeptabel halten. Man stelle es sich vor: Die Chefin schnauzt dich an, du schnauzt zurück. Und dann stellst du dich hin und schüttelst dich ausgiebig. Liest sich irgendwie befreiend – aber …
Unzerstörbare Essenz
„Dadurch, dass wir diese instinktiven Bewegungen immer wieder unterdrücken, können Traumatisierungen entstehen“, sagt Ilan Stephani, Autorin und Körperforscherin. Seit sie sich als Leiterin einer Berliner Frauengruppe vor vielen Jahren spontan entschloss, ein intensives, ekstatisches Schütteln zur Musik einzuladen, ist es zu einem festen Bestandteil ihrer Seminare geworden. Vor allem die Rückmeldung einer Teilnehmerin, die berichtete, dass das Schütteln ihr „Allheilmittel“ werde, ließ Ilan das Potenzial dieser evolutionär angelegten Entspannungstechnik erkennen.

„Im Umgang mit Stress und Burnout oder wenn das Leben mal nicht nach Plan verläuft – bei all dem kann Schütteln eine Hilfe sein. Ich würde es in meinem Toolkoffer als Erste-Hilfe-Set oder Survival-Kit bezeichnen für die Menschen in dieser Zeit. Schütteln ist ein Lauschen auf die Weisheit des Körpers, nichts anderes.“
Ilan Stephani nennt sich selbst „somatische Mystikerin“
Ganz bewusst grenzt sie ihren Ansatz von anderen Methoden ab, die das Zittern oder Schütteln nur sehr vorsichtig angehen. „Ich will die unzerstörbare Essenz des Menschen betonen“, sagt Ilan. Ihre Teilnehmer*innen spricht sie liebevoll als „Tiger“ und „Tigerin“ an, sie dürfen wild sein und sich dem ständigen Fokus auf Schonung und Kontrolle entziehen. Der könne nämlich in der Traumatherapie kontraproduktiv sein, meint Ilan. Mit ihrer kraftvollen Arbeit will sie einen Raum schaffen, der Menschen ihre Resilienz zutraut und sie nicht auf ihr Trauma reduziert.
Verantwortungsvoll schütteln
Auf die Frage nach den Gefahren dieser Herangehensweise reagiert sie selbstbewusst: „Ich habe in meiner Praxis keine Retraumatisierung erlebt. Aber natürlich empfehle ich meine Arbeit nicht in Phasen von akuten Traumasymptomen und ich definiere sie auch nicht als Heilung, sondern als Körpercoaching.“ Wichtig seien individuelle Verantwortung und professionelle Begleitung. Nur so könne diese Körperarbeit ihr volles Potenzial entfalten, Grenzen überwinden, eingeschlossene Bewegungsmuster lösen und die Weisheit des Körpers entfalten.
Auch Ramateertha Doetsch, Mediziner und Gründer des Osho-UTA-Instituts in Köln, nennt wichtige Einschränkungen für das Schütteln: „Es gibt pathologische – krankhafte – Fälle von Zittern. Diese gehen oft einher mit einem völligen und unfreiwilligen Kontrollverlust.“ Hier sei wirklich äußerste Vorsicht geboten und ärtzlicher Rat einzuholen.
Trauma und Körper
Vorsicht oder besser Besonnenheit ist ein Prinzip, das auch für Annette Gall Priorität hat. Die Entspannungstherapeutin, Yogalehrerin und TRE-Providerin aus Belgien schwört auf den Schüttelreflex als Heilungsreaktion des Körpers. Allerdings unter einer für sie essenziellen Bedingung: „Wir müssen immer dafür sorgen, dass Sicherheit da ist!“ Der Reflex selbst sei sehr einfach auszulösen, erklärt Annette. Im TRE ist es eine Folge von fünf bis sieben Übungen, durch die das Zittern angeregt wird. Annette Gall hat in England bei Steve Haines gelernt. Dort sagt man „Let’s shake, have fun“, erklärt sie. Es stehe also eher der körperliche und weniger der psychologische Aspekt im Vordergrund.
Die als Marke geschützte Methode TRE wurde von David Berceli in den 1990er-Jahren entwickelt. Der Psychiater arbeitete mit traumatisierten Soldaten und machte sich die Beobachtung zunutze, dass viele Tiere und einige Naturvölker Stress und überwältigende Erlebnisse durch einen natürlichen Schüttelreflex abbauen. Daraus entwickelte Berceli die TRE-Übungsabfolge, die diesen angeborenen Reflex gezielt auslöst. TRE löst dabei nicht das Trauma aus dem Körper, es löst die durch immerwährende Wiederholung verfestigten Bewegungsmuster einer traumatischen Körpererinnerung. „In der Körperarbeit verstehe ich Trauma nicht als das Ereignis selbst, sondern als eine eingefrorene oder festsitzende körperliche Reaktion“, erklärt Annette. TRE hilft, diese alten Muster aufzulösen.

