Gabriela Bozic: „Frauen haben eine bessere Intuition“

Gabriela Bozic

„Yoga ist vielleicht nicht mehr männlich genug.“ Die Jivamukti-Lehrerin Gabriela Bozic lebt und unterrichtet nach einer Lehrstelle in London wieder in München. YOGA JOURNAL-Autorin Diana Krebs traf sie 2010 zu einem Gespräch über die heilsamen Aspekte des Übens und darüber, ob Yoga (zu) weiblich geworden ist.

YOGA JOURNAL: Gibt es weibliche und männliche Aspekte im Yoga?
GABRIELA BOZIC: Das Schöne am Yoga ist, dass die vermeintlichen Gegensätze zusammenkommen. Denn in jeder Frau steckt auch ein Mann, und umgekehrt. Diese so genannten Yin- und Yang-Qualitäten zu vereinen und dadurch ein Spielfeld zu erhalten, auf dem man sich der Situation angemessen männlich oder weiblich verhalten kann – das streben wir im Yoga an. Einige wählen bewusst die männlichen Qualitäten wie Durchsetzungsvermögen oder Aktivität. Die anderen entdecken für sich Hingabe, Gefühl, Geduld oder Toleranz – als eher weibliche Qualitäten. Es geht darum, alles zu leben. Werde dir bewusst, dass du diese gesamte Palette an Möglichkeiten hast und in deine Persönlichkeit integrieren kannst.

Yoga wurde lange Zeit von männlichen Gurus dominiert. In den letzten Jahren hat sich dieses Bild extrem gewandelt. Wie ­verändern die zahlreichen weiblichen Gurus die ­Yogaszene?
Hatha Yoga war anfangs eine Lehre von Männern für Männer. Als Krishnamaracharya anfing, diese alte Regel zu durchbrechen und Frauen zu unterrichten, war das ein bahnbrechendes Ereignis.

Inwiefern?
Was ich jetzt sage, hört sich vielleicht nach einem Klischee an, aber Frauen haben eine bessere Intuition. Sie wissen einfach, was ihnen gut tut: innere Ruhe, Stärke – all diese Dinge, die Yoga tatsächlich vermitteln und bewegen kann in der Welt. Und so fühlen sich die Frauen eher zum Yoga hingezogen als Männer, die es über die Zeit möglicherweise als „weiblich-romantisch“ abgelegt haben. Männern ist Yoga vielleicht nicht mehr männlich genug.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Ich finde es gut, dass es so viele weibliche Yoga-Praktizierende gibt. Schließlich bringen sie die Kinder auf die Welt, die uns ins neue Zeitalter führen. Die Praxis hat beispielsweise direkten Einfluss auf ihr noch ungeborenes Baby und wirkt weiter nach der Geburt. Frauen haben einen unglaublichen Einfluss auf ihre Familie; sie geben die yogischen Qualitäten weiter. Durch dieses natürliche Einfließen wird Yoga vielleicht auch für die männlichen Familienmitglieder alltäglich und selbstverständlich.

Das heißt, Frauen bringen ihre persönlichen Erfahrungswerte in ihre Yogapraxis ein?
Genau. Dabei handelt es sich um Erfahrungen, die zuvor vielleicht gar nicht unterrichtet worden sind, wie etwa beim Prenatal- und Postnatal-Yoga. Yoga in der Schwangerschaft ist ein Geschenk an die Menschheit. Viele meiner Freundinnen haben während ihrer Schwangerschaft Yoga praktiziert. Gurmukh ist eine Pionierin auf diesem Gebiet. Von ihr habe ich gelernt, welche Auswirkungen Yoga in der Schwangerschaft auf das Ungeborene hat und auf den Hormonhaushalt der Frau nach der Geburt. Dabei ist die Schwangerschaft an sich bereits eine Yoga­erfahrung – eine Erfahrung der Einheit.

Du sprichst von Frauen als Mütter…
Auch ein Leben ohne Kinder kann ein sehr erfülltes sein. Ich finde, dieser Erfahrungswert – sich bewusst gegen das Kinderkriegen zu entscheiden – muss speziell im Yoga Platz haben. Wir Yogis sollten aufräumen mit diesen alten Klischees und Konditionierungen, eine Frau müsse ein Kind haben. Wer sagt das? Kann man nicht auch Erfüllung in etwas anderem finden, als sich selbst in seinem Kind zu sehen? Auch ohne Kinder sind Frauen ausgestattet mit den körperlichen Eigenschaften einer Mutter. Leider glauben sie oftmals, nur durch eine Schwangerschaft und die Geburt ihre Weiblichkeit spüren zu können.

Im Hatha Yoga habe ich oft den Eindruck, es gehe nur um die perfekte Körperlichkeit. Wie schützt man sich als Frau in einer Yogaklasse vor dem Diktat einer rigiden Körperlichkeit?
Diese Einstellung bringen einige Schüler in die Yogaklasse mit. Sie sehen Yoga als Wettbewerb und nicht als ein Teilnehmen am Wunder des Lebens durch Bewegung und den Atem. Die Frau ist ein ­Mondwesen inklusive Mondzyklus. Das zu verneinen würde bedeuten, eigenes Leben zu verneinen. Beispielsweise fassen viele Frauen den Ratschlag eines männlichen Yogalehrers, während der Periode kein Yoga zu praktizieren, häufig als sexistisch auf. Die Menstruation zu verleugnen ist jedoch das Gegenteil von dem, um was es im Yoga eigentlich geht: Selbsterkenntnis.

Einfacher gesagt als getan…
Jede Yogini sollte sich fragen: Folge ich nur einem Trend oder bin ich auf der Suche nach Selbsterkenntnis, Wahrheit und einem erweiterten Bewusstsein? Was erwarte ich vom Yogaweg? Ist es körperliche Ertüchtigung, möchte ich nur Gewicht verlieren? Oder soll es mich näher an das Wesen meiner Seele bringen? Oder mir helfen, mich besser kennen zu lernen, meine hellen und dunklen Seiten zu erkennen und diese zu umarmen? Ich ­empfehle Frauen, den Unterricht von Yogalehrerinnen zu besuchen – natürlich nicht ausschließlich. Denn mit einer Yogalehrerin über Themen wie ­Menstruation zu sprechen, hilft Frauen eher weiter, oder nicht?

Hast du denn die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen mit spezifisch weiblichen Fragen eher an Männer wenden?
Sehr häufig, das ist oftmals kulturell ­bedingt. Die Männer waren als Lehrer immer in der Mehrzahl, an Schulen, Universitäten, im Kloster und im spirituellen Bereich. In der Yogawelt sind die Toplehrer häufig immer noch Männer. Das ändert sich allmählich, gerade wenn man in die USA blickt und an Lehrerinnen wie Shiva Rea, Seane Corn oder Gurmukh denkt. Aber durch diese Konditionierung – der Mann ist Wissender und Lehrer – gehen viele Frauen oft zu einem männlichen Ratgeber. An dieser Stelle bringt Yoga Licht in das unbewusste Verhalten. Erst wenn die alten Überzeugungen erkannt werden, kannst du dich bewusst entscheiden, sie fortzusetzen oder aufzugeben, weil sie nicht mehr nützlich sind.

Wie gestaltest du eine Open Class, wenn ­diese beispielsweise zu 80 Prozent aus Frauen ­besteht?
Ich unterrichte manchmal sogar reine Frauenstunden. In dem Fall kann ich mich in meinem Unterricht auf jene Qualitäten konzentrieren, die oft schon abhanden gekommen sind: das Feminine, die Hingabe und das Rezeptive. Dabei möchte ich vermitteln, dass es ohne Hingabe im Yoga zu einem Stillstand kommt, der auch die Männer betrifft. In einer typischen Open Class versuche ich stets, männliche und weibliche Qualitäten zusammenzubringen. Ich integriere sowohl Asanas, die sich mehr auf das Loslassen und Atmen konzentrieren, als auch ­Haltungen, die auf Kraft, Energie und Ausdauer basieren.

Du wünschst dir mehr Solidarität unter Frauen. Ist das ein Element, das du in der Y­ogawelt vermisst?
Ja! Ich habe häufig das Gefühl, dass sich Frauen innerhalb der Yogaszene in einem Konkurrenzkampf befinden, wobei Konkurrenzdenken total überflüssig ist – finde ich. Schließlich vergleicht sich eine Blume nicht mit einer anderen Blume. Jede von uns hat ein bestimmtes Talent, das uns ausmacht. Das ist gut so, denn diese Unterschiede machen die Welt so vielfältig. Und dennoch haben wir alle einen Herzschlag und einen Atem, den wir teilen. Wir alle sind Ausdruck dieser gemeinsamen Existenz.

