Om Shanti! Diesen Friedensgruß kennst du sicher, vielleicht sind dir auch ein paar Asana-Namen und philosophische Begriffe in Sanskrit geläufig. Aber nur die wenigsten Yogi*nis machen sich die Mühe, Sanskrit zu lernen. Gabriela Bozic hat es getan. Hier erklärt sie, warum sich das Abenteuer lohnt.
Text: Gabriela Bozic / Titelbild: liubomirt von Getty Images via Canva
Mediziner*innen tauschen sich untereinander in lateinischen Bezeichnungen von Körperteilen und Krankheiten aus; wenn du mal in einer Ballettstunde gewesen bist, wirst du französische Begriffe gehört haben; im Rock’n’Roll kommt man nicht um Englisch herum – und Sanskrit ist die Sprache des Yoga. Egal ob Asana-Namen, philosophische Konzepte oder zentrale Texte wie Yoga Sutra, Bhagavad Gita oder Hatha Yoga Pradipika: Die heilige Sprache des alten Indien ist im Yoga eigentlich überall. Und so wie Yoga sehr viel mehr ist als achtsame Gymnastik, so ist auch der Klang von Sanskrit sehr viel mehr als exotisches Beiwerk einer Yogastunde.
Spätestens wenn wir beginnen, uns tiefer mit der Lehre und dem Weg des Yoga zu beschäftigen, kommen wir nicht darum herum, uns wenigstens in Ansätzen auch mit Sanskrit zu befassen. Es ermöglicht uns, die Bedeutung der Asana-Namen und ihre korrekte Aussprache zu kennen, wichtige philosophische Begriffe und ihre Bezüge untereinander zu entschlüsseln und uns beim Chanten von Mantras nicht nur vom Klang verzaubern zu lassen, sondern sie auch mit Sinn zu füllen.
Yogalehrer*innen gibt das mehr Sicherheit und Authentizität im Unterricht: Wir wissen, worüber wir sprechen, und vermitteln unseren Schüler*innen Wissen mit Kompetenz und Tiefe. Aber auch alle anderen Übenden profitieren von der Beschäftigung mit dieser faszinierenden Sprache. So wie wir mehr über die Heimat eines Freundes erfahren wollen, wenn wir eine enge Beziehung zu ihm haben, öffnet uns Sanskrit ein Tor zur Kultur, aus der Yoga stammt. Sich mit ihr vertraut zu machen, ist also auch ein Ausdruck von Respekt gegenüber den Ursprüngen des Yoga.
Abbild der kosmischen Ordnung
Jede Sprache hat ihre Eigenheiten und besonderen Qualitäten. Sanskrit verstehe ich als die Sprache der Seelenschau. Wir sind nicht nur unser Körper. Wir sind vor allem leuchtende, reine und ewige Seelen. Keine andere Sprache erfasst die Feinheiten der menschlichen Psyche so genau und vieldimensional wie Sanskrit. Wenn wir göttlich sagen, meinen wir etwas, das unübertrefflich schön und perfekt ist. So wie die Mutter Natur. Der Sprachaufbau, die Anordnung des Alphabets und die Sprachentfaltung des Sanskrit orientieren sich an genau dieser Intelligenz und Perfektion, die wir auch im natürlichen Universum finden. Jedes Wort, jeder Satz ist mit Bedeutung, Inspiration und jener kraftvollen Schöpfungsenergie (Shakti) verwoben, die auch durch deinen Körper, dein Herz und deinen Geist schwingt.
Sanskrit gilt als die älteste kontinuierlich verwendete Sprache der Welt. Sie ist eng verwandt mit der sogenannten proto-indoeuropäischen Sprache, von der viele moderne europäische Sprachen abstammen. Man könnte Sanskrit daher als die „ältere Schwester“ dieser Sprachen bezeichnen – und Spuren davon finden wir bis heute. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass Atman (sanskrit für Selbst oder Seele) fast identisch klingt wie das deutsche Wort Atem: Die Bedeutung des gemeinsamen Wortstamms ist „Lebenshauch“.

