Jason Kalidas im Interview: “Du fühlst dich gut – aber was dann?”

Auf der Tabla und mit der Bansuri-Flöte zelebriert Kirtan-Künstler Jason Kalidas die heilende Kraft der Musik. Und zwar jeder Musik. „Mantren nutzen niemandem, der gerade Punk braucht“, so der Musiker aus Brighton, dessen Spiel man leicht als „virtuos“ beschreiben könnte – fände er selbst solche Kategorien nicht absolut unbedeutend.

Jason Kalidas könnte gerade sehr erschöpft sein. Ausgelaugt von einem intensiven Retreat im Seminarhaus Höllbachhof bei Regensburg, wo er in Zusammenarbeit mit der Münchner Yogalehrerin Regina Gambarte 20 Teilnehmer durch einen dreitägigen Detox-Workshop führte. Aber Erfahrungen wie diese sieht Jason als Energiequelle. Mehrere Monate im Jahr ist der Musiker aus Brighton weltweit auf Tour, um Solo-Konzerte zu geben, mit befreundeten Musikern auf Kirtans zu spielen oder mit therapeutischer Musik und „sacred sound“ die Arbeit von Yogalehrern zu ­unterstützen.
„Jasons Sound ist gleichzeitig fließend und feurig, geerdet und ätherisch“, sagt Dave Stringer über den Percussionisten und Bansuri-Spieler, der mit 20 Jahren nach Indien ging, in klassischer indischer Musik ausgebildet wurde, später mit Bhagavan Das tourte und den Kirtan für sich entdeckte.

YOGA JOURNAL: Diverse Lebensgeschichten gehört, ein paar Krisen miterlebt und schließlich die positive Wirkung ­gesehen, die die Gruppe aus deiner Arbeit gezogen hat – all das in drei ­Tagen. Wie geht es dir am Ende eines Retreats, wenn diese intensive Gemeinschaftserfahrung vorbei ist?
JASON KALIDAS: Hervorragend. Ich empfinde diese Situationen als ungemein bereichernd, ihr Effekt geht über die eines Konzerts oder Kirtans hinaus. Bei den Teilnehmern entwickelt sich ein tief gehender Prozess – von außen betrachtet lässt sich das gesamte Ausmaß dieser intensiven Innenschau nur in Ansätzen wahrnehmen.

Wie stark bringst du dich selbst in diese Entwicklung ein? Gibt es dabei eventuell etwas, wovor du dich schützen musst?
Absolut nicht. Ich bringe immer 100 Prozent von mir ein und wüsste nicht, wovor ich mich schützen müsste. Im Gegenteil – ich hoffe immer, noch mehr geben zu können. Denn je tiefer ich in die Musik eintauche, desto mehr merke ich, dass es dabei nicht um mich oder den Einzelnen geht. Die Musik passiert einfach, und es ist völlig unerheblich, woher sie kommt.

Aber du produzierst den Sound, und zwar auf eine ganz ­besondere Weise mit besonderer Wirkung.
Trotzdem ist das nichts Besonderes. Ich sage nicht, dass da nichts Magisches im Spiel ist, aber ich mag generell diese Gegenüberstellung nicht: Ich, das Genie, spiele, und du sitzt da und staunst ergriffen. Es passiert etwas ganz Spezielles, aber der Ursprung liegt nicht bei mir, höchstens seine Form. Je großartiger meine oder irgendeine Musik ankommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie nicht mir gehört, sondern ganz andere Räume einnimmt. Das nimmt ihr nichts von ihrer Besonderheit, aber der Trick ist, sich nicht damit zu identifizieren. Um das zu üben, habe ich habe mir angewöhnt, jedes Mitglied des Publikums als Lehrer zu sehen.

Der Begriff ist strapaziert, aber trotzdem die Frage: Würdest du deine Musik als „spirituell“ bezeichnen?
In den Ritualen fast aller Kulturen hat Musik schon immer eine wichtige Rolle gespielt, also kann man jede Musik als „spirituell“ bezeichnen. Die Sehnsucht nach Einheit ist ein natürlicher Impuls, der manche auch zu Drogen greifen lässt. In der Sufi-Tradition und anderen Kulturen nutzen die Menschen den Klang, um sich durch Tanzen in Trance zu versetzen und die Grenzen der Persönlichkeit zu überwinden. Das Gleiche passiert allerdings auch beim Punk-Konzert, im Electro-Club oder wo immer sich Menschen komplett einer Musik überlassen. Du vergisst dein Selbst und gehst mit gleich gesinnten Leuten in dieser Gruppen­energie auf. Das beschließen wir nicht im Sinne von „so, jetzt vergessen wir uns mal alle“, sondern es passiert
einfach.

Welche Rolle spielt dabei der individuelle Musiker?
Ich kann nur für mich sprechen. Je regelmäßiger ich meine Musik übe, je mehr Regelmäßigkeit und Wiederholung es gibt, desto größer wird die Eigendynamik, ähnlich wie das Japa beim Mantrensingen. Die Illusion, dass ich dabei etwas tue, wird durch das Staunen über die unfassbare Schönheit der Musik ersetzt. So seltsam es klingt: Es entsteht etwas Höheres, und der Gedanke, dass du das „machst“, wird langweilig. Der Gedanke an die eigene Großartigkeit ist begrenzt. Klar, er gibt dir eine Zeit lang ein gutes Gefühl, aber was dann? Die Freude an etwas Größerem, das dieses Erlebnis verursacht, ist nachhaltiger.

Sollte das Ego in der Musik also zurücktreten?
Das macht sie auf jeden Fall offener. Dabei hilft, dass wir das Konzept überwinden, dass uns etwas „gehört“. Musik ist dafür ein gutes Beispiel: Sie gehört niemandem sondern allen. Gleichzeitig ist sie das perfekte Mittel, das Ego aufzubauen – extremerweise in der Identifikation als „Star“. Ein Rock- oder Popstar ist eine öffentliche Figur, die bewirkt, dass sich Massen von Leuten gut fühlen. Aus dem Gefühl heraus, dass du persönlich dafür verantwortlich bist, schicken sie dir massenweise Energie und sagen dir, wie großartig du bist. Das kann süchtig machen. Es nährt das Ego, das sich damit immer realer fühlen kann. Denn das ist es, was es braucht: Es möchte fühlen, dass es da ist. Es braucht Input von außen, um sich zu formen. Guten oder schlechten, das ist dem Ego egal, solange es sich manifestieren kann. Deshalb gibt es Yogis, die sich für lange Zeit in Höhlen zurück ziehen – dort gibt es keine Einflüsse, die das Ego strukturieren. Es kann sich an nichts festhalten und sich dadurch immer mehr auflösen.

Ist Kirtan mit seinem Gemeinschafts-Gedanken für dich die ­ideale Form der Performance?
Derzeit spiele ich tatsächlich mehr Kirtan als Solokonzerte. Mir gefällt dabei, dass das Publikum unkompliziert teilhaben kann. Singen öffnet sowieso immer das Herz. Dazu das traditionelle Verständnis von Sanskrit: Es gibt die Auffassung, dass man in anderen Sprachen über etwas spricht – im Sanskrit wird man aber zu der Sache, die man ausspricht. Om Namah Shivaya: Hier sprechen wir nicht über Shiva, sondern lassen seine Energie in uns klingen. Diese Verschmelzung von Subjekt und Objekt geht zu uralten Ideen zurück, nach denen alles Klang ist.

Zusätzlich interessierst du dich sehr für die therapeutische Qualität von Musik.
Ja, und zwar jeder Musik. Seit Jahrtausenden wissen wir, dass Musik heilende Wirkung hat. Auch Heavy Metal und andere vordergründig „dunkle“ Sounds: Musik hilft uns dabei, emotional aufzuräumen. Es macht keinen Sinn, einen Metal-Fan zum Kirtan zu schleppen. Er braucht anderen Input, um damit umzugehen, was in ihm und in seinem Umfeld passiert.

