Ayurveda & Psychologie

642

Gesundheit aus dem wahren Selbst

Wer bin ich? Wie kann ich glücklich und gesund leben? Was gibt meinem Leben einen tieferen Sinn? Diese Fragen beschäftigen uns alle früher oder später einmal im Leben.

Entsprechend der Kosmischen Gesetze ist unser Leben von Zyklen der Veränderung geprägt, die immer wieder der Neuorientierung und Selbstüberprüfung bedürfen. Eingeläutet werden die natürlichen Veränderungen häufig von Krisensituationen – wie Krankheiten, Trennung oder Misserfolg – die sich zu einem späteren Zeitpunkt als ein großer Segen entpuppen können. Nur durch die innere oder äußere Not haben wir den Mut und die Kraft aufgebracht, uns mit den unangenehmen Aspekten unserer Realität auseinanderzusetzen, die unsere Entwicklung hemmen. Damit bietet jede Krise die optimale Möglichkeit, Altes loszulassen und die eigene Persönlichkeit mit ihren unterschiedlichen Facetten und Fähigkeiten neu zu entdecken.

Laut Ayurveda liegt der Schlüssel zu allen philosophischen und praktischen Sinnfragen des Lebens im Wissen um die kosmische und individuelle Natur. Um dieses Wissen zu erlangen, benötigen wir neben einem Yogaphilosophie-Studium auch einen guten Zugang zu unserem individuellen Persönlichkeitspotenzial. Dieses schlummert in unserer Grundkonstitution (Prakriti), welche auch als wahres Selbst bezeichnet wird. Entsprechend der individuellen Konstitution ist jeder von uns einzigartig und wir verfügen über einen großen Schatz an Fähigkeiten und Begabungen, die uns helfen, die eigene Lebensberufung zu entfalten. Gesundheit, Glück und Selbsterfüllung – all das basiert auf dem Erkennen der eigenen Grundkonstitution, von deren Ausdruck das harmonische Gleichgewicht unserer körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte abhängt.

Wenn unser Leben gelingt – in Freude, Leichtigkeit und Erfolg – so ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass wir in gutem Kontakt zu unseren inneren Kräften sind und mit unseren Handlungen (wie zum Beispiel Essen, Sprechen, Arbeiten) einen positiven Selbstausdruck unserer wahren Natur gefunden haben. Mit guter Intuition erkennen wir, was das Richtige für uns ist und wie wir ohne große Anstrengung viel erreichen können. Leiden wir hingegen unter körperlichen Beschwerden oder emotionalen Konflikten, so resultieren diese immer aus einer Störung der Kräfte, welche unsere Konstitution auf struktureller und psycho-mentaler Ebene prägen. Diese werden im Ayurveda Doshas genannt und als Vata, Pitta und Kapha genau beschrieben..

Dosha heißt übersetzt „Verunreiniger“ und dies impliziert bereits die funktionale Störung, die durch eine Dosha-Ansammlung auf der körperlichen und mentalen Ebene hervorgerufen werden kann: Immer dann, wenn sich zu viel Vata, Pitta oder Kapha ansammeln, verändert sich das ursprüngliche Kräfteverhältnis unserer Konstitution. Die daraus resultierende Störung (Vikriti) drückt sich in vielerlei Beschwerden aus, die wir direkt auf einen oder mehrere Verursacher – Vata, Pitta oder Kapha – zurückführen können. Damit haben wir anhand der Dosha-Analyse ein wunderbares Instrument zur Vefügung, um die Ursache von Problemen jeglicher Art zu erkennen und Lösungen zu definieren. Entsprechend des krankheitsverursachenden Doshas können wir gezielte Maßnahmen ergreifen, um die Fremdbestimmung aufzuheben und das ursprüngliche Dosha-Gleichgewicht wieder herzustellen. Und darin liegt unser ganzes Glück!

Gesundheit aus dem Selbst heraus
Im Ayurveda wird Gesundheit nicht nur als ein sta- tistischer Durchschnittswert oder ein allgemeines Wohlbefinden betrachtet, sondern als Zustand voller Vitalität, Widerstandskraft und Lebensfreude. Der ayurvedische Ausdruck für einen gesunden Zustand ist „Svastha“ – was soviel bedeutet wie „im Selbst verweilen“. Damit erklärt allein der Begriff Gesundheit (Svastha) seine spirituelle und ganzheitliche Bedeutung: Solange wir in Kontakt mit unserem wahren Selbst, unserer innersten Natur (Prakriti) sind, befinden wir uns in einem ausgeglichenen und kraftvollen Zustand auf allen Ebenen unserer Persönlichkeit. Um diesen Zustand wieder zu erlangen bietet uns die ayurvedische Heilkunst rationale, psychologische und spirituelle Therapieformen, mit deren Hilfe wir auf unterschiedlichste Weise unsere Störungen beseitigen können.

