Guru Purnima – der Vollmond, an dem wir unsere Gurus ehren (oder lieber nicht?)

Hast du schon mal von Guru Purnima gehört? 2026 fällt das Ereignis auf den Vollmond am 29. Juli. Es ist ein Tag, an dem Yogis und Yoginis ihre spirituellen, aber auch akademischen Lehrenden feiern und ihnen danken. Gerade heute, da der Guru-Begriff (zu Recht!) zunehmend kritisch hinterfragt wird, lohnt sich ein Blick auf seine ursprüngliche Bedeutung und die Geschichte hinter diesem traditionsreichen Fest.

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Vielleicht ist dir in den sozialen Medien schon einmal aufgefallen, dass viele Yogalehrer*innen jedes Jahr an einem Vollmondtag im Sommer ihren Lehrer*innen danken oder sie ehren. Der Anlass dafür ist Guru Purnima, dessen Ursprung weit über die moderne Yogaszene hinausreicht.

Was ist Guru Purnima?

Guru Purnima ist ein spirituelles Fest, das am Vollmondtag (Purnima) des hinduistischen Monats Ashadha – meist im Juni oder Juli – gefeiert wird. Es ist den Lehrerinnen und Lehrern gewidmet, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Weisheit an andere weitergeben. Dabei sind nicht nur spirituelle Meister gemeint: Traditionell werden an diesem Tag auch akademische Lehrkräfte, Mentor*innen und andere Wegbegleiter*innen geehrt.

Das Sanskrit-Wort Guru wird meist als „derjenige, der die Dunkelheit vertreibt“ übersetzt. Die Silbe „gu“ bedeutet „Dunkelheit“ und meint die Dunkelheit der Unwissenheit. „Ru“ ist der „Vertreiber“. Ein Guru ist also jemand, der Orientierung gibt und andere auf ihrem Weg begleitet. Eine andere ethymologische Wurzel könnte auch die Silbe „gru“ sein, die übersetzt „gewichtig“ bedeutet. Dies würde noch mehr die Autorität des Gurus in der Lehrer-Schüler-Beziehung unterstreichen.

Guru Purnima wird im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus auf unterschiedliche Art und Weise gefeiert und besitzt in allen drei Traditionen eine lange Geschichte. Im Yoga erinnert der Tag daran, wie wertvoll das Weitergeben von Wissen ist – und daran, den Menschen mit Dankbarkeit zu begegnen, die unseren eigenen Weg geprägt und inspiriert haben.

Die Ursprünge von Guru Purnima

Die Wurzeln von Guru Purnima reichen weit zurück. In der hinduistischen Tradition wird das Fest auch Vyasa Purnima genannt und erinnert an den Weisen Veda Vyasa (wörtlich „Ordner der Veden“), einen der bedeutendsten Gelehrten des alten Indien. Ihm wird traditionell zugeschrieben, die Veden geordnet und das Epos Mahabharata verfasst zu haben. Darüber hinaus gilt er als Autor oder Herausgeber zahlreicher Puranas und als wichtiger Vermittler spirituellen Wissens. Deshalb wird Vyasa bis heute als Urbild des spirituellen Lehrers verehrt.

Mit der Zeit entwickelte sich Guru Purnima zu einem Fest, an dem nicht nur Vyasa gedacht wird, sondern allen Lehrerinnen und Lehrern, die Wissen, Weisheit und Lebenserfahrung weitergeben.

Auch in der Yogatradition besitzt Guru Purnima eine besondere Bedeutung. Während in der klassischen hinduistischen Tradition Vyasa im Mittelpunkt steht, wird in der yogischen Überlieferung hingegen Guru Purnima häufig mit Adiyogi („der erste Yogi“) Shiva verbunden. Er erkannte in den sieben Saptarishis seine ersten würdigen Schüler. Zur Vollmondnacht nach der Sommersonnenwende soll er ihnen erstmals die Lehren des Yoga vermittelt haben und wurde so zum Adi Guru, dem ersten Lehrer des Yoga. Historisch belegen lässt sich diese Erzählung zwar nicht – sie ist eine spirituelle Überlieferung –, doch sie verdeutlicht den hohen Stellenwert, den das Weitergeben von Wissen in der Yogaphilosophie einnimmt.

Vollmond Meer
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Wie wird Guru Purnima gefeiert?

Die Art, wie Guru Purnima begangen wird, unterscheidet sich je nach Tradition und kulturellem Kontext. Viele Menschen nutzen diesen Tag für eine bewusste Praxis: Sie meditieren, rezitieren Mantras, widmen sich spirituellen Texten oder nehmen an gemeinschaftlichen Zeremonien teil. In manchen Traditionen werden Lehrer mit Ritualen, Blumen oder Gaben geehrt. Andere feiern den Tag stiller – mit einer persönlichen Reflexion darüber, welche Menschen und Erfahrungen den eigenen Weg geprägt haben.