Auch deine Klangmassagen mit dem Didgeridoo, die du in Workshops und Retreats anbietest, dürften ihn nicht unmittelbar ansprechen…
Vermutlich. (lacht) Diese „sound baths“ sind eine gute Ergänzung zu meiner Arbeit mit Yogalehrern. Elemente einer typischen Stunde wären: Sonnengruß mit Live-Tabla, erholsame Haltungen mit indischen Ragas auf der Flöte, Stimmarbeit mit dem Harmonium und während Savasana individuelle Klangmassagen mit dem Didge. Der durchdringende Sound des Didgeridoo kann tief sitzende Blockaden lösen – und das ist sicher nicht nur für Yogis interessant.

Bilder über Jason Kaildas


Alle Termine, Hörproben und Jasons aktuelle Solo-CD gibt es unter www.jasonkalidas.com.

Mantra für göttliche Erleuchtung: N°4

Om Bhur Bhuvah Svaha Tat Savitur Varenyam Bhargo
Devasya Dhimahi Dhiyo Yo Nah Prachodayat
Om. Wir meditieren über den Glanz des alles durchdringenden Lichts, den Urgrund der drei Welten: Erde, Luftraum und himmlische Regionen. Möge es unsere Gedanken und Absichten erhellen und uns die höchste Wahrheit erkennen lassen.
 

 


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 06 – 2009


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Tanz der Moleküle: Kirtan ist pure Chemie

Schauplatz: Pod Nachtclub, Dublin. Es ist etwa 25 Minuten her, seit mein Freund und ich ein „E“ eingeworfen und mit Bacardi Cola runtergespült haben. Mittlerweile sind wir auf Wasser umgestiegen, denn Alkohol verdünnt den sauberen Rausch von Ecstasy. Wir warten darauf, dass uns die Pille einfährt. Wir lächeln und nicken bekannten Gesichtern zu, während sich der Club langsam füllt. Später – wenn wir alle drauf und offen sind – werden wir uns umarmen und uns an den Händen halten, während wir zu den treibenden House-Beats tanzen. Aber im Moment fühle ich mich noch ein wenig ängstlich und etwas verkrampft – wie meistens, wenn ich auf die Wirkung des Rausches warte. Noch können wir uns nicht in den Rythmus der Musik fallen lassen. Also stellen wir uns an den Rand der Tanzfläche, nippen an unseren Wasserflaschen und wippen mit dem Fuß im Takt. Bis uns mit einem Knall das Zeug einfährt. Für einen Augenblick wird mir schlecht, mein Mund ist trocken, mein Kiefer zittert. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten, bis der Rausch einsetzt und es richtig abgeht.

Mein Herz dehnt sich aus, mein Kopf ist ganz klar, ich werde zu flüssigem Gold. Jetzt muss ich tanzen. Die Musik beherrscht mich, pulsiert durch meine Adern, meine ganze Existenz verschmilzt mit dem Rhythmus. Ich surfe auf einer Welle aus Liebe und Glück. Ich spüre eine Verbindung zu allen Menschen um mich herum. Gerade gibt es nur den Moment.

Ich bin Liebe.
Kontrastprogramm am nächsten Morgen: Die Euphorie ist verebbt, der Tag präsentiert sich in verschiedensten Grautönen, aber der nach wie vor leichte Rauschzustand und die Erinnerung an gestern machen ihn erträglich. Nach drei Tagen haben sich die Chemikalien aus meinem Körper verabschiedet, ich komme vollständig runter und versinke im Blues.

Ausgehen und eine Pille zu nehmen bedeutete für mich immer, das wahre Wesen von Gemeinschaft zu erfahren. Doch das Runterkommen war der Horror, und  irgendwann begann ich, mich um das Wohl meine Gehirnzellen zu sorgen. Mit der Zeit wurde es mir wichtiger, den Dingen intellektuell auf den Grund zu gehen, als einem chemisch hervorgerufenen Rausch nachzujagen: Ich tauschte das wilde Partyleben gegen das Studium der Philosophie.
Ich rate niemandem dazu, Ecstasy zu nehmen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Zeit bereue. Auf „E“ erlebte ich etwas, das ich zuvor nicht gekannt hatte: Das Gefühl, ­wahrhaft mit anderen Menschen verbunden zu sein und dass mein Herz vor Liebe explodiert. Es war zweifellos spirituell: Ich überwand meine festgefahrenen Meinungen und meine soziale Befangenheit, um Teil von etwas zu werden, das viel größer war als ich. Erst viele Jahre später durfte ich erfahren, dass ich diese überbordende Freude und dieses Gefühl der tiefen Verbindung auch ohne Drogen empfinden konnte. Bei einem Kirtan anlässlich des ersten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September im Moksha Yoga Center in Chicago haute mich der Gesang einfach um. Mein Herz fühlte sich an, als sei es aufgesprengt worden. Es zerriss mich fast vor Liebe. Ganz ohne „E“ wie früher in den Clubs von Dublin und London: Diesmal sang ich in einem Yogastudio zu Gott. Später an diesem Abend lag ich wach und konnte – wie früher nach einem Ecstasyrausch – nicht schlafen. Ich wusste ohne jeden Zweifel: meine Seele war „nach Hause gekommen“.

Diese offenbarenden Glücksmomente hatten zwar unterschiedliche Auslöser, aber auf molekularer Ebene liegen allen unseren emotionalen und physiologischen Zuständen chemische Verbindungen zugrunde. Drogen verändern unsere Biochemie und damit auch unsere Gefühle. Das gemeinschaftliche Mantrensingen aktivierte meine Biochemie auf ähnliche Weise wie der Konsum von Ecstasy. Erst im Zuge meines wachsenden Interesses für Yoga-Philosophie begann ich die ­komplexen Verbindungen zwischen
Körper, Geist und Gefühlen zu verstehen.

Als Philosophie-Doktorandin gelang es mir zu meinem Leidwesen oftmals nicht, meine intellektuellen Überzeugungen und mein wachsendes spirituelles Verständnis miteinander zu vereinbaren. Erst nachdem ich fast mein halbes Leben der analytischen Philosophie gewidmet hatte, folgte ich meinem Herzen und entschied mich gegen absolute Erklärungen und für den Weg der „göttlichen“ Erfahrung. Doch mit der Abkehr von der akademischen Philosophie begann ich deren Kreativität umso mehr zu schätzen. Wie eine Bildhauerin einer kreativen Vision eine Form verleiht, schafft eine Philosophin Bedeutung, indem sie Konzepte benennt. Für die Seele spielt es keine Rolle, wie sie sich manifestiert – Hauptsache, sie tut es. Herz und Kopf, Wissenschaft und Spiritualität müssen sich nicht widersprechen. Lediglich unser begrenztes Verständnis und die Art, wie wir die Welt interpretieren, lassen uns oft zu diesem Schluss kommen.

Gott ist in den Molekülen
In ihrem Buch „Moleküle der Gefühle“ (auf dem der Kultfilm „What The Bleep Do We Know?“ basiert) stellt die Neuropharmakologin Candace Pert die strittige These auf: Gott ist ein Neuropeptid. Dahinter steht Perts wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Endorphinrezeptoren im Gehirn. Daraus schließt sie, dass wir Menschen zum Glücklichsein programmiert sind. Dieser Ansicht zufolge ist das Gefühl von Glück Teil unserer Physiologie. Der Geist übersetzt biochemische Veränderungen in Gefühle. Endorphine und andere Neuropeptide sorgen dafür, dass es uns gut geht. Kurz gesagt: Die Biochemie unserer Körpers ist der Schlüssel zur Glückseligkeit. Peptide sind Proteinmoleküle, die ­Informationen mit Hilfe von chemischen Botenstoffen durch den Körper leiten. Von diesen chemischen Botenstoffen gibt es zwei verschiedene Arten: Liganden und Rezeptoren. Ein Ligand ist ein chemisches Molekül, das sowohl natürlicher als auch synthetischer Herkunft sein kann und sich an ein Protein bindet. Rezeptoren sind Verbindungsstellen, meist auf der Zelloberfläche, die durch die Bindung des Liganden ein Signal übertragen. Liganden wandern durch unseren Körper, um sich mit den Rezeptoren zu verbinden und eine neue Informationseinheit mit einer neuen chemischen Formel zu bilden. Die dadurch ausgelöste Reaktion und Interaktion erlaubt uns, eine Veränderung unserer Biochemie auf Zellebene auch als Veränderung der Gefühle zu erleben. Peptide sind also körpereigene Drogen. Wenn diese Drogen vom Körper selbst produziert werden, bezeichnet man sie als endogen.