Nama-Rupa – Klang und Form
Klar: Man kann auch herabschauender Hund sagen, statt Adho Mukha Shvanasana. Es ist aber nicht dasselbe. Die indische Philosophie nennt dieses Prinzip: Nama-Rupa. Es besagt, dass im Namen, beziehungsweise in seinem Klang sowohl die Form als auch die Bedeutung enthalten sind. Der Begriff bezeichnet also nicht die Form, er erschafft sie, denn nach der traditionellen Vorstellung entsteht zuerst der Name oder Klang und erst dann folgt die Form. Das verändert die Art, in die Haltung hineinzugehen, sie zu halten und wieder aufzulösen. Deshalb sind die Namen aus der deutschen Turn- und Gymnastiktradition so grundsätzlich anders als die Sanskrit-Namen der Asanas.
Sanskrit als Orientierung
Nehmen wir zum Beispiel Pashchimottanasana im Vergleich zu „Vorwärtsbeuge aus dem Langsitz“. Pashchima bedeutet „Westen“. Der Westen steht in Indien symbolisch für die Rückseite des Körpers, die wiederum mit der Vergangenheit assoziiert wird. Wenn du dich in diese Haltung begibst, dehnst du nicht nur deinen Rücken, du verneigst dich vor deiner Vergangenheit, akzeptierst sie und indem du dich mit ihr versöhnst, stärkt sie dir das Rückgrat und gibt dir Halt. Ein Mensch ohne Rückgrat ist sprichwörtlich jemand, der nicht den Mut hat, seine Überzeugung offen zu vertreten. All das schwingt im Namen Pashchimottanasana mit.
Ein anderes Beispiel für Nama-Rupa sind die Bija-Mantras, die sogenannten „Keimsilben“, die in der traditionellen indischen Kultur mit den Elementen und darüber mit den Chakras assoziiert werden: Der Klang (Nama) eines Bija-Mantras trägt bereits die Schwingung, Energie und symbolische Form (Rupa) in sich, die auf physischer Ebene das Element ausmachen. Zum Beispiel enthält das Mantra „Lam“ die Qualitäten des Elements Erde, die wir mit dem Wurzelchakra in Verbindung bringen: Erdung, Stabilität, Urvertrauen. Der Klang ist also nicht getrennt von der Form – er bringt sie hervor.

Sanskrit im Unterricht – trennend oder verbindend?
Manchmal höre ich, dass die Verwendung von Sanskrit-Begriffen im Yogaunterricht „elitär“ sei. Das schaffe eine Trennung zwischen denen, die sie verstehen, und denen, die nicht mitkommen. Aber ich erlebe genau das Gegenteil: Sanskrit beseitigt Sprachbarrieren und verbindet! Ich reise viel, unterrichte und nehme Unterricht in vielen verschiedenen Ländern. Oft verstehe ich die Landessprache nicht, aber sobald der Lehrer die Asanas auf Sanskrit ansagt, weiß ich genau, was zu tun ist. Und genauso geht es vielen meiner Schüler*innen: Wenn sie meine Anweisungen nicht erfassen, hilft ihnen der Sanskrit-Name sofort, sich zu orientieren. Sanskrit schafft Vertrautheit, über die Grenzen unserer Muttersprache hinaus. Es verbindet uns als globalen Satsang, es ist unsere gemeinsame Sprache.
Sanskrit rezitieren
Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man Sanskrit lernen und wie intensiv man sich damit beschäftigen möchte, aber für mich gehört es einfach dazu. Wenn mich ein Land oder eine Kultur interessiert, will ich auch ein Gefühl für die Sprache bekommen – und genauso ist es mit Yoga. In Indien ist Yoga oft etwas völlig anderes als das, was wir im Westen darunter verstehen. Dort bedeutet Yoga in vielen Fällen das Rezitieren von Mantras, das Singen der Yogasutra, Rituale und Verehrung – und all das geschieht auf Sanskrit. Auch das Studium der Schriften, Svadhyaya, gehört zum achtgliedrigen Pfad des Yoga nach Patanjali. Und traditionell bedeutet Studium in Indien vor allem: Rezitieren. Gefühlte 90 Prozent des Yoga in Indien finden in Form von Klang statt!
Sanskrit zu rezitieren, ist für mich eine Art Meditation. Die Schwingung dieser Sprache geht direkt in die Tiefe, reinigt die Energiekanäle, baut Spannungen und Blockaden ab. Es wirkt beruhigend auf den Geist, lenkt die Gedanken in eine positive Richtung. Der Körper schwingt mit, der Atem wird tiefer und gleichmäßiger – und plötzlich ist der Kopf ruhig. Gleichzeitig ist das Rezitieren auch eine Atemübung: Wenn wir aus der Bauchgegend chanten, wird unser inneres Feuer, unser Agni, aktiviert – es weckt unsere Lebensenergie. Besonders kraftvoll ist es, Mantras gemeinsam zu rezitieren. Mein Lehrer Shyamdas sprach immer von Bhakti Bhav – einer freudvollen, liebevollen Atmosphäre, die im Raum spürbar wird. Und genau das ist Yoga: Verbindung, Gemeinschaft, eine Schwingung, die über Worte hinausgeht und etwas tief in uns berührt.
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025.

Gabriela Bozic hat ihre Wurzeln im Jivamukti-Yoga und gehört zu den erfahrensten Ausbilder*innen und Lehrer*innen. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Sanskrit.
Mehr Info auf gabrielabozic.com
Kennst du schon unser Yogi Glossar? Hier erklären wir dir die gängigsten (Sanskrit-)Yogabegriffe von A bis Z!