Im Yoga kann Guru Purnima eine Einladung sein, sich nicht nur an eine bestimmte Lehrperson zu erinnern, sondern auch die Bedeutung von Lernen, Weitergabe und innerem Wachstum zu würdigen. Denn die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden steht traditionell für einen lebendigen Prozess: Wissen wird empfangen, vertieft und schließlich weitergegeben.

Die Sache mit dem Guru – zu Recht umstritten

Grundsätzlich müssen wir natürlich unterscheiden: Ist die Rede von spirituellen Gurus oder von alltäglichen Lehrpersonen?

Denn im Sinne von letzterem ist das an sich ja eine sehr schöne Tradition. Wir alle haben bestimmt einige tolle Lehrpersonen gehabt, die unser Leben bereichert haben. Sei es die Grundschullehrerin in der 1. Klasse, die dir Mut zugesprochen hat, ein inspirierender Uni-Professor, der dir neue Chancen ermöglicht hat, oder eben eine Yogalehrerin, die dich schon viele Jahre auf dem Yogaweg begleitet. Das alles macht diese Menschen, wenn man so will, auch zu Gurus auf deinem Lebensweg. Sicher fallen auch dir an dieser Stelle einige Menschen ein, denen du unglaublich dankbar bist für das, was sie dir beigebracht oder was sie in dir gesehen und gefördert haben.

Problematischer ist das Ganze, wenn wir von spirituellen Guru-Personen sprechen. Vor allem dort, wo ein ungesundes Machtgefälle vorherrscht und besagter Guru kultartig idealisiert wird. Und das ist uns in vielen Yogatraditionen schon viel zu oft begegnet. Unethisches Verhalten, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe sind leider keine Ausnahmefälle mehr. Zuletzt hat der Fall Deepak Chopra und seine Erwähnung in den Epstein-Files Aufsehen erregt. Im Anschluss daran haben wir im YOGAWORLD JOURNAL Nr. 03/26 den Artikel „Goodbye Guru“ veröffentlicht, in dem wir uns unter anderem die Frage gestellt haben, ob die Zeit der Gurus vorbei ist und was gute Lehrerschaft eigentlich ausmacht. Hier kannst du dir das Heft bestellen.

Was machen wir nun mit Guru Purnima?

Haben die Gurus es überhaupt noch verdient, dass wir sie feiern? Oder ist dieser Tag längst überflüssig geworden?

Im oben genannten Artikel haben wir dieses klare Statement von Kim Kassandra Schmid abgedruckt: „Lasst uns keine Gurus mehr auf Podeste stellen. Lasst uns Miteinander, Verbindung und Menschlichkeit aufs Podest stellen.“

Am Ende muss wohl jede*r für sich entscheiden, ob oder inwieweit er oder sie diese alte Tradition von Guru Purnima übernehmen möchte. Wir sollten aber auf jeden Fall die Augen offenhalten und die Machenschaften einzelner (meist männlicher) Gurus hinterfragen. Wir sollten weiterhin unsere Background-Checks machen, bevor wir ein vielversprechend klingendes Yogaseminar buchen. Wir sollten auf unser Bauchgefühl hören, wenn erste Alarmglocken klingeln. Und vielleicht am Ende des Tages lieber unser eigener Guru sein und uns an unsere Selbstwirksamkeit erinnern, statt uns von jemand anderem abhängig zu machen.

Leider haben es einzelne Herren in der Yoga- und Spiri-Szene geschafft, dass einigen von uns beim Wort „Guru“ inzwischen ein Schauer über den Nacken läuft. Falls es dir ähnlich geht, ist dieser Vollmondtag vielleicht der, an dem du – ganz harmlos – an die Grundschullehrerin zurückdenkst. Oder an den Professor. Oder die Yogalehrerin.

Mantra zur Inspiration: Om Sahana Vavatu

Klar ist: Die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler*in kann etwas sehr wertvolles sein, wenn sie unter den richtigen Motiven geführt wird. Um diese friedliche Intention zu wahren und aber trotzdem im Yoga-Kontext zu bleiben, finden wir dieses Mantra besonders passend:

Om Sahana Vavatu
Saha Nau Bhunaktu
Saha Viryam Karavavahai
Tejasvi Na Vadhitamastu
Ma Vidvisavahai
Om Shanti Shanti Shanti

„Om. Mögen wir alle beschützt werden.
Mögen wir alle genährt werden.
Mögen wir in Stärke erblühen und als Einheit arbeiten.

Mögen unsere Studien erhellend sein.
Mögen wir in Harmonie sein.

Om Frieden, Frieden, Frieden.“

Dieses Friedensmantra stammt aus der Taittiriya Upanishad und wird üblicherweise gemeinsam vor einer Yogastunde, einer Schulklasse oder vor dem Studium von Schriften rezitiert. Es soll eine harmonische und beschützte Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler*in herstellen. Gleichzeitig segnet das Mantra die Sache, die studiert wird und unterstützt den Prozess des Lernens.


Hier findest du einen ausführlichen Artikel zum Thema Machtmissbrauch im Yoga:

Wie sieht es aus, wenn zwischen Lehrperson und Schüler*in gar eine Liebesbeziehung entsteht? Hierzu ein spannender Artikel:

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