Mantra für Kraft: N°5

Om Maha Bala Kramaya Namaha

Om und Verbeugungen vor dem Einen, der große Kraft verkörpert.

Im Götter-Epos Ramayana spielt der hinduistische Affengott Hanuman eine wichtige Rolle als Held. Im Auftrag des Gottes Rama, dessen Frau Sita von einem Dämon entführt wurde, zerstörte er den Palast der Dämonen, setzte Lanka in Brand und räumte den Weg für Rama frei, damit dieser Sita befreien konnte. Auch später blieb er treuer Begleiter von Rama – seine offene Brust zeigt in vielen Darstellungen ein Bild von Rama und Sita.
„Hanuman steht für Hingabe an Rama, das tiefe Göttliche in unserem Innern. Er vergisst nie, wem er dient und versucht, sich in jeder Situation daran auszurichten. So ist Hanuman für mich eine beständige Erinnerung, sich nicht im Alltäglichen zu verlieren, sondern sich dem Eigentlichen des Mensch-Seins zuzuwenden“, sagt der Yoga-Lehrer Karl Kolb, der sein Studio „Hanuman‘s Move“ in Berlin dem Affengott gewidmet hat.
Aufgrund seiner großen Hingabe wird Hanuman besonders von Bhakti Yogis verehrt . Er gilt als personifizierte Kraft . Dieses Mantra kann an Hanuman gerichtet werden, um uns Energie und Stärke für unser Leben zu schenken.


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 


Foto von Valeria Ushakova von Pexels

Shine On Yoga

Worauf die Frauen vertrauen

Gillian Wagner hat es erkannt: Gerade, wenn bei uns Frauen der Hormonzirkus tobt und Yoga besonders hilfreich wäre, sträuben wir uns oftmals regelrecht, auf die Matte zu gehen. Nicht besonders schlau, denn gerade während der Menstruation oder in der Menopause können bestimmte Asanas dem Wohlbefinden äußerst zuträglich sein. Gillian Wagner hat ein Programm entwickelt, das sich diesen Zeiten erhöhter hormoneller Herausforderung anpasst und uns nach der Praxis wieder strahlen lässt. Wie kann man die eigene Praxis etwa an Tage adaptieren, an denen man sich kraftlos fühlt? Hat man sich Gillians Einführung erst mal angehört, ist es ganz egal, wie die Laune vorher gewesen sein mag. Man fühlt sich angesprochen und als Frau ernst genommen. Eine der drei Übungssequenzen „Energy Boost“, „Organic Flow“ und „Time to Shine“ passt immer zur aktuellen Stimmungs- und Hormonlage. Man kann also jeden Tag mit Gillian üben. Sie versteht es auf wunderbare Weise und auf natürlichem Wege, (wieder) Lust auf Yoga zu machen. Laura Hirch

Fazit: „Shine On Yoga“ ist ein ganzheitliches Übungskonzept, das mit sanften und doch kraftvollen Flow-Einheiten auf die zyklische Natur des weiblichen Lebens eingeht.

„Shine On Yoga“ von Gillian Wagner, Barefeet Productions ca. 15 Euro.

 

Zwei Worte zur Entspannung: F**k it!

Nur zwei kurze englische Worte sollen die Essenz aller fernöstlichen Weisheiten beinahe perfekt zusammenfassen: F**k it! Was zunächst etwas, nun ja, umgangssprachlich klingt, hält der britische Autor, Seminar- und Retreat-Leiter John C. Parkin für ein hilfreiches ­Lebenskonzept.

YOGA JOURNAL: Herr Parkin, der Untertitel Ihres Buches „F**k it!“ lautet in der Originalausgabe „Der ultimative spirituelle Weg“. Provokation oder ernsthafte Behauptung?
JOHN C. PARKIN: Das ist eine gute Frage – im Grunde ist es beides. Natürlich ist diese Aussage mit Humor zu verstehen und nimmt Bezug auf all die Religionen und spirituellen Pfade, die für sich in Anspruch nehmen, der einzige oder gar ultimative Weg zu sein. Das ist arrogant und so gefährlich! Dennoch ist darin etwas sehr Ernsthaftes enthalten: Für viele Menschen bedeutet diese Einstellung zu den Dingen das Ende einer oft jahrelangen Suche, in der sie die verschiedensten spirituellen Richtungen ausprobieren, um endlich eine Antwort auf ihre Fragen zu erhalten. Aufgrund ihrer Einfachheit spricht die Methode aber auch diejenigen an, die auf dem Gebiet der „Spiritualität“ neu sind – sie werden aufgefangen, noch bevor sie sich in einer mühseligen Suche verlieren.

Was ist die Essenz von „F**k it!“?
In unserer natürlichen Bemühung, einen tieferen Sinn in unserem ­Leben zu finden, tendieren wir dazu, uns mit Bedeutung zu ­überladen: Bedeutungsvoll wird so schnell zu bedeutungsübervoll. Wir alle versuchen, zu viele Bälle in der Luft zu jonglieren: Wir verfolgen eine erfolgreiche Karriere, wollen unser eigenes Potenzial ­entfalten, eine funktionierende Beziehung führen, ein gutes Beispiel für unsere Kinder sein, fit und gesund bleiben, müssen die Hypothek ­abbezahlen, unseren Lebenssinn finden und so weiter. Wenn wir „F**k it“ sagen, erkennen wir den Kern des Problems – nämlich, dass wir die Dinge zu ernst nehmen und sie uns im Grunde gar nicht so viel bedeuten, wie wir glauben. Im Gegenteil – sie fügen uns Leid zu. Durch Loslassen werden wir unabhängiger, intuitiver und ehrlicher zu uns selbst.

Zu Beginn Ihres Buches schreiben Sie, dass viele große spirituelle Lehrer zuerst eine tiefe Krise durchlebten, bevor sie ihren Weg fanden. Muss man wirklich erst tief fallen, bevor man fähig ist, loszulassen?
Nicht unbedingt. Trotzdem, wie in einer Art Newtonscher ­physikalischer Reaktion – „Jede Aktion hat eine gleich starke entgegengesetzte Reaktion“ –, scheint es, dass eine tiefe Krise manchmal einen Moment oder eine Phase der Bewusstwerdung hervorbringt. Ich befürchte allerdings, dass die Mehrheit nach einer Krise keine Erleuchtung erfährt. Der Schlüssel liegt im Prozess. Es geht nicht darum, einen Zustand zu erreichen, in dem wir nur noch entspannt und friedlich sind. Dieses Ziel sollten wir loslassen und stattdessen die Entwicklung an sich genießen. Genauso wie es Freude bereitet, Yoga zu üben, um den Körper zu entspannen, können wir Spaß daran finden, durch alle Formen von Anspannung hindurch zu gehen und sie schließlich loszulassen – auch die starren und einengenden Gedanken, die in unserem Geist im Laufe des Tages auftauchen. ­Erleuchtung hängt immer mit Verben, also mit Zeit- oder Tun-Worten zusammen. Niemals mit Substantiven, also mit Nennworten. Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass sich das ganze Leben immer nur in Verben und nie in Substantiven vollzieht.