Wie schaffen wir es, Konkurrenzdenken ­abzulegen?
Beginne zunächst einmal mit Respekt dir selbst gegenüber. Wenn du dich annehmen und akzeptieren kannst mit allen Schatten- und Lichtseiten, dann schaffst du es auch, deine vermeintliche Konkurrentin zu akzeptieren und sie als Schwes­ter zu sehen. Yoga kann dabei helfen, den Respekt dir selbst gegenüber aufzubauen und wahres Selbstvertrauen zu entwickeln. Es sind unsere Schattenseiten, die darauf warten, akzeptiert zu werden. ­Diese Frau ist in dein Leben getreten, damit du dich selbst in ihr erkennst und aufhörst, zu bewerten. Beginne stattdessen, Yoga zu leben!

Bilderquelle: Gabriela Bozic

Shiva-Mantra N°2

Om Namah Shivaya Gurave Sacchidananda Murtaye Nishprapanchaya Shantaya Niralambaya Tejase

Jede Anusara-Yogastunde wird mit diesem Mantra eröffnet. Die ersten beiden Zeilen können etwa folgendermaßen übersetzt werden:  „Ich verneige mich vor Shiva, dem göttlichen Lehrer in mir, der die Dreifaltigkeit von Wahrheit (Sat), reinem Bewusstsein (Chit) und Glückseligkeit (Ananda) verkörpert (Murtaye).“

Om, ich verneige mich vor Shiva. „Dein Wille geschehe!“ Für einen Moment geben wir uns dem Gefühl hin, vom Vater getragen zu werden; all unsere Anstrengungen, unser Bestreben, unsere Planungen und Projekte werden in die Hand Gottes gelegt. Shiva ist ein Name für den göttlichen Vater. Interessanterweise gibt es bei den Hopi-Indianern das Wort „Shima“, was „Liebe“ bedeutet. Das „Ma“ in Shima weist auf die mütterliche Liebe hin. Und da „Va“ für den Vater steht, ist Shiva die Liebe des (göttlichen) Vaters. „Om namah“ ist eine häufige Eröffnung von Anrufungen und bedeutet frei interpretiert so viel wie „Im Schwingungsfeld des Urklangs Om rufe ich deinen Namen … (Shiva)“. In „Namah“ oder „Namaha“ steckt das Wort „Name“. Auch ist „Namah“ eine andere Form von „Namas“, der „Ver- beugung, Verneigung, Verehrung“. Das Sich-Verneigen ist sowohl eine wichtige Methode, um sich von falschem Stolz zu befreien als auch eine essenzielle spirituelle Praxis. Shiva, der Zerstörer, kann uns von unseren „Dämonen“ erlösen. Im Christentum seien als Dämonen z.B. die sieben Todsünden genannt: Stolz, Habgier, Wollust, Zorn, Selbstsucht, Neid und Ignoranz. „Om Namah Shivaya“ ist die Anrufung und Ehrerbietung Shivas, der der König der Yogis ist; für manche der größte Gott, für andere ein Gott im Pantheon der hinduistischen Gottheiten, erzeugt er die Klarheit des Geistes. Das dritte, alles intuitiv sehende und klar unterscheidende Auge beginnt sich zu öffnen.

NA MA SHI VA YA kann auch in Bezug auf die fünf Elemente praktiziert werden: Erde (NA), Wasser (MA), Feuer (SHI), Luft (VA) und Raum (YA). So führt uns das Mantra zurück zum elementaren Urgrund der Schöpfung. „Möge das Feuer der väterlichen Liebe uns transformieren!“ – Om Namah Shivaya!

In der dritten und vierten Zeile werden Bewusstseinszustände beschrieben, die sich der Yogapraktizierende bzw. Mantra-Rezitierende herbeiruft. Prapancha bedeutet „Manifestation“, „Verschiedenheit“ und die „physische Realität der fünf Elemente“, die Silbe Nish vorneweg ist die Umkehrung bzw. Verneinung des Wortes. Es wird der friedvolle Zustand (Shantaya) ersehnt, der jenseits aller Manifestation herrscht. Niralambaya heißt zunächst „unabhängig, ohne Stütze, allein“. Oft ist, laut dem spirituellen Wörterbuch der Sathya Sai e. V. der Bewusstseinszustand gemeint, in dem Transzendenz ununterbrochen lebendig und deshalb Freiheit von relativen Aspekten erlangt worden ist. In diesem Licht und in diesem erleuchteten Zustand (Tejas) möchten wir alle gern sein. Na dann: Auf die Matte, fertig, los!


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 04 – 2009


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Auf den Spuren von Osho: Erleuchtung oder Enttäuschung?

Baghwan Osho

Kaum ein spiritueller Lehrer ist so umstritten wie Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte. Von Tausenden als Erleuchteter verehrt und von den Medien in den Siebzigern als „Sex-Guru“ abgestempelt, erregt er bis heute das öffentliche Interesse.

„Schuhe und Verstand bitte draußen lassen“, war in den 1970ern auf einem Schild vor Bhagwans Buddha-Halle im indischen Poona zu lesen, in der er täglich seine Vorträge hielt. Heute steht das Schild nicht mehr dort. Trotzdem ist die Anweisung berechtigt.

Wenn man dem heutigen Osho Meditation Resort in Pune einen Besuch abstattet, trifft man morgens in der pyramidenförmigen Meditationshalle – wie damals – auf hunderte Menschen in roten Roben, die laut und mit erhobenen Armen „Hu! Hu! Hu!“ schreien. Oshos „Dynamische Meditation“ verläuft in fünf Phasen, und steht im Gegensatz zu traditionellen Meditationstechniken: Zuerst atmet man kraftvoll und „chaotisch“ durch die Nase, lässt dann in der Katharsis seinem Körper und allen Gefühlen freien Lauf, springt in der dritten Phase mit erhobenen Armen auf und ab, während man laut und kontinuierlich das Mantra „Hu“ ruft, verharrt anschließend wie versteinert in völliger Stille und beendet die Meditation mit Tanzen.

Laut Osho braucht der westliche Geist für die innere Stille das Gegenteil: Aktivität

Statt den Verstand ruhig zustellen, forderte er diesen heraus. Austoben soll man sich deshalb in den ersten Phasen der Dynamischen Meditation, um dann – ganz von selbst – in Ruhe zu verfallen, in der sich die Wellen des Verstands beobachten lassen. Dahinter steckt ­Oshos Ansicht, dass alles, was verdrängt oder unterdrückt wird, später intensiver wieder hochkommt. Heute teilen diesen Ansatz einige von Osho völlig unabhängige Therapeuten und setzen die Dynamische Meditation begleitend zur Psychotherapie ein.

Offener mit dem Thema Sexualität umzugehen, war nur eine seiner daraus resultierenden Forderungen: Die indische Gesellschaft empfand er als verklemmt. Priestern warf er vor, ihre Sexualität nicht zu transzendieren, sondern lediglich zu unterdrücken – ein Ansatz, der damals für reichlich Furore sorgte.

Osho Poona Ashram Life

Encounter als „Übung, die zum Wahnsinn treibt“

Der Einfluss westlicher Psychotherapien zeigte sich auch in den legendären Encounter-Gruppen, englisch für ­“Begegnung“, die damals im Ashram veranstaltet wurden. Bei diesen Gruppen ging es um die intensive Konfrontation zwischen den Teilnehmern – die Presse berichtete von mehreren Knochenbrüchen, zu denen es bei gewalttätigen ­Auseinandersetzungen kam. In seinem Tagebuch „Ganz ­entspannt im Hier & Jetzt“ beschreibt der ehemalige „Stern“-Reporter Jörg Andrees Elten alias Satyananda (siehe Interview unten), der 1977 seine bürgerliche Existenz aufgab, um von da an ganz im Ashram zu leben. Aus einer der Gruppen kam er selbst mit einem ­Rippenbruch zurück.

Bhagwan traf den damaligen Zeitgeist: In den siebziger Jahren waren viele Menschen aufgebrochen – zu einem neuen Bewusstsein, Spiritualität und sexueller Befreiung. Bei der breiten Masse rief der Name „Bhagwan“ jedoch negative Assoziationen hervor. Die Medien berichteten nicht nur reißerisch vom „Sex-Guru“ und den gewaltsamen Ausschreitungen in den Gruppen, auch seine Rolls-Royce-Sammlung und die höchst provokativen Reden waren Stein des Anstoßes. Wer sich damals zu seinem Guru bekannte, hatte es nicht leicht: Mit orangefarbenen Gewändern und der Holzmala mit dem Bild des Meisters um den Hals war man auch zu Hause im heimatlichen Dorf für jeden sofort erkennbar.

Sicher war auch hier Provokation im Spiel, schließlich ging es um Befreiung – von gesellschaftlichen und individuellen Zwängen.