Alles ist Körper
In seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“ schreibt Professor Dr. Joachim Bauer, dass all unser Denken und Fühlen einen Niederschlag im Körper findet – aus Psychologie werde Biologie. Die Idee dass wir umgekehrt beim Körper ansetzen müssen, bevor wir den Geist entspannen können, liegt auch vielen Meditationsformen zugrunde. Insbesondere die dynamischen und aktiven Meditationen von Osho sind ein gutes Beispiel für diese Einladung zur Körperlichkeit. Seine „Kundalini-Meditation“ gestaltet sich in vier Phasen von je 15 Minuten – stehendes Schütteln gefolgt von Tanzen, stillem Sitzen und Liegen. Die ersten drei Phasen werden oft begleitet von Musik.
Osho – oder Bhagwan – sah es als Notwendigkeit, unterdrückten Emotionen in Bewegung Raum zu geben, zumal viele Menschen (vielleicht vor allem im globalen Norden) ihren natürlichen Körperbezug verloren hätten. Wie können wir uns auf dem Meditationskissen niederlassen und reglos sitzend nach innen lauschen, wenn der Körper verspannt ist, weil er jede Menge Gefühle und Erfahrungen festhält? Intensive körperliche Bewegung – Atmen, Tanzen, Hüpfen, Schreien und eben auch Schütteln – bringt das System erst mal in Schwung und lässt angestaute Energie und Emotionen (ab-)fließen.

„Beim Schütteln erfolgt ein Loslassen von dem, was wir festhalten – in den Muskeln, den Faszien, im Nervensystem, emotional. Als Arzt kann ich es auch vom neurologischen Blickwinkel her beschreiben: Wir geben Ladung ab und es entsteht wieder eine Balance von Sympathikus und Parasympathikus, Systole und Diastole, Aktion und Loslassen.“
Ramateertha Doetsch ist Arzt, Therapeut und Gründer des Osho UTA-Instituts
Stress aktiv loslassen
Der Mediziner und Therapeut Ramateertha Doetsch, ein langjähriger Weggefährte Oshos, erklärt die Bedeutung dieser Reinigung, er nennt sie Katharsis, die durch das aktive Loslassen angesammelter Ladung im System geschieht: All den Input unseres geschäftigen Lebens, unsere Gefühle und Reaktionen, können wir nach seiner Überzeugung in den bewegten Meditationsformen abgeben – wie Vögel, die sich nach dem Bad schütteln, sodass die Tropfen glitzernd davonstieben. Insbesondere das Schütteln als erster Teil der Kundalini-Meditation nach Osho helfe, Ladung aus dem vegetativen Nervensystem abzugeben.
„Let go“ – lass es alles los – darum gehe es, sagt Ramateertha und betont, dass dabei eine Einladung zum „Chaos“ durchaus erforderlich sein könne: Das Schütteln in der Osho-Tradition fordert die Praktizierenden auf, die unwillkürliche Ebene der eigenen Reaktionen zuzulassen und Raum zu geben für tiefe Emotionen. Wir lassen los und überlassen uns der Intelligenz unseres Körpers. Die Bewegungen dürfen von selbst kommen – wir schütteln nicht, wir werden zum Schütteln. Dieses Loslassen der Kontrolle schaffe Raum für eine Qualität der Beobachtung von dem, was wir oft unter Verschluss halten und damit letztlich für ein bedingungsloses Ja, sagt Ramateertha.
Akzeptanz und Verbundenheit
Habe ich dieses bedingungslose Ja auch bei meinen Selbst-Versuchen des Schüttelns gespürt – die übrigens auch die Teilnahme an aktiven Meditationen nach Osho und an einem Online-Schütteln bei Ilan Stephani enthielten? Tatsächlich fühlte ich nach dem TRE eine körperliche Entspannung, fast, als hätte jemand einen Zentner Kartoffeln von meinen Schultern genommen. Und nach längeren, regelmäßigen Phasen der Kundalini-Meditation scheint es mir leichter zu fallen, den Moment so zu nehmen, wie er ist, ihn sein zu lassen. Loszulassen – und vielleicht auch ein bisschen bedingungs- und klagloser Ja zu sagen, zu allem, was ist. So ein Ja ist wichtig, denn in ihm steckt viel mehr als Akzeptanz: Es kann uns auch für etwas öffnen, was wir Menschen so dringend benötigen – die Aufhebung der Trennung, Verbundenheit und Liebe.

Andrea Goffart schreibt nicht nur selbst, sondern unterstützt als Schreibcoach Menschen dabei, ihre Geschichten zu erzählen. Mehr Info auf andrea-goffart.de
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 01/2026.
Hier erfährst du, was der Psoas-Muskel mit Stress zu tun hat…
Und hast du schon mal „Shake the Dust“ ausprobiert?





