Ist der Grat zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit nicht sehr schmal – gerade wenn man „F**k it!“ dabei im Kopf hat?
Es ist verlockend zu glauben, dass es ein schmaler Grat ist. Denn das hält uns in unserem märtyrerhaften, erschöpften Zustand. Eigentlich tun wir der Welt aber einen Gefallen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, einfach nur uns selbst zu entspannen. Indem wir uns selbst heilen, heilen wir die Welt. Das sind nicht nur leere Worte. Alles wird von Energie – „Prana“ oder „Chi“ – durchdrungen. Wenn wir unserer eigenen Energie erlauben zu fließen – indem wir ­entspannen –, fließt sie auch zu anderen Menschen. Wir alle wissen, dass wir in der Gegenwart einer entspannten und gelassenen Person selbst Entspannung erfahren können. Es ist lustig: Wir glauben, dass wir, um andere zu heilen, nach außen auf sie blicken müssen und im Zuge dessen vergessen wir uns selbst. Aber der Weg zur Heilung anderer führt nach innen und über die Heilung unserer selbst.

Zusammen mit Ihrer Frau bieten Sie regelmäßig ein einwöchiges „F**k it!“-Seminar in Italien an. Was kann man in nur einer Woche lernen und erfahren?
Als ich gestern von der Küste zu unserem Haus zurückgefahren bin, hatte ich ein beinahe überwältigendes Gefühl von Erleichterung und Entspannung, ein „Alles ist in Ordnung“-Empfinden entgegen dem sonst so normalen und natürlichen Grundgefühl von Spannung. Befreiung kann in einem einzigen Moment über uns kommen. Und im Rahmen des Retreats spielen wir eine ganze Woche mit dem Be­freiungsthema! Man kann erfahren, weshalb wir so sehr in Stress, Sorge und Anstrengung verloren sind, und spielt mit vielen Arten von Loslassen – natürlich auch, auf unterschiedliche Weise „F**k it!“ zu sagen. Man lernt, sich selbst wieder zuzuhören, und entwickelt das nötige Vertrauen und die Stärke, der eigenen Intuition zu folgen.


John C. Parkin, Sohn eines anglikanischen Priesters, studierte 20 Jahre lang fernöstliche Weisheitslehren. Nachdem er vor einigen Jahren seinen Job in der Werbebranche kündigte, zog er mit seiner Frau von London nach Italien und gründete dort das Retreat-Center „The Hill That Breathes“.

Kundalini Yoga ist: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst

Kundalini Yoga ist anders. Warum? Das erklärt Maya Fiennes, die eine CD, mehrere DVDs und ein Buch über Kundalini Yoga veröffentlicht hat. In Workshops und Retreats gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter. All das tut sie ausgesprochen fröhlich, unkompliziert und herzlich. Zudem noch ist sie geschäftstüchtig. Maya stammt aus Mazedonien, hat lange in London gelebt, inzwischen wohnt und unterrichtet sie in der Nähe von Los Angeles. Sie ist mit dem Komponisten und Produzenten Magnus Hubert Fiennes verheiratet. Die Hollywood-Schauspieler Ralph und Joseph Fiennes sind ihre Schwager.

YOGA JOURNAL: Maya, du bist ausgebildete Musikerin und hast als Konzertpianistin Erfolge gefeiert. Wie bist du zum Yoga gekommen?
MAYA FIENNES: Ich habe viele Konzerte gegeben, aber ich war vorher immer sehr nervös. Meine Hände und Füße waren oft so kalt! Dann schlug mir jemand Yoga vor. Ich probierte Hatha Yoga, Iyengar Yoga – alles, was auf dem Markt war und interessant klang. Das war schon mal gut für meine Haltung, meine Atmung und meine Nerven. Irgendwann nahm mich jemand zu einer Kundalini Yoga-Klasse mit. Und ich dachte: Wow, das ist wirklich etwas ganz anderes! Das fühlt sich mehr an wie eine Therapie! Kundalini Yoga gab mir alles, was ich brauchte.

Warum ausgerechnet Kundalini Yoga?
Ich liebe die Meditation und das Chanting am Ende. Bei Kundalini Yoga habe ich das Gefühl, dass Geist und Körper in jedem Moment verbunden sind. Es macht mich ruhiger und glücklicher.

Das würde jeder Yogi sagen.
Ja, aber um Kundalini Yoga zu machen, muss man nicht besonders sportlich sein. Für manche Menschen führt der Weg eher durch den Körper: Tänzer zum Beispiel mit diesen unglaublichen physischen Fähigkeiten, die sind häufig gewohnt, über den Körper zu lernen. Für mich als Musikerin ist Yoga eng mit Tönen verknüpft. Ich weiß, wie stark Musik Gefühle weckt und spiele im Unterricht meine eigene Musik.

Die Übungen auf deinen DVDs sind simpel, aber auch anstrengend. Wie würdest du die Wirkung von Kundalini Yoga beschreiben?
Kundalini Yoga macht euphorisch. Es wirkt wie eine legale Droge, nur schneller, kompakter. Wir üben eine Kombination aus Atmung, Mantras und Körperhaltungen. Dabei führen wir viele simple Bewegungen über eine lange Zeit intensiv aus, zum Teil 15 Minuten lang. Die „Schmerzgrenze“, über die man gehen muss liegt, liegt ungefähr bei zweieinhalb Minuten. Wenn dieser Damm gebrochen ist, werden Endorphine ausgeschüttet: Serotonin, Oxytocin – und das macht dich high! Du fühlst dich wach, aufmerksam, kreativ, energetisiert – voller Leben!

Manche Menschen mögen vor so viel geballter Energie eher zurückschrecken…
(lacht) Also ehrlich gesagt, ist mir noch nie jemand begegnet, der sich beklagt hätte: „Ach je, ich habe einfach zu viel Energie!“ Aber richtig: Für manche Menschen mag Kundalini Yoga nicht das Richtige sein, oder es kommt nicht zum richtigen Zeitpunkt.

Welche Kundalini-Übung machst du am ­liebsten?
Ich liebe den „Frosch“, eine sehr dynamische Übung. Man geht dabei in die Hocke, setzt die Hände vorne auf und lässt sie am Boden, wenn man die Beine streckt, und zwar sehr schnell. Das bringt deinen Kreislauf in Schwung. Wenn du eigentlich kaum Zeit hast für Yoga, dann rate ich dir: Mach 54 mal den Frosch!

Du sagst auf deiner DVD: Wer nicht ­beweglich in der Wirbelsäule ist, kann auch im Geist nicht beweglich sein.
Das ist natürlich nur metaphorisch gemeint! Ich meine damit, offen zu sein für das was kommt, sich nicht unnötig zu sperren. Zum Beispiel, wenn du einen wichtigen Termin hast. Du hast dich darauf vorbereitet, hast einen langen Anfahrtsweg – und dort angekommen, erfährst du, dass das Treffen abgesagt wurde. Wenn du dich jetzt nicht lange mit Ärger aufhältst, wenn du „mit dem Fluss gehst“, dann kannst du sagen: „Okay, macht nichts, was kommt als nächstes?“ Wir haben so viele Chancen, wenn wir offen sind für Veränderungen. Es gibt diesen Witz, den ich sehr mag: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erkläre ihm deine Pläne!

Hat es dir eigentlich geholfen, dass du in die berühmte britische Künstler- und ­Schauspielerfamile Twisleton-Wykeham-Fiennes eingeheiratet hast? Oder hat es dich auf deinem Weg als Yoga-Lehrerin eher behindert?
Wahrscheinlich eher Letzteres! Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen, als Pianistin, mit meiner Band, ich hatte eine eigene ­Modefirma – und das ist nicht gerade hilfreich, wenn jetzt die Leute sagen: Ja ja, sie hat eben diesen berühmte Verwandtschaft, und deswegen hat sie Erfolg. Aber ich gebe zu: Es hat Vor- und Nachteile.