Manche, die heute von Osho hören oder lesen, wissen gar nicht, dass es sich bei ihm und Bhagwan um dieselbe Person handelt. Während viele „Osho“ mit seiner Lehre, den Büchern und Meditationen in Verbindung bringen, wendet sich das Blatt, sobald der Name „Bhagwan“ fällt. Dann wird vor allem die Erinnerung an Negativmeldungen im Zusammenhang mit Sex, teuren Autos und angeblichen Sektenopfern wach.

Kritik hat die Neo-Sannyas-Bewegung im Laufe der ­Jahrzehnte genug einstecken müssen. In Büchern und Filmen erzählen Sannyasin-Kinder von ihren negativen Erfahrungen; die Vorwürfe reichen von der Vernachlässigung durch ihre Eltern, die auf dem Selbstverwirklichungstrip ihre Kinder zurückließen, bis hin zur Misshandlung. Ein prominentes Medienthema war zudem das Scheitern der Kommune in Oregon. Von 1981 bis 1985 diente die „Big Muddy Ranch“ nahe der Stadt Antelope der wachsenden Bewegung als neue Heimat. Tausende Sannyasins arbeiteten Tag und Nacht am Aufbau – nach Aussage vieler zu beinahe unmenschlichen Bedingungen.

Bhagwans neue Sekretärin, Ma Anand Sheela, war stark in die Leitung der Kommune involviert – viele standen ihr und ihren Anweisungen kritisch gegenüber. Schnell kam es zu Problemen im Inneren und mit den ­Behörden. Die Situation eskalierte und Sheela wurde ­verhaftet – unter anderem fanden die ­Untersuchungsbehörden auf dem Gelände Abhöranlagen und ein ­Chemielabor mit ­Salmonellenkulturen. Bhagwan und die meisten ­Anhänger stellten sich nun offen gegen Sheela. Ein neuer Dokumentarfilm aus der Schweiz mit dem Titel „Guru – Bhagwan, His Secretary and His Bodyguard“, der Anfang September 2014 in die Kinos kam, beschäftigt sich mit Sheelas persönlicher Geschichte.

Ma Ananad SheelaSchon der Untertitel „Eine spirituelle Reise in die Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele“ macht klar, dass es in dieser Dokumentation nicht ­darum geht, einen historischen Rückblick über die Geschehnisse zu liefern, sondern die Frage nach dem Warum zu stellen. Die Regisseurin Sabine Gisinger, die zusammen mit Co-Autor Beat Häner den Film drehte, beschreibt ihre ­Motivation:

„Was uns stark umtrieb, war die Geschichte der Neo-Sannyas-Bewegung. Warum enden junge Menschen, denen es um spirituelle Selbstfindung und Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen ging, in einer zwanghaften, hierarchischen Gesellschaft? Wann führt eine Beziehung zu einem Guru zu neuen Abhängigkeiten? Diesen Fragen sind wir während der Recherchen und im Film nachgegangen. Sie führten am Ende auch zu der Entscheidung, den Film ausschließlich mit Sheela Birnstiel und Hugh Milne zu machen: die Sekretärin und der Leibwächter, archetypische Figuren aus dem Zentrum der Macht, in einer Geschichte, die über die der Neo-Sannyasins hinausweist.“

Ihr selbst fiel bei der ausführlichen Beschäftigung mit Oshos Gedankengut auf, dass vieles damals Neue und Revolutionäre heute selbstverständlich in unser Leben und Denken integriert ist. Was sie während der Recherchen erstaunte, war, dass sie immer wieder auf Menschen traf, die nicht in einem Film vorkommen wollten, in dem Sheela eine wichtige Rolle spielt.

„Sie gilt bei vielen ehemaligen ­Sannyasins bis heute als die Schuldige. Der Guru selbst machte sie beim Zusammenbruch der Kommune in Oregon zum Sündenbock. Warum gab und gibt es bei vielen Schülern des Gurus, der immer wieder dazu aufgerufen hat, den eigenen Schatten zu betrachten, nicht mehr Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten?“

Dieser Schatten wird im Film bis in den kleinsten Winkel beleuchtet. Sheela und Hugh, die sich seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen haben, stellen sich einer intensiven Auseinandersetzung. In langen Vorgesprächen und tagelangen Interviews fand eine detaillierte Zeitreise statt, die laut Regisseurin für alle Beteiligten aufwühlend und nicht immer einfach war. Die „Osho International Foundation“, die heute ­Oshos Nachlass urheberrechtlich verwaltet, distanzierte sich von diesem Film. Im Abspann ist zu lesen, dass den Filmemachern zwar die Verwendung von historischem Archivmaterial erlaubt wurde, der Inhalt und die Interpretationen des Films jedoch nicht Oshos Vision von Freiheit, Meditation und persönlicher Verantwortung entsprächen.

Oregon Ranch Rolls Royce OshoIn seinen letzten Jahren betonte Osho immer wieder die Eigenverantwortung des Einzelnen für sein Leben und Handeln. Manche Sannyasins berichten sogar von Statements nach dem Zusammenbruch der Kommune, Osho habe damit seine Schüler und deren Verantwortungsbewusstsein testen wollen. Zurück in Pune wollte Osho, dass der Ashram von nun an den Charakter eines Resorts haben sollte, in dem man entspannen und meditieren kann.

Osho wird heute „Guru der Reichen“ genannt

Heute sieht es dort genau so aus: Alles zeugt von Luxus. Viel Marmor, schickes Design, gepflegte Grünflächen, ein Pool, eine eigene Wasserfilteranlage, gutes Essen und ein umfassendes Angebot zur Selbstfindung. Man fühlt sich ein wenig wie in einer Seifenblase, erst wenn man vor die Tore tritt, ist man mitten in Indien. Alles kostet für indische Verhältnisse viel – die Aufnahmegebühr, der Tagespass, die Kurse, die roten und weißen Roben, die man hier tragen muss, das Essen, das Zimmer. Ob man überhaupt irgendeinen Eindruck davon erlangen kann, wie es damals war, sei dahingestellt. Es gibt sie nach wie vor, die Neo-Sannyas-Bewegung, aber man findet sie heute wohl woanders – verteilt in kleinen Gemeinschaften auf der ­ganzen Welt.

Bildquelle: www.gurufilm.ch


ÜBER BHAGWAN/OSHO

1931: Bhagwan Shree Rajneesh wird als Chandra Mohan Jain in einem kleinen indischen Dorf geboren. Den Spitznamen „Rajneesh“ erhält er als Kind von seiner Familie. Anfang der 1970er Jahre geben ihm seine Schüler den Titel „Bhagwan“ (Sanskrit, „der Gesegnete“) – „Shree“ ist in Indien die alltägliche Anrede für „Herr“.

Vor 1970 ist Bhagwan, der als Philosophieprofessor an der Universität lehrt, im Westen so gut wie unbekannt. Bereits in den 1960er Jahren lehrt er spezielle Meditationstechniken, die sich von herkömmlichen Methoden hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass sie in Bewegung durchgeführt werden.

In Indien allerdings fällt er durch seine kritischen Vorträge zu gesellschaftlichen Themen und über den Hinduismus auf.

1970 beginnt Bhagwan in seiner Wohnung in Bombay (heute Mumbai), Vorträge für ausgewählte Besucher zu halten. Er initiiert seine ersten Schüler und gibt ihnen neue Sanskrit-Namen – die Neo-Sannya-s-Bewegung ist geboren. Seine Schüler tragen von nun an orange -Kleidung und eine Holzmala mit seinem Bild.

1974 zieht Bhagwan mit seinen Schülern von Bombay nach Poona (heute Pune) und gründet im Koregaon-Park ein Meditationszentrum. Zehntausende Suchende aus aller Welt pilgern zwischen 1974 und 1981 dorthin. Der Tagesablauf ist strukturiert: Dynamische Meditation um sechs, Bhagwans Vortrag um acht, Kurse und Gruppen über den Tag verteilt, abends persönliche Gespräche in kleinen Gruppen mit dem Meister.

In den nächsten Jahren expandiert der Ashram stark, zudem werden in mehreren westlichen Ländern Meditationszentren von Anhängern gegründet.

1981: Seit Ende der 1970er ist Bhagwans Gesundheitszustand zunehmend schlecht, er reduziert den -persönlichen Kontakt zu seinen Schülern. Im April 1981 tritt er in eine Schweigephase ein. Ma Anand Sheela, Bhagwans neue Sekretärin, kauft im selben Jahr eine Ranch in Oregon. Da Bhagwan schweigt, wird sie seine offizielle Sprecherin.

1981 bis 1985: In Oregon entsteht eine Kommune mit dem Anspruch auf eine ideale Lebensgemeinschaft. Die lokalen Behörden und die einheimische -Bevölkerung stehen der Kommune feindselig gegenüber. Nach offiziellen Bestimmungen darf nur eine kleine Anzahl von Häusern auf den Ländereien errichtet werden – tatsächlich kommen jedoch Tausende Sannyasins.

