Was ist eigentlich Yoga-Engagement?

Macht die große Zahl von Leuten, die Yoga üben, die Welt zu einem besseren Ort?
Bewegen die vielen Yogis etwas zum Guten? Beim Engagement für Flüchtlinge und anderen wichtigen gesellschaftlichen Themen scheint das zur Zeit nicht der Fall zu sein. Die Trägheit der Yogis ist am Ende auch ein Problem für die Glaubwürdigkeit von Yoga an sich …

Moral, Ethik und Handlung
„Ist die verhältnismäßig große Zunahme der Zahl professioneller (…) Moralphilosophen in moralischer Hinsicht etwas Positives?“ Diese provokante Frage stellte die Philosophin Annette Baier vor 30 Jahren an die Zunft. Selbstreflexion kann auch der wachsenden Yogagemeinde nicht schaden. Es geht hier wie da um die soziale Nützlichkeit von Leuten, die großartige ethische Ideen vertreten. Und es geht konkret um die Frage, wie lebensnah und hilfreich Yoga als angeblich praktische Lebensphilosophie ist.

Helfen, das machen doch die die Anderen …
Eine Blitzumfrage im Yogastudio hat ergeben, dass meine Schüler und ich selbst in der Unterstützung von Flüchtlingen nicht oder nur sehr mäßig aktiv sind. Das kratzt ordentlich an unserem Selbstverständnis als so­zial engagierte Menschen. Wir haben vom jeweils anderen sozusagen ganz selbstverständlich angenommen, dass er oder sie sich in der aktuellen Situation engagiert: das Studio, die Lehrer, die Schüler, das Yoga Journal, irgendwer müsste doch eigentlich … Fehlanzeige. Ein bisschen seltsam ist es schon, dass die Yogis nicht auf der großen Welle der Hilfsbereitschaft mitsurfen – ganz zu schweigen davon, dass sie die Welle ausgelöst hätten oder sie weiter anwachsen ließen.

Hilfsbereitschaft, Engagement, Solidarität?
Offenbar ist es nicht so, dass aktive Zivilcourage, Hilfsbereitschaft, soziales Engagement und Solidarität beim Yoga frei Haus mitgeliefert werden. Vielleicht weil das aktive, gemeinsame, zielgerichtete Handeln (also auch das politische Handeln) keine Kernkompetenz im Yoga ist? Oder vielleicht, weil sich Yoga dann eben doch in einer übertriebenen Selbstwahrnehmung erschöpft? Wir haben die ständige Rede von Mitgefühl und Hilfe für andere zwar im Ohr wie ein Mantra, aber Yoga macht uns nicht automatisch zu Aktivisten, wenn es drauf ankommt. Wir haben jetzt gesehen (zumindest wir in München), dass die yogische Trägheit und Ratlosigkeit von der „normaler“ Leute nicht zu unterscheiden ist.

„Off the Mat Into the World“
Dabei gibt es tatkräftige Vorbilder: T. Krishnamacharya (1888–1989) war ein sehr aktives Mitglied in seiner Stadtgesellschaft. Sein Sohn berichtet davon, das Krishnamacharya sich auch in lautstarke Streits am Markt eingemischt hat. Die Amerikanerin Seane Corn propagiert seit 2007 ihr Projekt „Off the Mat Into the World“, das als Non-Profit-Organisation eine Brücke zwischen Yoga und Aktivismus schlägt und es sich zum Ziel gemacht hat, durch nachhaltigen Aktivismus zu einem gesellschaftlichen Wandel zu inspirieren. Am verblüffendsten ist vielleicht der diplomatische Erfolg des indischen Yoga-Gurus und Friedensbotschafters Sri Sri Ravi Shankar, der zur Zeit zwischen den seit Jahrzehnten verfeindeten Bürgerkriegsparteien in Kolumbien vermittelt: Die Verhandlungsgruppe der Rebellen telefoniert und übt regelmäßig mit ihm, sobald die Gespräche stocken.