Machen dein Mann oder seine Brüder, die Schauspieler Ralph und Joseph Fiennes, auch Yoga?
Mein Mann manchmal, und Ralph übt Ashtanga Yoga.

Als du Anfang 2010 in Deutschland warst, hast du nicht etwa in Kundalini Yoga-Schulen unterrichtet, sondern auch in ­Vinyasa Yoga-Schulen. Warum?
Die beiden Stile ergänzen sich. Ich rate den Leuten immer, auch andere Klassen zu besuchen. Die Kombination ist einfach perfekt. Beim Vinyasa Yoga arbeitest du mehr mit deinem Körper, im Kundalini Yoga mehr mit dem Geist. Im Grunde bin ich bin aber vor allem daran interessiert, die Leute anzusprechen, die noch gar kein Yoga machen. Die vielleicht auch eher abgeschreckt sind, wenn sie Yoga-Bücher sehen und da brezelt sich jemand in eine tolle Pose – und sie sagen: Das könnte ich niemals tun, also ist Yoga nichts für mich. Aber ich sage: Nein, das stimmt nicht. Deswegen heißt mein Buch auch „Yoga for real life“.

Auf deiner Internetseite bietest du „One to One-Coachings“ an. Was ist das genau?
Das fing damit an, dass ich so viele Mails bekam von Menschen, die Fragen an mich hatten. Ich brauchte sehr viel Zeit, um diese Mails zu beantworten! Deswegen mache ich das jetzt nach einem klaren System und gegen Geld: Wer das Angebot in Anspruch nimmt, bekommt insgesamt garantiert drei Mails von mir. Die Leute stellen Fragen, ich sage ihnen, was sie tun sollen, nach zwei oder drei Wochen melden sie sich wieder bei mir und berichten, wie es ihnen ergangen ist.

Und was sagst du ihnen zum Beispiel?
Na, zum Beispiel schreiben mir ­Menschen mit starken Rückenschmerzen, die sagen: Ich habe Tabletten probiert, ich habe dies und das probiert. Und ich schreibe: Probier diese Übung, probier dieses Mantra, diese Meditation, ich gebe ihnen ein persönliches Übungsprogramm.

Ohne diese Person jemals gesehen zu haben?
Sie haben mir ihr Problem ja ­ausführlich beschrieben.

Ist das denn eine verantwortungsvolle ­Weise, Patienten zu behandeln?
Die Leute wissen ja, dass ich keine Ärztin bin und ich tue auch nicht so. Was ich ihnen rate, schadet niemandem. Ein Mantra zu singen, kann niemanden verletzen. Wir haben viele spezielle Übungen im Kundalini Yoga für spezielle Organe. Wenn jemand Leberprobleme hat, weiß ich genau, was zu tun ist.

Aber daran muss man natürlich glauben!
Ja, aber wenn sie mein Video gesehen oder mein Buch gelesen haben, sind sie schon auf dem richtigen Weg.

Du unterrichtest einige Stars, unter anderem das Model Elle Macpherson. Sie soll über dich gesagt haben: „Maya Fiennes ist eine fantastische Lehrerin – und außerdem so sexy!“ Soll eine Yoga-Lehrerin sexy sein?
(Maya bricht in Lachen aus) Ich denke schon! Das ist die Energie und der Enthusiasmus, der sich überträgt. Und ich lache so gerne!

Bild über Maya Fiennes

David Lynch: Erleuchtung ist unser Geburtsrecht

Nach der ästhetischen Revolution der Fernsehserie und drei Oscar-Nominierungen hat sich David Lynch ein neues Ziel gesetzt: die Erleuchtung der Menschen. Nach Überzeugung des Meisterregisseurs führt der Weg dahin über die Transzendentale Meditation (TM) nach Maharishi Mahesh Yogi, die Lynch seit 1973 praktiziert.

YOGA JOURNAL: Seit einigen Jahren sind Sie als Filmemacher weniger präsent und treten verstärkt als Botschafter der Transzendentalen Meditation auf. Warum?
DAVID LYNCH: TM liegt die Idee ­zugrunde, dass wir als Menschen ­Erleuchtung erlangen können. Die ­Vorstellung, dass wir nur fünf bis zehn Prozent unseres Gehirns nutzen, hat mich immer wahnsinnig gemacht. Wozu dient dann der Rest dieses Organs, und wie kann man ihn aktivieren? Was ist das Maximum, das wir erreichen können? Der Mensch ist für höchste Erleuchtung vorgesehen und regelrecht dafür konstruiert. Erleuchtung ist unser Geburtsrecht. Echtes Glück liegt nicht außerhalb von uns, sondern in unserem Inneren. TM ist eine mühelose, äußerst tiefgehende Technik, die den Geist nach innen richtet und uns subtile Schichten des Bewusstseins und des Intellekts erfahren lässt. Inzwischen kann die Hirnforschung den Effekt sogar wissenschaftlich belegen.

Angesichts Ihrer Filme kann man Ihnen eine Affinität zum Unbewussten zusprechen. Fiel Ihnen Meditation von Anfang an leicht?
Meditation war für mich immer etwas, das schwer zu praktizieren ist und einen Rückzug vom Leben bedeutet. Maharishi dagegen wandte sich an die Menschen, die im täglichen Leben stehen. Für TM braucht man keine Höhle, sondern absolviert am Morgen und am Abend eine 20-minütige Sitzung mit einem persönlichen Mantra. Das ist äußerst einfach und führt uns zu dem, was immer da war und immer da sein wird – uns selbst. Man schließt die Augen und los geht’s. Kinder, Erwachsene und sehr alte Menschen – alle können es tun.

Wie hat es Ihr Leben verändert?
Grundlegend. Bevor ich mit TM anfing, war ich ein Choleriker und beim ­Filmemachen von Ängsten und Selbstzweifeln erfüllt. Natürlich könnte man sagen, dass diese Dinge mit zunehmendem Erfolg automatisch einfacher werden. Aber der Unterschied ist weniger, was passieren sollte. Die Dinge, die mich früher belasteten, genieße ich jetzt regelrecht. Das Leben ist zu einem wunderschönen Spiel geworden. Maharishis Analogie wäre: Bewässere die Wurzeln und genieße die Frucht. Oder anders: TM ist die Tankstelle, bei der ich mir jederzeit neue Energie holen kann.

Sind Sie dank TM als Künstler subtiler ­geworden? Sind Ihre Filme von einem höheren Bewusstsein getragen?
Das weiß ich nicht. Wenn man mit Meditation beginnt, kommen die Ideen allerdings aus einer tieferen Ebene. Die Intuition, das wichtigste Werkzeug eines Künstler, wird intensiver. Denken und Fühlen gehen eine starke Verbindung ein. Es gibt weniger Angst, Zweifel, Stress, all die Dinge, die Kreativität verkümmern lassen. Man genießt seine Arbeit um so viel mehr. Wie alles andere auch. Außerdem komme ich mittlerweile leichter mit meinen Mitmenschen zurecht.

Beim Filmemachen nicht ganz unwichtig.
Auf dem spirituellen Weg sieht man ­Menschen und ihre Probleme anders und entwickelt mehr Mitgefühl und ­Verständnis für das Menschsein an sich. Es gibt keine Feinde mehr.

