5 praktische Tipps für mehr Ordnung

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Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn Sie wirkliche Klarheit in Geist und Herz erreichen wollen, müssen Sie auch Ihren Alltag in Ordnung bringen. Ein paar praktische Tipps können dabei Wunder wirken.

Als ich im Dezember 2004 mit der Chemotherapie begann, war einer meiner ersten Impulse: Yoga. Ich fühlte mich zwar zu schwach, um viel zu üben, aber dennoch rief ich die renommierte Yogalehrerin Elena Brower an. Sie kam zu einer Privatstunde in meine winzige Wohnung. Mein Zuhause war vollgestopft mit Büchern, in der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr, überall lagen Klamotten, Papierstapel und CDs verstreut. Elena schaute mich an, sie sah sich in der Wohnung um und dann verkündete sie: „Wir machen heute kein Yoga, aber wir räumen ein bisschen auf. Du brauchst einen klaren, guten Platz zum Heilen.“

Wenig später hatte sie sich in einen Aufräumblitz verwandelt: Sie fegte Fastfood-Verpackungen in Müllbeutel, stapelte Bücher zu ordentlichen Häufchen und wusch das Geschirr. Ziemlich kraftlos ging ich ihr zur Hand und gemeinsam misteten wir meinen Wandschrank aus. Nach ein paar Stunden war meine Wohnung so sauber und aufgeräumt wie nie zuvor. Sogar meine Topfpflanzen sahen glücklicher aus. Ich fühlte mich ruhiger, weicher und seltsam erleichtert. Alleine auf meinem Sofa sitzend spürte ich, wie sich ein schwerer Mantel aus Trägheit und Unruhe von mir löste, von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Dankbar schwelgte ich in dieser neuen Leichtigkeit. Jetzt war alles bereit, um gesund zu werden.

Heute, wo es mir wieder gut geht, kämpfe ich noch immer mit der Unordnung. Aber ich habe die Lektion gelernt. Mir ist bewusst, dass eine klare, geordnete Umgebung mir gedankliche Klarheit, Gesundheit und Lebensfreude ermöglicht. Aber auch umgekehrt gilt: Die Ordnung in meinem äußeren Leben – in meiner Wohnung, meinem Terminplan und im Umgang mit Geld – kann ich nur aufrecht erhalten, wenn ich meine inneren Landschaften kläre und mir meine Prioritäten bewusst mache. Viele Menschen sehnen sich nach einem klaren, einfacheren Leben: nach einem aufgeräumten Zuhause, einem luftigen Terminkalender und mehr finanziellem Spielraum. Der Weg dorthin führt nicht immer über einen organisatorischen Frontalangriff. Wie oft haben Sie schon ein großes Ausmisten anberaumt, um schlussendlich vor einem noch größeren Chaos an offenen Kisten und Schränken zu kapitulieren? Wie oft haben Sie sich einen strikten Finanzplan auferlegt und schon nach ein paar Wochen den Überblick (und die Hoffnung) verloren?

Yoga lehrt, angesichts einer Herausforderung innezuhalten und einen Blick auf die tieferen Ursachen des Problems zu werfen. Der richtige Ausgangspunkt, um Ordnung in Ihr Leben zu bringen, könnte also sehr gut Ihre Yogamatte sein. Dieser Ansicht ist Christina Sell, Yogalehrerin und Buchautorin: „In der Yogapraxis berühren Sie den Ort in sich selbst, der Ihrem wirklichen Selbst am nächsten ist“, sagt sie. „Sie beginnen zu ahnen: ‚Oh, darum geht es! Nicht um dieses andere Gefühl, das mich eingenommen, abgelenkt und zugemüllt hat.’“ Durch solch eine Selbstreflexion gewinnen Sie allmählich Klarheit und können sich auf die Dinge ausrichten, um die es wirklich für Sie geht. Diese Ausrichtung wiederum erlaubt es Ihnen, bewusst all das loszulassen, was nicht wichtig ist. So schaffen Sie Spielräume für das, was eine Bedeutung für Sie hat, sei es nun in Ihrem Zuhause, im Terminplan oder finanziell.

