Interview mit dem “Sexiest Guru Alive”

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“Einfach, aber nicht leicht”

Provokateur, toller Lehrer, Sexiest Guru in the World, Fleischesser: Kein Attribut, das in der Yogawelt im Zusammenhang mit Bryan Kest nicht schon aufgetaucht wäre. An dem Lehrer aus Los Angeles scheinen sich die yogischen Geister besonders zu scheiden. „Warum eigentlich?“, fragt sich YJ-Autor Michael Wiese und traf den Power Yoga-Begründer zusammen mit Patrick Broome auf ein Interview (Jahr: 2010). Seine ganz persönliche Einschätzung: „Ich kenne kaum einen Lehrer, der so authentisch und auf seine Weise spirituell ist wie Bryan Kest.“

YOGA JOURNAL: Bryan, du hast eine ganz besondere Beziehung zur deutschen Yoga-Community. Dein erster Kontakt nach Deutschland kam vor vielen Jahren über Jivamukti Yoga München zustande.
BRYAN KEST: Ja, München war mein erster Stopp in Deutschland. Ich weiß es noch genau: Wegen Bier und bayerischen Brezn habe ich in ein paar Tagen vier Kilo zugenommen.
PATRICK BROOME: Seit ich Yoga übe, kenne ich deine „Power Yoga“-Videos. Die kraftvolle Praxis hat mir von Anfang an gefallen. Irgendwie auch die Ästhetik: Ein langhaariger Bryan in kurzen Jeans und einer Art Bon Jovi-Outfit…
BK: Okay, die Ausstattung ist etwas kitschig, aber die Sequenzen finde ich immer noch gut. Die Produzentin war Teammitglied bei „Miami Vice“. Ich stehe zu dieser Phase meines Lebens.

Wer war dein wichtigster Lehrer, deine Motivation zum Yoga?
BK: Mein Vater, ein leidenschaftlicher Yogi. Weil es ihn selbst von einem Rückenleiden geheilt hatte, hat er auch uns Kinder quasi zum Üben gezwungen. Ich habe mit 15 Jahren ernsthaft begonnen, meinen eigenen Weg zu suchen.
PB: Wenig später kam die Inspiration von Patthabi Jois.
BK: Ich habe unendlich viel von ihm gelernt – auch, wie ich als Lehrer auf keinen Fall sein will. Das ist genauso wichtig wie alles andere. Ich habe nichts gegen große Persönlichkeiten, im Gegenteil. Bikram Choudhurys Persönlichkeit ist noch größer als seine Residenz, aber dass ihn so viele Menschen beurteilen und kritisieren, hat eine Bedeutung. Vielleicht will er uns zeigen, wie kaputt unsere ständigen Wertungen sind? Genau diese Menschen können unsere besten Lehrer sein.

Wofür wirst du Patthabi Jois immer in Erinnerung behalten?
BK: Dafür, dass er Vinyasa Yoga „erfunden“ hat und damit eine Brücke zum Westen gebaut hat. Das ist sein Verdienst. Pattabhi war in der Lage, die Asanas zu einer dynamischen Serie zu verbinden, die mich als 15-jährigen Jungen aus den USA extrem anzog.
Wenn wir Westler Ashtanga praktizieren, verlieren wir die Angst vor dem, was Yoga ist. Ich erinnere mich, wie in meiner Kindheit Hare Krishnas mit Steinen beworfen wurden. Auch ich dachte, es sei Gehirnwäsche, ein Kult. Zugängliche Bewegungsformen wie Ashtanga haben Yoga für alles geöffnet, was es sein kann.
PB: Dein Unterricht und dein Stil sind als rigoros bekannt. ­Rigoros, aber einfach. Die Beine werden eher nicht hinter dem Kopf verknotet.
BK: Dadurch schreckt man die Schüler ab, was nicht nötig ist. Ich unterrichte immer das, was ich selbst praktiziere, und ich war nie hyperflexibel. In Pattabhi Jois‘ Unterricht in Mysore brauchte es drei Leute, um mich zu korrigieren. Danach konnte ich mich tagelang nicht bewegen. Jeder Mensch und jeder Körper sind unterschiedlich. Standard macht keinen Sinn: Bei dem Wettbewerb, wer sich näher zur Wand hinstellen kann, verliert der, der die längste Nase hat. Es ist verrückt, wie viel Wettbewerb es im Yoga gibt.
PB: Unterrichtest du heute auch Meditation? Ich erinnere mich, dass du dich sehr für Vipassana interessierst.
BK: Auch das kommt vor. Mein Fokus ändert sich ständig, aber die Basis bleibt gleich. In der Meditation arbeiten wir mit Bildern und abstrakten Begriffen wie „Dankbarkeit“. Wie die Muskeln können wir den Geist trainieren. Letztlich ist alles so einfach.

Einfach?
BK: Ja, einfach. Wenn wir an die Lehren aller bedeutenden Menschen denken, ist daran nichts Kompliziertes. In unserer Kultur verehren wir das Komplexe, wir intellektualisieren alles. Nichts gilt, wenn es nicht durch eine Studie bewiesen ist. Die großen Gelehrten der Weltgeschichte haben nichts aufgeschrieben. Ihr Umfeld machte es unzugänglich, zog Grenzen. Für mich ist alles einfach.
PB: Hat dir Vipassana zu dieser Einsicht verholfen?
BK: Pattabhi hat sie mir eröffnet. Von ihm habe ich Asana und Pranayama gelernt. Als ich für den nächsten Schritt bereit war, empfahl mir jemand Vipassana als Meditationstechnik, die nicht für Westler aufgeweicht wurde. Zwölf Stunden still zu sitzen ist für mich „the real stuff“, das echte Yoga. Vipassana hat mir erklärt, was in Asanas eigentlich passiert.

Bryan, was ist eigentlich „Power Yoga L.A. Style“?
BK: Das ist einfach nur ein Begriff, der sich für das Marketing meines Unterrichts als nützlich erwiesen hat. Mein Studio in Santa Monica hat allerdings nicht einmal ein Schild. Eigentlich ist es zeitweise nur durch die Menschenschlange erkennbar, die sich mit zusammengerollten Matten davor anstellt. Es ist auch schon mit einem Obdachlosenheim verwechselt worden.