Teach to Talk. Show to Share. Help to Love.
Das Spirituelle am Yoga ist sein Wirken in der Welt. Der Blick aufs eigene ­Leben gibt Auskunft über das Gelingen von ethischen (Yoga-)Ideen. Der Prüfstein fürs Yoga-
Gerede ist das Handeln und jede einzelne Entscheidung, die wir täglich treffen. Den originellsten Beitrag zur Diskussion hat die ghana­ische Künstlergruppe FOKN geliefert, wie Jonathan Fischer in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sie fordert Afrikaner auf, massenhaft nach Europa zu gehen, um dort den Europäern zu helfen, ihre eigenen Werte nicht zu vergessen. Mitgefühl und Großzügigkeit könnten uns die Flüchtlinge beibringen: Go to Europe – Save the People. Denn wer könne besser Familiensinn, gemeinsames Essen oder offene Straßengespräche lehren als Afrikaner? Teach to Talk. Show to Share. Help to Love.


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs und Restaurants – und studiert Philosophie.


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Yogi Cameron über Schönheit, Ideale und Glück

Du hast in deinem vorherigen Job eine Menge Aufmerksamkeit bekommen, warst Schönheits-Ideal, männliches Top-Model – etwas, was viele gerne sein möchten. Was hat dich dazu veranlasst, das alles aufzugeben und ein Yogi-Star zu werden?
Jede Reise hat einen Anfang, ein Ende und einen Weg. Aber der Weg ist eine Weiterentwicklung des Anfangs. Das bedeutet, ich bin immer noch dieselbe Person mit einer anderen Richtung und Intention. Das Arbeiten in der Welt der Mode war zu einer Zeit, als ich jung war und vorwiegend an der äußeren Welt interessiert war. Ich musste mich auf eine innere Reise begeben, um mein Gleichgewicht zu finden. Jetzt weiß ich, dass beides eine Berechtigung hat, und ich finde Schönheit sowohl in der äußeren als auch der inneren Welt. Ich habe jetzt das Beste von beiden Welten.

Als früheres Top-Model kennst du dich mit der Bekleidungsindustrie gut aus – einem System, das auf Ausbeutung basiert. Sehr teure Kleidung wird in armen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt. Wie siehst du das jetzt – mit einem gewissen Abstand?
Wenn du dir nur die Bekleidungsindustrie anschaust, ist es eine Produktion, die auf Ausbeutung basiert. Aber wenn du dir ein größeres Bild von der Welt machst, wirst du feststellen, dass wir alle irgendwie auf Kosten anderer leben und es keinen Unterschied macht, wie groß das Unternehmen ist. Wir leben in Zeiten, in denen das Ego sehr stark ist und jeder Geld, Ruhm und Aufmerksamkeit liebt. Alles, was wir herstellen, ist auf unsere Unterhaltung und unser Wohlbefinden ausgerichtet. Dadurch wird unser Leben sehr oberflächlich und es ist kein Raum für Tiefe. Wir stellen heute nicht viel her, das einen Wert für Menschlichkeit und für die Erde hätte. Es gibt ein paar Zeichen der Veränderung – aber bevor es zu einem echten Wandel kommt, müssen wir noch einen ziemlich weiten Weg gehen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich viel verändert – eine Menge unerwarteter Dinge scheinen zu passieren. Wie können wir im Angesicht von Terror und Krieg ausgeglichen und ruhig bleiben? Hat Yoga das Potential, Menschen zu retten?
Yoga, wie wir es heute praktizieren ist nicht sehr nützlich. Den meisten Menschen geht es ja heute eher um physische Aspekte als um eine spirituelle Lebensweise, die zu einer höheren und kraftvolleren Energie führen könnte. Eine yogische Lebensweise beinhaltet einen kontrollierten Umgang mit Ernährung, mit Gedanken, Verhaltensmustern, Sprache, usw. Erst dadurch erhalten wir die Erdung, die wir benötigen, um durch turbulente Zeiten von Kriegen und Konflikten zu gelangen. Gleichgewicht kommt durch eine Grundhaltung der Akzeptanz und Anpassung an jegliche Situationen, in die wir gelangen – besonders, wenn es schwierige Situationen sind.

