Einfach sein – Meditationsübungen

Echtes inneres Gleichgewicht entsteht nicht im Ausgleich zwischen den Extremen, sondern in der Anbindung an einen Zustand der Ganzheit – oder anders gesagt: in dem ebenso banalen wie wunderbaren Gefühl, am Leben zu sein.

Übung 1: Das Gefühl zu sein

Nehmen Sie sich etwas Zeit, um den Körper zu entspannen: Kiefergelenke, Augen, Schultern, Arme und Hände, Bauch, Hüftgelenke, Beine und Füße – der gesamte Körper darf loslassen. Dann richten Sie die Aufmerksamkeit auf die Empfindungen von sanftem
Ausdehnen und Wieder-Lösen, die der durch den Körper strömende Atem im Bauch erzeugt.

Sinken Sie nun etwas tiefer ein in die feinen Spalten, die sich zwischen zwei Atemzügen oder zwei Gedanken auftun: Wo und wie können Sie hier ein Gefühl des Einfach-Seins erfahren? Vielleicht nehmen Sie es als eine Wärme oder eine Präsenz im Bauch, im Herzen oder einer anderen Körperregion wahr.

Halten Sie den Fokus auf diesen Empfindungen, während Sie die folgenden Begriffe lesen, mit denen das Sein oft beschrieben wird. Was davon deckt sich mit Ihrer Erfahrung?

Friedvoll … ruhig … liebend … sicher …im Herzen ruhend … leicht … geerdet …verbunden … weit … wohlig … Notieren Sie, welche Begriffe Ihr eigenes Gefühl am besten beschreiben. Das bewusste Sein ist in den meisten Fällen ein Weg zu durchweg positiven Empfindungen: Indem Sie ganz in der Gegenwart eintauchen, lösen sich Zweifel und negative Gedanken auf.

Übung 2: Tiefer gehen

Die folgenden fünf Fragen helfen Ihnen, zu Beginn jeder Meditation das Gefühl des Einfach-Seins zu vertiefen. Gehen Sie jeder Frage auf den Grund, bevor Sie zur nächsten übergehen. Sie beginnen die Meditation in einer angenehmen Haltung – im Liegen oder Sitzen. Erlauben Sie Ihren Sinnen, noch einen Moment lang die Reize Ihrer Umgebung aufzunehmen: Bilder, Geräusche, die Luft auf Ihrer Haut, den Kontakt zum Boden. Dann nehmen Sie Ihren Körper als ein Feld vibrierender Energie wahr, bevor Sie schließlich nur noch genießen, am Leben zu sein.

  1. Wenn Sie einfach „sind“, wie beschreiben Sie, wo sich dieses Sein befindet? Haben Sie eine deutlich wahrnehmbare Mitte oder physische Grenzen? Beobachten Sie, ob Sie zugleich die Präsenz in Ihrem physischen Körper wahrnehmen und sich weit und unbegrenzt fühlen können.
  2. Wenn Sie einfach “sind” wie beschreiben Sie Ihre Erfahrung in der Zeit? Beobachten Sie ob sich mit dem Gefühl des Einfach-Seins das Denken verlangsamt. Wenn die Gedanken schwächer werden und für Momente zum Stillstand kommen, kann es sein, dass Sie den Eindruck haben, außerhalb der Zeit zu treten – jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
  3. Wenn Sie ganz präsent sind, gibt es dann noch etwas, das Sie besser sein ließe, als Sie schon sind? Vielleicht haben Sie, indem Sie einfach „sind“, viel eher das Gefühl, so wie Sie sind, auch vollkommen zu sein: Ihr Wesenskern braucht nichts und will nichts, selbst wenn Körper und Geist sich weiter nach etwas sehnen.
  4. Ist dieses Gefühl des Einfach-Seins ungewohnt oder etwas, das Sie schon seit jeher kennen? Sehr wahrscheinlich fühlt sich das einfache Sein vollkommen vertraut an – auch wenn Sie es seit langer Zeit nicht beachtet haben.
  5. Wenn Sie einfach „sind“, gibt es dann noch etwas, das Sie vollständiger sein ließe, als Sie es jetzt sind? Wenn es Ihnen gelingt, zur Ruhe zu kommen und sich für eine gewisse Zeit nicht ablenken zu lassen, dann wird es wahrscheinlich auch möglich, sich ganz und vollständig zu fühlen, so, wie Sie sind. Es mag einige Übung erfordern, doch dieses angeborene Gefühl kann in jedem Menschen wieder zum Vorschein kommen.

Nachdem Sie sich mit diesen fünf Fragen beschäftigt haben, nehmen Sie sich etwas Zeit, um noch in die Stille des Einfach-Seins einzutauchen. Beobachten Sie sich und genießen Sie die Aspekte, die die fünf Fragen zum Vorschein gebracht haben: Sie sind weit, zeitlos, vollkommen, mit Ihrem Wesenskern verbunden und vollständig – genau so, wie Sie sind.


Dr. RICHARD MILLER ist Gründungsvorsitzender des Integrative Restoration Institute (irest.us), Mitbegründer des internationalen Verbands für Yogatherapeuten und Autor von „iRest Meditation and Yoga Nidra“. Dies ist der fünfte Artikel in einer Reihe über nachhaltige und wirksame Meditationspraxis.

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