1. Das bisschen Haushalt
Manchmal fühlt sich der Alltag an, als schaufle man Schnee in der Antarktis: Man spült den selben Teller zum 800. Mal und der Poststapel, den man noch vor einem Monat tapfer abgearbeitet hat, ist auf wundersame Weise schon wieder zu seiner alten Größe angewachsen. Ein guter Weg, um all das effektiver – und angenehmer – zu gestalten, ist der Blick auf das größere Ganze. Ordnung zu halten ist dabei nicht unbedingt das oberste Ziel. Es stellt nur den Prozess dar, mit dessen Hilfe wir uns besser auf unsere eigentlichen Ziele konzentrieren können. Wenn man weiß, warum man etwas tut, kann man sich sehr viel leichter dazu motivieren. Wenn Sie zum Beispiel Ihr Wohnzimmer ordentlich halten wollen, damit Sie nicht mehr so viel Zeit mit dem Suchen Ihrer Brille verplempern müssen, oder damit Sie einen schönen, ruhigen Platz zum Yogaüben haben, dann schreiben Sie sich diesen Entschluss auf einen Zettel und hängen ihn deutlich sichtbar auf. Auch bei der Frage, welche konkreten Projekte Sie im Haushalt anpacken wollen, hilft Ihnen yogische Selbsterforschung: Anstatt die Unordnung en gros anzugehen, sollten Sie sich überlegen, welcher Aspekt Ihres Zuhauses Sie vor allem stresst. Ist es die Angst vor der ungeöffneten Post? Ist es die ständige Suche nach dem Schlüssel? Oder die Tatsache, dass es keinen guten Platz gibt, um Ihre Matte auszurollen? All diese kleinen Störungen können den Energiefluss stören und zusammengenommen viel Frust erzeugen – aber sie alle laden auch zu kreativen Lösungen ein. Für meine beste Freundin etwa war der Knackpunkt die Sockenschublade. Aus unerfindlichen Gründen machte es sie jedes Mal wütend, beim Wäschezusammenlegen mühsam die passenden Socken zusammenzusuchen. Jetzt besitzt sie nur noch identische schwarze Strümpfe und der Fall ist erledigt.

Wenn Sie eher so sind wie ich, dann besteht Ihre schwierigste Aufgabe darin, die Materie mengenmäßig unter Kontrolle zu halten – denn je mehr Zeug man besitzt, desto schwieriger wird das Ordnen. Damals, als Elena Brower mit mir den vollgestopften Wandschrank ausmistete, begann ich, notwendige Dinge von Platz raubenden, überflüssigen zu unterscheiden. Heute versuche ich, Unordnung schon an der Ladenkasse zu vermeiden. Je mehr ich durch Yoga mit meinem Körper in Verbindung komme, desto deutlicher rührt sich dort beim Griff zur Geldbörse manchmal ein „Nicht-kaufen-Gefühl“: Bauch und Hals krampfen sich leicht zusammen. Wenn mein Kopf der Ansicht ist, der Kauf sei dennoch vernünftig – ich brauche das, es ist runtergesetzt, es ist für morgen – dann wird er in diesen Momenten eine Auseinandersetzung beginnen. Aber jedes Mal, wenn ich das „Nicht-kaufen-Gefühl“ ignoriere, bereue ich den Kauf schon nach kürzester Zeit. Kurzum: Dem Rat meines Körpers anstatt dem meines Kopfes zu folgen, ist für mich eine exzellente Art, Unordnung zu vermeiden. Hat etwas diese Hürde erst einmal genommen, versuche ich die „One in one out“-Regel zu beherzigen: Für jeden Gegenstand, den ich nach Hause tragen, muss ein anderer weg. Trotzdem schafft es die Materie immer wieder irgendwie, sich zu vermehren. Dann begegne ich ihr in regelmäßigen Abständen mit den klassischen Fragen: „Ist das schön? Ist es nützlich? Hat es eine Bedeutung für mich? Habe ich mich im vergangenen Jahr daran erfreut?“ Außerdem erinnere ich mich an den weisen Ausspruch einer Freundin: „Es ist möglich, die Essenz eines Geschenkes anzunehmen, den Gegenstand aber loszulassen.“