1982 wird auf dem Gelände eine Stadt gegründet: „Raj-neeshpuram“ mit eigener Post und Schule, eigenen Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten und einem privaten Flugplatz. Bald schalten sich die Einwanderungsbehörden wegen fehlender Aufenthaltsgenehmigungen und angeblicher Scheinehen ein.

Im Inneren wächst der Unmut aufgrund von harten Arbeits- und Lebensbedingungen.

1984: Bhagwan bricht sein Schweigen und hält wieder Vorträge. Die internen Stimmen gegen Sheelas Führungsstil werden immer lauter. Bhagwan selbst distanziert sich in einer Pressekonferenz von ihr. Außen erhöht sich der Verdacht auf kriminelle Machenschaften in der Kommune.

1985 wird Sheela wegen Brandstiftung, Betreibens von Abhöranlagen und versuchten Mordes verhaftet und zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Bhagwan wird wegen angeblicher Einwanderungsdelikte festgenommen, jedoch auf Bewährung unter der Bedingung, das Land zu verlassen, freigelassen.

1987: Nach Reisen in verschiedene Länder kehrt Bhagwan in den Ashram nach Pune zurück. Von nun an liegt der Fokus wieder stark auf den Meditationen; die einheitliche orangefarbene beziehungsweise rote Kleidung und die Mala werden abgeschafft.

1988 erklärt Bhagwan, dass er von nun an nicht mehr so genannt werden will, mit den Worten, der Scherz sei nun vorbei. Er nimmt den Namen Osho an, im Zen-Buddhismus ein Titel für Mönche.

Oshos Gesundheitszustand verschlechtert sich. Bald hält er keine Vorträge mehr.

Am 19. Januar 1990 stirbt Osho mit 58 Jahren. Seine Asche wird von seinen Schülern feierlich im Ashram untergebracht. Noch heute können Besucher an der Gedenkstätte meditieren.


Insider-Sicht: Vom anderen „Stern“

Der Journalist Jörg Andrees Elten arbeitete jahrelang als Reporter für den „Stern“. 1977 reiste er zu Bhagwans Ashram nach Pune – und blieb. 1979 schrieb er seine Erlebnisse in dem Bestseller „Ganz entspannt im Hier & Jetzt“ nieder. Seit 1998 lebt er in Mecklenburg und leitet dort ein Institut für Kreativität und Meditation.

YOGA JOURNAL: Herr Elten, Bhagwan ist tot, um die Sannyas-Bewegung ist es ruhig geworden. Wo finden sich denn noch Spuren von diesem Aufbruch?

JÖRG ANDREES ELTEN: Die Bewegung hat es eigentlich nie ­gegeben. Es gab ein paar ­hunderttausend Individualisten, die sich rot gekleidet, aber ihr gewohntes Umfeld nie verlassen haben. Nur relativ ­wenige Sannyasins waren im Ashram von ­Poona und in den Osho-Medita­tionszentren weltweit aktiv. Viele Zentren gibt es inzwischen nicht mehr. Die meisten Sannyasins gehen ganz unspektakulär ihren Berufen nach. Viele arbeiten mit Menschen, vor allem als Ärzte, Heilpraktiker, Sozialhelfer, Lehrer, Anwälte und Richter. Sie tragen keine Mala und kein Rot mehr. Aber was sie bei Osho gelernt haben, tragen sie sicher weiter.

Wäre so etwas wie Poona heute wieder möglich?

Nein, jedenfalls nicht in dieser Form. Osho ist nicht mehr in seinem Körper und die Menschen, die heute ihren Weg als spirituelle Sucher gehen, sind ganz anders als früher. Ich denke aber, dass die Kommune als Lebensform eine große Zukunft hat. Viele Menschen sind schon dabei, sich in Lebensgemeinschaften zu organisieren. Es ist nicht die Blutsverwandtschaft, die sie zusammenführt, sondern eher ein spiritueller Gleichklang. Viele träumen von modernen Landkommunen, die über das Internet mit der ganzen Welt verbunden sind. Sie wollen umweltfreundlich leben, ihre Kinder in eigenen Schulen erziehen, eine ökologische Landwirtschaft betreiben und ihre Kreativität auch künstlerisch entfalten. Das Internet verbindet die tiefste Provinz mit der Welt.

Wird Bhagwan vergessen? War’s das? Oder kann seine Lehre eine Renaissance erleben?

Er ist seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Aber immer mehr Menschen sehen in ihm das, was er von Anfang an war: einen Weisen, der die Antworten auf viele existenzielle Fragen unserer Zeit hat. Seine Bücher erzielen weltweit Millionenauflagen. Sein Gesamtwerk ist vor zwei Jahren in die Bibliothek des indischen Parlaments aufgenommen worden – eine Ehre, die bisher nur noch Mahatma Gandhi zuteil geworden ist. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Osho zumindest in Indien angekommen ist und ernst genommen wird.

Sie sind einen sehr ungewöhnlichen Weg gegangen. Meinen Sie, dass die jüngere Generation von Ihnen etwas lernen kann? Oder ist das alles zu ­eskapistisch?

Nein, das ist nicht eskapistisch, sondern eher pragmatisch, was ich meinem Enkel raten werde, wenn er das rechte Alter erreicht hat. Ich werde ihm vor allem dies raten: Meditiere jeden Morgen eine halbe Stunde. Lerne die Sprache deines Körpers und achte auf seine Signale. Sei dir in jedem Augenblick bewusst, was du tust und was du denkst. Gehe nicht wie ein Roboter durch den Tag – deautomatisiere dich. Habe den Mut, immer wieder bequeme Sicherheiten los zulassen und Neues anzupacken. Mache keine Kompromisse auf Kosten deiner Integrität.

Sei dir bewusst, dass du nicht auf der Welt bist, um die Erwartungen anderer Leute zu erfüllen.

Wisse, dass Liebe nichts mit Nehmen zu tun hat, sondern nur mit Geben. Trenne dich von Beziehungen, die nicht mehr lebendig sind und von Arbeitsverhältnissen, die dich herunterziehen. Freue dich nicht nur über deine Erfolge, sondern auch über deine Niederlagen, denn sie sind dein bester Lehrmeister.

Bei diesem Interview (2010) handelt es sich um Auszüge aus einem Gespräch der Hamburger Publizistin und Radiomoderatorin Gabriele Heise mit Jörg Andrees Elten.

Sommer in Orange – „Die Heimat da drinnen“

Von der „Sekte“ eines umstrittenen Gurus zur akzeptierten Form von Selbsterforschung: Mit seinem Film „Sommer in Orange“ über eine Sannyasin-Kommune in den 80er Jahren gibt Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) dem lange kontrovers diskutierten Thema eine populäre, versöhnliche Note – und seinen original bayerischen Humor.

„I frei mi, dass mir heit zamkemma san für diese heilige Szene“, begrüßt der bayerische Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller sein Filmteam und rund 40 Komparsen, die an einem schönen Julitag in Oberbiberg bei München für ganz besondere Aufnahmen erschienen sind. Gedreht wird „Sommer in Orange“, die Geschichte eines achtjährigen Mädchens, das 1980 mit einer Sannyasin-Kommune von Berlin in ein oberbayerisches Dorf zieht – und sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihren „spießigen“ Mitschülern akzeptiert zu werden. Die Szene des Tages ist eine Zusammenkunft der Sannyasins, um ein neues Mitglied feierlich in ihre Mitte aufzunehmen.

Die Filme des sympathischen Rosenmüller, darunter „Schwere Jungs“, „Beste Zeit“ und „Räuber Kneißl“, haben ­bayerischen Themen neue Kino-­Relevanz und vor allem neue Lässigkeit gegeben. Auch „Orange“ ist unverkennbar in dieser Mentalität verortet, hat aber eine ungleich weitere Perspektive. Das Thema des Regisseurs ist auch hier die Spannung zwischen Tradition und der Suche nach individueller Freiheit.

