Spielerische Chakra-Erkundungen

Die sieben Chakras kennt fast jeder – in der Theorie. Das Karten-Set „Chakra Luna Yoga“ zeigt, wie man die Energiesammelpunkte in der Asana-Praxis erfahrbar machen kann. Dazu hat die Autorin pro Chakra sieben Asanas ausgewählt und in einem Mini-Begleitbuch kurz erläutert. Wer Luna Yoga noch nicht kennt, trifft hier auf eine Menge neuer Bewegungsideen, denn dieser Stil schöpft nicht nur aus der Hatha-Tradition, er ist auch von der Körperarbeit verschiedener Naturvölker und moderner Therapeuten inspiriert. Übungen mit so phantasievollen Namen wie das „Mondei“, „Die Katze sucht den Keks“ oder die „Hohepriesterin“ laden zum spielerischen Experimentieren und Spüren ein. Die Anleitungen sind bewusst offen gehalten, damit viel Raum für die individuelle Erfahrung bleibt – und weil die sich verändert, kann man die einzelnen Asana-Karten immer wieder neu kombinieren.

FAZIT // Weg von starren Konzepten und hin zur freien, persönlichen Praxis und einer feinen Wahrnehmung der Energien – auf diesem Yogaweg sind die Chakra-Karten eine gute Inspirationsquelle.

„CHAKRA Luna Yoga“ von Adelheid Ohlig, Nymphenburger Verlag, ca. 18 Euro

„Uns verbindet die Sinnsuche“

„Jeder Mensch braucht einen Regisseur, eine Energiequelle. Jemanden, der an ihn glaubt und die Lebensfreude stärkt. Viele Menschen schaffen das nicht aus eigenem Antrieb. Sie wagen es nicht mehr zu träumen.“ Für Yoga gilt das ebenso wie für das Theater. Der Regisseur und Yogalehrer Luk Perceval spricht im Interview über seine Beiden grossen Leidenschaften.

YOGA JOURNAL: Luk, du hast einmal gesagt, dass es ohne Schmerzen keine Veränderung gibt und dass du ohne Rückenschmerzen wahrscheinlich nie mit Yoga begonnen hättest. Wie hast du zu solch sanften Stilen wie Yin Yoga und Mindfulness Yoga gefunden?
LUK PERCEVAL: Das war eine Mischung aus Zufall und unbewusster Suche. Ich habe Anfang der 1990er-Jahre mit Hatha Yoga angefangen, weil ich mit meinem Leben unzufrieden war. Während meiner Zeit als Schauspieler habe ich zu viel getrunken und zu wenig geschlafen. Ich war fertig. Also habe ich die Schauspielerei aufgegeben und mich als Regisseur versucht. Dabei hatte ich das Glück, sehr schnell erfolgreich zu sein – was gleichzeitig eine unglaubliche Herausforderung war, weil ich nebenbei auch noch Serien fürs Fernsehen gedreht habe. Ich war Vater, hatte zwei Kinder, wollte mich um meine Familie kümmern. Irgendwann war ich so erschöpft, dass ich in einem Restau-rant in Antwerpen zusammenbrach: Mein Kopf fiel einfach in den Suppenteller. Gott sei Dank war es nur eine kalte spanische Gazpacho (lacht). Als der Arzt mich fragte, wie ich lebe, musste ich sagen: Ich wache auf, rauche, frühstücke nicht, gehe zu den Proben, trinke den ganzen Tag Kaffee, esse viele Süßigkeiten, bin dauernd unterwegs und nachts komme ich oft völlig bekifft und betrunken heim, ohne etwas Richtiges gegessen zu haben. Da sagte mir mein Arzt, dass ich in fünf Jahren im Rollstuhl sitzen könnte, wenn ich so weitermache. Ich bin sehr erschrocken – ich war Mitte 30 und ein Wrack.

Hat dich auf deinem Weg Richtung Yoga jemand unterstützt?
Ja, eine Freundin war zu der Zeit in Indien und hat dort eine Ausbildung zur Hatha-Yogalehrerin gemacht, sie hat mich motiviert. Nachdem ich oft über 14 Stunden am Tag arbeite und nicht viel Zeit übrig bleibt, dachte ich mir, dass ich das mit dem Yoga ja zumindest versuchen könnte. Ich habe bei ihr zehn Jahre lang Privatstunden genommen. Dann ist sie leider gestorben. Nach ihrem Tod habe ich alleine weitergemacht, weil mir Yoga so gut getan hat. Ich las viel und plötzlich hat mich vor allem der spirituelle Weg fasziniert. Ich bin bei der Zen-Literatur gelandet und habe einen Zen-Mönch kennengelernt, der in Japan studiert hatte, wohin ich damals unbedingt wollte. Ich war gerade intensiv mit Shakespeare beschäftigt und hatte gelesen, dass er im Buddhismus als Bodhisattva (Anm.d.Red.: Sanskrit für „Erleuchtungswesen“) gesehen wird und sein Werk völlig durchdrungen war von spiritueller Einsicht. Ich war sehr neugierig und wollte herausfinden, was das Wort „Spiritualität“ überhaupt bedeutet. Der Zen-Mönch hat mir aber empfohlen, in die USA zu gehen, weil man dort fundierter in den Zen-Buddhismus eingeweiht würde als in Japan. Das habe ich gemacht und sechs Wochen bei Genpo Roshi gelernt, der das Kanzeon-Zen-Center in Utah leitet. Ich saß sechs Wochen lang und habe geschwiegen. Das war sehr intensiv und eine Art Blitztherapie für mich. Nach ungefähr drei Wochen habe ich etwas entdeckt, was mich völlig süchtig gemacht und mir die Verbindung zu meinem Beruf aufgezeigt hat.

Was war das? Kannst du das in Worte fassen?
Ja, wahrscheinlich war es diese körperlich und geistig ganz tiefe Ruhe. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, Abstand zum nicht endenden Bewusstseinsstrom zu gewinnen. Und nicht ständig denkend, fühlend, lebend, rennend einer Illusion hinterherzujagen. Plötzlich und für eine lange Zeit war das kein Thema mehr. Ich wollte nur noch sitzen. Doch irgendwann habe ich gespürt, dass mir Yoga fehlt. Also habe ich angefangen, mithilfe des Internets zu üben und meine Erfahrungen mit den Schauspielern zu teilen. Was mich jedoch ein wenig frustierte, war die Tatsache, dass es so oft nur um den körperlichen Aspekt im Yoga geht – in die Meditation wird man nicht tiefgehend eingeführt. Darum habe ich in Spanien eine Ausbildung zum Mindfulness-Yogalehrer gemacht. Dort habe ich auch Yin Yoga entdeckt.

Warum ist es für dich so wichtig, einen kreativen Prozess wie Theaterproben mit Yoga zu koppeln?
Mein Beruf hat viel mit Konzentration zu tun. Ich sitze am Tag mindestens 4 Stunden bei den Proben und meine Hauptaufgabe ist es, den Moment der Identifikation zu finden. Das ist ein recht mühsamer Weg, der häufig damit beginnt, dass die Schauspieler einen Text in die Hand gedrückt bekommen, ihn lesen und sagen: „Was soll ich denn bitte damit anfangen?“ Ein gemeinsames Suchen beginnt. Wie kann ein Text im Raum so umgesetzt werden, dass das Publikum vergisst, dass es Zuschauer ist und der Moment der Identifikation oder eine Sehnsucht nach Nähe, nach Berührung entsteht? Dieser Prozess erstreckt sich über Wochen und hat ganz viel mit Aufmerksamkeit zu tun – und damit, dass man sich auch Zeit nimmt fürs Scheitern. Ein Schauspieler kann den Weg fast nur über das Scheitern finden, weil man viel ausprobieren muss. Es gibt ja keine Zauberformel, die man ausspricht und dann läuft das Ding. Wahrhaftigkeit ist der Schlüsselbegriff, ist aber nicht einfach greifbar. Und wenn es ein Mensch in unserer Zeit wagt, wahrhaftig zu sein, dann braucht er erst mal den Mut zu SEIN. Dann ist man eigentlich im Herzen des Zen, wo es nie darum geht, beweisen zu müssen, wie klug man ist. Vielmehr geht es um Augenhöhe und den Mut, im Gegenüber sich selbst zu erkennen und gleichzeitig sich selbst zu zeigen. Das hat alles mit meinem Beruf zu tun. Für mich war es absolut notwendig zu entdecken, wie ich Yoga mit dieser hohen Form der Aufmerksamkeit kombinieren kann, die das Theater braucht. Dafür muss ein Schauspieler aufgewärmt sein. Er kann nicht morgens verschlafen zu den Proben kommen, schon eine Schachtel Kippen geraucht haben, eigentlich erst mal den Kopf klar kriegen wollen und dann auf die Matte gehen. So kann man sich nicht öffnen.

Deswegen ist die Teilnahme an meinen Yogastunden völlig freiwillig und kostenlos. Dadurch kommen die, die regelmäßig kommen, gerne. Es ist eine lebendige Kultur gewachsen und ein schöner Geist entstanden. Alle spüren, dass man am Morgen mit einem anderen Vibe zur Probe kommt, wenn man vorher Yoga geübt hat. Man ist wach und aufnahmefähig – man ist da. Und hat Spaß an seiner Arbeit. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist doch die Freude: Ohne sie kannst du überhaupt nichts schaffen! Yoga hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch meine komplette Berufshaltung bestimmt. Im Theater stehen die Leute manchmal 2, 3 Stunden lang auf einer Bühne und müssen die Spannung halten. Ich habe jahrelang Schauspielschulen geleitet; da siehst du oft, dass Leute, die sich bei der Aufnahmeprüfung präsentieren, keine 3 Minuten still stehen können. Es ist ein steiniger Weg, bevor sich Menschen trauen, nichts zu tun und auf ihr Inneres zu vertrauen. Wenn ein Schauspieler eine Innenwelt hat, wird er auch faszinieren. Dafür ist Yoga ein tolles Werkzeug. Ich wollte sogar noch weitergehen und Yoga in den Lehrplan integrieren, als ich eine Schauspielschule geleitet habe. Aber wegen der Dummheit der Politik und diversen Befindlichkeiten konnte ich das leider nicht durchsetzen.