Das Hormon Oxytozin ist eines der endogenen Peptide, deren Produktion durch den Konsum bestimmter Drogen angeregt wird. Auch beim Sex wird es vermehrt ausgeschüttet – es unterstützt die Paarbindung und fördert Gefühle wie Vertrauen. Oxytozin wird aber auch während der Geburt und der Stimulation der Brustwarzen ausgeschüttet. Es unterstützt mütterliche Verhaltensweisen, fördert Einfühlungsvermögen und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen.
Endorphine gehören ebenfalls zu den Peptiden. Endorphine sind körpereigene Opiate, die das Schmerzempfinden verändern können und ein wohliges Gefühl verursachen. Akkupunktur und Massage können Schmerzen lindern, indem sie die Ausschüttung von Endorphinen ins Rückenmark stimulieren. Auch Ausgleichssport wie Joggen oder Hatha Yoga regt die Endorphinproduktion an. Mit bestimmten Atemtechniken lässt sich derselbe Effekt erzielen.
Peptide sorgen für die Signalübermittlung im sogenannten periaquäduktalen Grau (PAG), einem Teil des Mittelhirns, das für Schmerzempfinden und Schmerzregulierung zuständig ist. Wird das PAG stimuliert, schüttet es Serotonin und Enkephalin (ebenfalls ein Opiat und Schmerzhemmer) aus. Spezielle Atemtechniken, die beispielsweise bei der Geburt, beim Yoga oder während der Meditation zum Einsatz kommen, beeinflussen das PAG und erhöhen die Schmerzgrenze. Eine Veränderung der Atemfrequenz und -tiefe wirkt sich ebenfalls auf die Ausschüttung der Peptide aus. Schnelles Atmen und angehaltener Atem beschleunigen die ­Peptidverteilung im Knochenmark und sorgen für vermindertes ­Schmerzempfinden.

Unser intuitives Verständnis für die enge Verbindung zwischen Körper und Gefühlen vermittelt uns ein tiefes Verständnis für die Macht des Atems. Vor vielen Jahren, als meine Mutter an Krebs starb, wachte ich mit ihr bis in die frühen Morgenstunden. Ich versuchte sie zu beruhigen und ihr die Nervosität zu nehmen. Nichts klappte, bis ich ihr vorschlug, sich auf den Atem zu konzentrieren. In den langen, dunklen Nächten, die auf ihren Tod folgten, halfen auch mir Atemmeditationen beim Einschlafen. Sie waren das Einzige, was mir ermöglichte, geistig im Moment zu bleiben und ein wenig ­Frieden zu finden. Es ist kein Wunder, dass Singen intensiv positive Gefühle auslöst. Wenn wir singen, sorgen Pranayama-Praxis und die Verbindung mit dem Atem für die Ausschüttung von Endorphinen und anderen Peptiden. Singt man dazu noch gemeinsam in einer größeren Gruppe von Menschen, erscheint es uns, als führe uns der Gesang an einen Ort tiefer Verbundenheit mit dem Mysterium des Lebens.Das Glücksgefühl kommt in etwa so zustande: Singen bringt den Körper durch das damit einhergehende Pranayama dazu, seine eigenen (endogenen) Drogen herzustellen und diese zu verstoffwechseln. So entsteht das Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Verbundenheit. Wenn wir Ecstasy nehmen (eine exogene Droge, die die Produktion der endogenen Neuropeptide Serotonin, Oxytozin und Dopamin anregt), versetzt uns das erfahrungsgemäß in den gleichen Zustand. Der Punkt ist, dass das Gehirn getäuscht wird und nicht unbedingt zwischen endogenen und exogenen Drogen unterscheidet. Beide Szenarien lösen vergleichbare Veränderungen in unserem Gefühlsleben aus – mit dem Unterschied, dass einem „Chanting-Rausch“ kein depressiver ­Drogen-Kater folgt.

Die Entdeckung der Peptide und der Verschmelzung von Liganden und Rezeptoren hat unser Verständnis von der Verbindung zwischen Körper und Geist erweitert. Die Tatsache, dass wir Gefühlszustände biochemisch erklären können, muss unser Staunen und unsere Ehrfurcht jedoch nicht verringern. Ebenso wie ein Sonnenuntergang nicht weniger schön ist, nur weil wir wissen, dass wir ihn aufgrund der Erddrehung sehen, sind auch unsere Erlebnisse von Glück und Transzendenz nicht weniger außergewöhnlich. Im Gegenteil: Dieses Verständnis lehrt uns umso mehr zu schätzen, wie weise die frühen Yogis waren, die die Atemtechniken und Asanas entwickelten.

Aus Karma wird Chemie
Ebenso wie Menschen von Drogen wie Heroin abhängig werden, können wir auch von körpereigenen Drogen abhängig werden. In machen Fällen können unsere endogenen Peptide sogar schädlich sein. Beispielweise verändert das gekoppelte Kommunikationssystem der HHN-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) unser Stressverhalten anhand eines komplexen Systems von Hormonen und Peptiden, das Informationen zwischen dem Hypothalamus, der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und den Nebennieren vermittelt und diese von dort aus in den ganzen Körper schickt.

Unser Stressverhalten hängt von unseren bisherigen Erfahrungen im Leben ab. Das kann sich positiv als auch negativ auswirken. Der Corticotropin freisetzende Faktor (CFF) ist ein Peptid, das vom Hypothalamus schrittweise abgesondert wird, entsprechend der Informations­übertragung mit der Hypophyse. Diese wiederum gibt Hormone ab, die die Produktion von Stresshormonen steuern. Wissenschaftler vermuten, dass negative Kindheitserfahrungen, die im Körper als Erinnerung gespeichert sind, zu einer gesteigerten CFF-Produktion führen können. Dies kann später dazu führen, dass darauf beruhende negative Erwartungshaltungen die CFF-Produktion und das chemische Verlangen nach CFF anregen. So entsteht ein Teufelskreis. Wenn der CFF-Spiegel im Blut steigt, werden die CFF-Rezeptoren desensibilisiert, schrumpfen und werden weniger. Das körpereigene Reaktionssystem funktioniert nicht mehr und signalisiert nicht mehr, dass ausreichend Steroide im Blut vorhanden sind. Stattdessen werden mehr und mehr Steroide ausgeschüttet und heben das Stresslevel auf chronische Weise an.

Unsere Abhängigkeiten verursachen bestimmte Verhaltensweisen. Im Fall von endogenen, also körpereigenen Drogen, sind uns unsere Abhängigkeiten häufig nicht bewusst. Viele unserer Verhaltensweisen und Denkmuster lassen sich mit diesen Abhängigkeiten erklären – vergleichbar mit der Rolle von Samskara und Karma (dem Gesetz von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion) in der yogischen Weltsicht. Unser Samskara sind unsere latent vorhandenen geistigen Prägungen, die, wenn sie aktiviert werden, bestimmte Denk- und Handlungsweisen auslösen können. Die Rezeptor-Ligand-Verbindung und deren Befindlichkeit ist eine biochemische Manifestation dieses Phänomens. Die Auffassung, dass der Mensch nichts tut, was ihm keinen Nutzen bringt, lässt sich auf das unbewusste Verlangen unseres Körpers nach bestimmten chemischen Reaktionen übertragen. So wird Karma zu Chemie.