Wir haben uns ein sehr angespanntes, stressiges Leben für uns selbst und in der Gesellschaft erschaffen. Es wird immer komplizierter , da künstliche Lebensmittel, Elektronik, Kommunikationsgeräte zunehmen. Die Antwort ist ein natürlicheres Leben mit mehr Zeit in der Natur. Wir sollten mehr natürliche Produkte konsumieren. Je künstlicher wir unser Leben gestalten, desto mehr künstliche Ängste und Krankheiten werden wir kreieren.

Du hast 15 Jahre in Indien verbracht. Wie hat das deine Sicht auf das Leben, die Welt und den weiteren Kontext verändert?
Es hat mich wieder zurück zum einfachen Leben und zu einem Verständnis der Basics des Lebens gebracht. Es hat mir gezeigt, dass das Leben nur so kompliziert ist, wie du es dir machst. Ich habe mit Ayurveda und dem Yogaweg gelernt, dass ich mich selbst heilen kann und, dass ich mein Leben hinbekomme – egal, wie schwierig es ist.

Die Verhältnisse in dem indischen Dorf, in dem ich lebte, waren sehr einfach. Die Bedürfnisse der Menschen waren sehr einfach. Denn keiner hatte große Ansprüche, die über das Grundlegende hinausgingen. Alles war einfach und Schwierigkeiten ließen sich schnell und einfach lösen. Sobald ich in die Städte fuhr oder in den Westen reiste, merkte ich, dass das Leben komplizierter wurde und die Menschen andere Ansprüche und Wünsche haben. Indien hat mich daran erinnert, dass es nicht nur um mich und meine Gedanken geht, ich habe gelernt, vom ich zum wir umzudenken und mein Bewusstsein in diese Richtung zu lenken. Vom ich, zum Wir, zur Welt und zum Universum. Es hat mir also gezeigt, wie ich die Begrenzungen meines Geistes überwinden und mein Bewusstsein erweitern kann.

Du bist nach Indien gereist, um Yoga, Ayurveda und Naturheilverfahren zu studieren. Was waren Deine ersten Erwartungen als du deine Reise geplant hast und war es deine Intention 15 Jahre dort zu bleiben?
Ich hatte eigentlich keinen großen Plan. Ich wollte studieren. Aber dann bemerkte ich, dass ich nicht nur lernen und unterrichten, sondern dem Yogaweg folgen, ein Yogi sein wollte. Ich wollte erst selber den Yogiweg gehen und das Wissen dann weitergeben. Es ist nun 15 Jahre her, dass ich teils in Indien, teils in Kalifornien gelebt habe. Indien ist meine Heimat, aber ich muss immer noch viel um die Welt reisen, um zu unterrichten.

Was magst du am meisten an Yoga und daran, ein Yogalehrer zu sein?
Ich bin wirklich nicht der Yoga-Lehrer im klassischen Sinne. Als Yogi folge ich den Pfad von Raja, Tantra und Bhakti. Yoga-Haltungen sind nur ein kleiner Teil des Pfads. Das meiste ist Ritual und Praxis der Hingabe an ein höheres Selbst und eine innere göttliche Kraft.

Ich unterrichte eine breite yogische Praxis und mein Anliegen ist es, die kraftvollsten und feinstofflichsten Praxen zusammenzustellen, so dass die Teilnehmer sie in ihr Leben integrieren können und so zu Frieden und Ruhe gelangen und den Sinn und Zweck in ihrer Lebenszeit erkennen.

Wie sieht deine tägliche Morgen-Routine aus?
Ich stehe um 4:30 oder um 5 Uhr morgens auf und dusche, danach folgen ayurvedische Ölanwendungen. Dann stehen Reinigungspraktiken auf dem Programm, sogenannte Shatkarmas. Dann praktiziere ich Puja, was ein Hingabe-Ritual ist, Dann mache ich 12-15 Haltungen, Pranayama, Mudras, Bhandas, Mantras und Meditation. Für alles zusammen brauche ich 3 Stunden.