Meditation als Patentlösung für kreative ­Sackgassen?
Mein Freund Charlie Lutz, der frühere Leiter des TM Centers in L.A., wo ich anfing, sagte: „Meditiere und konzen­triere dich anschließend auf das Problem.“ Wenn du in der Meditation nach Ideen suchst, blockiert das den Prozess. Aber wenn du dich danach fokussierst, findest du sehr wahrscheinlich neue Einfälle. Deine Konzentration ist wie ein Magnet oder wie ein Köder, der Fische anzieht. Die Intention füllt sich mit Realität. Man kann natürlich auch während eines Spaziergangs im Hof auf Ideen kommen. Aber Meditation fördert Verständnis, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

Gibt es ein Beispiel für eine bestimmte Idee, die Sie beim Meditieren bekommen haben?
Ja, ich erinnere mich genau an Szenen für „Mulholland Drive“, die mir während einer Sitzung kamen. Zu dem Zeitpunkt existierte der Film nur als Pilot für ein TV-Format. Plötzlich erhielt ich grünes Licht, ihn für das Kino zu drehen. ­Leider fehlten mir die Ideen zur Umsetzung. Eines Abends saß ich in meiner gewohnten Meditation, und völlig unvermittelt tauchten Ideen auf, in einer fast perfekten Sequenz. Ich beendete die Session, schrieb die Einfälle auf, und es war perfekt. Die Szenen betrafen den Anfang, die Mitte und das Ende des Films. Sie passten perfekt zum bereits vorhandenen Material und gaben der Produktion Kinocharakter.

Manchmal wird TM in den gleichen Topf geworfen wie Scientology. Stört Sie das?
Es gibt haufenweise Missverständnisse und so viel Ignoranz zu allen ­möglichen Themen, also auch in ­puncto TM. Die Kritiker sollten ein paar Minuten Zeit nehmen und ansehen, was dadurch erreicht wurde. Von Anfang an ­unterstützte Maharishi die wissenschaftliche Erforschung seiner ­Methode, er wollte sie in jeder Hinsicht studieren lassen. Mittlerweile gibt es rund 700 Studien über die Technik und ihren Nutzen, die sie objektiv belegbar machen. ­Aufgrund ihres ganzheitlichen Charakters ­verbessert sie das Leben und verringert Negativität. Das ist wissenschaftlich erwiesen und sollte Kritiker von ihren Vorurteilen abbringen. Man muss nicht unbedingt daran glauben. Aber zumindest mal ausprobieren. Wenn man dann erfährt, was Transzendenz bedeutet, ist man automatisch auf der Schnellstraße in Richtung eines besseren Lebens. Eines einfacheren, freudigeren Lebens. Skepsis ist in Ordnung, aber sie sollte die Menschen dazu bringen, dass sie sich die Dinge näher anschauen. Sie sollte keinen von etwas Gutem abhalten. Man kann sich einen zertifizierten TM-Lehrer suchen und anfangen, sein Leben zu verändern.

Warum ist der Einführungskurs so teuer?
Die Organisation hat so viele ­Programme und Einrichtungen, die unser Leben grundlegend verändern können – um es mit Maharishis Worten zu sagen –, den Himmel auf Erden zu erreichen. Die Gebühr ist hoch, aber es ist eine Investition auf Lebenszeit. Man könnte sich vom gleichen Geld ­natürlich auch ein Auto kaufen. Das hält allerdings nicht so lange vor.

Sehen Sie sich als TM-Missionar?
Nein, ich will niemanden ­überzeugen. Nach innen zu gehen ist keine ­Religion. Bevor ich selbst anfing, hielt ich Meditation für Unsinn und ­Zeitverschwendung. Meine Erfahrung war aber eine andere. Sobald Menschen diese Erfahrung haben, wollen sie tiefer ­eintauchen. Dann ist es ihnen egal, was es kostet.

Mit ihrer Stiftung wollen Sie TM ­flächendeckend an die Schulen bringen.
Weil sich die Situation an unseren ­Schulen enorm verschlechtert hat. Schüler leiden schon in jungem Alter an Stress, Lernschwierigkeiten treten immer häufiger auf. Den Kindern geht es nicht gut, und niemand tut etwas dagegen. Die Regierungen haben keine Ahnung, sie geben lieber das Geld für so genannte „Verteidigung“ aus. Transzendentale Meditation ist hier eine Lösung. Sie hilft den Schülern, sich mit dem Atman, ihrem Selbst, in Verbindung zu setzen. So kann jeder einzelne sein volles Potenzial entfalten.

Dass Lynch‘sche Filmuniversum ist voller Schatten und Extreme. Warum handeln Ihre Filme meistens von etwas ganz anderem als Frieden?
Ein Film, der von Anfang bis Ende nur von Frieden handelt, erzählt doch keine richtige Geschichte. Filme und Geschichten stecken immer voller Konflikte und Gegensätze, genau das macht sie ja interessant. Allerdings wollen wir dieses Leid nicht in unserem eigenen Leben haben. Wenn du krank und müde bist, kannst du nichts schaffen. Das Ziel ist nur, diese negativen Faktoren des menschlichen Daseins zu verstehen und dann daraus etwas zu gestalten – dank der Qualitäten, die dir TM vermittelt.

Wie gehen Sie persönlich mit Ärger und ­Krisen um? Sind Sie frei von „bad vibes“?
Auch ein vollständig erleuchteter Mensch kann Ärger verspüren, aber es muss einen Grund geben. Die meisten Menschen fühlen Wut. Entscheidend ist aber, ob wir daran festhalten oder das Gefühl loslassen können. Ob wir es in Granit meißeln oder ins Wasser legen. Dann kann man immer Aufwallungen von Hass oder Depression erleben, aber diese Emotionen sind weniger nachhaltig. Das Leiden wird geringer. Maharishi und viele andere Gurus sagten: Die Menschen sind nicht zum Leid geboren. Glückseligkeit ist unsere Natur. Wir sind zum Glück geboren. Es bedeutet nicht, dass du ständig eine Superlaune hast. Du bist einfach nur von tiefer Seligkeit erfüllt, die dich alles Tun genießen lässt.

Bei welchen Ereignissen hat Ihnen TM konkret geholfen?
Wenn du meditierst, ereignen sich trotzdem die gleichen Dinge in deinem Leben. Der Unterschied ist, wie du mit diesen unvermeidlichen Geschehnissen umgehst. Ich habe selbst bei Dreharbeiten manche Katastrophe erlebt: Bei „Der ­Elefantenmensch“ 1980 wollte ich das Make-up selbst machen, aber das haute überhaupt nicht hin. Vier Tage lang schwebte ich in Ungewissheit, ob man mich feuern würde. Aber dann stellte Produzent Mel Brooks einen Spezialisten dafür ein, der die Situation rettete. Das Schlimmste war aber die Zeit von „Dune – Der Wüstenplanet“ 1984. In diesem Fall wusste ich, dass ich meine Seele verkauft hatte, denn ich hatte nicht das Recht auf den Endschnitt. Damals stand ich am Rande des Selbstmords, denn ich identifiziere mich so sehr mit meinen Filmen. Aber wenn es etwas schiefgeht und ich ratlos bin, hält mich TM davon ab, eine Klippe herunterzuspringen. Doch ­allmählich wird es besser. Es gibt den Spruch: „Die Welt ist genau so, wie du selbst bist.“ Wenn du eine dunkelgrüne, schmutzige Brille trägst, siehst du auch die Dinge so. Wenn du aber in den Ozean des reinen Bewusstseins eintauchst und all diese positiven Erfahrungen machst, bekommst du eine rosa Brille. So siehst du dann auch die Welt. Damit wird dein Leben automatisch schöner.