Im Körper gespeicherte Erinnerungen bestimmen oft unser Verhalten. Diese sind im Gehirn und darüber hinaus in einem psychosomatischen Netzwerk archiviert, das sich durch unser ganzes System erstreckt. Lediglich mit dem Abrufen von Erfahrungen können wir körperlich spürbare Reaktionen aktivieren. Stellen Sie sich beispielsweise vor, in eine Zitronenscheibe zu beißen und spüren sie dem Effekt nach, den sie auf der Zunge spüren. Als nächstes denken Sie an eine Situation, in der Sie sehr glücklich waren und nehmen sie die Reaktion ihres Körpers auf diese Erinnerung wahr. Dann erinnern Sie sich an eine Situation, in der sie besorgt, oder ängstlich waren und spüren Sie nach, wie sich Ihr Körper zusammenzieht.

Neurobiologen beschreiben Erinnerung als gespeicherte Verbindungen zwischen bestimmten Nervenzellen.
Eine Erinnerung entsteht immer dann, wenn Synapsen in einem neuronalen Netzwerk für kurze Zeit aktiviert werden. Je öfter man sich eine bestimmte Erinnerung ins Gedächtnis ruft, umso wahrscheinlicher ist es, dass dauerhafte Verbindungen zwischen den Nervenzellen entstehen. Jedes Mal, wenn man eine Erinnerung rekapituliert, wird ein bestimmtes Neuropeptid zusammen mit einer bestimmten emotionalen Färbung aktiviert. Diese Aktivierung verursacht eine biochemische Veränderung auf körperlicher
Ebene, die der Geist in ein Gefühl übersetzt.

Bei einigen von ­Ihnen mögen jetzt die Alarmglocken klingeln: Moment mal! Mystische Zustände sind doch beispiellose Situationen, in denen man die bloße Körperlichkeit transzendiert. Die ekstatischen Schriften von Mystikern wie Teresa von Avila, Rumi und Kabis feiern die Spiritualität. Wie können diese Erfahrungen mit trockenen ­biochemischen Formeln erklärt werden? Und doch wohnt diesen wissenschaftlichen Beschreibungen eine Poesie und Eleganz inne, die unserem Verständnis der Heiligkeit des Mystischen ­entspricht. Der Vorgang, wenn Rezeptoren und Liganden sich finden und verbinden, ähnelt einem Paarungsritual, einem Tanz, bei dem sich beide Partner gegenseitig annähern. Über einen Vorgang, der sich Chemotaxis nennt, nehmen sie ihre Fährten auf und bewegen sich dann vibrierend aufeinander zu. Diese Symbolik erinnert an den Tanz von Shiva und Shakti, Männlichkeit und Weiblichkeit, Yin und Yang, an Distanz und Nähe, Trennung und Einheit. Veränderte Geisteszustände sind ein häufiges Merkmal spiritueller Erfahrungen, darunter auch in den 1960er Jahren die LSD-Experimente von Timothy Leary, Ram Das und anderen. Unter deren Einfluss lösen sich die Grenzen unseres normalen Bewusstseins auf, das sich so in ungeahnte Dimensionen ausdehnen kann. Die Banalität des Alltags weicht dem Erleben unmittelbarer Präsenz und der Auflösung des Egos in der Selbsterfahrung. Das Spezielle geht im Universellen auf: Sat Chit Ananda, die tiefe Verbundenheit mit dem ewigen, immerwährenden Selbst. Eine Sichtweise, die die begrenzte Definition vom Menschen als Zusammenschluss von Atomen transzendiert. Das ist genau das, was ich im Nachtleben der 1990er Jahre in Dublin und London erlebte. Damals fehlten mir noch die Worte, um meine Erfahrung zu beschreiben.

Meine Erleichterung und Freude waren groß, als ich Yoga entdeckte. Endlich stand mir ein System zur Verfügung, das mir ermöglichte, meine Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen einzuordnen. Ich begann, sie als Schritte auf dem Weg zum Göttlichen zu sehen, oder als Beziehung zu Gott, mit dem ich mich intuitiv verbunden fühlte. Die Erkenntnis, dass Karma biochemisch erklärbar ist, hat mein Verständnis von Samskara gefördert und meine Augen dafür geöffnet, dass das Gefühl der Liebe magisch und real ist, auch wenn sie als schlichte Funktion physischer Zustände verstanden werden kann.

Die Autorin und Philosophin Dearbhla Kelly unterrichtet Yoga in Los Angeles. Mit ihrem Ehemann Dave Stringer gibt sie auch Workshops zu Yoga und Musik.

Sri Dharma Mittra: „Roh zum inneren Glück“

Dharma Mittra ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Trotzdem übt und unterrichtet er nach wie vor Yoga. „Ein Yogi muss Vegetarier sein“, sagt er, „sonst gelangt er niemals zur Erleuchtung.“ Im Interview erklärt er, wie die Ernährung Körper und Geist beeinflusst.

YOGA JOURNAL: Dharma Mittra, Sie sind gerade 75 geworden. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Was hält Sie so jung?
DHARMA MITTRA: Wissen Sie, das meiste, worüber sich die Menschen freuen und worüber sie glücklich sind, kommt von außen: ein neues Auto, ein Telefon, eine schöne Frau, ein Universitätsabschluss, ein toller Job und so weiter. Darüber kann man sich freuen, wenn man jung ist. Aber wenn man älter wird, verlässt einen das alles wieder: Man kann seinen Führerschein verlieren, oder den Job, oder das Geld. Und wenn ich über die Straße gehe, dann drehen sich all die schönen Frauen nicht mehr nach mir um. All diese äußerlichen Dinge haben einen Anfang und ein Ende. Deshalb muss man das Glück in sich selbst suchen. Der erste Schritt zum inneren Glück ist Wissen – das Wissen darüber, wer man wirklich ist.

Und wie findet man das heraus?
Man muss den Körper kontrollieren und den Geist ­beruhigen. Erst mit einem ruhigen Geist findet man inneren Frieden. Und das geht nur, wenn man sich vegetarisch ernährt.

Sri Dharma MittraWarum muss ein Yogi Vegetarier sein?
Wenn man Fleisch isst, fügt man anderen Lebewesen Gewalt zu. Ich bin in einem Schlachthof aufgewachsen. Ich weiß sehr genau, was dort geschieht und was am Schluss alles in einem Würstchen landet. Wenn man Fleisch isst, setzt man einen Kreislauf in Gang: Man hat weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und der Körper wird krank. Dadurch wird man unglücklich und hat noch weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und es kommt zu noch mehr Gewalt. Gewalt verursacht immer neue Gewalt. Sie multipliziert sich. Wenn man aber Ahimsa [Gewaltlosigkeit, Anm. der Red.] praktiziert, passen sich auch alle anderen Verhaltensweisen an. Man entwickelt Mitgefühl. Man kann sich besser konzentrieren, der Körper ist gesund. Zu viel Fleisch und gekochtes Essen verursachen mentalen Stress und überanstrengen die Verdauung. So kommt der Geist nie zur Ruhe. Unser Mitgefühl muss über die eigenen Familie, die Freunde und die Haustiere hinausgehen. Dieses Mitgefühl muss die Kuh, das Schwein, den Fisch und das Huhn mit einschließen. Erst wenn wir gewillt sind, keine Tiere mehr zu essen, können wir zu uns selbst finden.

Genügt es, wenn man auf Fleisch verzichtet, oder empfehlen Sie eine vegane Ernährung?
Welche Nahrungsmittel wir zu uns nehmen, ist sehr wichtig. Aber man muss die Ernährung schrittweise umstellen. Zuerst verzichtet man auf Fleisch, behält jedoch Eier und Käse bei. Nach einer Weile verzichtet man auch auf die Eier, denn das sind ja eine Art Embryos. Wenn man dann mehr Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist gewonnen hat und tiefer in die Kunst der Meditation und des Pranayama eintauchen möchte, dann muss man auch den Käse weglassen. Denn dafür muss der Geist in ein höheres Niveau aufsteigen und das geht nur dann, wenn man keine tierischen Produkte zu sich nimmt.