„Sommer in Orange“ basiert auf den Kindheitserinnerungen der Autorin Ursula Gruber und ihres Bruders Georg Gruber, der den Film als Produzent mitbetreut. In den 1980er Jahren wuchsen beide in einer Bhagwan-Kommune südlich von München auf. Das Drehbuch ist keine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, sondern eine liebevolle Auseinandersetzung – die allerdings nichts beschönigt. „Ich hatte keinen Anschluss an die anderen Kinder im Dorf“, erinnert sich Ursula Gruber, die ihr ­Anderssein damals einschüchterte. „Die Erwachsenen waren sich selbst genug und galten gerne als Minderheit. Wir Kinder versuchten sie mit allerlei Aktionen bis hin zu kleinen Diebstählen zu provozieren, was sie meistens gar nicht merkten. Vor Elternabenden habe ich nicht locker gelassen, bis meine ­Mutter normale Kleidung trug.“ Jahrelang blieb das Verhältnis zu ihrer Mutter, die ­heute als selbständige Therapeutin arbeitet, gespannt. Die Beschäftigung mit ihrer Kindheit ist beiden näher gegangen, als sie dachten. „Mit 25 hätte ich sicher ein anderes Buch geschrieben als dieses“, glaubt die 39-jährige Gruber, die heute selbst eine Tochter hat und durchaus wieder in eine WG ziehen würde. „Ich würde sie mir aber sehr ­gezielt aussuchen.“

Set, Christina RafteryDie Stimmung im Team ist offen, familiär und gelöst. Auch unter den Mitwirkenden hat sich Kommunen-Feeling ausgebreitet. Mit ihren Langhaarfrisuren, Bärten und orange-rosa-roten Kleidern wirken die Komparsen authentisch, manche von ihnen haben sogar Erfahrungen mit dem Thema. Ein Mann erzählt Anekdoten aus seiner 80er-Jahre-WG, in der es „alle Schattierungen von Rosa“ gab, weil immer wieder rote Socken die Wäsche verfärbten. Ständig kamen neue Leute hinzu. Die Neuankömmlinge aus Poona wurden allerdings bald wieder ausgeladen – ihr ­Souvenir aus Indien waren Tropenkrank­heiten aller Art.

Zentrale Figur des Films ist die 12-jährige Lili, gespielt von Amber Bongard („Die Päpstin“). Der Umzug ihrer Kommune von Berlin nach Bayern stellt ihr gesamtes Weltbild auf die Probe. Während die Erwachsenen, allen voran ihre Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller), keine Probleme mit der Fusion von Dynamischer Meditation, Schützenvereinen und dem Misstrauen der Dorfbewohner haben, stellt Lili ihre freizügige „Normalität“ bald in Frage und beginnt, sich den Mitschülern anzupassen.

In Ursula Grubers Drehbuch sieht Rosenmüller Relevanz für sein eigenes Leben: „Jeder Jugendliche muss herausfinden, welche Regeln ihm gut tun und wer die echten Vorbilder sind. Den richtigen Weg zwischen Anpassung und Rebellion lernt man nur durch Erfahrung.“ Dafür sei auch die umstrittene Bhagwan-Bewegung Symptom gewesen, der der Film trotz aller Kritik an ihren teilweise skurrilen Ansätzen tolerant begegnen wird: „Man muss immer auch den Reiz einer Bewegung für ihre Zeit sehen. Wellen wie diese entstehen, weil das Vorhandene nicht perfekt ist und Menschen einen anderen Weg gehen wollen“, so Rosenmüller. Gemeinsam mit seinen Schauspielern hat er zum besseren Verständnis sogar eine Kernmethode der Bewegung, die Dynamische Meditation, ausprobiert. „Servus, i bin da Max“, stellt sich ein selbstbewusster Kinderdarsteller vor. Wie dem 7-Jährigen die Schauspielerei gefalle? „Fei scho richtig guad.“ Ob er an den vorbereitenden Meditations-Sessions des Teams teilgenommen habe? „Na, i hob ned mitmedifiziert.“

Am SetAls Fachberater engagierte die Produktion den im Allgäu ansässigen Sounddesigner und Geräuschemacher Jo Fürst, der in den 70er und 80er Jahren in Deutschland, Pune als auch Oregon der Sannyasin-Gemeinschaft angehörte. Meistens arbeitete er als Betreuer in den Kinder-Kommunen. In Bayern passte er sogar auf Ursula und Georg Gruber auf, wenn deren Mutter sich auf Selbstfindungstrips auf der ganzen Welt befand. Nach Auflösung der Kommune verlor man den Kontakt. Erst nach Erscheinen der offiziellen „Sommer in Orange“-Produktionsmeldung meldete sich Fürst bei den Grubers. Seiner Vergangenheit steht der Klangkünstler inzwischen gelassen gegenüber: „Wir sind damals erwachsen geworden, der Meister nicht. Erst heute fühle ich mich zu 100 Prozent zufrieden. Nicht als Ja-Sager, sondern durch bewusstes Leben und Verbindung zu mir selbst. Dazu braucht man keinen Meister. Schau dir den Rosi an – der ist voller natürlicher Seligkeit.“ Neben der Sicherstellung der Fakten beriet Fürst die Schauspieler auch bei dem unvermeidlich intensiven Prozess, den die Rollen bei ihnen in Gang brachten: „Darstellende Kunst ist ein transformativer Prozess, bei einigen ist viel passiert.“

Die Szene, in der die Figur der Brigitte (Daniela Holtz) ihren Sannyasin-Namen „Shakti“ (Energie) erhält, ist in vollem Gange. Die Komparsen sind angewiesen, in feierlicher Stille zu meditieren und beim Verkünden des neuen Namens ekstatisch zu singen. Filmkomponist Gerd Baumann rät: „Lasst euren Atem wie Wellen kommen und gehen. Beim Singen ist es gut, wenn ein Ozean von Sound entsteht und man die eigene Stimme nicht mehr hört.“

Sieht sich Rosenmüller wirklich – wie die meisten, die über ihn schreiben – als „Heimatfilmregisseur“? „Rosis“ Antwort: Den Begriff „Heimat“ verbinde er nicht mit einem bestimmten Ort, sondern „einer Haltung da drinnen“, Verwurzelung in bestimmten Ritualen und Sinn für Gemeinschaft. Dieses Verständnis baut eine direkte Brücke zum Thema seines neuen Films, der von der Produktionsfirma als „Culture Clash-Komödie“ vermarktet wird. Doch was genau „clasht“ laut Rosenmüller bei diesem Thema? „Interessant ist ja, dass damals ein Extrem nach Bayern gekommen ist. 30 Jahre später macht sich sein Einfluss bemerkbar – mit Meditation, Yoga, Kombucha, Freikörperkultur und vielem mehr. Es entstand, erzeugte Widerstand, ebbte wieder ab, aber die Essenz bleibt. Sie hat sich quasi durch die Hintertür eingeschlichen – sog i amoi“, so der Filmemacher. Bei ­„Sommer in Orange“ hatte er immer die Wahl, sich über beide Parteien – die Dorfbayern und die Sannyasins – lustig zu machen oder sie ernst zu nehmen: „Beide haben sowohl lächerliche als auch sehr einleuchtende Züge.“ Für die Macher des Films steht die Komödie im Vordergrund, allerdings gebe es „zahlreiche Inseln jenseits der Komödie“, wie Cornelius Conrad vom Bayerischen Rundfunk, der den Film mitproduziert, erzählt. „Im Gegensatz zu Abrechungsbüchern wie ‚Bhagwan, Che und ich‘, die Abgründe von Einsamkeit und Angst schildern, haben wir uns für die versöhnliche Version entschieden. Wir finden es spannend, die Entstehung dieser Idee aus der heutigen Perspektive zu betrachten – aber auch zu beleuchten, wie verbissen man an etwas derart Entspanntes herangehen konnte.“

Rosenmüller„Des is scho sehr körperlich“, kommentiert Rosenmüller seine Erfahrungen mit der Dynamischen Meditation. „Du hupfst rum und musst di traun, deine Scham zu verlieren, weil du eventuell bled ausschaugst. Aber in der Gemeinschaft verlierst du die Scheu, weil jeder bled ausschaugt. Dann bist außer Atem, und dann kommt dieser Ruhemoment und diese Klarheit, und dann kapierst du sofort, dass das einen Reiz hat.“

Für die Produzenten Andreas Richter und Annie Brunner war es wichtig zu zeigen, wie die Sannyas-Bewegung Vorreiter einer heute etablierten und gängigen „Wohlfühlreligion“ werden konnte. „Während die Bhagwan-Anhänger damals das Schreckgespenst des bundesrepublikanischen Bürgertums waren, stellt heute niemand mehr Praktiken wie Yoga oder Meditation in Frage.“

Fotos: Christian Hartmann, Markus Werner


„Sommer in Orange“ lief 2011 in den Kinos und ist auf DVD zu erhalten. Die in Hessen aufgewachsene Autorin, die die Dreharbeiten hautnah als Komparsin miterleben konnte, entschuldigt sich bei allen „echten“ Bayern für die möglicherweise mangelhafte Transkribierung der Rosenmüller‘schen Zitate. Aber ein Original sollte im Original zitiert werden…

Interview mit dem „Sexiest Guru Alive“

„Einfach, aber nicht leicht“

Provokateur, toller Lehrer, Sexiest Guru in the World, Fleischesser: Kein Attribut, das in der Yogawelt im Zusammenhang mit Bryan Kest nicht schon aufgetaucht wäre. An dem Lehrer aus Los Angeles scheinen sich die yogischen Geister besonders zu scheiden. „Warum eigentlich?“, fragt sich YJ-Autor Michael Wiese und traf den Power Yoga-Begründer zusammen mit Patrick Broome auf ein Interview (Jahr: 2010). Seine ganz persönliche Einschätzung: „Ich kenne kaum einen Lehrer, der so authentisch und auf seine Weise spirituell ist wie Bryan Kest.“

YOGA JOURNAL: Bryan, du hast eine ganz besondere Beziehung zur deutschen Yoga-Community. Dein erster Kontakt nach Deutschland kam vor vielen Jahren über Jivamukti Yoga München zustande.
BRYAN KEST: Ja, München war mein erster Stopp in Deutschland. Ich weiß es noch genau: Wegen Bier und bayerischen Brezn habe ich in ein paar Tagen vier Kilo zugenommen.
PATRICK BROOME: Seit ich Yoga übe, kenne ich deine „Power Yoga“-Videos. Die kraftvolle Praxis hat mir von Anfang an gefallen. Irgendwie auch die Ästhetik: Ein langhaariger Bryan in kurzen Jeans und einer Art Bon Jovi-Outfit…
BK: Okay, die Ausstattung ist etwas kitschig, aber die Sequenzen finde ich immer noch gut. Die Produzentin war Teammitglied bei „Miami Vice“. Ich stehe zu dieser Phase meines Lebens.