War das schwer zu akzeptieren?
Das war wirklich bitter für mich. Ich habe gegen Windmühlen gekämpft und mich irgendwann zurückgezogen, um meine Energie woanders besser investieren zu können. Dabei wäre es so wichtig, sanftes Yoga in die Schauspielerausbildung zu integrieren. Schauspieler verletzen sich recht häufig – für sie wäre eine achtsame Form von Yoga genau das Richtige. Du lernst, über deinen Atem deinen Körper ganz genau zu beobachten und Grenzen zu respektieren. Das ist für viele Schauspieler besonders schwer. Aber nicht nur für Schauspieler: Wir alle stellen uns unter einen solchen Leistungsdruck, wollen ständig besser werden. Beim Achtsamkeits-yoga gehst du durch die Langsamkeit zwar auch an deine Grenzen, aber du hast es in der Hand. Ob du dich dabei verletzt oder nicht, liegt an dir. Das ist ein Dialog und eine wesentliche Auseinandersetzung mit sich selbst.

Wie schaffst du es als Regisseur, der ja bei einer Produktion die Fäden in der Hand hält, loszulassen? Diese Mischung aus Konzentra-tion, Hingabe und Loslassen stelle ich mir sehr schwierig vor….
Ja, das ist nicht immer leicht. Aber was heißt schon „Loslassen“? Ich will es mal so sagen: Seit 30 Jahren sitze ich in diesem dunklen Raum und ich merke, dass die Sinnlichkeit des Theaters dadurch entsteht, dass der Zuschauer auf einen anderen lebenden Menschen schaut. Das ist kein eindimensionaler Vorgang wie etwa im Kino. Die Sinnlichkeit entsteht in dem Moment, in dem die Identifikation einsetzt. Vor diesem Moment gehen beide durch ein Bad von Emotionen. Wenn der Schauspieler schlecht atmet, atme ich schlecht. Das Theater wirkt wie eine Membran. Wenn einer von uns negative Energie mitbringt, überträgt sich das sofort. Dann gibt es möglicherweise einen Streit, der ausgelebt werden muss, um zur Katharsis zu kommen. Man kann erst wieder aufatmen, wenn der Nullpunkt des Loslassens von beiden Seiten erreicht wird. Das ist eine ganz hohe Form des Verbundenseins. Natürlich strebt man letztlich den Moment an, an dem man nach wochenlangen Proben sagen kann: Ok, das läuft, die haben für sich eine Logik gefunden, mit der sie eine eigene Energie entwickeln können. Aber das dauert. Ich habe Stücke gemacht, für die wir 6 Monate geprobt haben. Da ist man am Ende total kaputt. Es fordert unglaublich viel, bis man loslassen kann. Durch Yoga lasse ich mich nur noch sehr selten aus der Fassung bringen.

Du hast geschrieben, der ganze Theaterprozess sei für dich wie ein Mantra, das man oft wiederholt und auf das als Antwort immer die Stille folgt. Dabei lautet dein Mantra: „Theater ist Schreiben im Sand“. Wie meinst du das?
Theater ist doch wie Schreiben im Sand. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Genau das glaube ich nicht. Du hast geschrieben, dass Theater sinnlos sei und die Welt nicht verändern könne. Hat sich denn deine eigene Suche nach Sinnhaftigkeit durch die Yogapraxis verändert?
Sagen wir mal so: Man darf die Sinnlosigkeit in diesem Kontext nicht nihilistisch interpretieren. Wenn ich über Sinnlosigkeit spreche, dann ist der Begriff sehr stark von der Zen-Logik geprägt. Das bedeutet: Es gibt keine Antwort. Mein Zen-Meister hat uns eines Morgens gefragt: Wenn ich euch jetzt sagen würde, dass ihr alle erleuchtet sein werdet, wenn ihr auf der Stelle aus dem Fenster springt – würdet ihr springen? Alle haben gelacht, weil das natürlich Unsinn ist. Es gibt keine Antwort. Wir suchen alle. Aber was suchen wir da in der Stille? Klar, die Identifikation. Ganz klar auch den Moment des Nicht-Einsam-Seins. Letztendlich ist das der Kern unserer Ängste: die Tatsache, dass wir alleine sterben könnten. Sehr viele Stücke handeln davon, wie fast jedes Shakespeare-Stück. Alle werden verrückt, weil alles zusammenbricht und jeder alles verliert. Die, die am Ende noch leben, beginnen aus Angst, dass nichts übrig bleiben könnte, wie wild zu greifen.

Ist es das, was dich so sehr fasziniert?
Im Theater kann man eine Empathie für die Sinnlosigkeit entwickeln. Mich hat es mit 16 total gepackt, als ich „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gesehen habe – und zwar kurz nachdem mein Vater arbeitslos geworden war. Das war Wahnsinn für mich, weil ich erkannt habe, dass wir nicht die Einzigen sind, denen es dreckig geht. Dadurch habe ich mich anerkannt gefühlt, mein Interesse war geweckt. Das Theater hat mir die Möglichkeit gegeben, zu lesen, mich als Mensch zu entfalten. Das Theater hat mir überhaupt sehr viel gegeben. Ich werde nicht sagen, dass das Theater effektlos ist. Ich bin selbst ein Beispiel dafür, dass es etwas bringen kann. Das Theater kann dich mit Texten und Gedanken konfrontieren, die dein Leben umkrempeln können. Gleichzeitig gibt es keine Antworten auf die Fragen von Leben und Tod, die wir uns in der Religion, in der Philosophie, in der Literatur, die wir uns eigentlich permanent stellen. Auch das Theater wird am Ende keine Antwort geben können. Es geht vielmehr um die lebendige Begegnung von Mensch zu Mensch. Es gibt kein Dogma. Wir gehen alle mit den gleichen Fragen wieder hinaus. Das Einzige, was uns verband, war die Suche.

Warum möchtest du zusätzlich zu deinen zwei Yogalehrerausbildungen noch eine dritte machen?
In 3 Jahren werde ich 60. Mein Traum wäre es, dann weniger am Theater zu sein und viel mehr Yoga zu machen. Mein Vertrag am Thalia Theater läuft noch bis 2019. Ab dann möchte ich eigentlich nur noch
6 Monate pro Jahr fürs Theater arbeiten und die übrige Zeit durch die Welt reisen und Yoga üben.

Heißt das, dass du theatermüde wirst?
Nein gar nicht (lacht). Ich bin nicht theatermüde, ich will nur keinen so vollen Terminkalender mehr haben. Ich brauche mehr Zeit für mich. Schon jetzt arbeite ich 3 Monate im Jahr nicht, in denen ich mich hauptsächlich mit Yoga beschäftige. Aber das reicht mir nicht. Ich möchte viel länger einfach nichts tun – und sitzen.

Du probst an den Münchner Kammerspielen gerade für J. M. Coetzees „Schande“. Das ist harter Stoff mit schweren Konflikten, sei es zwischen Mann und Frau, Schwarz und Weiß oder Mensch und Tier. Was fasziniert dich an diesen komplizierten Grundsatzfragen?
Ich glaube nicht, dass das schwere Themen sind. Wir begegnen diesen Konflikten tagtäglich. In diesem Stück geht es um Demut, um die Akzeptanz der Tatsache, dass man alt wird, und die Frage, wie man seine Ruhe finden kann. Das ist das, was die Hauptfigur nicht schafft. Er wird konfrontiert mit der Natur, wie viele Menschen, die zum Beispiel durch eine Krankheit gezwungen werden, ihre Vergänglichkeit zu akzeptieren. Das ist doch ein alltägliches Thema. Was das Buch so heftig macht und warum ich das Stück jetzt zum zweiten Mal inszeniere, ist, dass meiner Meinung nach eine sehr buddhistische Übung enthalten ist. Was da zwischen weißen und schwarzen Menschen passiert, ist nur möglich, weil die eine Rasse glaubt, sie sei besser als die andere. Ein Gedanke, den viele mit sich herumtragen. Ich führe gerne die Fußball-WM als Beispiel an. In dem Moment, in dem „unsere“ Nationalmannschaft gesiegt hat, fühlt sich das ganze Land besser als das Land, das verloren hat. Die Not, sich über andere zu stellen und sich unangreifbar zu fühlen, sitzt in uns allen sehr tief. Was ich zum Beispiel total faszinierend an der Hauptfigur finde, ist, dass er seine Gedanken ungefiltert von sich gibt. Er urteilt dauernd und denkt, er sei klüger und weiter als andere. Bei den Proben bekomme ich ständig zu hören, wie ekelhaft dieser Mensch doch sei. Und ich frage mich, warum der ekelhaft sein soll? Beobachte doch mal deine eigenen Gedanken, wenn du in der S-Bahn stehst und Leute anschaust. Wie oft liegt dann Hochmut und Missachtung in deinem Blick? Wie oft verurteilst du jemanden vorschnell? Das ist ein Thema, das für mich absoluter Alltag ist.

Die Frage ist also auch, wie viel Mitgefühl der Mensch entwickeln kann?
Absolut. Wo liegt die Grenze zwischen Bewusstsein und Selbstkon
trolle? Ab dem Moment, in dem mein Kind angegriffen wird, werde ich zum Tier. So funktioniert jeder Krieg. Und jede Kriegsrhetorik basiert auf der Aussage: Sie werden kommen und DEINE Frau, DEINE Kinder und so weiter töten. Und alle stehen sofort mit Stiefeln und Waffen bereit. Davon handelt das Stück. Dass der Typ, der am Anfang in seinem Elfenbeinturm sitzt und alles unter seiner intellektuellen Kontrolle zu haben scheint, immer stärker greift, je mehr er verliert. Er muss besitzen. Ohne Besitz findet er keine Ruhe. Klar, der Text extrapoliert das extrem, aber am Ende sind diese Aspekte so universell und menschlich, dass sie uns alle betreffen. Das Tolle an „Schande“ ist doch, dass überhaupt keine Antworten gegeben werden.

Die Suche nach den Antworten wirst du dennoch nicht aufgeben, obwohl du weißt, dass du sie nicht finden wirst?
Nein, man wird sie nicht finden. Aber ich freue mich wahnsinnig auf das Abenteuer und die Menschen, denen ich auf meinem Weg noch begegnen werde.

Bilder: über Luc Perceval


Luk Perceval ist seit 2009/10 leitender Regisseur am Thalia Theater in Hamburg. 2013 wurde er in der Kategorie „Regie Schauspiel“ mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Er ist Yin- und Mindfulness-Yogalehrer und gibt an dem Ort, an dem er gerade inszeniert, Yogaworkshops für interessierte Menschen aus dem Theaterumfeld.

Mantra für Mitgefühl: N°3

Om Mani Padme Hum

Das Mantra verkörpert das Mitgefühl und bietet starken Schutz vor negativen Einflüssen aller Art. Es vervollkommnet das Handeln aus dem Herzen: Großzügigkeit, harmonisches Verhalten, Geduld, Enthusiasmus, Konzentration und Einsicht.