Wie sieht denn ihre Ernährung aus?
Ich esse fast ausschließlich Rohkost. Umso älter man wird, umso mehr fühlt man sich genau so, wie das, was man gegessen hat. Wenn man zu viele gekochte, gebratene und tote Nahrungsmittel zu sich nimmt, fühlt man sich gekocht, gebraten und tot. Wenn mein Körper doch nach etwas Gekochtem verlangt, dann esse ich schonend gedämpftes Gemüse mit Vollkornreis und ein bisschen Tahin [Sesampaste, Anm. der Redaktion], Zitronensaft und Olivenöl. Aber meistens bereite ich meine Speisen roh zu. Dann gelingen mir die Yogaposen besser, ich habe keine Schmerzen in den Gelenken und ich nehme nicht zu. So bleibt der Körper gesund und der Verstand klar und scharf. Außerdem reinige ich meinen Körper regelmäßig. Der Körper ist wie ein Haus: Wenn Ihr Haus nicht sauber ist, glauben Sie, dann kommt Krishna zu Besuch? In ein schmutziges Haus kommen nur niedrige Geister. Sobald Ihr Haus aber sauber ist, werden Sie gesegnet.

Und wie reinigt man den Körper?
Mein Guru hat mir empfohlen, ich solle eine Woche lang ausschließlich Wassermelone essen. Dazu muss man aber einen Zeitpunkt wählen, zu dem man sich entspannen kann und nicht arbeiten muss. Und dann isst man jeden Tag Wassermelone. Die Kerne darf man dabei nicht kauen, sondern muss sie runterschlucken. Damit kann man sein Haus ­großartig ­reinigen. Wenn man das regelmäßig macht, sagen wir alle zwei Monate, dann hat man all die Ablagerungen, Gifte und Schlacken ausgespült, die dort seit Jahren lagern und der Geist wird sich entspannen. Das gleiche geht auch mit Weintrauben. Oder wenn man weniger Zeit hat, dann kann man den Darm auch innerhalb eines Tages mit warmem Salzwasser und entgiftenden Yogaübungen reinigen (siehe Ausgabe 03).

Verraten sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Oh! Ich liebe meine Guacamole. Einfach nur Avocado, geraspelte Gurke, ein bisschen Olivenöl, ein klein wenig Sojasoße und vielleicht ein bisschen Chili. Ich mag es gerne scharf, wissen Sie. Dann schneide ich die restliche Gurke in Scheiben, so wie Chips und löffle damit die Guacamole. Davon kann ich nie genug kriegen!

Interview: Marlene Halser und Michi Kern
Foto: Fotolia, Gabi Günther, Cheryl Ungar


Dharma Mittra begann 1967 in New York Yoga zu unterrichten und war damals ein echter Pionier. Zu dieser Zeit war er der Einzige, der in der westlichen Welt Ashtanga und Vinyasa Flow lehrte. Yoga-Schüler aller möglichen Richtungen kamen zu ihm, um von ihm zu lernen und um dann selbst zu unterrichten. Seitdem hat Dharma Mittra sein halbes Leben damit zugebracht, Tausenden von Schülern Ashtanga-Yoga beizubringen. 1984 entwarf er das Schaubild „The Master Yoga Chart of 908 Postures“, auf dem alle Asanas auf Fotos abgebildet sind und das heute in fast allen Yogastudios auf der ganzen Welt hängt.

Das Gute liegt so nah

Tasse Frau Enjoy the little things
Foto von fotografierende von Pexels

Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

Lernkurve – die Schüler-Lehrer-Beziehung im Yoga stärken

Um in einer modernen, gesunden Schüler-Lehrer-Beziehung Yoga lernen zu können, muss man einige Punkte beachten. Sally Kempton, unsere Expertin für Philosophie und Meditation, geht diesem schwierigen Thema auf den Grund.

Als ich Mitte 20 war, lernte ich bei einem alten chinesischen Meister Tai-Chi. Er war in jüngeren Jahren General der berüchtigten Kuomintang-Armee gewesen und forderte die Hingabe seiner Schüler in einem Maß, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Jeden Morgen um 6 Uhr trafen wir uns in einem Park. Dort unterrichtete er uns, drillte uns und kritisierte uns gnadenlos. Neben den morgendlichen Treffen mit dem Meister übte ich noch vier oder fünf Mal am Tag alleine und das über ein Jahr lang. Doch in typischer Kampfkunst-Manier lobte mich mein Lehrer nie. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen rügte er meine angeblich mangelnde Ernsthaftigkeit in Sachen Tai-Chi. Seine Worte verletzten mich, aber sie sorgten auch dafür, dass ich weiter hart trainierte. Während dieser Zeit veränderten sich meine Energie und mein Körpergefühl – doch die wichtigste Lektion, die ich lernte, war eine andere: Mir wurde klar, was es bedeutet, Schüler zu sein.

Auf den ersten Blick mag das selbstverständlich erscheinen: Wenn man Unterricht nimmt, ist man ein Schüler. Doch so einfach ist es nicht. Schülerschaft ist eine Fähigkeit. Selbst wenn Sie nur hin und wieder bei Ihrem wöchentlichen Yogakurs aufkreuzen, werden Ihre Erfahrungen dort in einem hohen Maß davon abhängen, wie gut Sie Anweisungen annehmen und umsetzen können, welche Art von Fragen Sie stellen und welche Haltung Sie Ihrem Lehrer gegenüber einnehmen. Nicht ohne Grund näherte sich in früheren Tagen ein Schüler seinem zukünftigen Lehrer mit der Frage: „Bist du wirklich mein Lehrer?“ Und der Lehrer fragte zurück: „Bist du wirklich mein Schüler?“ Diese Gegenfrage war keineswegs rhetorisch gemeint. Im Schüler-Lehrer-Verhältnis liegt der Ball letztlich immer im Feld des Schülers. Niemand kann Sie unterrichten, wenn Sie kein Schüler sein wollen. Wahr ist aber auch: Ein motivierter Schüler kann sogar von einem mittelmäßigen Lehrer etwas lernen. Und wenn ein wirklicher Schüler auf einen wirklichen Lehrer trifft, dann ändert sich die Welt des Schülers grundlegend.

Heute leben wir in einer Zeit des intensiven Paradigmenwechsels im Schüler-Lehrer-Verhältnis. Traditionell arbeitete ein Lehrer mit ein paar wenigen festen Schülern. Er prüfte sie sorgfältig und forderte viel von ihnen. Die Eigenschaften eines guten Schülers sind in vielen yogischen Quellentexten beschrieben: Loslösung, Duldsamkeit, Hingabe, Demut, die Fähigkeit, Härten standzuhalten, und vieles mehr. Vor allem aber musste der Schüler die Autorität seines Lehrers bedingungslos anerkennen, zumindest während der Zeit seiner Ausbildung. Im Gegenzug konnte er darauf zählen, dass ihm sein Lehrer nicht nur sein vollständiges Wissen vermittelte, sondern ihm auch seinen feinstofflichen Zustand, seine yogischen Errungenschaften übertrug rusbank. All dies konnte Jahre in Anspruch nehmen. Daher verpflichteten sich Schüler und Lehrer, zusammenzubleiben, so lange es nötig war – und oftmals darüber hinaus.