Foto: Adrian Stähli


David Lynch

Wild At Mind: Durch die Serie „Twin Peaks“ und traumwandlerische Filme wie „Blue Velvet“, „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ wurde David Lynch zu einem der stilbildendsten -Hollywood-Regisseure der letzten 30 Jahre. Seit 1973 praktiziert er TM, doch erst 2005 begann er sich öffentlich für die Organisation zu engagieren. Er -gründete die „David Lynch Stiftung für bewusstseinsbasiertes Lernen und Weltfrieden“, um TM an öffentlichen Schulen einzuführen. 2007 ging er auf Europatournee, um in zahlreichen Ländern TM-Universitäten zu gründen. Dabei wurde er unter anderem vom französischen, israelischen und österreichischen Regierungschef persönlich empfangen. 

Jason Kalidas im Interview: “Du fühlst dich gut – aber was dann?”

Auf der Tabla und mit der Bansuri-Flöte zelebriert Kirtan-Künstler Jason Kalidas die heilende Kraft der Musik. Und zwar jeder Musik. „Mantren nutzen niemandem, der gerade Punk braucht“, so der Musiker aus Brighton, dessen Spiel man leicht als „virtuos“ beschreiben könnte – fände er selbst solche Kategorien nicht absolut unbedeutend.

Jason Kalidas könnte gerade sehr erschöpft sein. Ausgelaugt von einem intensiven Retreat im Seminarhaus Höllbachhof bei Regensburg, wo er in Zusammenarbeit mit der Münchner Yogalehrerin Regina Gambarte 20 Teilnehmer durch einen dreitägigen Detox-Workshop führte. Aber Erfahrungen wie diese sieht Jason als Energiequelle. Mehrere Monate im Jahr ist der Musiker aus Brighton weltweit auf Tour, um Solo-Konzerte zu geben, mit befreundeten Musikern auf Kirtans zu spielen oder mit therapeutischer Musik und „sacred sound“ die Arbeit von Yogalehrern zu ­unterstützen.
„Jasons Sound ist gleichzeitig fließend und feurig, geerdet und ätherisch“, sagt Dave Stringer über den Percussionisten und Bansuri-Spieler, der mit 20 Jahren nach Indien ging, in klassischer indischer Musik ausgebildet wurde, später mit Bhagavan Das tourte und den Kirtan für sich entdeckte.

YOGA JOURNAL: Diverse Lebensgeschichten gehört, ein paar Krisen miterlebt und schließlich die positive Wirkung ­gesehen, die die Gruppe aus deiner Arbeit gezogen hat – all das in drei ­Tagen. Wie geht es dir am Ende eines Retreats, wenn diese intensive Gemeinschaftserfahrung vorbei ist?
JASON KALIDAS: Hervorragend. Ich empfinde diese Situationen als ungemein bereichernd, ihr Effekt geht über die eines Konzerts oder Kirtans hinaus. Bei den Teilnehmern entwickelt sich ein tief gehender Prozess – von außen betrachtet lässt sich das gesamte Ausmaß dieser intensiven Innenschau nur in Ansätzen wahrnehmen.

Wie stark bringst du dich selbst in diese Entwicklung ein? Gibt es dabei eventuell etwas, wovor du dich schützen musst?
Absolut nicht. Ich bringe immer 100 Prozent von mir ein und wüsste nicht, wovor ich mich schützen müsste. Im Gegenteil – ich hoffe immer, noch mehr geben zu können. Denn je tiefer ich in die Musik eintauche, desto mehr merke ich, dass es dabei nicht um mich oder den Einzelnen geht. Die Musik passiert einfach, und es ist völlig unerheblich, woher sie kommt.

Aber du produzierst den Sound, und zwar auf eine ganz ­besondere Weise mit besonderer Wirkung.
Trotzdem ist das nichts Besonderes. Ich sage nicht, dass da nichts Magisches im Spiel ist, aber ich mag generell diese Gegenüberstellung nicht: Ich, das Genie, spiele, und du sitzt da und staunst ergriffen. Es passiert etwas ganz Spezielles, aber der Ursprung liegt nicht bei mir, höchstens seine Form. Je großartiger meine oder irgendeine Musik ankommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie nicht mir gehört, sondern ganz andere Räume einnimmt. Das nimmt ihr nichts von ihrer Besonderheit, aber der Trick ist, sich nicht damit zu identifizieren. Um das zu üben, habe ich habe mir angewöhnt, jedes Mitglied des Publikums als Lehrer zu sehen.

Der Begriff ist strapaziert, aber trotzdem die Frage: Würdest du deine Musik als „spirituell“ bezeichnen?
In den Ritualen fast aller Kulturen hat Musik schon immer eine wichtige Rolle gespielt, also kann man jede Musik als „spirituell“ bezeichnen. Die Sehnsucht nach Einheit ist ein natürlicher Impuls, der manche auch zu Drogen greifen lässt. In der Sufi-Tradition und anderen Kulturen nutzen die Menschen den Klang, um sich durch Tanzen in Trance zu versetzen und die Grenzen der Persönlichkeit zu überwinden. Das Gleiche passiert allerdings auch beim Punk-Konzert, im Electro-Club oder wo immer sich Menschen komplett einer Musik überlassen. Du vergisst dein Selbst und gehst mit gleich gesinnten Leuten in dieser Gruppen­energie auf. Das beschließen wir nicht im Sinne von „so, jetzt vergessen wir uns mal alle“, sondern es passiert
einfach.

Welche Rolle spielt dabei der individuelle Musiker?
Ich kann nur für mich sprechen. Je regelmäßiger ich meine Musik übe, je mehr Regelmäßigkeit und Wiederholung es gibt, desto größer wird die Eigendynamik, ähnlich wie das Japa beim Mantrensingen. Die Illusion, dass ich dabei etwas tue, wird durch das Staunen über die unfassbare Schönheit der Musik ersetzt. So seltsam es klingt: Es entsteht etwas Höheres, und der Gedanke, dass du das „machst“, wird langweilig. Der Gedanke an die eigene Großartigkeit ist begrenzt. Klar, er gibt dir eine Zeit lang ein gutes Gefühl, aber was dann? Die Freude an etwas Größerem, das dieses Erlebnis verursacht, ist nachhaltiger.

Sollte das Ego in der Musik also zurücktreten?
Das macht sie auf jeden Fall offener. Dabei hilft, dass wir das Konzept überwinden, dass uns etwas „gehört“. Musik ist dafür ein gutes Beispiel: Sie gehört niemandem sondern allen. Gleichzeitig ist sie das perfekte Mittel, das Ego aufzubauen – extremerweise in der Identifikation als „Star“. Ein Rock- oder Popstar ist eine öffentliche Figur, die bewirkt, dass sich Massen von Leuten gut fühlen. Aus dem Gefühl heraus, dass du persönlich dafür verantwortlich bist, schicken sie dir massenweise Energie und sagen dir, wie großartig du bist. Das kann süchtig machen. Es nährt das Ego, das sich damit immer realer fühlen kann. Denn das ist es, was es braucht: Es möchte fühlen, dass es da ist. Es braucht Input von außen, um sich zu formen. Guten oder schlechten, das ist dem Ego egal, solange es sich manifestieren kann. Deshalb gibt es Yogis, die sich für lange Zeit in Höhlen zurück ziehen – dort gibt es keine Einflüsse, die das Ego strukturieren. Es kann sich an nichts festhalten und sich dadurch immer mehr auflösen.