Wie lautet dein persönlicher Schlüssel zum Glück?
Ich strebe Zufriedenheit an und vermeide Glücklich-Sein . Zufriedenheit ist wie eine warme Welle, die sanft vor Dir bricht, während Du im Meer spielst. Glücklich-Sein ist wunderschön, hat aber auch eine Kehrseite, die Traurigkeit. Glücklich-Sein und Trauer sind die zwei Extreme, die Du fühlen wirst, denn was aufsteigt, muss an einem bestimmten Punkt auch wieder fallen. Der Schlüssel zu Zufriedenheit ist es, flexibel im Geist und im Denken zu sein. Auch wenn wir nicht mit jemandem oder etwas übereinstimmen, wenn wir anpassungsfähig sind, werden wir Konflikte nicht entstehen lassen.

Mit Zufriedenheit haben wir mehr einen Zustand als ein Gefühl. Es ist der Zustand der Zustimmung und dem Wissen, das Karma eine große Rolle spielt.

Wofür bist du am meisten dankbar?
Ich bin dankbar dafür, dass ich den Yogaweg gehen darf – dadurch habe ich eine einzigartige Sicht auf das Leben erhalten. Es hat mir gezeigt, dass ich dankbar für alles und demütig gegenüber allem sein kann. Dankbar bin ich für all die großartigen Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind, wie eine wundervolle Beziehung, eine großartige Tochter oder eine tolle Familie aber auch für all die Schwierigkeiten und Herausforderungen, durch die ich gehen musste. Auch diese Teile lieben zu lernen ist ein großer Teil des Wegs hin zur Dankbarkeit.

Alles in allem ist es einfach Menschen zu lieben, die dich auch lieben. Aber können wir auch die lieben, die uns nicht mögen?

Gibt es etwas, das du unseren Lesern für ihre Yogapraxis mit auf dem Weg geben möchtest?
Es ist sehr wichtig, diese Praxis täglich zu machen, da es sonst keinen kontinuierlichen Effekt in deinem Leben geben kann. Wenn du es schaffst, als erstes am Morgen zu praktizieren und deine Ausrichtung für den Tag festzulegen, wird dein Leben an Bedeutung gewinnen und du wirst stabiler. So wirst du geerdet sein, egal, wie der Tag sich entwickelt und wie Menschen auf dich zugehen.

Wir können nicht die Welt kontrollieren aber wir können lernen, uns selbst zu kontrollieren.

Vielen Dank für das nette Gespräch.


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Copyright: Yogi Cameron

Mehr Infos unter: www.yogicameron.com

Buch-Tipp: Yoga – mit Kraft und Anmut leben

Yogis als Forschungsreisende und die Matte als Stützpunkt, sich liebevoll und authentisch mit der eigenen Kraft auseinanderzusetzen: In ihrem Praxisbuch setzt die aus Australien stammende Yogalehrerin Barbra Noh auf einen Weg des Herzens.

Neben den allgemeinen Prinzipien und der Lebensphilosophie des Yoga stehen vor allem die drei „A“ des Anusara Yoga im Fokus: Die innere Haltung („Attitude“), die Ausrichtung („Alignment“) und als „Action“ zahlreiche Übungssequenzen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Mit ihrer puren Ausstrahlung, ästhetisch gelungen vom Fotografen Christian Krinninger in Szene gesetzt, vermeidet die führende Ausbilderin für Anusara Yoga in Europa Glamour als Selbstzweck und konzentriert sich auf das, was sie selbst als junge Tänzerin auf Reisen nach Indien, in die USA, durch Korea und Europa erfahren hat: Yoga als Hauptwerkzeug für die persönliche Entwicklung und als Kompass auf dem Weg zum Glück. Dass dazu nicht unbedingt die Biegsamkeit einer Tänzerin nötig ist, zeigt sich allerdings eher in den Texten als an den größtenteils sehr fortgeschritten ausgeführten Asanas. 

Fazit: Für den Coffeetable, neben dem die Matte liegt: Ein eleganter Wegweiser durch Yoga und damit zum eigenen Potential.