Bei allen körperlichen Beschwerden zeigen die rationalen Ayurveda-Therapien die größte und schnellste Wirkung. Mit gezielt eingesetzten Medikamenten, Ausleitungsverfahren, Ernährungsempfehlungen und Massagetherapien wird der Körper von krankmachenden Doshas befreit. Nach dem Prinzip „Gegensätze gleichen sich aus“ nutzen die rationalen Therapien immer ausgleichende Substanzen, um krankheitsauslösenden Eigenschaften zu beseitigen. So werden beispielsweise Vata-Erkrankungen, die von Kälte und Trockenheit hervorgerufen sind, durch erwärmende und befeuchtende Substanzen geheilt. Gegen saure und heiße Pitta-Beschwerden hingegen, wie Sodbrennen, Migräne oder Hautentzündungen, setzen wir bittere Nahrungsmittel und kühlende Öle ein.

Die Logik der rationalen Ayurveda-Therapie macht ihre Anwendung besonders einfach. Auch ohne langjähriges Ayurveda-Studium sind wir in der Lage, gestörte Dosha- Eigenschaften zu definieren und mit gegensätzlichen Qualitäten auszugleichen: Um Schwere (zum Beispiel Übergewicht) zu kurieren, benötigen wir mehr Leichtigkeit, welche durch anregende Trockenmassagen, eine fettarme Ernährung mit vielen Hülsenfrüchten und Blattgemüsen sowie ein dynamisches Bewegungsprogramm erzeugt wird. Leiden wir hingegen unter zu viel Dynamik, die sich zum Beispiel in Schlafstörungen äußert, so helfen schwere und erdende Therapien wie Fußmassage, Wurzelgemüse, Safranmilch und beruhigende Kräuter. Jeder Dosha-ausgleiche Therapieplan beruht auf diesen Prinzipien und kann beliebig variiert werden. Schwieriger hingegen ist es mit den psychologischen und spirituellen Therapien. Sie sind weitaus subtiler und es bedarf für ihre Umsetzung mehr als therapeutischer Fachkompetenz und Selbstdisziplin.

Um unsere geistigen und emotionalen Krankheitsursachen zu entschlüsseln, begeben wir uns auf den Pfad der Erinnerung und Reflexion unseres wahren Selbst. Dazu versuchen wir uns zu erinnern, wie sich unsere ursprüngliche Konstitution während der Kindheit ausgedrückt hat und welche Faktoren dazu geführt haben, sich davon zu entfernen. Oftmals stoßen wir dabei auf schmerzhafte Erfahrungen, die zu einer krankhaften Veränderung der natürlichen Persönlichkeitsanteile führten. Wir haben gelernt, unsere ursprüngliche Natur zu unterdrücken und zu verbiegen, um Angst, Schmerz, Verletzung und Einsamkeit zu entkommen. All unsere enttäuschten Hoffnungen, erlittene Einsamkeit und schmerzhaften Verletzung liegen nun gespeichert in unserem Zell- und Dosha-Gedächnis. Diese zu heilen, ist das Ziel der psychologischen und spirituellen Ayurveda-Therapien.

Ayurveda-Psychologie in der Praxis
In meiner persönlichen Beratungspraxis werde ich häufig von Menschen konsultiert, die eine individuelle Begleitung auf dem Weg zu ihrer wahren Natur wünschen. Mit Hilfe eines speziellen Konstitutionsfragebogens ermitteln wir ihre individuellen Dosha-Anteile und erkunden deren gesunde und kranke Manifestation. Dabei definieren wir die körperlichen Störungen anhand von Dosha-Ansammlungen, die sich in den Dhatus (Geweben) und Srotas (Kanälen) eingenistet haben, und die psychischen Problematiken anhand unterdrückter Dosha-Anteile, die im jetzigen Selbstausdruck nicht gelebt werden. Auf der Suche nach der ursprünglichen Grundkonstitution schauen wir uns Bilder aus der Kinderzeit an, erforschen die mentalen Konstitutionsmerkmale und sprechen über die persönlichen Erlebnisse, die in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen zu einschneidenden (und oftmals krankheitsauslösenden) Persönlichkeitsveränderungen geführt haben.