Wer war dein wichtigster Lehrer, deine Motivation zum Yoga?
BK: Mein Vater, ein leidenschaftlicher Yogi. Weil es ihn selbst von einem Rückenleiden geheilt hatte, hat er auch uns Kinder quasi zum Üben gezwungen. Ich habe mit 15 Jahren ernsthaft begonnen, meinen eigenen Weg zu suchen.
PB: Wenig später kam die Inspiration von Patthabi Jois.
BK: Ich habe unendlich viel von ihm gelernt – auch, wie ich als Lehrer auf keinen Fall sein will. Das ist genauso wichtig wie alles andere. Ich habe nichts gegen große Persönlichkeiten, im Gegenteil. Bikram Choudhurys Persönlichkeit ist noch größer als seine Residenz, aber dass ihn so viele Menschen beurteilen und kritisieren, hat eine Bedeutung. Vielleicht will er uns zeigen, wie kaputt unsere ständigen Wertungen sind? Genau diese Menschen können unsere besten Lehrer sein.

Wofür wirst du Patthabi Jois immer in Erinnerung behalten?
BK: Dafür, dass er Vinyasa Yoga „erfunden“ hat und damit eine Brücke zum Westen gebaut hat. Das ist sein Verdienst. Pattabhi war in der Lage, die Asanas zu einer dynamischen Serie zu verbinden, die mich als 15-jährigen Jungen aus den USA extrem anzog.
Wenn wir Westler Ashtanga praktizieren, verlieren wir die Angst vor dem, was Yoga ist. Ich erinnere mich, wie in meiner Kindheit Hare Krishnas mit Steinen beworfen wurden. Auch ich dachte, es sei Gehirnwäsche, ein Kult. Zugängliche Bewegungsformen wie Ashtanga haben Yoga für alles geöffnet, was es sein kann.
PB: Dein Unterricht und dein Stil sind als rigoros bekannt. ­Rigoros, aber einfach. Die Beine werden eher nicht hinter dem Kopf verknotet.
BK: Dadurch schreckt man die Schüler ab, was nicht nötig ist. Ich unterrichte immer das, was ich selbst praktiziere, und ich war nie hyperflexibel. In Pattabhi Jois‘ Unterricht in Mysore brauchte es drei Leute, um mich zu korrigieren. Danach konnte ich mich tagelang nicht bewegen. Jeder Mensch und jeder Körper sind unterschiedlich. Standard macht keinen Sinn: Bei dem Wettbewerb, wer sich näher zur Wand hinstellen kann, verliert der, der die längste Nase hat. Es ist verrückt, wie viel Wettbewerb es im Yoga gibt.
PB: Unterrichtest du heute auch Meditation? Ich erinnere mich, dass du dich sehr für Vipassana interessierst.
BK: Auch das kommt vor. Mein Fokus ändert sich ständig, aber die Basis bleibt gleich. In der Meditation arbeiten wir mit Bildern und abstrakten Begriffen wie „Dankbarkeit“. Wie die Muskeln können wir den Geist trainieren. Letztlich ist alles so einfach.

Einfach?
BK: Ja, einfach. Wenn wir an die Lehren aller bedeutenden Menschen denken, ist daran nichts Kompliziertes. In unserer Kultur verehren wir das Komplexe, wir intellektualisieren alles. Nichts gilt, wenn es nicht durch eine Studie bewiesen ist. Die großen Gelehrten der Weltgeschichte haben nichts aufgeschrieben. Ihr Umfeld machte es unzugänglich, zog Grenzen. Für mich ist alles einfach.
PB: Hat dir Vipassana zu dieser Einsicht verholfen?
BK: Pattabhi hat sie mir eröffnet. Von ihm habe ich Asana und Pranayama gelernt. Als ich für den nächsten Schritt bereit war, empfahl mir jemand Vipassana als Meditationstechnik, die nicht für Westler aufgeweicht wurde. Zwölf Stunden still zu sitzen ist für mich „the real stuff“, das echte Yoga. Vipassana hat mir erklärt, was in Asanas eigentlich passiert.

Bryan, was ist eigentlich „Power Yoga L.A. Style“?
BK: Das ist einfach nur ein Begriff, der sich für das Marketing meines Unterrichts als nützlich erwiesen hat. Mein Studio in Santa Monica hat allerdings nicht einmal ein Schild. Eigentlich ist es zeitweise nur durch die Menschenschlange erkennbar, die sich mit zusammengerollten Matten davor anstellt. Es ist auch schon mit einem Obdachlosenheim verwechselt worden.

5 praktische Tipps für mehr Ordnung

Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn Sie wirkliche Klarheit in Geist und Herz erreichen wollen, müssen Sie auch Ihren Alltag in Ordnung bringen. Ein paar praktische Tipps können dabei Wunder wirken.

Als ich im Dezember 2004 mit der Chemotherapie begann, war einer meiner ersten Impulse: Yoga. Ich fühlte mich zwar zu schwach, um viel zu üben, aber dennoch rief ich die renommierte Yogalehrerin Elena Brower an. Sie kam zu einer Privatstunde in meine winzige Wohnung. Mein Zuhause war vollgestopft mit Büchern, in der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr, überall lagen Klamotten, Papierstapel und CDs verstreut. Elena schaute mich an, sie sah sich in der Wohnung um und dann verkündete sie: „Wir machen heute kein Yoga, aber wir räumen ein bisschen auf. Du brauchst einen klaren, guten Platz zum Heilen.“

Wenig später hatte sie sich in einen Aufräumblitz verwandelt: Sie fegte Fastfood-Verpackungen in Müllbeutel, stapelte Bücher zu ordentlichen Häufchen und wusch das Geschirr. Ziemlich kraftlos ging ich ihr zur Hand und gemeinsam misteten wir meinen Wandschrank aus. Nach ein paar Stunden war meine Wohnung so sauber und aufgeräumt wie nie zuvor. Sogar meine Topfpflanzen sahen glücklicher aus. Ich fühlte mich ruhiger, weicher und seltsam erleichtert. Alleine auf meinem Sofa sitzend spürte ich, wie sich ein schwerer Mantel aus Trägheit und Unruhe von mir löste, von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Dankbar schwelgte ich in dieser neuen Leichtigkeit. Jetzt war alles bereit, um gesund zu werden.

Heute, wo es mir wieder gut geht, kämpfe ich noch immer mit der Unordnung. Aber ich habe die Lektion gelernt. Mir ist bewusst, dass eine klare, geordnete Umgebung mir gedankliche Klarheit, Gesundheit und Lebensfreude ermöglicht. Aber auch umgekehrt gilt: Die Ordnung in meinem äußeren Leben – in meiner Wohnung, meinem Terminplan und im Umgang mit Geld – kann ich nur aufrecht erhalten, wenn ich meine inneren Landschaften kläre und mir meine Prioritäten bewusst mache. Viele Menschen sehnen sich nach einem klaren, einfacheren Leben: nach einem aufgeräumten Zuhause, einem luftigen Terminkalender und mehr finanziellem Spielraum. Der Weg dorthin führt nicht immer über einen organisatorischen Frontalangriff. Wie oft haben Sie schon ein großes Ausmisten anberaumt, um schlussendlich vor einem noch größeren Chaos an offenen Kisten und Schränken zu kapitulieren? Wie oft haben Sie sich einen strikten Finanzplan auferlegt und schon nach ein paar Wochen den Überblick (und die Hoffnung) verloren?