Quelle: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, S. Fischer Verlag. 05 – 2009


Foto von Christina Morillo von Pexels

In Gedenken an B.K.S. Iyengar

20.8.2014: Shri B.K.S. Iyengar hat sich gestern Nacht im Alter von 95 Jahren auf die „Reise vom Bekannten ins Unbekannte“ gemacht. Wir denken heute an einen der größten Yogameister unserer Zeit und sind sehr dankbar für all die wunderbaren und fortschrittlichen Lehren, die er uns hinterlässt. Zum Tod des großen Meisters, hier nochmals unser großes Portrait zu seinem 95. Geburtstag aus dem Jahr 2013:

 

Made by Yoga

Mehr als 75 Berufsjahre hat er dem Yoga gewidmet: unermüdlich in seiner Praxis, unerbittlich in seinem Anspruch, unübertroffen in seiner Mission. B. K. S . Iyengar, der am 14. Dezember 2013 95 Jahre alt wurde, als bedeutendsten lebenden Yogi zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Mit seiner außerordentlichen Persönlichkeit, seiner Präsenz und seinem Feuer hat er Yoga zu den Menschen gebracht.

Wer nach Pune fährt, sucht weder Romantik, noch Exotik und erst recht kein typisches Indien-Flair. Pune bedeutet: Smog, Lärm ohne Ende, acht Millionen Menschen in ständiger Bewegung auf gefühlt mindestens vier Millionen Scootern, gesteuert von vermummten Gestalten, die aussehen wie Sprengstoffkommandos. Nicht eine einzige heilige Kuh weit und breit. Als B. K . S . Iyengar 1973 den Grundstein für das RMYI (Ramamani Memorial Yoga Institute) legte, galt die Gegend als extreme Randlage, so dass Iyengar sogar Sorge hatte, ob die Bürger Punes sich abends überhaupt auf den Weg an den Stadtrand machen würden. Diese Sorge konnte er rasch vergessen, denn die Stadt wuchs rasant, die Randlage mutierte zu einer zentralen und inzwischen strömen seine Anhänger aus der ganzen Welt an diesen Ort, wo es eng ist, laut und die Luft schlecht. Doch wer es endlich geschafft hat, einen der begehrten Plätze am Institut zu bekommen und für vier oder acht Wochen zum Üben dorthin zu fahren, der ist nicht auf Wellness programmiert. Der will keinen Soft-Yoga-Urlaub mit Sonnenuntergang am Strand, sondern in Gegenwart des Meisters jene Form des Hatha-Yoga praktizieren, die B. K . S . Iyengar berühmt gemacht hat: präzise in Körperarbeit und Ausrichtung, diszipliniert in der Durchführung, durchdacht in der Übungsabfolge und mit jenem Gespür für Timing, das eine Transformation erst ermöglicht und damit eine psychomentale Veränderung. Seit fast 80 Jahren übt, forscht und verfeinert Iyengar seinen Stil unermüdlich – besessen und beseelt vom Yoga.

Werdegang
Nichts in Iyengars jungen Jahren ließ auf ein langes oder gar erfolgreiches Leben hoffen. Als elftes von dreizehn Kindern am 14. Dezember 1918 in eine Brahmanenfamilie hineingeboren, ist er von Kindesbeinen an krank und schwächlich. Zur Zeit seiner Geburt wütet im südindischen Karnataka die „spanische Grippe“, von der auch seine Mutter befallen wird. Malaria, Typhus und Tuberkulose gehören zu seinen „Kinderkrankheiten“. Als er neun ist, stirbt sein Vater und die Familie verarmt. Doch dann gibt es diese Momente im Leben, die man im Nachhinein als Wendepunkte erkennt. Ein solcher ereignet sich im März 1934, als sein Schwager, der hochgelehrte Sri T. Krishnamacharya, ihn bittet, nach Mysore zu kommen, wo er auf Einladung des Maharadscha im Jogmohan Palace eine Yogashala (Yogaschule) gegründet hat. Was zunächst als mehrwöchiger Aufenthalt gedacht war, ist der Beginn einer lebenslangen Yogareise. Am Anfang stehen Demütigungen. Das Verhältnis zu seinem Guru und Gönner ist ambivalent – Verehrung und Dankbarkeit einerseits, Angst andererseits. Iyengar spricht von einem „Angstkomplex“, den er angesichts der Strenge seines Lehrers entwickelte. Er tut, was von ihm gefordert wird, häufig unter Schmerzen. Als 1937 in Pune ein Yogalehrer gesucht wird, nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Einflussbereich seines Schwagers zu entkommen.

Iyengar ist zu dieser Zeit dürr wie ein Spargel, er wiegt nach eigenen Angaben nur 32 Kilo. Die Schüler, die er unterrichten soll, sind kräftiger, gebildeter – sie verhöhnen ihn. Iyengar beißt sich durch. Er übt bis zu zehn Stunden am Tag, ein Autodidakt, der das Wenige, das sein Guru ihm beigebracht hat, durch Selbstbeobachtung analysiert und korrigiert. „Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich gelitten habe“, fasst Iyengar diese Phase seines Lebens zusammen. Dennoch wird er körperlich und mental zunehmend stabiler. In diesen Jahren entwickelt Iyengar die Grundlagen seiner Methode: den Anfängergeist zu kultivieren und jeden Tag mit dem Üben neu zu beginnen, mit dem Körper zu arbeiten, wie er ist, und nicht, wie man ihn gerne hätte. Schau auf den roten Pfeil auf deiner inneren Landkarte! Das ist der Ausgangspunkt für deine Praxis. Bewerte dich nicht, vergleiche dich nicht mit anderen, sondern mit dir selbst. Nimm deinen Körper wahr, indem du beide Körperhälften miteinander vergleichst, die rechte mit der linken Flanke, das rechte mit dem linken Bein, die Körpervorderseite mit der Körperrückseite. Sind sie gleichermaßen gestreckt, gedehnt und lang? Über diese Körperwahrnehmung lerne den Geist kennen, das Muster, die Dellen in deinem Denken. So übe, von außen nach innen zu gehen, vom Groben zum Feinen, vom Bewussten zum Unbewussten. Das sind die Wegweiser auf deiner yogischen Reise, die Mittel dazu sind Disziplin und Beharrlichkeit. „Schiele nicht nach den Früchten deiner Arbeit“, heißt es in der Bhagavad Gita. „Sie werden dir in den Schoß fallen, wenn du reif dafür bist.“

Yoga: Von der Passion zur Mission
Die Heirat mit der 16-jährigen Ramamani führt ihn 1943 in eine persönlich beglückende Zeit, die ihn die Nöte des Alltags mit mehr Gleichmut und Abstand betrachten lässt. Seine Frau hält ihm den Rücken frei, unterstützt ihn in seiner Yogapraxis. Iyengar übt ebenso ausdauernd wie hingebungsvoll. Yoga wird nun zu einer Passion – und zu seiner Mission. Er will weitergeben, weiterwirken. Noch in den 1940er-Jahren lässt er ein Fotoalbum mit 150 Asana-Abbildungen erstellen. Durch berühmte Schüler wie den Philosophen Krishnamurti und vor allem den Geiger Yehudi Menuhin öffnen sich ihm die Türen in die westliche Welt. Als Iyengar auf Einladung Menuhins 1954 erstmals London besucht, erwarten ihn jedoch die alten Muster der Rassendiskriminierung. Die Briten haben die Unabhängigkeit Indiens noch nicht verdaut. Eine weitere „Iyengarsche Erkenntnis“ findet in dieser Zeit ihren Ausdruck: Energie ist wie ein Muskel. Wenn sie gebraucht wird, wird sie stärker. Inzwischen lodert in Iyengar ein Feuer, das alle Hindernisse „wegbrennt“. Jeder Fehlschlag ist ein „Licht, das auf einen weiteren Versuch leuchtet“, so dass er am Ende erreicht, was er erreichen wollte: Yoga populär zu machen. Geschenkt wurde ihm dabei nichts: Ende der 1950er-Jahre ausgebrannt, 1973 der frühe Tod seiner geliebten Frau, zwei Motorradunfälle 1979, die ihn wieder bei Null anfangen lassen. Er entwickelt Hilfsmittel, die sogenannten Props, um Haltungen an einen eingeschränkten Körper anzupassen und wird zu einem Wegbereiter der Yogatherapie, deren Nutzen inzwischen wissenschaftlich untersucht und medizinisch anerkannt ist.

Meister und Mäzen
Dass er berühmt wurde, verdankt Iyengar einer besonderen Mischung aus Willenskraft und Geradlinigkeit, Kontinuität und Durchhaltevermögen, Glück und Cleverness, Glauben an sich selbst und unerschütterlichem Gottvertrauen. Er ist ein begnadeter Performer, ein Selbstdarsteller und „Showman“ – man denke nur an eine seiner über 10 000 öffentlichen Yogademonstrationen. Seine Prinzipien opferte er dabei nie, in seiner Lehre wollte er sich nicht um einen Millimeter verbiegen. Mit „Licht auf Yoga“, das bereits 1965 erschien, wurde er Bestsellerautor, „Licht auf Leben“ gilt als Leitfaden aller Iyengar-Praktizierenden. Iyengar wird verehrt und ist mit zahlreichen Titeln ausgezeichnet worden. Dabei ist er ein Gebender geblieben. In seinem Geburtsort Bellur hat er Schulen bauen lassen, wo inzwischen mehrere Tausend Kinder unterrichtet und mittags bespeist werden. Der Ort verdankt ihm ein Krankenhaus mit Pflegepersonal, ein College, einen Patanjali-Tempel und jüngst hat er den alten, verfallenen Shiva-Tempel wieder aufbauen lassen.

In Pune
Kehren wir zurück nach Pune, wo er seit nunmehr 76 Jahren lebt. Von seinen sechs Kindern sind ihm zwei auf dem Yogaweg gefolgt: Geeta, die älteste Tochter, hat das immense Wissen systematisiert und ist eine brillante Lehrerin; Prashant, der Sohn, besitzt ein großes philosophisches Wissen. Von ihm behaupten langjährige Schüler, sein gesamtes Wesen, Sprechen und Handeln korrespondiere zu jeder Zeit mit den Lehren der Bhagavad Gita und der Upanischaden. Die „Iyengar-Yogis“ aus aller Welt, die zum Üben kommen, sind größtenteils ausgebildete Lehrer, zertifiziert auf unterschiedlichen Levels. Sie üben seit 20, 30 und mehr Jahren mit Guruji, wie sie ihn verehrungsvoll nennen. Die einen bewundern, wie er das Yoga- Sutra von Patanjali durch seine Praxis transzendiert: die Übung als Werkzeug, um nach innen zu gehen und in der Haltung den Körper in allen Schichten zu durchdringen. Andere begeistert, dass Iyengar sie wie kein anderer dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen, die physischen, mentalen und emotionalen Begrenzungen zu erweitern.