Ist Kirtan mit seinem Gemeinschafts-Gedanken für dich die ­ideale Form der Performance?
Derzeit spiele ich tatsächlich mehr Kirtan als Solokonzerte. Mir gefällt dabei, dass das Publikum unkompliziert teilhaben kann. Singen öffnet sowieso immer das Herz. Dazu das traditionelle Verständnis von Sanskrit: Es gibt die Auffassung, dass man in anderen Sprachen über etwas spricht – im Sanskrit wird man aber zu der Sache, die man ausspricht. Om Namah Shivaya: Hier sprechen wir nicht über Shiva, sondern lassen seine Energie in uns klingen. Diese Verschmelzung von Subjekt und Objekt geht zu uralten Ideen zurück, nach denen alles Klang ist.

Zusätzlich interessierst du dich sehr für die therapeutische Qualität von Musik.
Ja, und zwar jeder Musik. Seit Jahrtausenden wissen wir, dass Musik heilende Wirkung hat. Auch Heavy Metal und andere vordergründig „dunkle“ Sounds: Musik hilft uns dabei, emotional aufzuräumen. Es macht keinen Sinn, einen Metal-Fan zum Kirtan zu schleppen. Er braucht anderen Input, um damit umzugehen, was in ihm und in seinem Umfeld passiert.

Auch deine Klangmassagen mit dem Didgeridoo, die du in Workshops und Retreats anbietest, dürften ihn nicht unmittelbar ansprechen…
Vermutlich. (lacht) Diese „sound baths“ sind eine gute Ergänzung zu meiner Arbeit mit Yogalehrern. Elemente einer typischen Stunde wären: Sonnengruß mit Live-Tabla, erholsame Haltungen mit indischen Ragas auf der Flöte, Stimmarbeit mit dem Harmonium und während Savasana individuelle Klangmassagen mit dem Didge. Der durchdringende Sound des Didgeridoo kann tief sitzende Blockaden lösen – und das ist sicher nicht nur für Yogis interessant.

Bilder über Jason Kaildas


Alle Termine, Hörproben und Jasons aktuelle Solo-CD gibt es unter www.jasonkalidas.com.

Mantra für göttliche Erleuchtung: N°4

Om Bhur Bhuvah Svaha Tat Savitur Varenyam Bhargo
Devasya Dhimahi Dhiyo Yo Nah Prachodayat
Om. Wir meditieren über den Glanz des alles durchdringenden Lichts, den Urgrund der drei Welten: Erde, Luftraum und himmlische Regionen. Möge es unsere Gedanken und Absichten erhellen und uns die höchste Wahrheit erkennen lassen.
 

 


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 06 – 2009


Foto von Valeria Ushakova von Pexels

Tanz der Moleküle: Kirtan ist pure Chemie

Schauplatz: Pod Nachtclub, Dublin. Es ist etwa 25 Minuten her, seit mein Freund und ich ein „E“ eingeworfen und mit Bacardi Cola runtergespült haben. Mittlerweile sind wir auf Wasser umgestiegen, denn Alkohol verdünnt den sauberen Rausch von Ecstasy. Wir warten darauf, dass uns die Pille einfährt. Wir lächeln und nicken bekannten Gesichtern zu, während sich der Club langsam füllt. Später – wenn wir alle drauf und offen sind – werden wir uns umarmen und uns an den Händen halten, während wir zu den treibenden House-Beats tanzen. Aber im Moment fühle ich mich noch ein wenig ängstlich und etwas verkrampft – wie meistens, wenn ich auf die Wirkung des Rausches warte. Noch können wir uns nicht in den Rythmus der Musik fallen lassen. Also stellen wir uns an den Rand der Tanzfläche, nippen an unseren Wasserflaschen und wippen mit dem Fuß im Takt. Bis uns mit einem Knall das Zeug einfährt. Für einen Augenblick wird mir schlecht, mein Mund ist trocken, mein Kiefer zittert. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten, bis der Rausch einsetzt und es richtig abgeht.

Mein Herz dehnt sich aus, mein Kopf ist ganz klar, ich werde zu flüssigem Gold. Jetzt muss ich tanzen. Die Musik beherrscht mich, pulsiert durch meine Adern, meine ganze Existenz verschmilzt mit dem Rhythmus. Ich surfe auf einer Welle aus Liebe und Glück. Ich spüre eine Verbindung zu allen Menschen um mich herum. Gerade gibt es nur den Moment.

Ich bin Liebe.
Kontrastprogramm am nächsten Morgen: Die Euphorie ist verebbt, der Tag präsentiert sich in verschiedensten Grautönen, aber der nach wie vor leichte Rauschzustand und die Erinnerung an gestern machen ihn erträglich. Nach drei Tagen haben sich die Chemikalien aus meinem Körper verabschiedet, ich komme vollständig runter und versinke im Blues.

Ausgehen und eine Pille zu nehmen bedeutete für mich immer, das wahre Wesen von Gemeinschaft zu erfahren. Doch das Runterkommen war der Horror, und  irgendwann begann ich, mich um das Wohl meine Gehirnzellen zu sorgen. Mit der Zeit wurde es mir wichtiger, den Dingen intellektuell auf den Grund zu gehen, als einem chemisch hervorgerufenen Rausch nachzujagen: Ich tauschte das wilde Partyleben gegen das Studium der Philosophie.
Ich rate niemandem dazu, Ecstasy zu nehmen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Zeit bereue. Auf „E“ erlebte ich etwas, das ich zuvor nicht gekannt hatte: Das Gefühl, ­wahrhaft mit anderen Menschen verbunden zu sein und dass mein Herz vor Liebe explodiert. Es war zweifellos spirituell: Ich überwand meine festgefahrenen Meinungen und meine soziale Befangenheit, um Teil von etwas zu werden, das viel größer war als ich. Erst viele Jahre später durfte ich erfahren, dass ich diese überbordende Freude und dieses Gefühl der tiefen Verbindung auch ohne Drogen empfinden konnte. Bei einem Kirtan anlässlich des ersten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September im Moksha Yoga Center in Chicago haute mich der Gesang einfach um. Mein Herz fühlte sich an, als sei es aufgesprengt worden. Es zerriss mich fast vor Liebe. Ganz ohne „E“ wie früher in den Clubs von Dublin und London: Diesmal sang ich in einem Yogastudio zu Gott. Später an diesem Abend lag ich wach und konnte – wie früher nach einem Ecstasyrausch – nicht schlafen. Ich wusste ohne jeden Zweifel: meine Seele war „nach Hause gekommen“.

Diese offenbarenden Glücksmomente hatten zwar unterschiedliche Auslöser, aber auf molekularer Ebene liegen allen unseren emotionalen und physiologischen Zuständen chemische Verbindungen zugrunde. Drogen verändern unsere Biochemie und damit auch unsere Gefühle. Das gemeinschaftliche Mantrensingen aktivierte meine Biochemie auf ähnliche Weise wie der Konsum von Ecstasy. Erst im Zuge meines wachsenden Interesses für Yoga-Philosophie begann ich die ­komplexen Verbindungen zwischen
Körper, Geist und Gefühlen zu verstehen.

