Sommer in Orange – “Die Heimat da drinnen”

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Von der „Sekte“ eines umstrittenen Gurus zur akzeptierten Form von Selbsterforschung: Mit seinem Film „Sommer in Orange“ über eine Sannyasin-Kommune in den 80er Jahren gibt Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) dem lange kontrovers diskutierten Thema eine populäre, versöhnliche Note – und seinen original bayerischen Humor.

„I frei mi, dass mir heit zamkemma san für diese heilige Szene“, begrüßt der bayerische Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller sein Filmteam und rund 40 Komparsen, die an einem schönen Julitag in Oberbiberg bei München für ganz besondere Aufnahmen erschienen sind. Gedreht wird „Sommer in Orange“, die Geschichte eines achtjährigen Mädchens, das 1980 mit einer Sannyasin-Kommune von Berlin in ein oberbayerisches Dorf zieht – und sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihren „spießigen“ Mitschülern akzeptiert zu werden. Die Szene des Tages ist eine Zusammenkunft der Sannyasins, um ein neues Mitglied feierlich in ihre Mitte aufzunehmen.

Die Filme des sympathischen Rosenmüller, darunter „Schwere Jungs“, „Beste Zeit“ und „Räuber Kneißl“, haben ­bayerischen Themen neue Kino-­Relevanz und vor allem neue Lässigkeit gegeben. Auch „Orange“ ist unverkennbar in dieser Mentalität verortet, hat aber eine ungleich weitere Perspektive. Das Thema des Regisseurs ist auch hier die Spannung zwischen Tradition und der Suche nach individueller Freiheit.

„Sommer in Orange“ basiert auf den Kindheitserinnerungen der Autorin Ursula Gruber und ihres Bruders Georg Gruber, der den Film als Produzent mitbetreut. In den 1980er Jahren wuchsen beide in einer Bhagwan-Kommune südlich von München auf. Das Drehbuch ist keine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, sondern eine liebevolle Auseinandersetzung – die allerdings nichts beschönigt. „Ich hatte keinen Anschluss an die anderen Kinder im Dorf“, erinnert sich Ursula Gruber, die ihr ­Anderssein damals einschüchterte. „Die Erwachsenen waren sich selbst genug und galten gerne als Minderheit. Wir Kinder versuchten sie mit allerlei Aktionen bis hin zu kleinen Diebstählen zu provozieren, was sie meistens gar nicht merkten. Vor Elternabenden habe ich nicht locker gelassen, bis meine ­Mutter normale Kleidung trug.“ Jahrelang blieb das Verhältnis zu ihrer Mutter, die ­heute als selbständige Therapeutin arbeitet, gespannt. Die Beschäftigung mit ihrer Kindheit ist beiden näher gegangen, als sie dachten. „Mit 25 hätte ich sicher ein anderes Buch geschrieben als dieses“, glaubt die 39-jährige Gruber, die heute selbst eine Tochter hat und durchaus wieder in eine WG ziehen würde. „Ich würde sie mir aber sehr ­gezielt aussuchen.“

Set, Christina RafteryDie Stimmung im Team ist offen, familiär und gelöst. Auch unter den Mitwirkenden hat sich Kommunen-Feeling ausgebreitet. Mit ihren Langhaarfrisuren, Bärten und orange-rosa-roten Kleidern wirken die Komparsen authentisch, manche von ihnen haben sogar Erfahrungen mit dem Thema. Ein Mann erzählt Anekdoten aus seiner 80er-Jahre-WG, in der es „alle Schattierungen von Rosa“ gab, weil immer wieder rote Socken die Wäsche verfärbten. Ständig kamen neue Leute hinzu. Die Neuankömmlinge aus Poona wurden allerdings bald wieder ausgeladen – ihr ­Souvenir aus Indien waren Tropenkrank­heiten aller Art.

Zentrale Figur des Films ist die 12-jährige Lili, gespielt von Amber Bongard („Die Päpstin“). Der Umzug ihrer Kommune von Berlin nach Bayern stellt ihr gesamtes Weltbild auf die Probe. Während die Erwachsenen, allen voran ihre Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller), keine Probleme mit der Fusion von Dynamischer Meditation, Schützenvereinen und dem Misstrauen der Dorfbewohner haben, stellt Lili ihre freizügige „Normalität“ bald in Frage und beginnt, sich den Mitschülern anzupassen.

In Ursula Grubers Drehbuch sieht Rosenmüller Relevanz für sein eigenes Leben: „Jeder Jugendliche muss herausfinden, welche Regeln ihm gut tun und wer die echten Vorbilder sind. Den richtigen Weg zwischen Anpassung und Rebellion lernt man nur durch Erfahrung.“ Dafür sei auch die umstrittene Bhagwan-Bewegung Symptom gewesen, der der Film trotz aller Kritik an ihren teilweise skurrilen Ansätzen tolerant begegnen wird: „Man muss immer auch den Reiz einer Bewegung für ihre Zeit sehen. Wellen wie diese entstehen, weil das Vorhandene nicht perfekt ist und Menschen einen anderen Weg gehen wollen“, so Rosenmüller. Gemeinsam mit seinen Schauspielern hat er zum besseren Verständnis sogar eine Kernmethode der Bewegung, die Dynamische Meditation, ausprobiert. „Servus, i bin da Max“, stellt sich ein selbstbewusster Kinderdarsteller vor. Wie dem 7-Jährigen die Schauspielerei gefalle? „Fei scho richtig guad.“ Ob er an den vorbereitenden Meditations-Sessions des Teams teilgenommen habe? „Na, i hob ned mitmedifiziert.“