2. Geldwäsche
Manche Menschen leben mit einer Unordnung in ihren Finanzen, die sie in ihrem Schrank niemals ertragen würden. Einen geordneten, stressfreien Umgang mit Geld wünschen wir uns wohl alle, aber es ist gar nicht so einfach, in unseren komplexen Lebenszusammenhängen den Überblick zu behalten. „Wenn es unbezahlte Rechnungen gibt und Sie keine Ahnung haben, wie viel Geld Ihnen diesen Monat noch zum Leben bleibt, dann würde ich schon von einer Desorganisation sprechen, die Leid erzeugt“, sagt der Finanzplaner Brent Kessel. In seinem Buch „It’s Not About the Money“ wendet er yogische Prinzipien an, um unbewusste Muster im Umgang mit Geld aufzudecken und unsere diesbezüglichen Werte festzustellen. Für viele besteht der erste Schritt zu finanziell klaren Verhältnissen darin, einfach einmal alle Rechnungen aus den Kuverts zu nehmen, alle Einkünfte, alle festen Ausgaben und alle Schulden aufzulisten und einen Plan aufzustellen. Dazu gehört es auch, darüber nachzudenken, was einem wirklich wichtig ist. In diesem Prozess der Bewusstmachung ist man manchmal Gefühlen der Scham, Wut oder Verzweiflung ausgesetzt. „Wenn Sie die Kreditkartenrechnung aufmachen und dabei unangenehme Empfindungen in Ihnen aufsteigen, dann hilft unter Umständen Ihre Asana-Praxis“, sagt Kessler. „Was machen Sie, wenn Ihre Oberschenkel in einer Übung brennen? Sie atmen tief und achten darauf, weder allzu aggressiv noch allzu passiv mit sich selbst umzugehen. Genau das Gleiche können Sie auch jetzt tun: Nehmen Sie eine angemessene Haltung gegenüber Ihren Gefühlen ein, sprechen Sie freundlich mit sich selbst und atmen Sie bewusst.“

Auch wenn es in Ihren Finanzen ordentlicher aussieht als in Ihrer Rumpelkammer, kann es hilfreich sein, Ihre finanziellen Prioritäten einmal zu überdenken. Passt die Art, wie Sie Geld ausgeben oder sparen, wirklich zu Ihren Werten und Zielen? „Es geht darum, herauszufinden, was Ihnen selbst wichtig ist, nicht, was die Gesellschaft für wichtig hält“, erklärt Brent Kessel. „Vielleicht möchten Sie früh in den Ruhestand gehen. Vielleicht möchten Sie sich einen Job suchen, der Ihnen etwas bedeutet und den Sie auch noch mit 80 ausführen können. Vielleicht möchten Sie kein Geld für eine Privatschule ausgeben, obwohl all Ihre Freunde das tun.“ Wenn Sie erkannt haben, was Ihnen am wichtigsten ist, dann halten Sie sich diese Prioritäten bei der Einteilung Ihres Budgets bewusst. Vielleicht bemerken Sie dabei, dass manch eine nette Angewohnheit – zum Beispiel Ihr nachmittäglicher Cappuccino zu 4 Euro – eigentlich verzichtbar ist.

3. Bei sich bleiben
Wenn Ihre Tage angefüllt sind mit Job, Kindern, Erledigungen, Hausarbeit und Freizeitprogramm, dann kann dieses hektische Tempo leicht dazu führen, dass Sie sich ausgebrannt fühlen. Allein der Stress, all diese Aktivitäten zeitlich unterzubringen, raubt einem oft schon die Freude daran. Die Yogalehrerin Kate Holcombe, eine Schülerin von T. K. V. Desikachar, sagt, es gebe sehr wohl Wege, inmitten dieser täglichen Hektik heiter, gelassen und präsent zu bleiben. Sie führt ein Non-Profit-Unternehmen (die Healing Yoga Foundation), gibt Workshops und zieht drei Kinder groß. Für sie liegt der Schlüssel zur inneren Ruhe darin, täglich während ihrer Asana-Praxis mit sich selbst Zwiesprache zu halten. Aber egal ob diese bewusste, beruhigende Tätigkeit nun in Asana, Pranayama, Stricken, Schreiben oder Spazierengehen besteht – schon 5 Minuten täglich ermöglichen es, uns mit unserer Mitte zu verbinden und diese Verbindung den Tag über aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise verwurzelt und angebunden, geht unsere Aufmerksamkeit von einem ruhigen inneren Zentrum aus. Von dort aus richtet sie sich auf einen Punkt oder eine Aktivität und kehrt wieder zur Mitte zurück. „Je präsenter wir bei uns selbst bleiben können“, sagt Holcombe, „desto präsenter können wir auch im Umgang mit anderen sein.“