Aber genau wie sich das traditionelle Familienmodell verändert hat, so wandelt sich auch das Schüler-Lehrer-Modell. Zumindest im Westen haben wir einen grundlegenden Bruch in unserem Verhältnis zu Autorität erlebt. Kürzlich beschrieb mir meine Freundin Anna eine Szene mit ihrem Yogalehrer: Nachdem sie eine seiner Anweisungen in Frage gestellt hatte, nahm er sie beiseite und sagte ihr, sie müsse lernen, sich seiner Führung zu beugen. „Ich hab lange darüber nachgedacht“, berichtete mir Anna, „und ich sehe ein, dass er auf gewisse Weise Recht hat. Andererseits praktiziere ich seit vielen Jahren und weiß, dass ich meine eigene innere Führung habe. Muss ich die übergehen, nur weil er eine andere Meinung hat?“

Genau wie Anna sind viele Menschen aus freien demokratischen Gesellschaften misstrauisch gegenüber ausgeprägten Hierarchien und allem, was danach riecht, seine Selbständigkeit und Eigenverantwortung aufzugeben. Und obwohl es in letzter Zeit üblich geworden ist, manche Yogalehrer wie Rockstars zu verehren, fühlen sich viele moderne Yogis sehr unwohl beim Gedanken an die patriarchale Tradition vom omnipotenten Meister und demütigen Schüler. Oftmals ist es einem lieber, den Lehrer als etwas fortgeschritteneren Freund anzusehen – zumal die in regelmäßigen Abständen bekannt werdenden Skandale offenbar belegen, dass man sich selbst den angesehensten Lehrern nicht blindlings anvertrauen kann, da auch sie ihre Macht zu häufig missbrauchen. Dennoch haben selbst in der demokratischsten Yogaklasse viele der alten Wahrheiten über Schülerschaft noch ihre Gültigkeit: Echtes Bestreben, die Fähigkeit zur Hingabe und der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren sind heute genauso entscheidend wie eh und je. Ebenso wichtig ist es aber, sich einige grundsätzliche Fragen zu stellen und sich von den Antworten auf diese Fragen auch leiten zu lassen. Um sicher durch die Paradoxien des modernen Schüler-Lehrer-Verhältnisses navigieren zu können, habe ich versucht, eine Art praktischen Leitfaden herauszufiltern. Einige der Punkte stammen aus klassischen Texten der Yogatradition. Andere sind das Ergebnis meiner eigenen Erfahrungen – als Schülerin und als Lehrerin topbankinfo.ru.

Das Fundament legen
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: In einer gesunden Schüler-Lehrer-Dynamik ist es die Aufgabe des Lehrers zu unterrichten und die des Schülers zu lernen. Der Lehrer sollte zwar zugänglich sein, dennoch muss er feste und angemessene Grenzen gegenüber seinen Schülern wahren. Der Schüler wiederum versteht, dass sein Lehrer bzw. seine Lehrerin nicht beste Freundin, Liebhaber oder Ersatzmutter sein kann. Der Schüler scheut sich nicht, Fragen zu stellen und der Lehrer kann eigene Fehler eingestehen. Es gibt also auf beiden Seiten eine ethische Transparenz. Damit geht einher, dass der Schüler eine grundsätzliche Affinität zu seinem Lehrer spüren sollte. Ein Lehrer kann hoch qualifiziert sein, er kann sogar ein Meister sein und ist vielleicht dennoch nicht der richtige Mentor für Sie. Das heißt, unabhängig von Ihrem Willem zu lernen und seinem zu lehren, muss die Chemie stimmen. Je mehr Sie das Gefühl haben, von Ihrem Lehrer „gesehen“ und akzeptiert zu werden, desto leichter wird es Ihnen fallen, damit umzugehen, dass sie von ihm unterwiesen und gefordert werden.

Eigenes Bestreben kultivieren
Wenn Sie wirklich lernen und sich entwickeln wollen, wird dieses Bestreben sie immer leiten – auch dann, wenn Ihr Lehrer vielleicht nicht perfekt ist. Das alte Sprichwort „Ist der Schüler bereit, so ist der Lehrer nicht weit“ hat auf jeder Ebene der Praxis Gültigkeit. Je mehr Priorität Sie Ihrer Yogapraxis einräumen, desto offener werden Sie dafür sein, Lehren zu empfangen, wo immer sie Ihnen begegnen.

Eine Entscheidung treffen
Einige Traditionen empfehlen, mindestens ein Jahr lang Unterricht zu nehmen, bevor man sich endgültig für oder gegen einen Lehrer entscheidet. Da das Leben heute wesentlich schneller getaktet ist, würde ich eher zu sechs Monaten raten. Während dieser Zeit legen Sie sich unter Vorbehalt fest, die Anweisungen dieses Lehrers so genau wie möglich zu befolgen. Das bedeutet nicht, dass man keine kritischen Fragen stellen, Zweifel hegen und sein Gegenüber nicht zuweilen auch herausfordern darf. Doch sobald diese Zweifel ausgeräumt sind, ist es wichtig, dies auch zu würdigen. Die einzige Art, herauszufinden, ob ein Lehrer der richtige für Sie ist, besteht darin, sich dem Prozess so lange auszusetzen, bis seine Auswirkungen deutlich werden.
Es mag eine Zeit kommen, wo die Führung aus Ihrem Inneren diejenige des Lehrers ablöst, doch zu Beginn ist es in der Regel am besten, davon auszugehen, dass der Lehrer weiß, was er tut – selbst wenn seine Herangehensweise vielleicht von dem abweicht, was Sie selbst zunächst für richtig halten. Nachdem die Zeit des Prüfens abgelaufen ist, können Sie die gemachten Erfahrungen abwägen und entscheiden, ob Sie auf diesem Weg weitergehen möchten oder nicht.

Bei einem Ansatz bleiben
Es ist vollkommen in Ordnung, bei einem Lehrer Asanas zu lernen, bei einem zweiten Meditation und bei einem dritten Quellenstu-dium. Aber gerade zu Beginn ist es wichtig, dass alle diese Lehrer aus miteinander zu vereinbarenden Traditionen kommen. Wenn einer Ihrer Lehrer ein strenger Anhänger von Patanjalis achtfachem Pfad ist und ein zweiter ein hingebungsvoller Tantriker, dann müssen Sie sich darauf gefasst machen, scheinbar gegensätzliche Anweisungen und Meinungen zu hören. Es erfordert ein hohes Maß an Erfahrung, derart verschiedene Ansätze so zu integrieren, dass sie einen nicht verwirren. Aus diesem Grund galt traditionell: Wenn man sich einem Mentor verpflichtet hatte, war man nicht berechtigt, ohne dessen Erlaubnis zu einem zweiten Lehrer zu gehen. Der Grund dafür war ganz einfach: Jeder Lehrer hat seinen eigenen Stil und verschiedene Autoritäten können unterschiedlicher Auffassung sein. Wenn Sie also mit mehreren Lehrern arbeiten wollen, ist es sinnvoll, mit allen Beteiligten zu sprechen und sicherzustellen, dass deren Ansätze miteinander vereinbar sind. Ansonsten könnte es passieren, dass Sie am Ende nicht einmal mehr wissen, welche Asana-Sequenz Sie nun eigentlich üben sollten – ganz zu schweigen davon, dass Sie an Ihren eigenen Weg glauben.

Projektionen im Auge behalten
Der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren ist ausschlaggebend dafür, dass man diese Lehren auch in sich aufnehmen kann. Als Schüler bewahrt Sie dieser Respekt vor Arroganz und dem vorzeitigen Glauben an Ihre eigene Meisterschaft. Zugleich ist es aber entscheidend, den Lehrer nicht zu idealisieren und ihn auf ein Podest zu heben. Jeder Mensch, den man idealisiert, wird einen früher oder später vermutlich enttäuschen. Und wenn Sie zu viel in dieses idealisierte Bild investiert haben, dann kann diese Enttäuschung nicht nur das Verhältnis zu Ihrem Lehrer zerstören, sondern Ihnen auch die Motivation zum weiteren Üben rauben.