Als Philosophie-Doktorandin gelang es mir zu meinem Leidwesen oftmals nicht, meine intellektuellen Überzeugungen und mein wachsendes spirituelles Verständnis miteinander zu vereinbaren. Erst nachdem ich fast mein halbes Leben der analytischen Philosophie gewidmet hatte, folgte ich meinem Herzen und entschied mich gegen absolute Erklärungen und für den Weg der „göttlichen“ Erfahrung. Doch mit der Abkehr von der akademischen Philosophie begann ich deren Kreativität umso mehr zu schätzen. Wie eine Bildhauerin einer kreativen Vision eine Form verleiht, schafft eine Philosophin Bedeutung, indem sie Konzepte benennt. Für die Seele spielt es keine Rolle, wie sie sich manifestiert – Hauptsache, sie tut es. Herz und Kopf, Wissenschaft und Spiritualität müssen sich nicht widersprechen. Lediglich unser begrenztes Verständnis und die Art, wie wir die Welt interpretieren, lassen uns oft zu diesem Schluss kommen.

Gott ist in den Molekülen
In ihrem Buch „Moleküle der Gefühle“ (auf dem der Kultfilm „What The Bleep Do We Know?“ basiert) stellt die Neuropharmakologin Candace Pert die strittige These auf: Gott ist ein Neuropeptid. Dahinter steht Perts wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Endorphinrezeptoren im Gehirn. Daraus schließt sie, dass wir Menschen zum Glücklichsein programmiert sind. Dieser Ansicht zufolge ist das Gefühl von Glück Teil unserer Physiologie. Der Geist übersetzt biochemische Veränderungen in Gefühle. Endorphine und andere Neuropeptide sorgen dafür, dass es uns gut geht. Kurz gesagt: Die Biochemie unserer Körpers ist der Schlüssel zur Glückseligkeit. Peptide sind Proteinmoleküle, die ­Informationen mit Hilfe von chemischen Botenstoffen durch den Körper leiten. Von diesen chemischen Botenstoffen gibt es zwei verschiedene Arten: Liganden und Rezeptoren. Ein Ligand ist ein chemisches Molekül, das sowohl natürlicher als auch synthetischer Herkunft sein kann und sich an ein Protein bindet. Rezeptoren sind Verbindungsstellen, meist auf der Zelloberfläche, die durch die Bindung des Liganden ein Signal übertragen. Liganden wandern durch unseren Körper, um sich mit den Rezeptoren zu verbinden und eine neue Informationseinheit mit einer neuen chemischen Formel zu bilden. Die dadurch ausgelöste Reaktion und Interaktion erlaubt uns, eine Veränderung unserer Biochemie auf Zellebene auch als Veränderung der Gefühle zu erleben. Peptide sind also körpereigene Drogen. Wenn diese Drogen vom Körper selbst produziert werden, bezeichnet man sie als endogen.

Das Hormon Oxytozin ist eines der endogenen Peptide, deren Produktion durch den Konsum bestimmter Drogen angeregt wird. Auch beim Sex wird es vermehrt ausgeschüttet – es unterstützt die Paarbindung und fördert Gefühle wie Vertrauen. Oxytozin wird aber auch während der Geburt und der Stimulation der Brustwarzen ausgeschüttet. Es unterstützt mütterliche Verhaltensweisen, fördert Einfühlungsvermögen und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen.
Endorphine gehören ebenfalls zu den Peptiden. Endorphine sind körpereigene Opiate, die das Schmerzempfinden verändern können und ein wohliges Gefühl verursachen. Akkupunktur und Massage können Schmerzen lindern, indem sie die Ausschüttung von Endorphinen ins Rückenmark stimulieren. Auch Ausgleichssport wie Joggen oder Hatha Yoga regt die Endorphinproduktion an. Mit bestimmten Atemtechniken lässt sich derselbe Effekt erzielen.
Peptide sorgen für die Signalübermittlung im sogenannten periaquäduktalen Grau (PAG), einem Teil des Mittelhirns, das für Schmerzempfinden und Schmerzregulierung zuständig ist. Wird das PAG stimuliert, schüttet es Serotonin und Enkephalin (ebenfalls ein Opiat und Schmerzhemmer) aus. Spezielle Atemtechniken, die beispielsweise bei der Geburt, beim Yoga oder während der Meditation zum Einsatz kommen, beeinflussen das PAG und erhöhen die Schmerzgrenze. Eine Veränderung der Atemfrequenz und -tiefe wirkt sich ebenfalls auf die Ausschüttung der Peptide aus. Schnelles Atmen und angehaltener Atem beschleunigen die ­Peptidverteilung im Knochenmark und sorgen für vermindertes ­Schmerzempfinden.

Unser intuitives Verständnis für die enge Verbindung zwischen Körper und Gefühlen vermittelt uns ein tiefes Verständnis für die Macht des Atems. Vor vielen Jahren, als meine Mutter an Krebs starb, wachte ich mit ihr bis in die frühen Morgenstunden. Ich versuchte sie zu beruhigen und ihr die Nervosität zu nehmen. Nichts klappte, bis ich ihr vorschlug, sich auf den Atem zu konzentrieren. In den langen, dunklen Nächten, die auf ihren Tod folgten, halfen auch mir Atemmeditationen beim Einschlafen. Sie waren das Einzige, was mir ermöglichte, geistig im Moment zu bleiben und ein wenig ­Frieden zu finden. Es ist kein Wunder, dass Singen intensiv positive Gefühle auslöst. Wenn wir singen, sorgen Pranayama-Praxis und die Verbindung mit dem Atem für die Ausschüttung von Endorphinen und anderen Peptiden. Singt man dazu noch gemeinsam in einer größeren Gruppe von Menschen, erscheint es uns, als führe uns der Gesang an einen Ort tiefer Verbundenheit mit dem Mysterium des Lebens.Das Glücksgefühl kommt in etwa so zustande: Singen bringt den Körper durch das damit einhergehende Pranayama dazu, seine eigenen (endogenen) Drogen herzustellen und diese zu verstoffwechseln. So entsteht das Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Verbundenheit. Wenn wir Ecstasy nehmen (eine exogene Droge, die die Produktion der endogenen Neuropeptide Serotonin, Oxytozin und Dopamin anregt), versetzt uns das erfahrungsgemäß in den gleichen Zustand. Der Punkt ist, dass das Gehirn getäuscht wird und nicht unbedingt zwischen endogenen und exogenen Drogen unterscheidet. Beide Szenarien lösen vergleichbare Veränderungen in unserem Gefühlsleben aus – mit dem Unterschied, dass einem „Chanting-Rausch“ kein depressiver ­Drogen-Kater folgt.

Die Entdeckung der Peptide und der Verschmelzung von Liganden und Rezeptoren hat unser Verständnis von der Verbindung zwischen Körper und Geist erweitert. Die Tatsache, dass wir Gefühlszustände biochemisch erklären können, muss unser Staunen und unsere Ehrfurcht jedoch nicht verringern. Ebenso wie ein Sonnenuntergang nicht weniger schön ist, nur weil wir wissen, dass wir ihn aufgrund der Erddrehung sehen, sind auch unsere Erlebnisse von Glück und Transzendenz nicht weniger außergewöhnlich. Im Gegenteil: Dieses Verständnis lehrt uns umso mehr zu schätzen, wie weise die frühen Yogis waren, die die Atemtechniken und Asanas entwickelten.