Die Yogahalle im ersten Stock ist rappelvoll, nicht einen Millimeter Platz gibt es zwischen den Matten. Ganz hinten, am anderen Ende, entdecke ich den Meister. Er sitzt in Virasana, vor ihm seine Enkelin Abhijata in Upavishtha Konasana. Er korrigiert sie aus seiner Position heraus vom Rücken her, schiebt dazu eine Decke unter ihre linke Gesäßhälfte, damit der rechte Sitzknochen bessert geerdet ist. Wie die beiden so hintereinander sitzen, leise sprechend, muss ich an einen Zweierbob denken: sie steuert, er korrigiert. Vielleicht ist dies ein Symbol für einen Stabwechsel: Der Meister hat Platz gemacht in der ersten Reihe. Wie breit diese Reihe sein wird, wird sich zeigen, denn Iyengar hat sein Wissen großzügig weitergegeben. Am Abend kehrt Ruhe am Institut ein. Der fast lebensgroße Hanuman auf dem Dach, Iyengars Lieblingsgott, leuchtet feuerrot in der untergehenden Sonne. Guruji sitzt in seinem Wohnzimmer, schräg gegenüber der Yogahalle und trägt eine Atemmaske. Die schlechte Luft macht ihm zu schaffen. Er schaut sich ein Kricketspiel an. Der Krach auf der Straße verhallt ungehört.

 

 

Alanis Morissette: „Entspannung am Rande meiner Fähigkeiten“

Eine Praxis für Seele und Körper suchte Alanis Morissette, um sich auch auf anstrengenden Tourneen zu regenieren. Die Musikerin fand Yoga – und hat dadurch sehr viel über sich und für sich gelernt.

Alanis Morissette, 37, wurde 1995 ins Rampenlicht katapultiert, als ihr Album „Jagged Little Pill“ Rockgeschichte schrieb – mit 33 Millionen weltweit verkauften Einheiten wurde es zum erfolgreichsten Debütalbum einer Künstlerin aller Zeiten. Die Pop-Rock-Hymne „You Oughta Know“ verkörperte perfekt die rohen Emotionen und widersprüchlichen Gefühle einer verschmähten Geliebten. Auch wenn DJs oft die explizitesten Stellen ausblendeten, verhalfen sie dem Lied zu weitreichendem Airplay, während Zuhörer auf der ganzen Welt sich mit der Herzschmerz-Geschichte der jungen Kanadierin identifizierten. Morissette war damals gerade 21.

Ihr Aufstieg in die Starriege war gnadenlos und ließ wenig Zeit zum Ausruhen oder Nachdenken. Rückblickend sagt sie, sie sei froh, dass sie so viele Menschen kennenlernen und die Welt sehen konnte, aber gibt zu, dass das Touren sie körperlich und seelisch auslaugte. Die Intensität war ermüdend. Wenn sie allein sein wollte, versteckte sie sich im Backstage-Bereich, in Hotelzimmern oder sogar auf Toiletten – wo auch immer sie etwas Abstand von dem Wahnsinn gewinnen und wieder zu sich finden konnte. Zwischen Auftritten, Interviews und all den kräftezehrenden Anforderungen an sie musste sie Energie tanken, und irgendwann begriff sie, dass sie anstatt sich zu verstecken sich gründlich regenerieren musste. „Ich wollte eine Praxis finden, die sowohl Körper als auch Seele einbezog. Yoga war dafür perfekt“, sagt sie. „Ich fühlte mich, als sei ich dazu geboren, Yoga zu machen.“

Ihr erster Kontakt damit war die DVD „Yoga Mind & Body“, eine DVD der Schauspielerin Ali McGraw mit dem renommierten Yogalehrer Erich Schiffmann, die Morissette gegen Ende ihrer „Jagged Little Pill“-Tour entdeckte. Seitdem hat sie alles ausprobiert von Ashtanga zu Bikram zu Kundalini, Iyengar, Shadow und Yin, und sie hat mit einer Reihe bekannter Lehrer studiert, inkl. Kathryn Budig, Sara Ivanhoe, Matt Pesendian, Nicki Doane und Eddie Modestini. Sie liebt Vinyasa Flow.

Glücklicherweise ist Morissettes Zwillingsbruder Wade Imre Yogalehrer und Kirtan-Künstler. Sie sagt, er sei einer ihrer Lieblingslehrer, nicht nur wegen ihrer engen Verbindung, sondern auch, weil er Respekt vor Traditionen mit „einem Bewusstsein für die Realitäten des modernen Lebens“ verbinde. Die Realitäten von Morissettes geschäftigem Leben beinhalten mittlerweile die Ehe mit Rapper Mario „MC Souleye“ Treadway und ihrem Kind Ever Imre, geboren Weihnachten 2010 zu Hause in Los Angeles.

YOGA JOURNAL: Was liebst du am meisten an deiner Praxis?
ALANIS MORISSETTE: Sie gibt mir einen großartigen mikrokosmischen Schnappschuss, ein klares Bild von dem, was in meinem Leben passiert. Wenn ich mich auf der Matte fordere, fordere ich mich wahrscheinlich auch anderswo – ein Hinweis darauf, sanfter zu sein. Wenn ich nicht übe, fehlt mir dieser Kontakt zu mir selbst. Wie ich an meine Zeit auf der Matte herangehe, zeigt mir meine Bedürfnisse. Es ist eine tolle Einladung, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich los ist.

Hat sich das auf deinen Kreativprozess ausgewirkt?
Der Antrieb, Yoga zu machen, kommt von demselben Ort, an dem meine Lieder geboren werden. Wenn ich Lieder schreibe oder Yoga mache, bin ich neugierig, was wirklich so passiert: Was geschieht in meinem Körper? Was geschieht in meinem Herzen? Was geschieht in meinem Leben? Was geschieht im größeren Kontext des Planeten? Was geschieht in der Evolution des Bewusstseins? Was geschieht in meinem Knie? Das ist alles derselbe Neugier-Muskel. Das ist die stärkste Eigenschaft, die ich in meinen eigenen Schaffensprozess einbringe. Es ist einfach diese Neugier, die auftkommt, und das liebe ich. Und es fehlt das Urteilen. Als ich 21 war und Yoga machte, trat ich mir selber in den Arsch, wenn ich nicht dehnbar genug ausgelaugt war. Jetzt stelle ich es einfach fest.

Hat Yoga dir auch in Beziehungen geholfen?
Ich denke, die reiferen Eigenschaften wie Neugier, Urteilsfreiheit und Aufmerksamkeit helfen. In den Momenten des Konflikts mit den Menschen, die ich liebe, ist es mein Ziel, diese Qualitäten an den Tag zu legen. Meine konsequente Praxis zahlt sich definitiv in meinen Beziehungen aus, weil sie von mir fordert, mutig zu sein und mich an meine Grenzen zu treiben, aber auch Nachsicht mit mir selbst zu haben und sanft zu sein. Also bringe ich mich an den Rand meiner Fähigkeiten und entspanne dann dort – so in etwa lebe ich heutzutage mein Leben.

Wie bist du an den Ort gekommen, an dem du bereit für eine Beziehung warst?
Oh, indem ich jahrelang immer wieder an allen Fronten Mist gebaut habe. Indem ich liebessüchtig war. Indem ich co-abhängig war. Indem ich nicht genug über mich selbst wusste. Je mehr ich über mich selbst lernte, desto mehr erkannte ich, dass ich ein Alpha-Weibchen bin. Da führt kein Weg daran vorbei. Ich begann, herauszufinden, wer ein guter Begleiter auf dieser Reise sein würde. Und ich wartete, um die Art von Person zu finden, die ein unglaublicher Mann sein würde, um der Vater meiner zukünftigen Kinder zu sein. Bevor ich wusste, wer ich war, hatte ich keine Ahnung, wer mich perfekt ergänzen würde. Ich musste herausfinden, wie ich für meine Sensibilität, meine Karrierebedürfnisse und meine Selbstpflege verantwortlich sein konnte. Je mehr ich wusste, was ich brauchte, desto mehr verinnerlichte ich es. Davor, wenn ich mit jemand ausging und die Chemie stimmte, habe ich mich einfach darauf gestürzt. Die Chemie ist enorm wichtig, aber ich entwickelte mich irgendwann über das „Wow, seine Augen sind so tiefgründig und ich will einfach knutschen“ hinaus, verstehst du? Später dann war die erste Frage, die ich immer stellte, „Was ist deine Aufgabe?“ Ich wollte niemand, der übermäßig besessen von Arbeit oder Reisen war. Als mein zukünftiger Ehemann sagte, seine Aufgabe sei es, ein unglaublicher Ehemann und Vater zu sein und durch seine Kunst einen Dienst zu leisten, dachte ich, „wow, das verlangt nach mehr Zeit und Energie.“

Hat Yoga dir in deiner Schwangerschaft geholfen?
Bewusstsein ist das Wichtigste. Ich bin von Natur aus dehnbar, und Relaxin, das Hormon, das während der Schwangerschaft ausgeschüttet wird, verstärkte das. Ich musste lernen, mich nicht zu überdehnen oder verletzen. Ich habe immer versucht, mich auf den Prozess des spirituellen Aufstiegs, auf Philosophie und Intellektualismus zu konzentrieren – alles ziemlich hohe Ziele, verstehst du? Aber manchmal hatte ich diese Momente der Erleuchtung beim Spazierengehen, als mir mit voller Wucht bewusst wurde: Ich bin ein Tier. Ich habe meine eigene Physiologie, DNS, genetische Veranlagung, Muskeln, Knochen, Bänder, und Hormone. Ich wurde zu einem wissenschaftlichen Experiment!

Wie hat sich deine Praxis über die Jahre verändert?
Da ist eine stille Kraft, die ich vor zehn oder 15 Jahren noch nicht wirklich kultiviert hatte. Damals war immer alles volle Kanne, wie ein Soldat. Heute kann ich den Soldaten rausholen, wenn ich ihn brauche, aber das ist nicht meine Ausgangsposition. Die Matte ist einfach da und ich kehre immer wieder zu ihr zurück.