Yoga – Mit Kraft und Anmut leben von Barbra Noh //theseus Verlag //Preis: ca 30 Euro   

Yoga kennt kein Alter – üben kann jeder

Warum üben so wenig ältere Menschen Yoga? Selbst die Eltern und Großeltern überzeugter Yogis haben enorme Berührungsängste. Dabei entfaltet Yoga gerade für ältere Menschen sehr schnell sein ganzes Potenzial.

„Jeder, der ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung“, sagt der Schriftsteller Martin Walser über das Altern und die Schwierigkeit, sich in ältere Menschen hineinzuversetzen. Tatsächlich ist es für jüngere Menschen schwer vorstellbar, immer unsicherer auf den Beinen zu werden, ständig Angst vor Stürzen zu haben, Treppen zu meiden, sich nicht auf den Boden setzen, auf den Händen abstützen zu können oder die eigenen Füße nicht mehr zu erreichen. Dabei klärt uns oft schon eine Verletzung oder längere Krankheit darüber auf, wie fragil der gewohnte Umgang mit dem Körper und seinen Fähigkeiten ist.

Fest steht: Unser Körper wird sich im Laufe unseres Lebens stark verändern und ziemlich sicher auch etwas von seiner Beweglichkeit, Schnelligkeit und Kraft einbüßen. Das ist aus yogischer Sicht aber kein unlösbares Problem, sondern zunächst einmal Gegenstand einer freien und unbefangenen Selbstbeobachtung.
Die vorrangigen Ziele des Yoga übersetzt T. K. V. Desikachar aus dem Yoga-Sutra mit Gesundheit, Erkenntnis und Qualität unserer Handlungen – und diese Ziele sind unabhängig vom Lebensalter zu erreichen, eventuell im Alter sogar leichter zu verwirklichen.

Desikachar nennt einfache Prinzipien: Jeder, der will, kann Yoga praktizieren! Jeder kann atmen und daher kann jeder Yoga praktizieren. Der Yogaweg beginnt stets da, wo wir gerade sind – körperlich, geistig, örtlich, gesellschaftlich, sozial. Der Beginn ist voraussetzungslos. Es gibt das richtige Yoga für jede Person. Dabei muss sich nicht der Einzelne dem Yoga anpassen, vielmehr wird sich Yoga nach den individuellen Bedürfnissen des Menschen richten.

Das bedeutet für den Anfang, sich anzunehmen, wie man ist und behutsam Körper und Atem zu erforschen. Mit Desikachar gesprochen: Beobachten, was wir tun und wie wir es tun. Wir können Yoga auf einem Stuhl üben und sogar dann, wenn wir ans Bett gefesselt sein sollten. Dabei werden wir Schritt für Schritt (wieder) mit dem Körper und Atem vertraut und lernen, mit unserem Körper zu kooperieren, statt gegen ihn zu arbeiten oder ihn zu ignorieren oder zu verdrängen. Körperliche Makel, Gebrechen und Krankheiten werden als gegeben hingenommen, Schwächen werden eingestanden – bestenfalls mit heiterer Gelassenheit, Geduld und vor allem mit dem Wissen, dass Leben immer auch Veränderung bedeutet.

Konkret heißt Yoga für ältere Menschen zum Beispiel, wieder zu lernen, auf einem Bein zu stehen und dadurch eine sichere Balance zu finden. Oder Beine und Rücken zu kräftigen, um gut zu sitzen und aufzustehen. Oder sich tief zu entspannen, um erholsam die Nacht durchzuschlafen. Die Bewältigung von hartnäckigen Verdauungsproblemen, Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Steifheit und Atemproblemen sind die Paradedisziplinen des Yoga. Neue Kraft, Balance, Stabilität und größere Mobilität sind in der Regel sehr schnell zu spüren.

Selbstvertrauen, Zufriedenheit, Zuversicht und Wohlbefinden sind im yogischen Verständnis psychokinetische Fähigkeiten. Wir beeinflussen unser Körper-Atem-Gedanken-System durch regelmäßige Übungen. Und dabei ist eben nicht die äußere Form der Körperstellungen entscheidend, vielmehr sind alle, auch „einfache“ Varianten wirksam. Das Üben selbst schafft besondere Qualitäten, wie das Gefühl von Stille und Weite oder einen Sinn für spielerischen Humor. Und allein die gezielte Aufmerksamkeit für unsere Handlungen bewirkt eine Veränderung unserer inneren Haltung.