Yoga lehrt, angesichts einer Herausforderung innezuhalten und einen Blick auf die tieferen Ursachen des Problems zu werfen. Der richtige Ausgangspunkt, um Ordnung in Ihr Leben zu bringen, könnte also sehr gut Ihre Yogamatte sein. Dieser Ansicht ist Christina Sell, Yogalehrerin und Buchautorin: „In der Yogapraxis berühren Sie den Ort in sich selbst, der Ihrem wirklichen Selbst am nächsten ist“, sagt sie. „Sie beginnen zu ahnen: ‚Oh, darum geht es! Nicht um dieses andere Gefühl, das mich eingenommen, abgelenkt und zugemüllt hat.’“ Durch solch eine Selbstreflexion gewinnen Sie allmählich Klarheit und können sich auf die Dinge ausrichten, um die es wirklich für Sie geht. Diese Ausrichtung wiederum erlaubt es Ihnen, bewusst all das loszulassen, was nicht wichtig ist. So schaffen Sie Spielräume für das, was eine Bedeutung für Sie hat, sei es nun in Ihrem Zuhause, im Terminplan oder finanziell.

1. Das bisschen Haushalt
Manchmal fühlt sich der Alltag an, als schaufle man Schnee in der Antarktis: Man spült den selben Teller zum 800. Mal und der Poststapel, den man noch vor einem Monat tapfer abgearbeitet hat, ist auf wundersame Weise schon wieder zu seiner alten Größe angewachsen. Ein guter Weg, um all das effektiver – und angenehmer – zu gestalten, ist der Blick auf das größere Ganze. Ordnung zu halten ist dabei nicht unbedingt das oberste Ziel. Es stellt nur den Prozess dar, mit dessen Hilfe wir uns besser auf unsere eigentlichen Ziele konzentrieren können. Wenn man weiß, warum man etwas tut, kann man sich sehr viel leichter dazu motivieren. Wenn Sie zum Beispiel Ihr Wohnzimmer ordentlich halten wollen, damit Sie nicht mehr so viel Zeit mit dem Suchen Ihrer Brille verplempern müssen, oder damit Sie einen schönen, ruhigen Platz zum Yogaüben haben, dann schreiben Sie sich diesen Entschluss auf einen Zettel und hängen ihn deutlich sichtbar auf. Auch bei der Frage, welche konkreten Projekte Sie im Haushalt anpacken wollen, hilft Ihnen yogische Selbsterforschung: Anstatt die Unordnung en gros anzugehen, sollten Sie sich überlegen, welcher Aspekt Ihres Zuhauses Sie vor allem stresst. Ist es die Angst vor der ungeöffneten Post? Ist es die ständige Suche nach dem Schlüssel? Oder die Tatsache, dass es keinen guten Platz gibt, um Ihre Matte auszurollen? All diese kleinen Störungen können den Energiefluss stören und zusammengenommen viel Frust erzeugen – aber sie alle laden auch zu kreativen Lösungen ein. Für meine beste Freundin etwa war der Knackpunkt die Sockenschublade. Aus unerfindlichen Gründen machte es sie jedes Mal wütend, beim Wäschezusammenlegen mühsam die passenden Socken zusammenzusuchen. Jetzt besitzt sie nur noch identische schwarze Strümpfe und der Fall ist erledigt.

Wenn Sie eher so sind wie ich, dann besteht Ihre schwierigste Aufgabe darin, die Materie mengenmäßig unter Kontrolle zu halten – denn je mehr Zeug man besitzt, desto schwieriger wird das Ordnen. Damals, als Elena Brower mit mir den vollgestopften Wandschrank ausmistete, begann ich, notwendige Dinge von Platz raubenden, überflüssigen zu unterscheiden. Heute versuche ich, Unordnung schon an der Ladenkasse zu vermeiden. Je mehr ich durch Yoga mit meinem Körper in Verbindung komme, desto deutlicher rührt sich dort beim Griff zur Geldbörse manchmal ein „Nicht-kaufen-Gefühl“: Bauch und Hals krampfen sich leicht zusammen. Wenn mein Kopf der Ansicht ist, der Kauf sei dennoch vernünftig – ich brauche das, es ist runtergesetzt, es ist für morgen – dann wird er in diesen Momenten eine Auseinandersetzung beginnen. Aber jedes Mal, wenn ich das „Nicht-kaufen-Gefühl“ ignoriere, bereue ich den Kauf schon nach kürzester Zeit. Kurzum: Dem Rat meines Körpers anstatt dem meines Kopfes zu folgen, ist für mich eine exzellente Art, Unordnung zu vermeiden. Hat etwas diese Hürde erst einmal genommen, versuche ich die „One in one out“-Regel zu beherzigen: Für jeden Gegenstand, den ich nach Hause tragen, muss ein anderer weg. Trotzdem schafft es die Materie immer wieder irgendwie, sich zu vermehren. Dann begegne ich ihr in regelmäßigen Abständen mit den klassischen Fragen: „Ist das schön? Ist es nützlich? Hat es eine Bedeutung für mich? Habe ich mich im vergangenen Jahr daran erfreut?“ Außerdem erinnere ich mich an den weisen Ausspruch einer Freundin: „Es ist möglich, die Essenz eines Geschenkes anzunehmen, den Gegenstand aber loszulassen.“

2. Geldwäsche
Manche Menschen leben mit einer Unordnung in ihren Finanzen, die sie in ihrem Schrank niemals ertragen würden. Einen geordneten, stressfreien Umgang mit Geld wünschen wir uns wohl alle, aber es ist gar nicht so einfach, in unseren komplexen Lebenszusammenhängen den Überblick zu behalten. „Wenn es unbezahlte Rechnungen gibt und Sie keine Ahnung haben, wie viel Geld Ihnen diesen Monat noch zum Leben bleibt, dann würde ich schon von einer Desorganisation sprechen, die Leid erzeugt“, sagt der Finanzplaner Brent Kessel. In seinem Buch „It’s Not About the Money“ wendet er yogische Prinzipien an, um unbewusste Muster im Umgang mit Geld aufzudecken und unsere diesbezüglichen Werte festzustellen. Für viele besteht der erste Schritt zu finanziell klaren Verhältnissen darin, einfach einmal alle Rechnungen aus den Kuverts zu nehmen, alle Einkünfte, alle festen Ausgaben und alle Schulden aufzulisten und einen Plan aufzustellen. Dazu gehört es auch, darüber nachzudenken, was einem wirklich wichtig ist. In diesem Prozess der Bewusstmachung ist man manchmal Gefühlen der Scham, Wut oder Verzweiflung ausgesetzt. „Wenn Sie die Kreditkartenrechnung aufmachen und dabei unangenehme Empfindungen in Ihnen aufsteigen, dann hilft unter Umständen Ihre Asana-Praxis“, sagt Kessler. „Was machen Sie, wenn Ihre Oberschenkel in einer Übung brennen? Sie atmen tief und achten darauf, weder allzu aggressiv noch allzu passiv mit sich selbst umzugehen. Genau das Gleiche können Sie auch jetzt tun: Nehmen Sie eine angemessene Haltung gegenüber Ihren Gefühlen ein, sprechen Sie freundlich mit sich selbst und atmen Sie bewusst.“

Auch wenn es in Ihren Finanzen ordentlicher aussieht als in Ihrer Rumpelkammer, kann es hilfreich sein, Ihre finanziellen Prioritäten einmal zu überdenken. Passt die Art, wie Sie Geld ausgeben oder sparen, wirklich zu Ihren Werten und Zielen? „Es geht darum, herauszufinden, was Ihnen selbst wichtig ist, nicht, was die Gesellschaft für wichtig hält“, erklärt Brent Kessel. „Vielleicht möchten Sie früh in den Ruhestand gehen. Vielleicht möchten Sie sich einen Job suchen, der Ihnen etwas bedeutet und den Sie auch noch mit 80 ausführen können. Vielleicht möchten Sie kein Geld für eine Privatschule ausgeben, obwohl all Ihre Freunde das tun.“ Wenn Sie erkannt haben, was Ihnen am wichtigsten ist, dann halten Sie sich diese Prioritäten bei der Einteilung Ihres Budgets bewusst. Vielleicht bemerken Sie dabei, dass manch eine nette Angewohnheit – zum Beispiel Ihr nachmittäglicher Cappuccino zu 4 Euro – eigentlich verzichtbar ist.