Übersetzung: Matthias Jost

Pilates – eine Methode hat ihre Prinzipien

Nein, Pilates ist kein alternativer Name für Bauch-Beine-Po-Training. Pilates ist auch nicht nur für alte Leute oder szenige Hüpfer – und Pilates ist schon gar nicht nur was für Frauen. Pilates ist keine Physiotherapie. Pilates ist auch nicht peinlich und Pilates ist auch nicht leicht. Und Pilates ist ebenso wenig ein neuer heißer Trend. Und vor allem: Pilates ist nicht Yoga. Aber was ist es eigentlich?

Pilates ist schon so etwas wie Gymnastik, Pilates ist Sport. Pilates ist ein Workout. Pilates macht so ganz nebenbei eine tolle Figur, strafft Konturen, sorgt für einen flachen Bauch und eine tolle Ausstrahlung. Frauen stürmen in Pilates-Kurse, dabei wurde es für Männer entwickelt. Pilates sieht echt leicht aus, aber je länger man es macht, desto komplexer wird es. Aber es ist viel mehr als das, nämlich auch eine Lebensart. Und vor allem: Pilates trägt Elemente des Yoga.

Pilates, das meint die Pilates-Methode: eine Trainingsmethode für die Tiefenmuskulatur, die um die Jahrtausendwende als neuer Stern am Trendsporthimmel gefeiert, ebenso hart beurteilt wurde und sich seitdem fest etabliert hat. Pilates-Studios erobern Stadt und Land, Cardio-Pilates, Piloxing, Pilardio und Yoga-Pilates füllen die Stundenpläne in Fitnessstudios und tausende Menschen widmen heute ihr Leben dem Powerhouse und einer beweglichen Wirbelsäule. Das Pilates-Training ist ein Übungsprogramm auf der Matte bzw. an den Pilates-Studiogeräten wie Cadillac, Reformer, Chair und Barrel. Es handelt sich dabei um mehrere hundert Übungen, mehr oder weniger rein nach Joseph Pilates. Trainiert wird in Kleingruppen oder im Einzeltraining. Dabei sind die Übungen mehr Mittel zum Zweck: Grundsätzlich geht es im Pilates darum, die tiefe Bauch- und Beckenbodenmuskulatur sowie die wirbelsäulennahe Muskulatur – das so genannte Powerhouse – in den unterschiedlichen Schwerkraftausrichtungen in Bewegung zu halten.

Pilates ist nicht neu
Zumindest nicht wirklich: Bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte der gebürtige Rheinländer Joseph Pilates in den USA ein einzigartiges System von Körperübungen. Im Mittelpunkt seines Konzeptes steht die Wirbelsäule, als tragendes und jegliche Bewegung ermöglichendes Körperelement. Die Übungen trainieren auf faszinierende Weise das Zusammenspiel von Kraft, Stabilität und Beweglichkeit. Pilates-Training blieb in Amerika lange Zeit eine exklusive Trainingsmethode für fortschrittliche Insider und Tänzer, auch nach dem Tod von Joseph Pilates 1967 und seiner Frau Clara 1977. Die meisten Sportler konnten mit diesem Body-Mind-Konzept damals nichts anfangen. „Ich bin meiner Zeit 50 Jahre voraus“, sagte Joseph Pilates mal über die Zukunft seiner Trainingsmethode. Und er sollte Recht behalten: Heute trainieren Millionen Menschen überall auf der Welt nach seinen Grundsätzen. Die enormen Vorzüge der Pilates-Methode und auch ihre ständige Weiterentwicklung, die Entwicklung der Gesellschaft, die Sehnsucht der Menschen nach Nachhaltigkeit, all das half dabei, die Pilates-Methode aus ihrer Exklusivität zu holen. Joseph Pilates hat keine jedoch Hinweise dazu hinterlassen, wie es mit der Pilates-Methode nach seinem Tode weitergehen sollte. Und er war auch nicht überzeugt von einem offiziellen Trainingsprogramm für Lehrer.

Es geht ums Prinzip
Von außen sieht so ein Pilates-Training schon mal aus wie Schulsport, Rückenschule der 90er Jahre oder auch Yoga. Klar, da kann man schon mal skeptisch werden. Einfach nur ein neuer Name für altbekannte Trainingsmethoden? Nein. Die Pilates-Übungen enthalten zwar Elemente von Yoga oder Turnen, jedoch ist die Herangehensweise und der Fokus der Ausübung unterschiedlich zu anderen Techniken. Das Besondere des Pilates-Trainings ist die systematische Basis der Prinzipien wie Konzentration, Kontrolle, Zentrierung, Präzision, Bewegungsfluss und Atmung. Nur wenn alle Prinzipien in einer Übung fokussiert werden und die Bewegung von einem stabilen Körperzentrum ausgeht, wird eine unscheinbar wirkende Übung auch wirklich Pilates. Und nur wer die Pilates-Prinzipien – und damit die Philosophie hinter den Übungen – verinnerlicht hat, hat Pilates wirklich verstanden. Wenn nicht, dann bleiben es wohl doch eher normale Dehn- und Fitnessübungen.

Zentrierung und Stabilisation
Immer wieder, ob nun in einer Stunde für Anfänger oder Fortgeschrittene, hört man den Hinweis auf die Zentrierung, auf die Powerhouse-Aktivierung, „Nabel zur Wirbelsäule!“, oder was immer auch dazu dient, eben diesen zentralen Bereich zu aktivieren. Grundsatz des Pilates-Trainings ist: Jede Bewegung beginnt aus der Körpermitte – dem Powerhouse. Allerdings geht es in diesem Fall tatsächlich um eine rein körperliche Komponente und nicht das geistige Zentrum. Dementsprechend gilt es, noch vor jeder Bewegung als erstes das Powerhouse zu aktivieren. Erst ein stabiles muskuläres Zentrum macht lockere und ökonomische Bewegungen möglich, selbst wenn es mal richtig zur Sache geht. Und dieses Zentrum wird natürlich auch durchweg gehalten: Also selbst bei Übungen, die scheinbar mehr für die Arme oder Beine gedacht sind, geht nichts ohne die Kontrolle über das Zentrum. Und genau genommen heißt das eben auch: Wer das Zentrum in bestimmten Übungen (noch) nicht kontrollieren kann, der ist auch noch nicht reif für diese Übungsstufe. Da heißt es fleißig am Ball bleiben, in Einzelstunden die Ursache herausfinden und probieren, bis es klappt. Und ganz nebenbei ist diese Zentrumskraft der Schlüssel für einen starken Rücken, einen flachen Bauch und eine schicke schmale Taille.

Konzentration
Pilates gilt als Body-Mind-Training – was heute jedoch auf alle möglichen Dinge zutrifft: Ohne Body-Mind-Faktor scheint heute fast nichts mehr zu gehen. Alles ist „Body-Mind“, sobald langsame Musik im Hintergrund ertönt, der Geruch von Duftkerzen den Raum vernebelt oder die zarte Stimme des Trainers zum Motivationskiller mutiert. Der Mind-Aspekt der Pilates-Methode ist allerdings ein anderer: Beim Pilates-Training geht es nicht um den Geist im spirituellen Sinne, sondern um pure Konzentration auf die präzise Bewegungsausführung und den eigenen Körper. Was zählt, ist die Qualität der Bewegung: Statt endloser Wiederholungen, bei denen die Gedanken um zig andere Dinge kreisen, heißt es hier: mit Körperwahrnehmung zur Körperkompetenz. Verspannte oberflächliche Muskeln lernen durch diese extrem präzise Übungsausführung loszulassen und vergessene, tiefe Muskeln lernen wieder zu arbeiten. Denn nur wenn diese kleinen Muskeln wirklich ihren Job machen, ist optimale Zusammenarbeit angesagt. Und die optimale Zusammenarbeit ist dann eben auch der Garant für ein neues Körpergefühl, eine gute Haltung und eine tolle Figur.

Kontrolle
Joseph Pilates selbst nannte seine Methode „Contrology“. Erst als seine Schüler selber zu Lehrern wurden, sprach man von der Methode als Pilates-Methode. Und in der bleibt nichts dem Zufall überlassen, sondern jede auch noch so kleine Bewegung soll kontrolliert werden. Wo sind die Schultern? Ist das Powerhouse aktiv? Wie ist die Stellung von Rücken und Becken? Arbeitet der Körper mit so viel Kraft und Anstrengung wie nötig, aber mit so wenig wie möglich? Initiiere ich die Bewegung wirklich aus den richtigen Muskeln? Oder übernehmen doch wieder große Muskeln den Part der tiefen kleinen? Stimmt die Ausgangsausrichtung? Komme ich in einer guten Position wieder an? Das klingt nun vielleicht etwas pingelig, ist es aber nicht. Viele Bewegungen führen wir normalerweise automatisch und ohne bewusste -Kontrolle aus. Mit den Gedanken sind wir bei der Planung der Weihnachts-ferien, den unerledigten Jobs aus dem Büro oder dem Geburtstag der Schwiegermutter, während gleichzeitig aber Arme und Beine durch die Luft wirbeln. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Deswegen ist die penetrante -Fokussierung auf die Kontrolle purer Eigenschutz. Und zwar sowohl für jede Übung an sich, vom -Anfang bis zum Ende jeder Bewegung, als auch für die Übungs-übergänge, und ebenso auch für das Auf- und Absteigen von den Geräten. Eine unkontrollierte Bewegung, also ohne ausreichend -Stabilisierung und Zentrierung, führt schnell zu -Verletzungen. Und damit ist klar: Kann eine Bewegung (noch) nicht aufmerksam -kontrolliert werden – heißt es üben, üben, üben, bevor es auf die nächste Pilates-Stufe geht.

Bewegungsfluss
Pilates steht für Bewegung und so werden in einer Pilates-Stunde Positionen fast nie länger gehalten. Keine Pilates-Bewegung sollte zu langsam oder zu schnell, zu abgehakt, hart oder fest sein. Das Gleiche gilt für Übergänge. Zu Beginn einer Trainingskarriere ist das alles noch nicht so einfach, weil fließende Bewegungen von einem kraftvollen Zentrum ausgehen – und daran wird ja noch gearbeitet. Zudem hält ein gewisser Bewegungsfluss das Herz-Kreislauf-System am Laufen. Nein, Pilates ist deswegen noch lange kein Cardio-Training, aber bei einem zackigen (fortgeschrittenen) Training geht eine Übung in die andere über, und so kommt man ganz schön ins Schwitzen.