Die Praxis umfasst in einem weiteren Sinn Ernährung, Asanas, Atemübungen und Mantras, wie Desikachar lehrt. Daher kann zum Beispiel der querschnittsgelähmte Yogalehrer Matthew Sanford ohne Weiteres im Rollstuhl unterrichten und üben. Die Mitarbeiter der Donna-Karan-Stiftung üben mit Patienten in amerikanischen Krankenhäusern. Und bei dem wirklich überwältigenden Restorative Yoga bewegt man sich gar nicht. Yoga sind keine Grenzen gesetzt, im Gegenteil. Die Pointe ist gerade, dass auch ein stark eingeschränkter Mensch großartig Yoga üben kann.

Buch-Tipp: Yogan – Veganes Leben und Yoga

Yogalehrer Dominik Grimm bringt in seinem Buch „yogan” Yoga und vegane Ernährung unter einen Hut. Was es damit auf sich hat? Wir sprachen mit dem Blogger und Veganer über sein ganzheitliches Lebenskonzept.

Dominik, warum passen Yoga und vegane Ernährung für dich so gut zusammen, dass du ein Buch darüber geschrieben hast?

Yoga führt uns im Laufe unserer Praxis vermehrt nach Innen. Viele äußere, materielle Dinge verlieren nach und nach an Gewicht; dafür steigen der Fokus und die Wertigkeit von immateriellen Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl kann uns dazu veranlassen, uns aus ethischen und ökologischen Gründen für eine vegane Lebensweise zu entscheiden. Die vegane Ernährung ist somit die Antwort auf das entstandene Mitgefühl. Daneben steht natürlich ein weiterer, wichtiger Aspekt: die Gesundheit. Immer mehr Studien weisen heute darauf hin, dass eine pflanzenbasierte bzw. vegane Ernährung die gesündeste für Menschen jeden Alters ist. Yogan ist für mich somit die perfekte Kombination bzw. Einheit.

Für wen ist „Yogan“ besonders lesens- und empfehlenswert?

Konzipiert habe ich das Buch für Yogan-Beginner, also für Menschen, die sowohl mit Yoga als auch mit der veganen Ernährung Neuland betreten. Yogan fußt auf sechs Säulen, die ich step-by-step erkläre, auf praktischen Umsetzungstipps sowie Inspirationen. Aber, so das erste Feedback der LeserInnen, auch für erfahrene Yogi(ni)s und VeganerInnen kann das Buch so manch neuen Impuls setzen.

Du hast eine „Yogan-Grundreihe“ entwickelt, die aus zwölf Asanas besteht. Was ist an dieser Übungsstrecke so speziell?

(lacht) Ja, mittlerweile wird sie schon als die „Grimm’sche Reihe“ betitelt. Die Grundreihe ist eine Kombination aus Vor- und Rückbeugen, Dreh- und Gleichgewichtsstellungen. Die jeweiligen Haltungen werden einerseits aktiv, anderseits passiv ausgeführt. Das heißt, jede Asana stärkt, kräftigt und dehnt gleichermaßen und fördert dazu noch die Koordinationsfähigkeit. Das Wichtigste an der Reihe war mir eine gewisse Ganzheitlichkeit und dass sie auch von jedem Anfänger geübt werden kann. Dazu gebe ich einleitend auch den Tipp, in drei Phasen zu üben: Gewöhnung, Kontrolle, Entdeckung/Festigung.

Du plädierst dafür, regional und saisonal produzierte Lebensmittel zu kaufen, aber einige der vorgestellten Superfoods wie Cashewkerne, Kakao oder Moringa müssen importiert werden. Wie stehst du zu exotischen Superfoods?