Die beiden schwierigsten Punkte im Schüler-Lehrer-Verhältnis sind daher die natürliche Tendenz, unsere eigenen Gefühle auf andere Menschen zu projizieren, und der in der westlichen Psychologie als „Übertragung“ bezeichnete Effekt. Es ist fast unvermeidbar, dass Schüler die eigenen höheren Qualitäten auf ihren Lehrer projizieren. Da die meisten Menschen ihre eigene innere Kraft und Weisheit nicht in vollem Umfang anerkennen können, suchen sie nach jemandem, der diese Eigenschaften für sie „übernimmt“ – und idealisieren diese Person. Dieser Effekt funktioniert natürlich genauso unter umgekehrten Vorzeichen: Man projiziert auch die eigenen Schwächen auf andere. Und wenn der zunächst idealisierte Lehrer Schwächen offenbart und den eigenen Idealen nicht gerecht wird, kann es leicht geschehen, dass man von einem Extrem ins andere fällt und ihn dämonisiert. Das Internet ist voll von gehässigen, wütenden und manchmal erschreckend aggressiven Posts von Schülern, die sich von ihrem Lehrer enttäuscht fühlen. Manchmal ist die Kritik sicher legitim, doch in vielen Fällen spiegeln sich darin vor allem die unbewussten persönlichen Themen des Schülers. Dabei geht es etwa um Reflexe der eigenen Kindheit oder um das Gefühl, nicht ausreichend anerkannt oder ermutigt worden zu sein.

Besonders heikel ist der Aspekt der Übertragung. Dabei überträgt man sein Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung auf den Lehrer – oftmals bis zu dem Punkt, dass man sich ernsthaft verliebt. Bei einem charismatischen Lehrer passiert das sogar den erfahrensten Schülern. Wenn dann der Lehrer nicht bewusst mit diesem Punkt umgeht, wenn er oder sie vielleicht anfällig für romantische Gefühle ist oder zur Manipulation neigt, dann kann das zu lebensverändernden, manchmal auch zu äußerst zerstörerischen Verwicklungen führen. Wenn Sie also bemerken, dass Sie zärtliche Gefühle für Ihren Lehrer entwickeln, dann sollten Sie sich fragen: „Gelten diese Gefühle wirklich ihm bzw. ihr? Oder ist das nur ein Effekt der Yogapraxis? Kann es sein, dass die Energie des Yoga mir den Zugang zu einer Selbstliebe eröffnet, die ich zuvor noch nicht gekannt habe?“ Diese Art der Selbstbefragung kann Ihnen helfen, Projektionen zurückzunehmen und Ihre Gefühle zurück nach innen zu lenken. Auf diese Weise bereichern Sie Ihre Praxis, ohne Verwicklungen im Außen zu schaffen.

Ehrlich sein
Damit wären wir beim Thema Selbsterforschung angelangt. Eines der großen Geschenke von Yoga sind die Einsichten, die man durch diese Praxis über seine eigenen Tendenzen gewinnen kann. Beispielsweise weckt die Unterrichtssituation vielleicht Ihren inneren Rebellen und verleitet sie dazu, sich ganz automatisch der Autorität des Lehrers zu widersetzen. Oder sie aktiviert Ihren versteckten Anerkennungsjunkie und Sie sind so gefangen im Versuch, Ihrem Lehrer zu gefallen, dass Sie ganz vergessen, eigene Erfahrungen zu machen. In diesem Fall kann ein bisschen Widerstand sehr gesund sein! Ich habe schon von Schülern gehört, die so sehr befürchteten, die Gefühle ihres Lehrers zu verletzen, dass sie sogar Korrekturen als wohltuend lobten, die in Wirklichkeit unangenehm waren. Je eher Sie in der Lage sind, Ihre wirklichen Erfahrungen authentisch zu kommunizieren, desto besser kann Ihr Lehrer Sie kennenlernen und desto mehr kann er Ihnen Anweisungen geben, die Ihnen tatsächlich weiterhelfen.

Schwächen des Lehrers wahrnehmen
Ihr Lehrer ist nur ein Mensch – mit menschlichen Eigenheiten, Verletzungen, persönlichem Schmerz oder gar Störungen. Wenn ein guter Lehrer fest im Sattel sitzt, dann spricht aus ihm sein höchstes, weisestes und bewusstestes Selbst. Auch aus diesem Grund kann die Arbeit mit einem Lehrer helfen, Fähigkeiten in Ihnen hervorzubringen, die Sie alleine nicht unbedingt an sich erlebt hätten. Aber die Tatsache, dass ein Lehrer während des Unterrichts von Licht und Weisheit erfüllt zu sein scheint, bedeutet noch lange nicht, dass er vollständig erleuchtet oder auch nur frei von menschlichen Schwächen ist. Manchmal liegt er vielleicht sogar total daneben. Jemand kann ein äußerst fähiger Lehrer sein, er vermag es beispielsweise, hoch entwickelte Bewusstseinszustände zu vermitteln und seine Schüler mit viel Einfühlungsvermögen und Weisheit anzuleiten, und doch ist er als Privatmensch exzentrisch, aufbrausend, ständig auf der Jagd nach sexuellen Abenteuern oder in sich selbst verliebt. Sogar ein sehr weiser Lehrer mag Probleme damit haben, seine Schule gut zu organisieren oder eine glückliche Liebesbeziehung zu führen. Wie jeder andere Mensch unterliegt er karmischen Neigungen, die ihn zu problematischen Entscheidungen verleiten können. Nichts davon macht ihn als Lehrer weniger geeignet, dennoch kann das für Sie als Schüler ein legitimer Grund sein, sich abzuwenden. Manchen Schülern macht es nichts aus, dass ihr Lehrer verschroben ist oder ein unkonventionelles Leben führt. Andere fühlen sich nur gut aufgehoben bei jemandem, dessen Werte und Moralvorstellungen mit den eigenen übereinstimmen. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, doch man sollte sie bewusst treffen.

Eine hilfreiche Taktik in diesem Zusammenhang ist es, sich ehrlich zu fragen, warum man überhaupt bei diesem bestimmten Lehrer Unterricht nimmt. Wenn Sie wirklich nur hier sind, um Asanas oder Meditation zu lernen, oder um yogi-sche Texte zu studieren, dann können Sie die persönlichen Macken des Menschen von den pädagogischen und fachlichen Fähigkeiten des Lehrers trennen. Ganz anders liegt der Fall dagegen, wenn Sie merken, dass seine Ansichten Sie irritieren, dass seine Werte völlig konträr zu Ihren eigenen sind, oder wenn Sie in Ihrem Lehrer auch jenseits der Matte ein Vorbild sehen möchten.

Gerede aus dem Weg gehen
Eine Yogaschule oder eine spirituelle Gemeinschaft kann eine echte Zuflucht und eine Quelle der Freundschaft sein. In der Interaktion mit den zum Zirkel des Lehrers gehörenden Menschen können Sie wertvolle Unterstützung und Weisheit erleben und sich selbst in den verschiedenen Manifestationen Ihres Egos beobachten. Auf der anderen Seite können die anderen Schüler Sie aber auch vom eigentlichen Grund Ihrer Anwesenheit ablenken. In vielen Schulen und spirituellen Gemeinschaften grassieren Konkurrenzkampf, Klatsch und Tratsch, „Wer-gehört-dazu-und-wer-nicht“-Gerangel und andere wenig inspirierende Formen der Gruppendynamik. Überdies gibt es Gemeinschaften, die einen solchen Kult um ihren Lehrer oder die Methode betreiben, dass man sich genötigt fühlt, den Sprachduktus und den Stil der Gruppe anzunehmen. Ein gutes Indiz dafür, dass Sie in einer angemessenen Beziehung zu anderen Gruppenmitgliedern stehen, ist die Tatsache, dass sich Ihre Gespräche darauf konzentrieren, was Sie gemeinsam lernen und bearbeiten. Sobald persönliche Kümmernisse ventiliert, Mitschüler niedergemacht, der Lehrer und seine Methoden stundenlang kritisiert oder bestimmte Leute absichtlich vom Gespräch ausgeschlossen werden, befindet man sich dagegen in der Gefahrenzone. Das selbe gilt, wenn Sie das Gefühl haben, kritische Fragen seien nicht erlaubt.