3. Bei sich bleiben
Wenn Ihre Tage angefüllt sind mit Job, Kindern, Erledigungen, Hausarbeit und Freizeitprogramm, dann kann dieses hektische Tempo leicht dazu führen, dass Sie sich ausgebrannt fühlen. Allein der Stress, all diese Aktivitäten zeitlich unterzubringen, raubt einem oft schon die Freude daran. Die Yogalehrerin Kate Holcombe, eine Schülerin von T. K. V. Desikachar, sagt, es gebe sehr wohl Wege, inmitten dieser täglichen Hektik heiter, gelassen und präsent zu bleiben. Sie führt ein Non-Profit-Unternehmen (die Healing Yoga Foundation), gibt Workshops und zieht drei Kinder groß. Für sie liegt der Schlüssel zur inneren Ruhe darin, täglich während ihrer Asana-Praxis mit sich selbst Zwiesprache zu halten. Aber egal ob diese bewusste, beruhigende Tätigkeit nun in Asana, Pranayama, Stricken, Schreiben oder Spazierengehen besteht – schon 5 Minuten täglich ermöglichen es, uns mit unserer Mitte zu verbinden und diese Verbindung den Tag über aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise verwurzelt und angebunden, geht unsere Aufmerksamkeit von einem ruhigen inneren Zentrum aus. Von dort aus richtet sie sich auf einen Punkt oder eine Aktivität und kehrt wieder zur Mitte zurück. „Je präsenter wir bei uns selbst bleiben können“, sagt Holcombe, „desto präsenter können wir auch im Umgang mit anderen sein.“

Eine tägliche Praxis kann auch der Schlüssel dazu sein, bewusster wahrzunehmen, wie wir unsere kostbare – und begrenzte – Zeit im Einzelnen verbringen. Das hilft uns, zu entscheiden, was wir beibehalten möchten und was wir aus unserem Tagesablauf streichen können. Kate Holcombe meint: „Nachdem ich unterscheiden gelernt habe zwischen dem, was nur äußerlicher Kram ist, und dem, was wirklich zu mir gehört, ist es viel leichter, bewusste, bedeutsame Entscheidungen darüber zu treffen, wie ich meine Zeit und meine Energie verwenden möchte.“ Eine tägliche, zentrierende Praxis gibt uns ein besseres Gefühl dafür, was uns eigentlich wichtig ist, und das kann ein völlig neues Licht auf unser Handeln werfen. Wir alle empfinden manche Tätigkeiten als belebend und andere als ermüdend. Der vergeudete Nachmittag des einen Menschen kann der Traumtag eines anderen sein. „Fragen Sie sich bei jeder Entscheidung vor allem: ‚Macht das mein Leben einfacher oder schwieriger?’ Lassen Sie sich nicht abbringen von den Dingen, die am wichtigsten für Sie sind“, rät Kate Holcombe. „Halten Sie diese Verbindung nach innen, denn das führt dazu, dass alles, was Sie tun, Sie auf eine gute Weise nährt und bereichert.“ Für Holcombe persönlich heißt das: keinen Fernseher besitzen und eher Zeit mit den Kindern oder ihrer Arbeit verbringen als zu einer Party zu gehen. Manche Aktivitäten (wie TV oder Facebook, um nur zwei Beispiele zu nennen) haben die Fähigkeit, uns völlig die Zeit vergessen zu lassen. Holcombe rät, für diese Dinge einen begrenzten Zeitrahmen festzulegen und sich auch daran zu halten. So verhindert man, dass sie uns von dem abhalten, was uns eigentlich wichtig ist – egal ob das nun die Yogapraxis, Kochen, Basteln oder die gemeinsame Zeit mit Freunden ist. Dabei ist es nicht so wichtig, ob man eine halbe oder drei Stunden für solche Zeitfresser einplant, entscheidend ist, nicht zuzulassen, dass sie sich immer weiter in unser Leben hinein ausbreiten. So können wir sicher gehen, dass es genügend Raum gibt für jene Dinge, die tief in unserem Inneren nachklingen.

4. Auf dem Weg sein
Wie viele andere Menschen werde auch ich wohl immer damit kämpfen, die Flut der Unordnung einzudämmen und mein überengagiertes Leben auszubalancieren. Dies wissend versuche ich, mich daran zu erinnern, dass das Leben – genau wie die Yogapraxis – ein Übungsweg ist und niemals perfekt. Ich mache kleine Schritte, die mich langsam weiterbringen und irgendwann zu Gewohnheiten werden. Kate Holcombe meint, dass Yoga selbst eine Art Großreinemachen sei. Sie zitiert dabei Tirumalai Krishnamacharya, einen der Gründerväter des modernen Yoga. „Er sagte: ‚Yoga ist ein Reinigungsprozess’. Es geht darum, den Staub und die Spinnweben wegzuputzen, damit wir unterscheiden können zwischen unserem Geist und unserem Selbst.“ Diese Vorstellung findet sich auch im Yoga Sutra des Patanjali, dem wichtigsten Quellentext des Yoga. Holcombe fasst den für sie wichtigsten Punkt des Sutra so zusammen: „Die Wirkung des Yoga besteht darin, dass sich die Dinge, die unsere wahre Essenz blockieren, allmählich auflösen.“ Dieses Wissen hilft mir, auch dann weiterzumachen, wenn mein Lebensweg mal wieder zu sehr mit Wäschebergen verstopft ist, um noch klar zu sehen. Ich erinnere mich an meinen Atem, wenn ich vor einem Stapel schmutzigem Geschirr stehe, und ich verbinde mich mit meiner inneren Mitte, wenn ich die Kontoauszüge durchgehe. Nachdem ich fünf Minuten meinen Schreibtisch aufgeräumt habe, ist auch mein Geist so aufgeräumt und klar, dass ich besser schreibe. Nur wenige Menschen können immer in dieser Klarheit sein, dafür passiert unser Leben einfach zu schnell. Trotzdem habe ich gelernt, jene Momente zu nutzen, in denen mir bewusst ist, dass Klarheit – von Geist und Körper ebenso wie von Alltag und Umgebung – mir dabei hilft, ein klares, zentriertes Leben zu führen.

Illustration: Alexander Springborn

Nachgefragt: Welche Asana ist die Richtige für mich?

Welche Asana ist die Richtige für mich?

Antwort gibt: Angela Farmer

Beim Versuch, diese Frage zu beantworten, sollte es nicht um die Asana gehen, sondern darum, was in der Haltung mit Ihnen passiert und was sie in Ihnen auslöst. Empfinden Sie Enge oder sogar Schmerzen? Wenn ja, an welcher spezifischen Stelle? Konzentrieren Sie sich ganz auf diesen Ort und nehmen Sie behutsam Kontakt auf: „Ich nehme wahr, dass du dich beengt oder blockiert fühlst, Schmerzen hast und diese Übung schwierig findest.”

Sich auf diese Weise mit dem Ort zu verbinden, kann die Situation bereits ein wenig erleichtern. Lassen Sie ihn wissen, dass Sie ihn zu nichts zwingen und ihm keine Gewalt antun werden. Sagen Sie ihm, dass Sie vollständig für ihn da sind und es weder Erwartungen noch Eile gibt. Hinter jeder Schwierigkeit im Körper steht eine ausführliche Geschichte, die Angst, Schmerzen oder Unbehaglichkeit bewirkt. All dem sollten wir langsam und liebevoll begegnen, um es nach und nach auflösen zu können. Danach kann es weiter-gehen: Atmen Sie tief in diese Gegend und probieren Sie kleine Bewegungen in die Blockade und wieder heraus. Das hilft ihr, sich zu öffnen. Versuchen Sie, die Essenz dieses fest gewordenen Ortes zu finden und lenken Sie mit voller Konzentration Mitgefühl, Atem und Bewegung dorthin. Er wird weicher werden und sich verändern. Folgen Sie der Veränderung und beobachten Sie, was passiert: Vielleicht möchten Sie die Haltung variieren oder tiefer in sie hineingehen. Oder vielleicht braucht jetzt etwas ganz Anderes ihre Aufmerksamkeit.

Diese Arbeit ist Yoga – nicht die Asana! Erkunden Sie die wahren Bedürfnisse Ihres Körpers. Das wird Ihnen helfen, eine Praxis zu entwickeln, die einzigartig nur für Sie bestimmt ist und dadurch sehr hilfreich. Auf diese Weise wird Sie jede beliebige Asana an einen Ort bringen, wo Sie mehr über Ihr wunderbares Selbst erfahren können. Dabei werden Sie die Haltungen finden, die Ihnen am meisten helfen. Es sind die, in denen Sie sich am meisten öffnen können. Für diese Entwicklung wünsche ich Ihnen alles Gute.

(Foto: Elias Wasem-Hassos)


Angela Farmer, 75, unterrichtet seit 28 Jahren alleine und mit ihrem Mann Victor van Kooten in ihrem Studio Eftalou Yoga Hall auf der griechischen Insel Lesbos. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines „persönlichen Yoga” sowie Retreats für Frauen.

Mantra für Neubeginn N°1

Om Gam Ganapataye Namaha

„Ich verbeuge mich vor dem großen Gott Ganesha, der alle Hindernisse beseitigt. Sein Segen ist essenziell für einen guten Anfang.“


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 03 – 2009


Foto von Aarti Vijay von Pexels