Ja, das stimmt und klingt erst einmal ziemlich widersprüchlich. Ich finde jedoch, dass wir uns so abwechslungsreich wie möglich ernähren sollten und auch dürfen. Praktisch gesehen: Wenn ich die Wahl zwischen einem regional hergestellten Produkt und einem Import-Produkt habe, greife ich zum regionalen. Wenn ich die Wahl nicht habe, darf’s auch ruhig die Avocado von weiter her sein. Der kritische Leser möge mir die Pauschalisierung an dieser Stelle verzeihen – Stichwort: Import-Ware kann auch mal eine bessere Klima-Bilanz haben als hier hergestellte Gewächshaus-Ware – aber Ernährung sollte immer praktikabel bleiben, ohne große Nachforschungen.

Es gibt am Ende deines Buches ein Kapitel über die „Möglichkeiten der Verbreitung des Yogan-Gedankenguts“. Wie lebt man nach der Yogan-Philosophie, ohne dabei missionarisch zu werden?

Vor. Man lebt einfach nur vor. Ein Vorbild, das andere inspiriert. Mehr nicht. Das ist meiner Erfahrung nach der beste, einfachste und effektivste Weg.

Dominik Grimm ist Autor, biologisch-technischer Assistent und Yogalehrer. Er gibt Yogastunden, Seminare, Retreats und Workshops zum Thema Yogan. Sein erstes Buch erschien 2014 bei Droemer-Grimm_Yogan_01.inddKnaur. „yogan – Veganes Leben und Yoga“ (Knaur Taschenbuch, ca. 15 Euro)

Montags-Mantra: Ausdruck

Verschiedene klinische Studien zeigen: Die Körperhaltung hat Einfluss auf unser Gemüt. Oft hilft es, einer niedergeschlagenen Stimmung gezielt mit einer aufrechten Haltung und erhobenem Kopf entgegenzuwirken. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen es ratsam ist, seinen Emotionen auch durch die Körperhaltung Ausdruck zu verleihen. Dadurch kann man sich von Fall zu Fall schneller von der Empfindung lösen.


 

Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben als die Bewegung (…)

Gotthold Ephraim Lessing


 

Unser Tipp:

Einfach ausprobieren, was gerade guttut, und sich klarmachen, dass der Körper ein wunderbares Stimmungsbarometer ist.

 

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Dies.Das.Asanas.

In dieser Kolumne nehme ich bewusst Haltungen unter die Lupe, die aus B. K. S. Iyengars Standardwerk „Licht auf Yoga“ so nicht bekannt sind. Das Buch hat seit seinem Erscheinen 1966 dabei geholfen, Asanas auch als therapeutische Mittel zu sehen. Aus den darin geschilderten „klassischen“ Asanas haben sich mit der Zeit unzählige Varianten entwickelt, die wichtiger Bestandteil des modernen Yoga sind.

Die Asana, die ich heute vorstelle, ist eine Variante des Handstands, kombiniert mit einer Rückbeuge: Ich nenne sie Supported Handstand Backbend, zu Deutsch: Unterstützte Handstand-Rückbeuge. Das ist eine intensive Umkehrhaltung, die in dieser Variante wunderbar mit einer Wand oder eben an einem Baum funktioniert.

Rückbeugen sind für manche eine Qual, für andere ein Kinderspiel. Mit einem neuen Blickwinkel und einer spielerischen Herangehensweise können heilsame Rückbeugen vom Gräuel zum energetisierenden Werkzeug werden und uns gesunde, starke Schultern schenken. Ein „krummer Rücken“ kann aus einer vorgebeugten, am Computer orientierten Haltung resultieren, aber eben auch Ausdruck einer seelischen Last sein, die einem schwer auf dem Kreuz liegt. Es lohnt sich immer, einmal den Alltag unter die Lupe zu nehmen: Wie halten und „ver-halten“ wir uns? Welcher Gedanke oder Glaubenssatz macht mir vielleicht das Leben schwer? Meist will man sein wichtigstes Kleinod schützen, das Herz. Deshalb verschließt man sich mit Hilfe des gesamten Oberkörpers. Was einem klar werden muss, ist ganz einfach: Das Herz wird wunderbar durch den Brustkorb und den „Rippenkäfig“ geschützt! Dieses zarte, essenzielle Organ, die Lebenspumpe, darf sich dort wohl und rundum sicher fühlen. Rückbeugen dienen als Herzöffner. Sie lassen einen aufatmen, Hoffnung schöpfen und wieder offen in die Zukunft blicken – anstatt nur noch auf die Füße oder das Handy zu starren!