Am SetAls Fachberater engagierte die Produktion den im Allgäu ansässigen Sounddesigner und Geräuschemacher Jo Fürst, der in den 70er und 80er Jahren in Deutschland, Pune als auch Oregon der Sannyasin-Gemeinschaft angehörte. Meistens arbeitete er als Betreuer in den Kinder-Kommunen. In Bayern passte er sogar auf Ursula und Georg Gruber auf, wenn deren Mutter sich auf Selbstfindungstrips auf der ganzen Welt befand. Nach Auflösung der Kommune verlor man den Kontakt. Erst nach Erscheinen der offiziellen „Sommer in Orange“-Produktionsmeldung meldete sich Fürst bei den Grubers. Seiner Vergangenheit steht der Klangkünstler inzwischen gelassen gegenüber: „Wir sind damals erwachsen geworden, der Meister nicht. Erst heute fühle ich mich zu 100 Prozent zufrieden. Nicht als Ja-Sager, sondern durch bewusstes Leben und Verbindung zu mir selbst. Dazu braucht man keinen Meister. Schau dir den Rosi an – der ist voller natürlicher Seligkeit.“ Neben der Sicherstellung der Fakten beriet Fürst die Schauspieler auch bei dem unvermeidlich intensiven Prozess, den die Rollen bei ihnen in Gang brachten: „Darstellende Kunst ist ein transformativer Prozess, bei einigen ist viel passiert.“

Die Szene, in der die Figur der Brigitte (Daniela Holtz) ihren Sannyasin-Namen „Shakti“ (Energie) erhält, ist in vollem Gange. Die Komparsen sind angewiesen, in feierlicher Stille zu meditieren und beim Verkünden des neuen Namens ekstatisch zu singen. Filmkomponist Gerd Baumann rät: „Lasst euren Atem wie Wellen kommen und gehen. Beim Singen ist es gut, wenn ein Ozean von Sound entsteht und man die eigene Stimme nicht mehr hört.“

Sieht sich Rosenmüller wirklich – wie die meisten, die über ihn schreiben – als „Heimatfilmregisseur“? „Rosis“ Antwort: Den Begriff „Heimat“ verbinde er nicht mit einem bestimmten Ort, sondern „einer Haltung da drinnen“, Verwurzelung in bestimmten Ritualen und Sinn für Gemeinschaft. Dieses Verständnis baut eine direkte Brücke zum Thema seines neuen Films, der von der Produktionsfirma als „Culture Clash-Komödie“ vermarktet wird. Doch was genau „clasht“ laut Rosenmüller bei diesem Thema? „Interessant ist ja, dass damals ein Extrem nach Bayern gekommen ist. 30 Jahre später macht sich sein Einfluss bemerkbar – mit Meditation, Yoga, Kombucha, Freikörperkultur und vielem mehr. Es entstand, erzeugte Widerstand, ebbte wieder ab, aber die Essenz bleibt. Sie hat sich quasi durch die Hintertür eingeschlichen – sog i amoi“, so der Filmemacher. Bei ­„Sommer in Orange“ hatte er immer die Wahl, sich über beide Parteien – die Dorfbayern und die Sannyasins – lustig zu machen oder sie ernst zu nehmen: „Beide haben sowohl lächerliche als auch sehr einleuchtende Züge.“ Für die Macher des Films steht die Komödie im Vordergrund, allerdings gebe es „zahlreiche Inseln jenseits der Komödie“, wie Cornelius Conrad vom Bayerischen Rundfunk, der den Film mitproduziert, erzählt. „Im Gegensatz zu Abrechungsbüchern wie ‚Bhagwan, Che und ich‘, die Abgründe von Einsamkeit und Angst schildern, haben wir uns für die versöhnliche Version entschieden. Wir finden es spannend, die Entstehung dieser Idee aus der heutigen Perspektive zu betrachten – aber auch zu beleuchten, wie verbissen man an etwas derart Entspanntes herangehen konnte.“

Rosenmüller„Des is scho sehr körperlich“, kommentiert Rosenmüller seine Erfahrungen mit der Dynamischen Meditation. „Du hupfst rum und musst di traun, deine Scham zu verlieren, weil du eventuell bled ausschaugst. Aber in der Gemeinschaft verlierst du die Scheu, weil jeder bled ausschaugt. Dann bist außer Atem, und dann kommt dieser Ruhemoment und diese Klarheit, und dann kapierst du sofort, dass das einen Reiz hat.“

Für die Produzenten Andreas Richter und Annie Brunner war es wichtig zu zeigen, wie die Sannyas-Bewegung Vorreiter einer heute etablierten und gängigen „Wohlfühlreligion“ werden konnte. „Während die Bhagwan-Anhänger damals das Schreckgespenst des bundesrepublikanischen Bürgertums waren, stellt heute niemand mehr Praktiken wie Yoga oder Meditation in Frage.“

Fotos: Christian Hartmann, Markus Werner


„Sommer in Orange“ lief 2011 in den Kinos und ist auf DVD zu erhalten. Die in Hessen aufgewachsene Autorin, die die Dreharbeiten hautnah als Komparsin miterleben konnte, entschuldigt sich bei allen „echten“ Bayern für die möglicherweise mangelhafte Transkribierung der Rosenmüller‘schen Zitate. Aber ein Original sollte im Original zitiert werden…