Der eigenen Intuition vertrauen
Es muss immer wieder Phasen geben, in denen Sie den Wert bestimmter Lehren und Praktiken in Frage stellen. Weisen Sie solche Zweifel nicht einfach von sich, sondern fragen Sie sich: Woher kommt mein Unbehagen? Gehört es zu einem Verhaltensmuster, das mich dazu verleitet, mich aus dem Staub zu machen, sobald es langweilig oder brenzlig wird? Gibt es etwas an diesem Unterricht, das mich aus meiner Komfortzone holt? Habe ich vielleicht Angst, zu schnell zu weit zu gehen? Oder verlange ich umgekehrt zu ungeduldig nach den fortgeschritteneren Techniken? Werden hier gerade gewisse emotionale Mechanismen bei mir ausgelöst, die ich mir genauer ansehen sollte? Jede echte Unterrichtssituation konfrontiert Sie zwangsläufig auch mit persönlichen Themen wie Eifersucht, Unmut und Beurteilung: Es gibt meistens Menschen, mit denen man sich misst. Sie werden sich vielleicht über Ihren Lehrer ärgern, weil er sie kritisiert oder nicht beachtet. Sein Unterrichtsstil kann Ihnen auf die Nerven gehen oder Sie mögen sich denken: „Das hab ich schon hundertmal gehört, kann er nicht mal was Neues erzählen?“ Außerdem haben Sie vielleicht Freunde, die bei anderen Lehrern anscheinend größere Fortschritte machen als sie selbst. Einer der Gründe, warum es so wichtig ist, sich für eine bestimmte Zeit auf einen Lehrer festzulegen, liegt genau hier: Es zwingt Sie, die unvermeidlichen Phasen der Unruhe, der Gelangweiltheit oder des Zweifelns durchzustehen. Genauso, wie man während der gesamten Unterrichtsstunde auf der Matte bleiben sollte, muss man einem Lehrer oder eine Methode auch die Chance geben, wirklich durchzudringen.

Lehren aufnehmen
Vielleicht spüren Sie den Impuls, nicht nur selbst zu lernen, sondern das Gelernte auch an andere Menschen weiterzugeben. In der traditionellen indischen Yogawelt werden Schüler, die zu unterrichten beginnen, bevor sie die Lehren selbst verdaut haben, als „Schöpfkellen“ bezeichnet. Wenn Sie etwas unterrichten, das Sie selbst noch nicht vollständig in sich aufgenommen haben, dann sind Sie wie eine Kelle, die die Suppe serviert, ohne sie selbst gekostet zu haben. Sie berauben sich der Möglichkeit, Ihr eigenes Sein von der Weisheit durchdringen zu lassen. Daher wird Schülern traditionell davon abgeraten, allzu früh selbst zu unterrichten. Es stimmt natürlich, dass die Weitergabe von Wissen ein guter Weg ist, etwas selbst tiefer zu erlernen. Doch wenn man das Wissen eines anderen Lehrers wie eine Ware weiterreicht, dann schneidet man sich vom eigenen Lernprozess ab. Obendrein betrügt man seine Schüler, wenn man ihnen nur halbgare Lehren zuteil werden lässt. Genau das geschieht sehr häufig. Man kann es erleben, wenn Leute Teile des Yoga Dharma herunterbeten wie einen Katechismus, ebenso leer und ohne authentisches Gefühl wie jede andere Art von konventionellen Weisheiten. Sogar tiefe Wahrheiten wie der Satz „Genau so, wie du bist, bist du schon perfekt“ werden zu platten Klischees, wenn keine verkörperte Erfahrung dahinter steht. Auch viele Verletzungen im Yogaunterricht entstehen nur dadurch, dass ein Lehrer erlernte Anleitungen oder Korrekturen weitergibt, sie aber nicht individuell anpassen kann.

Sich in Dankbarkeit trennen
Nicht alle Schüler-Lehrer-Beziehungen sind dauerhaft. Es mag eine Zeit kommen, wo Sie den Einruck haben, alles gelernt zu haben, was Ihnen dieser Lehrer beibringen kann. Genauso kann es sich so anfühlen, als ob Ihr Lehrer Sie hängen lässt oder die Gemeinschaft Ihnen kein Wachstum mehr ermöglicht. In einigen Fällen schlägt einem ein Lehrer auch selbst vor, sich an anderer Stelle unterrichten zu lassen.
Die Verbindung zu seinem Lehrer abzuschließen, lehrt uns nicht nur, die Unbeständigkeit des Lebens zu akzeptieren, manchmal ist es auch Teil des Erwachsenwerdens. Und selbst wenn die Trennung schmerzhaft oder schwierig sein sollte, ist es wichtig, das zu würdigen, was man empfangen, gelernt und für sich entdeckt hat. Sehr häufig erkennt man erst viel später, was man alles von einem Lehrer bekommen hat. Ein echter Schüler sollte daher dankbar anerkennen, dass jedes Stadium seines Lernens nützlich ist: die Anfänge ebenso wie das Ende, die Triumphe genau wie die Fehler – und alles, was dazwischen liegt.

Illustration: Aimee Sicuro


Die Autorin Sally Kempton ist eine international anerkannte Lehrerin für Meditation und Yogaphilosophie. Sie hat zahlreiche Bücher verfasst und schreibt regelmäßig für das YOGA JOURNAL.

So bereiten sie sich auf ein schwieriges Gespräch vor

Wie können wir uns auf ein schwieriges Gespräch vorbereiten? Wie können wir vermeiden, unser Gegenüber vor den Kopf zu stoßen oder in die Defensive zu drängen?

Zur Vorbereitung ist es gut, sich ausführlich Zeit zu nehmen, sich zunächst in sich selbst einzufühlen und dann in den Gesprächspartner. Dies kann in der Meditation geschehen oder in einem Gespräch mit einem unterstützenden Menschen, der nicht direkt durch den Konflikt betroffen ist. Eine weitere Möglichkeit ist die schriftliche Vorbereitung, etwa mit einem Tagebucheintrag.

Die Empfehlung der Gewaltfreien Kommunikation ist dabei, die Aufmerksamkeit auf folgende vier Aspekte zu richten:

1. auf das, was wir beobachten, was in uns eine Reaktion hervorgerufen hat,
2. auf unsere Reaktion auf diesen Auslöser, besonders auf die Gefühle, die ausgelöst wurden,
3. auf die Bedürfnisse, die in dieser Situation eine Rolle spielen und die Ursache für unsere Gefühle sind,
4. auf das, was wir uns vom anderen wünschen und worum wir bitten könnten.

Das YOGA JOURNAL wünscht Ihnen viel Glück und Mut für bevorstehene Gespräche und oder sich anbahnende verbale Konfrontationen.

Spielerische Chakra-Erkundungen

Die sieben Chakras kennt fast jeder – in der Theorie. Das Karten-Set „Chakra Luna Yoga“ zeigt, wie man die Energiesammelpunkte in der Asana-Praxis erfahrbar machen kann. Dazu hat die Autorin pro Chakra sieben Asanas ausgewählt und in einem Mini-Begleitbuch kurz erläutert. Wer Luna Yoga noch nicht kennt, trifft hier auf eine Menge neuer Bewegungsideen, denn dieser Stil schöpft nicht nur aus der Hatha-Tradition, er ist auch von der Körperarbeit verschiedener Naturvölker und moderner Therapeuten inspiriert. Übungen mit so phantasievollen Namen wie das „Mondei“, „Die Katze sucht den Keks“ oder die „Hohepriesterin“ laden zum spielerischen Experimentieren und Spüren ein. Die Anleitungen sind bewusst offen gehalten, damit viel Raum für die individuelle Erfahrung bleibt – und weil die sich verändert, kann man die einzelnen Asana-Karten immer wieder neu kombinieren.

FAZIT // Weg von starren Konzepten und hin zur freien, persönlichen Praxis und einer feinen Wahrnehmung der Energien – auf diesem Yogaweg sind die Chakra-Karten eine gute Inspirationsquelle.

„CHAKRA Luna Yoga“ von Adelheid Ohlig, Nymphenburger Verlag, ca. 18 Euro