Um mit den abgespalteten Persönlichkeitsanteilen wieder in Kontakt zu kommen, nutzt die Ayurveda- Psychologie im Rahmen einer einfühlsamen Gesprächstherapie die Kraft des Wortes. Denn Worte sind dem Element Äther zugeordnet und verfügen damit über eine sehr durchdringende, erhellende und transformierende Energie. Das gesprochene oder geschriebene Wort ist äußerst machtvoll und kann zur Zerstörung oder zur Heilung eingesetzt werden. So resultieren viele Traumata unserer Vergangenheit nicht aus körperlichen Angriffen, sondern aus verbalen Verletzungen, die wir durch unbedachte, hasserfüllte oder verächtliche Worte erlitten haben.

Im Gegenzug hinterlassen auch liebevolle, einfühlsame und tröstende Worte des Verstehens tiefe Eindrücke in unserem Bewusstsein, durch die wir Heilung, Hoffnung und Liebe empfangen. Im klientenzentrierten Gespräch können verdrängte Erinnerungen sichtbar werden und verhärtete Emotionen aufweichen. Wir bauen eine Brücke zu unserem göttlichen Kern (Buddhi), aus dem heilender Segen entspringt. Diesen Moment zu erleben, ist für alle Beteiligten (Berater und Klient) ein großes Geschenk.

Doch nicht nur im therapeutischen Beratungsgespräch sind transformierende Bewusstseinsprozesse möglich. Auch das liebevolle Selbstgespräch ist ein Instrument der psychologischen und spirituellen Ayurveda-Therapie: Ob im inneren Dialog während eines Spaziergangs oder im Rahmen einer geführten Meditation: In der Stille entfaltet sich die erlösende und heilende Kraft aus dem Erkennen unseres Selbst. Ein weiteres, von mir häufig angewendetes Hilfsmittel für die subtile Selbstheilung ist die Kontaktaufnahme mit den ungelebten Persönlichkeitsanteilen durch Tagebuch- oder Briefschreiben. Oftmals ist es ganz erstaunlich, welche tiefen Wahrheiten und konstruktiven Lösungsansätze im Rahmen dieser „Selbstbriefe“ zu Tage kommen.

„Die Lösung liegt in dir“ ist einer der wichtigsten Lehrsätze der ganzheitlichen Psychologie und tatsächlich weiß die Intelligenz unserer Seele am besten, wie sie uns wieder zu Gesundheit, Glück und Lebenskraft zurückführt, wenn wir sie nur einmal zu Wort kommen lassen. Gönnen wir uns also einen Moment der Stille, um auf unsere innere Stimme zu horchen.


In seiner klassischen Definition für Gesundheit bezieht Ayurveda die körperliche, mentale, sinnliche und spirituelle Ebene mit ein. Demnach verfügt ein gesunder Mensch über:
1. Sama-Dosha: Gleichgewicht der Doshas
2. Sama-Agni: normale Funktion des Verdauungsfeuers und des Stoffwechsels
3. Sama-Dhåtu: normaler Zustand der dhåtus, gute Gewebequalität
4. Sama-Mala: normale Ausscheidungsfunktionen
5. Prasanna-Indriya: normale Funktion der Sinnes- und Handlungsorgane
6. Prasanna-Manas: Freude und Klarheit des Geistes (eine relative, vergängliche Freude, wenn man zum Beispiel etwas erlangt, was man sich gewünscht hat)
7. Prasanna-Atma: Freude der Seele (eine absolute, ewige Freude oder Glückseligkeit, die unabhängig von jeglichen äußeren Rahmenbedingungen immer bestehen bleibt)


Die drei Therapieformen im Ayurveda

Die spirituellen Therapieformen
(Devavyapashraya Chikitsa)
Mit den spirituellen Therapien können Menschen behandelt werden, die unter Krankheiten leiden, die nicht auf eine konventionelle Behandlung ansprechen. Oft liegen die Krankheitsursachen auf der spirituellen Ebene (unverarbeitete Traumata, negative Informationen verstorbener Familienmitglieder oder Ähnliches), die dann mit speziellen Ritualen, Meditationen (Mantra) und Gebeten erfolgreich im Transformations- und Heilungsprozess unterstützt werden können.

Die psychologischen Therapieformen
(Sattvavajaya)
Durch die richtige Philosophie, Meditationen und psychotherapeutische Maßnahmen fördert Sattvavajaya eine gelassene Geisteshaltung und hilft negative Gedanken und Konditionierungen auszuschalten, welche Krankheitsprozesse hervorbringen oder beschleunigen.

Die rationalen Therapieformen
(Devavyapashraya Chikitsa)
Die rationalen Behandlungsformen werden vor allem für die Störungen in den funktionellen und strukturellen Körperkomponenten eingesetzt. Sie verfolgen drei hauptsächliche Ansätze:
1. Vermeidung der Ursache (Nidana Pariarjanam)
2. Reinigung (Samshodanam)
3. Besänftigung (Samshamanam)