Präzision
Im Unterschied zu vielen anderen Trainingsmethoden geht bei Pilates ganz klar -Qualität vor Quantität. Statt endloser, schluderig ausgeführter Wiederholungen -reichen beim Pilates schon ein paar wenige Ausführungen, um selbst starke Männer zum Schwitzen zu bringen. Es ist eben doch nicht so leicht, wie es aussieht. Joseph Pilates hatte wohl eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wo sich der Körper wie zum jeweils bestimmten Zeitpunkt der Übung verhält. „Konzentriere dich beim Trainieren immer auf absolute korrekte Bewegungen“, sagte er. „Andernfalls führst du sie nicht präzise aus und damit verlieren sie jeglichen Wert.“ Autsch. Alles Training für die Katz, wenn mal was nicht so lief? Natürlich nicht. Diese Körperkompetenz gilt es eben zu erwerben, um dann genau zu wissen, wo eine Bewegung anfängt, wo sie initiiert wird, bis wohin welche Stabilität gehalten wird und wo die Bewegung endet. Es sind nun mal die kleinen Details, auf die es beim Pilates-Training ankommt: Es sollen eben nur die Muskeln arbeiten, die gerade für diese eine Bewegung benötigt werden. Und die, die zwar gerne schnell die Arbeit übernehmen könnten, es aber nicht sollen, dürfen sich entspannen. Gerade auf diesem Wege lassen sich schlechte Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten durch einen guten Trainer korrigieren. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ – ganz nach Joe.

Atmung
Konzentrierte und präzise Bewegungen zu einem Atemrhythmus – das ist Pilates. Joseph Pilates war der festen Überzeugung, dass ein aktiver Blutkreislauf die unterschiedlichsten Zellen des menschlichen Körpers aktiv hält somit und die -Schlacken abtransportiert werden. Die kräftige und komplette Ein- und Ausatmung sind dementsprechend symbiotischer Teil einer jeden Pilates-Übung. Die tiefe Einatmung durch die Nase ist perfekt, um ausreichend Sauerstoff ins Blut zu bringen und die Muskeln besser arbeiten zu lassen. Und die feste Ausatmung durch den Mund unterstützt die Aktivierung der tiefen Powerhouse-Muskeln. Joseph Pilates atmete seinerzeit durch die Nase ein und aus, das hatte er sich aus dem Yoga abgeschaut. Vereinzelte Übungen leitete er mit konkreten Anweisungen zum Atmen an, grundsätzlich wurde hier aber wohl doch eher individuell entschieden. Hauptsache, der Atem war gleichmäßig und fließend: „In with the air, out with the air“ – also rein mit der Luft und raus mit der Luft, ohne viel Aufhebens. Heute gilt als allgemeine Regel: Einatmen zur Übungsvorbereitung und Ausatmen, wenn es dann in die Bewegung geht, und das alles über die so genannte dreidimensionale Brustkorbatmung, um das volle Lungenvolumen zu nutzen. Wie im Yoga gibt es unterschiedliche Atemtechniken. Nur eine ist sicher nie dabei: die Bauchatmung. Pilates ist eben wirklich nicht Yoga.

Kathrin Klement ist Chefredakteurin von „Pilates – Das Magazin“.

Wettbewerb um die Erleuchtung

Erlösung, Erleuchtung, Versenkung und Verrenkung

Auf der Suche nach dem wie auch immer gearteten „Selbst“ scheinen wir im modernen Wettbewerb um die Erleuchtung zuweilen durchaus käuflich zu sein. Aber halt: Welche Erleuchtung eigentlich? Nicht nur im Rahmen seiner Ashtanga-Praxis stellen sich dem Kölner Schriftsteller Selim Özdogan („Im Juli“, „Zwischen zwei Träumen“, „Mehr“) Fragen nach Wegen, Ziel und Substanz des Konzepts „Erleuchtung“.

Ihre Augen leuchten, als sie erzählt, dass sie gestern fast nicht in den Supermarkt ­gekommen sei. „Ich habe schon so einen Grad an Reinheit ­erreicht“, sagt sie, „dass die Sensoren für die ­Schiebetüren mich nicht mehr erkennen.“ Sie meditiert zwei bis drei Stunden am Tag und das schon seit fünf Jahren. Einer ihrer Bekannten steht jeden Morgen um 4:30 Uhr auf, um eine Stunde Atemübungen zu machen, denen jeweils eine Stunde Körperübungen und Meditation folgen, bevor er frühstückt und seiner Arbeit als Berufsberater nachgeht. Für vermeintlich höhere Zwecke verzichten Menschen auf Schlaf, auf Fleisch, auf Fisch, auf Tabak, Alkohol, Drogen, manche auch auf Zwiebeln und Knoblauch, auf Sex, auf Unterhaltung und in einigen Fällen auch auf ihr gesundes Urteilsvermögen.
Doch sie verzichten nicht nur, sie kaufen auch, Meditationskissen und -bänke, Räucherstäbchen, Bücher, CDs, DVDs, sie fahren zu Retreats in Südfrankreich oder auch zu Meistern oder vermeintlichen Meistern, die auf anderen Kontinenten ­leben.

Das alles im Namen der Erleuchtung. Esoterik ist keine Geheimlehre mehr, und es gibt zahlreiche Beispiele von Prominenten, die freudestrahlend über ihre spirituellen Praktiken berichten. Das Thema ist der Mehrheit zugänglich, und in vielen Kreisen wird man nicht schief angesehen, wenn man täglich medititiert, sondern eher leise ­bewundert. Aber was ist Erleuchtung? Was ist Samadhi, Nirvana, Verschmelzung mit dem Kosmischen, Selbstverwirklichung, Satori, Moksha, dieser Zustand, der den Menschen verschiedenster Kulturen quer durch die Geschichte bekannt ist, den meisten aber nur nach dem Hörensagen? Der Ashtanga-Yogi Rolf Naujokat beschreibt ihn so: „Die Stille basierte nicht mehr auf der Außenwelt, es war nur Sein. Es war nicht so, dass da ein Ich war, dass Stille erfährt. Es wurde einfach eins, und das war wirklich erstaunlich. Es ist schwer in Worten auszudrücken, viele Bücher schreiben schöner darüber.“

Das große Verlangen
Erleuchtung wird häufig als Zustand definiert, in dem sich die großen Fragen nicht mehr stellen: Wer sind wir? Was machen wir hier? Was ist der der Sinn des Lebens? Und das offenbar nicht, weil die Fragen beantwortet wären, sondern weil man erkennt, dass sie irrelevant sind. Es scheint etwas im Menschen zu geben, dass unabhängig von seinem Körper, seinen Gedanken, Emotionen, Sehnsüchten und Sorgen existiert, frei von seinem Weltbild und seinen Selbstdefinitionen. Einen göttlichen Kern möglicherweise. Wenn man zu diesem vordringen kann, braucht man keine Antworten mehr. Man sieht die Einheit allen Seins, in der die Dualität aufgehoben ist. Es gibt kein Gut und Böse mehr und damit auch nicht mehr die Frage, warum Gott das Böse zulässt. Das Universum hat seine Richtigkeit, so wie es ist. Das, was wir als unsere Identität betrachten, was uns in unserem Verständnis zu dem macht, was wir sind, wird als Illusion angesehen, als bloßes Konstrukt. Wir sehen die Welt immer durch die Brille unserer Identität und unseres Weltbildes. Wenn wir das ablegen könnten, würden wir eine Realität erfahren, die sich grundsätzlich von unserer Alltagsrealität unterscheidet. Ähnliche Ebenen kennen wir aus der Traumwelt: Wenn man sich während eines nächtlichen Traums bewusst wird, dass man träumt, verliert das Erlebte die Realität. Man identifiziert sich nicht mehr damit und ist erleichtert, weil man weiß, daß man aufwachen wird. Genauso scheint das, was wir als Realität betrachten, auch nur ein Traum zu sein, aus dem man auftauchen kann. Eine Übersetzung von Buddha ist „Erwachter“.

Für viele Menschen klingt die Existenz einer unumstößlichen Wahrheit, die Möglichkeit eines Lebens ohne Sorgen, ein endgültiges Ankommen verlockend. Doch die Wege der verschiedenen spirituellen Disziplinen sind meist beschwerlich. Laut vieler Aussagen ist auch für einen Erwachten nicht alles nur leicht. Und woher soll man wissen, dass die versprochene Belohnung tatsächlich ­existiert? Selbst wenn sie existiert – wieso sollte ausgerechnet man selbst sie bekommen? Und wieso hat Gott einem Hände und Füße gegeben, wenn er wollte, dass man zehn Stunden am Tag meditiert, um ihn zu ­schauen? Wie weit will man gehen? Es gibt die Geschichte, in der ein angesehener tibetanischer Lama in einem Intensivseminar zahlreichen Erleuchtungwilligen eine Meditation über Mitgefühl lehrt. Die Anwesenden sollen die Krankheiten aller Menschen einatmen und in sich aufnehmen. Ein Teilnehmer fragt erschrocken: Und wenn es funktioniert? Der Mönch antwortet: Dann freuen Sie sich, dass es funktioniert.

Der Preis der Erkenntnis
Welchen Preis möchte man für Erkenntnis zahlen? Ist es nicht egoistisch, diese Erkenntnis für sich selbst zu wollen? Und zugleich unmöglich, da die verschiedenen spirituellen Disziplinen sich ja einig sind, dass dieses Selbst, das wünscht, denkt, handelt, fühlt und strebt, etwas ist, mit dem wir uns nur fälschlicherweise identifizieren? Und was hat Mitgefühl eigentlich mit Erleuchtung zu tun? In seinem Buch „Verflixte Erleuchtung“ stellt der spirituelle Autor Jed McKenna Fragen dieser Art häufiger. Wenn du Mitgefühl entwickeln möchtest, grenzenlose Liebe erfahren, Wonne spüren, Glückseligkeit, das Ende der Sorgen, die totale Verschmelzung, dann bemühe dich darum, sagt er. Aber Erleuchtung sei etwas anderes. Wenn du erleuchtet werden möchtest, strebe danach – und nur danach. Wenn du diesen Zustand erreicht hast, kannst du immer noch entscheiden, ob du Mitgefühl entwickeln möchtest. Für die Heerscharen spirituell Suchender, die sich in einem Wunschdenken von Erleuchtung verstricken und sich weiß Gott was davon versprechen, hat McKenna nur ein geringschätziges Lächeln übrig. Die Menschen rennen einem Phantom hinterher, sagt er. In diesem Zusammenhang macht es möglicherweise Sinn, dass „Jed McKenna“ ein Pseudonym ist, das Buch Fiktion und seine Identität unbekannt ist: Es gibt keinen Autoren, dem man nacheifern könnte. Es könnte aber auch bedeuten, dass man hier einem Blender ­aufsitzt.