Eine tägliche Praxis kann auch der Schlüssel dazu sein, bewusster wahrzunehmen, wie wir unsere kostbare – und begrenzte – Zeit im Einzelnen verbringen. Das hilft uns, zu entscheiden, was wir beibehalten möchten und was wir aus unserem Tagesablauf streichen können. Kate Holcombe meint: „Nachdem ich unterscheiden gelernt habe zwischen dem, was nur äußerlicher Kram ist, und dem, was wirklich zu mir gehört, ist es viel leichter, bewusste, bedeutsame Entscheidungen darüber zu treffen, wie ich meine Zeit und meine Energie verwenden möchte.“ Eine tägliche, zentrierende Praxis gibt uns ein besseres Gefühl dafür, was uns eigentlich wichtig ist, und das kann ein völlig neues Licht auf unser Handeln werfen. Wir alle empfinden manche Tätigkeiten als belebend und andere als ermüdend. Der vergeudete Nachmittag des einen Menschen kann der Traumtag eines anderen sein. „Fragen Sie sich bei jeder Entscheidung vor allem: ‚Macht das mein Leben einfacher oder schwieriger?’ Lassen Sie sich nicht abbringen von den Dingen, die am wichtigsten für Sie sind“, rät Kate Holcombe. „Halten Sie diese Verbindung nach innen, denn das führt dazu, dass alles, was Sie tun, Sie auf eine gute Weise nährt und bereichert.“ Für Holcombe persönlich heißt das: keinen Fernseher besitzen und eher Zeit mit den Kindern oder ihrer Arbeit verbringen als zu einer Party zu gehen. Manche Aktivitäten (wie TV oder Facebook, um nur zwei Beispiele zu nennen) haben die Fähigkeit, uns völlig die Zeit vergessen zu lassen. Holcombe rät, für diese Dinge einen begrenzten Zeitrahmen festzulegen und sich auch daran zu halten. So verhindert man, dass sie uns von dem abhalten, was uns eigentlich wichtig ist – egal ob das nun die Yogapraxis, Kochen, Basteln oder die gemeinsame Zeit mit Freunden ist. Dabei ist es nicht so wichtig, ob man eine halbe oder drei Stunden für solche Zeitfresser einplant, entscheidend ist, nicht zuzulassen, dass sie sich immer weiter in unser Leben hinein ausbreiten. So können wir sicher gehen, dass es genügend Raum gibt für jene Dinge, die tief in unserem Inneren nachklingen.

4. Auf dem Weg sein
Wie viele andere Menschen werde auch ich wohl immer damit kämpfen, die Flut der Unordnung einzudämmen und mein überengagiertes Leben auszubalancieren. Dies wissend versuche ich, mich daran zu erinnern, dass das Leben – genau wie die Yogapraxis – ein Übungsweg ist und niemals perfekt. Ich mache kleine Schritte, die mich langsam weiterbringen und irgendwann zu Gewohnheiten werden. Kate Holcombe meint, dass Yoga selbst eine Art Großreinemachen sei. Sie zitiert dabei Tirumalai Krishnamacharya, einen der Gründerväter des modernen Yoga. „Er sagte: ‚Yoga ist ein Reinigungsprozess’. Es geht darum, den Staub und die Spinnweben wegzuputzen, damit wir unterscheiden können zwischen unserem Geist und unserem Selbst.“ Diese Vorstellung findet sich auch im Yoga Sutra des Patanjali, dem wichtigsten Quellentext des Yoga. Holcombe fasst den für sie wichtigsten Punkt des Sutra so zusammen: „Die Wirkung des Yoga besteht darin, dass sich die Dinge, die unsere wahre Essenz blockieren, allmählich auflösen.“ Dieses Wissen hilft mir, auch dann weiterzumachen, wenn mein Lebensweg mal wieder zu sehr mit Wäschebergen verstopft ist, um noch klar zu sehen. Ich erinnere mich an meinen Atem, wenn ich vor einem Stapel schmutzigem Geschirr stehe, und ich verbinde mich mit meiner inneren Mitte, wenn ich die Kontoauszüge durchgehe. Nachdem ich fünf Minuten meinen Schreibtisch aufgeräumt habe, ist auch mein Geist so aufgeräumt und klar, dass ich besser schreibe. Nur wenige Menschen können immer in dieser Klarheit sein, dafür passiert unser Leben einfach zu schnell. Trotzdem habe ich gelernt, jene Momente zu nutzen, in denen mir bewusst ist, dass Klarheit – von Geist und Körper ebenso wie von Alltag und Umgebung – mir dabei hilft, ein klares, zentriertes Leben zu führen.

Illustration: Alexander Springborn