 

Muss ich das können?
Nein. Nur, wenn es Spaß macht!

Was muss ich dafür tun?
Zur Vorbereitung sollten einerseits Rückbeugen geübt werden, beispielsweise die Kobra, der nach oben schauende Hund, die Heuschrecke, der Bogen und das Rad. Andererseits sollte man sich kopfüber wohlfühlen. Das bedeutet, dass man die Kraft haben sollte, den Handstand an der Wand etwa 1 Minute lang zu halten.

Ist das gefährlich?
Ja. Manche sollten diese extreme Haltung nicht üben, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule. Hier gilt absolute Eigenverantwortung! Außerdem sollten die Hände keinesfalls rutschen. Und für Anfänger gilt: Die Haltung zu Beginn nur mit Hilfestellung versuchen!

Schritt für Schritt im Schnelldurchlauf:

 

  1. Setzen Sie Ihre Hände ungefähr zwei Hände breit vor einer Wand auf den Boden. (Mit mehr Übung auch ein wenig weiter weg.)
  2. Schwingen Sie die Beine gegen die Wand und lehnen Sie sie bis zum Gesäß dagegen, ohne dass sich der Rücken dabei näher zur Wand bewegt.
  3. Falls ihre Hände noch zu nah stehen, setzen Sie diese etwas weiter von der Wand weg.
  4. Halten Sie Mula und Uddhiyana Bandha, eine gewisse Bauchspannung, um die Lendenwirbelsäule zu stabilisieren.
  5. Atmen Sie Ihr Brustbein langsam von der Wand weg. Lassen Sie den Kopf entspannt hängen.
  6. Um wieder aus der Haltung herauszukommen, beugen Sie die Knie, setzen einen Fuß an die Wand und stoßen sich damit ab.

Wichtig: Wenn Sie mit Hilfestellung üben, sollte diese notfalls an Ihre Hüfte greifen, falls die Kraft nachlässt.

 


 

Vorschläge oder Fragen? Schauen Sie bei Jelena unter www.facebook.com/kickassyoga vorbei.

 

DVD-Tipp: Asana Index 1

Praktisches Nachschlagewerk So simpel, frei und authentisch kann Yoga sein: Eine DVD zum Mitüben, die einzelne Asanas voneinander losgelöst erklärt, ohne vorgefertigtes Übungsprogramm, ohne zuvor definierte Übungslevel, ohne festgefahrenen Stil. Ähnlich wie in B. K. S. Iyengars Klassiker „Licht auf Yoga“ konzentrieren und reduzieren sich die beiden bekannten Anusara-Yogalehrer Lalla und Vilas auf die Haltungen selbst. Dabei leiten sie sich abwechselnd gegenseitig an und erläutern äußerst präzise und im Detail die für ihren Yogastil typischen Ausrichtungsprinzipien, verzichten jedoch bewusst darauf, ihre Asanas explizit dem Anusara zuzuweisen. Stattdessen spricht aus jeder Anweisung ihre ganz eigene, tiefe Erfahrung, die sie weit über die bloße Technik hinausgehen und wichtige yogische Prinzipien mit einfließen lässt. Lalla und Vilas’ erste von sechs geplanten Asana-Index-DVDs zielt durch umfassende Yogakenntnisse nicht nur auf ein verletzungsfreies Üben ab, sondern weit darüber hinaus auch auf ein tiefes und feines Spüren in den Haltungen. Durch den freien Aufbau bringt sie den Praktizierenden zudem ganz nebenbei, aber sicher nicht ungewollt, in die unumgängliche Eigenverantwortung. //
Fazit // Die Entdeckung des Wesentlichen: Eine auffallend schlichte, pragmatische und hilfreiche Übungs-DVD!

AsanaIndex1_Pack1er
Asana-Index 1
Lalla und Vilas Turske
Parapara UG
Preis // ca. 20 Euro