Das vermeintliche Versprechen, dass alle Sorgen ein Ende haben, dass das Paradies auf Erden zum Greifen nahe ist, dass man alle menschlichen Unzulänglichkeiten hinter sich lassen kann, ist einfach zu verheißungsvoll. Es gibt genug Menschen, die bereit sind, ihre Ernährung radikal zu ändern, sogenannte weltliche Aktivitäten zu minimieren, auf vielerlei elektrische Geräte und Quartzarmbanduhren zu verzichten, vier Stunden täglich zu meditieren, zu singen, zu beten, sich zu verrenken oder was ihnen ihre jeweilige Schule sonst noch vorschreibt. Ohne Unterlass streben sie, und nicht alle sind sich des Paradoxons bewusst, dass dieses Streben und Begehren nur ein Ausdruck ihrer Identität ist, ihres Egos, das sie eigentlich überwinden möchten. Sie erfreuen sich an ihren Fortschritten, was durchaus menschlich ist, doch spiritueller Stolz gilt als eines der großen Hindernisse auf diesem Weg. Meine Freundin, die sich freut, weil die Schiebetür engelhafte Wesen wie sie nicht erkennt, purzelt in ihrer Freude offenbar wieder zurück in Verhaftungen, von ­denen sie sich eigentlich lösen wollte. Doch viele Menschen, die mehr oder weniger feste religöse oder quasireligiöse Überzeugungen haben, verfallen dem Irrglauben, dass sie den Weg ins Glück kennen. Wenn das eigene Leben ein wenig besser aussieht als das der anderen, tendiert man schnell zu Hochmut und Dünkel. Schon so mancher Bioprodukteverzehrer neigt zum Glauben, er würde etwas besser oder richtiger machen als die anderen. Weil alle dieses Gefühl haben wollen, gibt es jetzt Bio in Discountmärkten. Eine Anekdote am Rande: Der Krimiautor Janwillem van de Wetering, der in den 1950ern in Japan in einem Zenkloster meditiert hat, erzählte seinem Meister begeistert von den Visionen, die er während der Sitzungen ­hatte. Und der Meister winkte ab. Visionen ­hätten hier alle, das sei ganz normal und würde nichts bedeuten.

Das Ende des Leidens
Die Reichtümer am Ende des Regenbogens müssen unermesslich sein, wenn Schiebetüren und Visionen nichts bedeuten. Die Menschen stellen sich vor, sie würden 24 Stunden täglich in Wonne baden, ewig lächeln und Gückseligkeit als Dauerzustand erfahren. Alle Probleme würden mit einem Mal aufhören, man würde keinen Irrtümern erliegen und keine Dummheiten begehen. Sie glauben, sie würden befreit von dem Leid, ein Mensch zu sein. Aber das scheint nicht der Fall zu sein, wenn man Jed McKenna, Richard Sylvester, Hermann R. Lehner, Satyam Nadeen, Karl Renz, Tony Parsons, Ramesh Balsekar und einigen anderen Vertretern des Advaita glauben möchte, deren Stimmen im Supermarkt der Erleuchtung ­gerne überhört werden. Der amerikanische Bewusstseinsforscher Ken Wilber, der die Erfahrung der Nondualität nach eigener Aussage kennt, nennt sie den „Einen Geschmack“. Er sagt, dass es keinen, wie er es nennt, „spirituellen Bypass“ gibt. Das Erlangen des „Einen Geschmacks“ bedeutet nicht, dass sich alle Probleme von selbst lösen. Die Schwierigkeiten mit Arbeit, Familie, Gemeinschaft, Geld, Ernährung, Sex und Alltag bleiben. Allerdings verlieren sie ihre Wichtigkeit, weil man sich nicht mehr mit seinem Körper und seinem Geist identifiziert. „So mancher, der den ‚Einen Geschmack‘ einmal erreicht hat, verliert jegliche Motivation, die Schäden in seinem psychologischen Unterbau zu reparieren. (…) Man kann das Bewusstsein des ‚Einen Geschmacks‘ haben und trotzdem Krebs bekommen, in seiner Ehe scheitern, arbeitslos werden, ein Ekel bleiben.“ Man ändert sich nicht, es ändert sich nur die Perspektive.

Die wenigsten von uns sind in der Lage, den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen zu überprüfen, aber es ist kein Wunder, dass Statements dieser Art nicht so verbreitet sind. Das ist nicht das, wonach die meisten streben, sie wollen alle Unannehmlichkeiten mit einem Schlag loswerden. Als würde mit einem Mal Licht werden, wie bei der Erschaffung der Welt. Als würde man eine Droge nehmen, die einen für den Rest des Lebens high macht, inklusive Dauerlächeln und dem Gefühl eines nicht mehr endenden Orgasmus. Dabei übersieht man gerne, daß die Heiligen und Erleuchteten, denen man ja letztlich nacheifert, alle gelitten haben: Jesus, Buddha, Ramakrishna, Johannes vom Kreuz, Mevlana, Meister Eckehart und viele andere. Man ist durchaus bereit, für das Ziel zu ­zahlen: mit Disziplin, mit Meditation, mit Yoga-Praxis, mit Zeit, aber auch mit Geld, um verschiedene Erleuchtungsangebote anzunehmen. Doch man möchte nicht mit Leid und Aufgabe der angenommenen Identität zahlen. Würden die anderen Wege mehr oder weniger zuverlässig zum Erfolg führen, müssten die spirituellen Disziplinen Legionen von ­Erleuchteten entlassen. Sie tun es nicht. In der Regel wird das damit begründet, dass es mehrere Leben bis zur Erleuchtung braucht.

Doch gleichzeitig sind sich die meisten Schulen einig, dass man immer schon erleuchtet ist. Der göttliche Kern, das wahre Selbst, die Leere, der „Eine Geschmack“: Wie immer man es nennen möchte, existiert unabhängig davon, ob es im Moment erfahrbar ist oder nicht. So gesehen gibt es keine verschiedenen hierarchischen Stufen, und niemand ist weiter fortgeschritten auf dem Weg – weil es keinen Weg gibt. Wir sind wie Fische im Ozean, die nach Wasser suchen, heißt es. Erwachte betonen oft, wie einfach das Erlebnis des Einsseins ist. Zur Erleuchtung kommt man möglicherweise nicht über Schulen und Meister, Regeln und Dogmen, sondern über das eigene Innere, wo man Schicht für Schicht von seiner Identität ablegt, bis – und davor hat wohl jeder Mensch Angst – nichts mehr übrig bleibt. Oder wie der japanische Dichter Matsuo ­Basho sagt: „Versuch nicht, in die Fußstapfen des Weisen zu treten. Suche einfach nur, ­wonach er suchte.“ Erleuchtung passt, was das Marketing angeht, wundervoll in unsere Konsumwelt. Die Versprechungen, die die spirituelle Werbung macht, sind überlebensgroß und fast ausnahmslos jeder möchte das Produkt, jeder möchte seine Sorgen loswerden. Man kann die Katze im Sack verkaufen, aber weil kaum jemand weiß, wie diese Katze aussieht, können genausogut Mäuse oder Entendreck im Sack sein. Es ist wie so oft: Wenn Verpackung und Versprechung stimmen, dann wird gekauft. Wen scheren die Stimmen derer, die sagen, sie wüssten, daß keine Katze im Sack ist. Nicht mal ihr Grinsen. Der Sack ist leer.

Selim Özdogan, geboren 1971, ­studierte Völkerkunde, Anglistik und Philosophie. Seit 1995 hat er zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter „Im Juli“, der auf Fatih Akins gleichnamigem Film von 2000 basiert. 

Spiritueller Aktivismus: Vom ich zum wir

Spiritueller Aktivismus

Mit Yoga öffnen wir neue Räume. Im Körper und in unserem Leben. Wir fühlen uns gesund und entspannt. Aber was dann? Wie können wir mit unserer Praxis eine Stufe weiter gehen? Der Wunsch, Yoga jenseits der Matte gesellschaftsrelevant einzusetzen, ist für viele Konsequenz der intensiven Beschäftigung mit Yoga. Organisationen wie Off The Mat Into The World (OTM) haben bereits zahlreiche soziale Projekte angestoßen, engagierte Menschen zusammengebracht und dazu beigetragen, Ideen zu verwirklichen.

YOGA JOURNAL-Mitarbeiterin Gaby Haiber hat 2009 einen OTM-Workshop in den USA besucht. Ergebnis: Ein beeindruckender Erfahrungsbericht, eine inspirierte YJ-Autorin und  der Import des OTM-Konzepts in Deutschland.

Jetzt befinde ich mich nun schon seit gefühlten 20 Minuten in einer Variation von Utthita Parshvakonasana (gestreckter seitlicher Winkel). Der Schweiß tropft mir von der Stirn und ich fluche innerlich. Gedanklich gehe ich auf Reisen, um den Emotionen und Körpergefühlen zu entkommen. Doch dann übernimmt meine Kämpfernatur das Ruder. Ich verziehe keine Miene, stoisch und unbeweglich verharre ich in der Asana, bis man mir (hoffentlich bald) sagt, jetzt kannst du aus der Stellung kommen. Andere verleihen ihren Gefühlen Ausdruck, ich gehe damit nach innen. Dann endlich kommen wir zum Ende der Sequenz. Erleichterung macht sich breit.

„Sucht euch einen Partner und tauscht euch über das gerade Erfahrene aus“, höre ich Seane Corn sagen. Nein, bitte nicht auch noch das, denke ich. Meine spontane Reaktion: Widerstand. Aber schon setzt sich eine der Assistentinnen vor mich und hilft mir, diese Hürde zu nehmen. Dann ist der Vormittag vorbei. Und das ist erst Tag eins von einer Woche.

Nein, ich und 50 andere Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt befinden uns nicht in einem Yoga-Bootcamp, sondern beim „Off The Mat Into The World (OTM) – Yoga, Purpose and Action Intensive“-Seminar. Seane Corn, Hala Khouri und Suzanne Sterling, die Gründerinnen von OTM, leiten uns in Esalen an der kalifornischen Westküste durch den Workshop über spirituellen, bewussten Aktivismus. Ihr Leitgedanke: Yoga nicht nur auf der Matte zu praktizieren, sondern das Gelernte, wie Stärke, Achtsamkeit, Mitgefühl, Fokus und Flexibilität, zu nutzen und damit zu einer positiven Veränderung in der Welt beizutragen.