Aus Karma wird Chemie
Ebenso wie Menschen von Drogen wie Heroin abhängig werden, können wir auch von körpereigenen Drogen abhängig werden. In machen Fällen können unsere endogenen Peptide sogar schädlich sein. Beispielweise verändert das gekoppelte Kommunikationssystem der HHN-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) unser Stressverhalten anhand eines komplexen Systems von Hormonen und Peptiden, das Informationen zwischen dem Hypothalamus, der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und den Nebennieren vermittelt und diese von dort aus in den ganzen Körper schickt.

Unser Stressverhalten hängt von unseren bisherigen Erfahrungen im Leben ab. Das kann sich positiv als auch negativ auswirken. Der Corticotropin freisetzende Faktor (CFF) ist ein Peptid, das vom Hypothalamus schrittweise abgesondert wird, entsprechend der Informations­übertragung mit der Hypophyse. Diese wiederum gibt Hormone ab, die die Produktion von Stresshormonen steuern. Wissenschaftler vermuten, dass negative Kindheitserfahrungen, die im Körper als Erinnerung gespeichert sind, zu einer gesteigerten CFF-Produktion führen können. Dies kann später dazu führen, dass darauf beruhende negative Erwartungshaltungen die CFF-Produktion und das chemische Verlangen nach CFF anregen. So entsteht ein Teufelskreis. Wenn der CFF-Spiegel im Blut steigt, werden die CFF-Rezeptoren desensibilisiert, schrumpfen und werden weniger. Das körpereigene Reaktionssystem funktioniert nicht mehr und signalisiert nicht mehr, dass ausreichend Steroide im Blut vorhanden sind. Stattdessen werden mehr und mehr Steroide ausgeschüttet und heben das Stresslevel auf chronische Weise an.

Unsere Abhängigkeiten verursachen bestimmte Verhaltensweisen. Im Fall von endogenen, also körpereigenen Drogen, sind uns unsere Abhängigkeiten häufig nicht bewusst. Viele unserer Verhaltensweisen und Denkmuster lassen sich mit diesen Abhängigkeiten erklären – vergleichbar mit der Rolle von Samskara und Karma (dem Gesetz von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion) in der yogischen Weltsicht. Unser Samskara sind unsere latent vorhandenen geistigen Prägungen, die, wenn sie aktiviert werden, bestimmte Denk- und Handlungsweisen auslösen können. Die Rezeptor-Ligand-Verbindung und deren Befindlichkeit ist eine biochemische Manifestation dieses Phänomens. Die Auffassung, dass der Mensch nichts tut, was ihm keinen Nutzen bringt, lässt sich auf das unbewusste Verlangen unseres Körpers nach bestimmten chemischen Reaktionen übertragen. So wird Karma zu Chemie.

Im Körper gespeicherte Erinnerungen bestimmen oft unser Verhalten. Diese sind im Gehirn und darüber hinaus in einem psychosomatischen Netzwerk archiviert, das sich durch unser ganzes System erstreckt. Lediglich mit dem Abrufen von Erfahrungen können wir körperlich spürbare Reaktionen aktivieren. Stellen Sie sich beispielsweise vor, in eine Zitronenscheibe zu beißen und spüren sie dem Effekt nach, den sie auf der Zunge spüren. Als nächstes denken Sie an eine Situation, in der Sie sehr glücklich waren und nehmen sie die Reaktion ihres Körpers auf diese Erinnerung wahr. Dann erinnern Sie sich an eine Situation, in der sie besorgt, oder ängstlich waren und spüren Sie nach, wie sich Ihr Körper zusammenzieht.

Neurobiologen beschreiben Erinnerung als gespeicherte Verbindungen zwischen bestimmten Nervenzellen.
Eine Erinnerung entsteht immer dann, wenn Synapsen in einem neuronalen Netzwerk für kurze Zeit aktiviert werden. Je öfter man sich eine bestimmte Erinnerung ins Gedächtnis ruft, umso wahrscheinlicher ist es, dass dauerhafte Verbindungen zwischen den Nervenzellen entstehen. Jedes Mal, wenn man eine Erinnerung rekapituliert, wird ein bestimmtes Neuropeptid zusammen mit einer bestimmten emotionalen Färbung aktiviert. Diese Aktivierung verursacht eine biochemische Veränderung auf körperlicher
Ebene, die der Geist in ein Gefühl übersetzt.

Bei einigen von ­Ihnen mögen jetzt die Alarmglocken klingeln: Moment mal! Mystische Zustände sind doch beispiellose Situationen, in denen man die bloße Körperlichkeit transzendiert. Die ekstatischen Schriften von Mystikern wie Teresa von Avila, Rumi und Kabis feiern die Spiritualität. Wie können diese Erfahrungen mit trockenen ­biochemischen Formeln erklärt werden? Und doch wohnt diesen wissenschaftlichen Beschreibungen eine Poesie und Eleganz inne, die unserem Verständnis der Heiligkeit des Mystischen ­entspricht. Der Vorgang, wenn Rezeptoren und Liganden sich finden und verbinden, ähnelt einem Paarungsritual, einem Tanz, bei dem sich beide Partner gegenseitig annähern. Über einen Vorgang, der sich Chemotaxis nennt, nehmen sie ihre Fährten auf und bewegen sich dann vibrierend aufeinander zu. Diese Symbolik erinnert an den Tanz von Shiva und Shakti, Männlichkeit und Weiblichkeit, Yin und Yang, an Distanz und Nähe, Trennung und Einheit. Veränderte Geisteszustände sind ein häufiges Merkmal spiritueller Erfahrungen, darunter auch in den 1960er Jahren die LSD-Experimente von Timothy Leary, Ram Das und anderen. Unter deren Einfluss lösen sich die Grenzen unseres normalen Bewusstseins auf, das sich so in ungeahnte Dimensionen ausdehnen kann. Die Banalität des Alltags weicht dem Erleben unmittelbarer Präsenz und der Auflösung des Egos in der Selbsterfahrung. Das Spezielle geht im Universellen auf: Sat Chit Ananda, die tiefe Verbundenheit mit dem ewigen, immerwährenden Selbst. Eine Sichtweise, die die begrenzte Definition vom Menschen als Zusammenschluss von Atomen transzendiert. Das ist genau das, was ich im Nachtleben der 1990er Jahre in Dublin und London erlebte. Damals fehlten mir noch die Worte, um meine Erfahrung zu beschreiben.

Meine Erleichterung und Freude waren groß, als ich Yoga entdeckte. Endlich stand mir ein System zur Verfügung, das mir ermöglichte, meine Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen einzuordnen. Ich begann, sie als Schritte auf dem Weg zum Göttlichen zu sehen, oder als Beziehung zu Gott, mit dem ich mich intuitiv verbunden fühlte. Die Erkenntnis, dass Karma biochemisch erklärbar ist, hat mein Verständnis von Samskara gefördert und meine Augen dafür geöffnet, dass das Gefühl der Liebe magisch und real ist, auch wenn sie als schlichte Funktion physischer Zustände verstanden werden kann.

Die Autorin und Philosophin Dearbhla Kelly unterrichtet Yoga in Los Angeles. Mit ihrem Ehemann Dave Stringer gibt sie auch Workshops zu Yoga und Musik.