Das OTM-Programm soll die Teilnehmer dabei unterstützen, ihr Ziel konkreter zu definieren und in einer effektiven, ambitionierten und freudvollen Art und Weise aktiv zu werden. Mit Seva, dem selbstlosen Dienen, soll real Veränderung geschaffen werden. Durch die Kombination von Yoga, Meditation, Visualisation, experimentellen Übungen (wie etwa Konfliktlösung) und Prozessarbeit werden die Teilnehmer auf eine Reise der Selbsterkennung geführt. Im zweiten Teil erhalten sie praktische Werkzeuge hinsichtlich Kommunikation, Organisation und ­Zusammenarbeit in Gruppen.

Turbo-Transformation

Inzwischen sind schon zwei Tage vergangen – oder war es eine ganze Woche? Wir sind alle so tief in diesen Vorgang der Selbsterkenntnis, der Transformation, der bedingungslosen Selbstreflektion eingetaucht , dass wir das Zeit-Raum-Gefühl verloren haben. Wieder einmal befinde ich mich in einer Variation von Utthita Parshvakonasana. Meiner, respektive unser aller, Lieblingsstellung. Als es wieder eine Ebene tiefer geht, erinnere ich mich plötzlich an einen Nebensatz von Hala am Vortag: „Ihr entscheidet, wann ihr aus der Asana kommt.“ Wie oft habe ich genau diese Worte in meinem Unterricht schon gebraucht, wie viel Gewicht lege ich selbst auf Eigenverantwortung. Und ja, ich glaube fest daran.

Aber es ist mir bis zu diesem Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen, genau diese Anweisung in meine Praxis zu integrieren. Ich habe immer entschieden, ob ich in eine Stellung gehe oder nicht. Aber bin ich erst einmal in einer Haltung, gibt es für mich kein Zurück mehr, kein Abbrechen, kein Aufgeben. Jetzt plötzlich hallen diese Worte in meinen Ohren und ich spiele wahrhaftig mit dem Gedanken, das Gesagte auszuprobieren. Und tatsächlich gehe ich aus der Stellung, bevor die Übung offiziell beendet wird. Ich warte darauf, dass etwas passiert. Doch alles läuft weiter, als ob nichts geschehen wäre – äußerlich.

In meinem Inneren fallen plötzlich alle emotionalen Schutzmauern, und eine Flut von Gefühlen bricht über mich herein. Mit einer gewissen Faszination nehme ich wahr, was gerade passiert. Aus dem Off tönt immer wieder Seanes klare und bestimmte Stimme „Was fühlt ihr? Was nehmt ihr wahr? Weicht nicht aus, bleibt präsent! Wo seid ihr mit euren Gedanken? Lasst die Emotionen zu, schaut sie euch an.“ Mit den Erfahrungen, die wir auf der Yoga-Matte unter der Anleitung der drei erfahrenen Lehrerinnen machen, arbeiten wir nachmittags in Gesprächen, in Rollenspielen, in Klein- und Großgruppen. Wir konfrontieren uns mit unseren Ängsten, unseren Schatten, unseren Verletzungen, unseren Traumata. Wir schauen sie uns an und transformieren sie durch Übungen und Gespräche.

Die Mischung der Teilnehmer aus Aktivisten und Yogis bildet eine gute Basis, uns gegenseitig zu inspirieren. Die erste Gruppe, oftmals schon kurz vor dem Burnout, fand mit Yoga einen Ausgleich, der sie Kräfte sammeln ließ. Ohne das Wissen und den Zugang zu ihren Ressourcen erschöpfte ihr Einsatz sie jedoch regelmäßig. Die zweite Gruppe konnte durch ihre tiefe Yoga-Praxis Energien freisetzen und einen Zustand im Alltag erreichen, der sie den Blick von der eigenen Person lösen und nach außen richten ließ.

Alle, die Aktivisten und die Yogis, waren an einem Punkt angekommen, dem sie ratlos gegenüber standen. Diese Gedanken verbinden viele der Teilnehmer, die am „Off The Mat Into The World“-Workshop teilnehmen. Konkret wünschen sich die Aktivisten, dass sie mit Yoga einen Weg finden, ihre Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Gleichzeitig wollen sie ihre Arbeit nachhaltig ausführen und die Motivation hinter ihrem Aktivismus beleuchten. Die Yoga-Fraktion wünscht sich Inspiration und umsetzbare Ideen, wie sie Yoga von der Matte in die Welt tragen kann.

Bereits zu Beginn des Workshops gelingt es Suzanne, Seane und Hala, Intimität zwischen sich und den Teilnehmern herzustellen. Durch ihre bestechende Offenheit und Bereitschaft, über ihre eigenen Schatten zu reden, öffnet sich der Vorhang für viele Teilnehmer schnell. Die Frage „Wie kann ich Gutes tun, wenn ich in schwierigen Situationen meine eigenen unverarbeiteten Ängste und Emotionen auf die Situation oder mein Gegenüber projiziere?“ dominiert unsere Gedanken.

Das Seminar macht klar: Um effektive Arbeit leisten zu können, muss ich mir bewusst sein, was in mir vorgeht. Was könnte beispielsweise die Begegnung mit misshandelten Kindern in uns auslösen? Unsere vermeintlichen Schwächen oder Traumata können damit zu unseren Stärken werden. Deshalb ist es so wichtig zu erkennen, was in unserem Innersten der Heilung bedarf. Es ist notwendig zu wissen, was wir loslassen sollten, damit wir klar und bewusst sind, wenn wir in die Welt treten. Das ist einer der Schlüssel für nachhaltiges und effektives Helfen und das ist es, was den Weg zu einem spirituellen, bewussten Aktivismus für mich kennzeichnet.

Obwohl die Seminar-Leiterinnen sehr viel von sich preisgeben, schaffen sie es dennoch, als Autoritäten wahrgenommen zu werden – ein Kunstgriff. Ein neues Modell von „Leadership“: Sei dein Wort. Sei echt und wahrhaftig, bleibe integer, um genau so zu unterrichten und dadurch die Menschen zu erreichen. Keine Spur von der Annahme, dass Lehrer oder Gurus unfehlbar seien. Die eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten reflektieren, sich akzeptieren und lieben. Wer diesen Weg wählt, sowohl als Lehrer als auch als Schüler, für den wird die Bestätigung von außen unwichtig und Konzentration auf das Wesentliche möglich.

Vierter Tag. Die Stimmung ist leichter, ich fühle mich in gewisser Weise gereinigt. Wie nach dem Aufräumen der eigenen Wohnung gibt es nun Platz für Neues. Ich bin zum perfekten Resonanzkörper für meine Stimme geworden. „Stellt euch im Kreis auf, wir werden jetzt singen“, lässt Suzanne uns wissen. Ich sehe Entsetzen in vielen Augen. Für mich ist es nicht ganz so schrecklich. Es ist beeindruckend, wie Suzanne uns trotzdem alle in den Bann der Musik zieht. „Okay, ihr habt eure Stimme gefunden. Sie ist ein kraftvolles Werkzeug. Nutzt sie, um damit klar und deutlich eure Absichten, Visionen, Hoffnungen, Gefühle und auch Ängste zu äußern“, sagt sie und macht uns damit die Bedeutung unserer Stimmen klar.

Nach den ersten Tagen tiefen Eintauchens in einen Transformationsprozess, einer bedingungslosen Selbstreflektion, geht es in der zweiten Hälfte darum, diese neu erworbenen Erkenntnisse zu nutzen. Was wollen wir damit in der Welt anfangen? Wenn wir alle Mittel der Welt zur Verfügung hätten, was würden wir damit tun? Welche Ressourcen wären notwendig? Was sind unsere Stärken, Talente, Leidenschaften? Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir nur etwas bewegen können, wenn wir als gutes Beispiel vorangehen. Ganz im Sinne Gandhis: „Sei der Wandel, den du in der Welt sehen möchtest.“ Mit diesem Ansatz können wir auch andere auf ihrem Weg unterstützen und ihnen durch unsere eigenen Geschichten und Erfahrungen Mut machen. Die Aufgabe lautet, andere mit unserer eigenen Inspiration zu inspirieren.

Im letzten Teil des Seminars bekommen wir praktische Werkzeuge für Kommunikation und Organisation in Zusammenarbeit mit anderen vermittelt. Außerdem werden wir mit endlosen Vernetzungsmöglichkeiten bekannt gemacht, um in unserem Umfeld zuhause „Small Circles of Change“ (Projektgruppen) zu gründen. All das – welch ein Erlebnis! Noch nie war mir so bewusst, dass ich durch meine Asana-Praxis, durch Pranayama und Meditation meine tiefsten Gefühle und Konditionierungen erreichen kann, um sie dann zu transformieren. Die Woche in Kurzform: Erkenne, lasse zu, erfahre, transformiere, bleibe präsent, schaue genau, nutze Yoga als Weg, um dich zu erfahren und deine Schatten zu betrachten. Damit haben wir uns täglich aufs Neue auseinandergesetzt. Es ging tief, glich einem 90°-Waschmaschinen-Programm mit extra Schleudergang. Es war konfrontativ, wahrlich transformativ und schlicht und ergreifend intensiv. Hätte ich bloß im Vorfeld dem Wort „Intensive“ im Titel des Workshops mehr Beachtung geschenkt.

Seanes, Suzannes und Halas Intention, mit ihrer Organisation OTM real Veränderung zu schaffen und nicht nur ein nettes Zusammentreffen im Yoga-Outfit zu veranstalten, war in jedem Moment klar. Damit sind sie Teil einer sich immer deutlicher abzeichnenden Bewegung, eines Zeitgeistes, der uns vom Ich zum Wir bringt. Keine Spur mehr von der „Lonesome Yogi“-Attitüde, stattdessen rückt die Hinwendung zu unseren Mitmenschen mehr und mehr in den Vordergrund. Ein globaleres Bewusstsein und die Erkenntnis, dass wir alle verbunden sind, birgt Hoffnung und Zuversicht. Das Image des ernsten, sich selbst aufopfernden Märtyrers wird abgelöst durch Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, die mit Freude ausziehen, um die Welt zu verändern. Und die daran glauben, dass jede einzelne Person Veränderung bewirken kann. Ich bin zutiefst inspiriert und weiß um unsere Aufgabe: „Let’s make the world a better place!“