Advaita Vedanta – Von Bewusstsein, Wahrheit und Wirklichkeit

Eine Gedankenschule nennen es die einen, eine religiöse Tradition die anderen. Für James Swartz, einen ihrer renommiertesten Lehrer, ist Vedanta eine Wissenschaft. Ein Interview über Wahrheit – und darüber, was der Gang zum Supermarkt oder ein Löwe in der Sonne damit zu tun haben.

Interview: Carmen Schnitzer / Titelbild: Ritthichai von Getty Images Pro

Als Journalistin bemühe ich mich ja, möglichst wahre, authentische Artikel zu schreiben. Aber soweit ich Vedanta verstanden habe, geht es um eine andere Art Wahrheit, als diese, richtig?

Richtig, es gibt die Wahrheit, die wir selbst definieren – und dann eine allgemeine, die für alle gut und richtig ist, die alle Menschen als Wahrheit erkennen können.

Je mehr ich über Vedanta gelesen habe, desto mehr habe ich das Gefühl, ich müsste sozusagen verlernen zu lernen.

Das ist nachvollziehbar, denn du bist gewohnt, in Dualitäten zu denken – zum Beispiel hast du den Eindruck, dass ich hier in Berlin sitze und du in München bist, während wir uns über Videochat unterhalten. Aus Sicht unserer Sinnesorgane ist das auch richtig. Vedanta aber sagt: Das ist nur eine Erscheinung, keine Tatsache. Wenn man den eigentlichen Ort der eigenen Erfahrung analysiert, ist dieser Ort das Bewusstsein. Wir sind also beide bewusste Wesen, die denken, tun und fühlen – das könnten wir nicht, wenn wir nicht bewusst wären. Es gibt also ein Fundament, das uns beide umfasst: Hier bist du, da bin ich, und dann gibt es diesen dritten Faktor, der uns eint. Ohne bewusst zu sein, kannst du dich nicht als Menschen erkennen und mich nicht als Menschen. Eine Katze kann keine Katze sein, wenn sie sich dessen nicht bewusst ist. Ein Vogel könnte ohne Bewusstsein nicht fliegen. Nichts kann sich ohne Bewusstsein bewegen – das ist die Idee. Aber so zu denken sind wir nicht gewohnt.

Ich glaube, ich habe eine Ahnung, um was es geht – aber das in Worte zu fassen ist nicht einfach.

Das ist im Grunde das Schöne an Vedanta – es ist eine Wissenschaft dieser Existenz! Dieses Leuchtens, dieses Bewusstseins. Und Wissenschaft ist letztlich unpersönlich, nicht teilbar in zum Beispiel diese James-Person und jene Carmen-Person. Es wirken letztlich immer diese zwei Dimensionen – die unpersönliche, wissenschaftliche, bei der Fakten einfach Fakten sind. Und daneben die persönliche mit ihren Glaubensvorstellungen, Meinungen, Geschichten und all dem.

Unser Körper, unser Aufenthaltsort und so weiter – die sind also Illusion, aber gleichzeitig Werkzeuge, mit deren Hilfe wir Kontakt aufnehmen und interagieren können?

Ja, genau. Es sind Instrumente. Dein Bewusstsein nutzt deinen Körper und deinen Geist, um zu kommunizieren. Und Vedanta ist eine sehr einfache, perfekte Sprache dafür. Sie wurde offenbart und verfeinert, damit spirituelle Menschen sich über Tieferes austauschen können als lediglich ihre eigenen Erfahrungen.

Ich glaube, was das Begreifen so schwer macht, ist, dass „Illusion“ so schnell klingt nach: „Das bildest du dir nur ein, da ist eigentlich nichts.“

Aber nein, eine Illusion ist nicht nichts! In der modernen spirituellen Welt gibt es immer wieder Menschen, die von Nicht-Dualität sprechen und dann behaupten, „nichts“ zu sein. Aber wie kannst du das behaupten, wenn du nicht etwas bist? Warum sollte ich jemandem zuhören, der behauptet, nicht zu existieren? Wenn jemand in diesem Zusammenhang das Wort „nichts“ benutzt, kannst du davon ausgehen, dass er die Realität oder die Existenz nicht wirklich analysiert hat.

Okay, also: Meine Haare, meine Augen, mein Körper, mein Besitz und so weiter existieren, …

… aber sie sind nicht real, genau.


Was ist Advaita Vedanta

„Ende des Wissens“ bedeutet Vedanta übersetzt, Advaita wiederum heißt so viel wie „Nicht-Zweiheit“. Hinter Advaita Vedanta verbirgt sich die heute bedeutendste Richtung der philosophisch-spirituellen Hindu-Tradition Vedanta – im Zentrum steht die Vorstellung von der Nicht-Dualität der Welt beziehungsweise ihrer All-Einheit. Nur Brahman, das absolute, unendliche Bewusstsein, ist wirklich; die Welt der Vielfalt dagegen ist letztlich eine kosmische Illusion (Maya). Das wahre Selbst des Menschen (Atman) wiederum ist letztlich identisch mit Brahman, nur sozusagen „verpackt“ in unserer menschlichen Hülle. Trennung, Ego und Leiden entstehen durch Unwissenheit (Avidya), welche durch Erkenntnis, Selbsterforschung und Meditation aufgelöst werden soll. Wer erkennt, dass das eigene Bewusstsein nicht individuell begrenzt, sondern Ausdruck desselben grenzenlosen Seins ist, erlebt Befreiung (Moksha) ein – ein Zustand inneren Friedens und Klarheit, der schon im Leben erfahrbar sein soll.


Puh. Und darum lohnt es sich, Illusion hin oder her, trotzdem für Liebe, Frieden, Wahrheit und so weiter zu kämpfen?

Du könntest nicht an deinem Karma arbeiten, wenn du nicht existiertest. So etwas wie Nicht-Existenz gibt es nicht. Weißt du, da, wo ich herkomme, aus dem Westen der Vereinigten Staaten, aus Montana, da wirst du überall Souvenirs finden, die ein Tier namens Jackalope zeigen – eine Art Feldhase mit Geweih. Es gibt allerdings kein Tier namens Jackalope, das durch die Prärien von Montana, Wyoming und Oregon hüpft. Das ist eine Erfindung von Menschen.

Wir haben hier in Bayern etwas Ähnliches, den Wolpertinger. Aber gut, anders als Jackalope und Wolpertinger existiert mein Körper tatsächlich. Kann man sagen, das Problem beginnt, wenn ich mich, mein Selbst, damit identifiziere?

Ganz genau! Es geht um Fehlidentifizierung. Du hast einen Körper, aber du bist nicht dieser Körper. Du bist quasi Zeugin deines Körpers. Du siehst deinen Körper als Objekt, nicht wahr?

Ähm, ja.

Eben. Und da sagt Vedanta: Du bist niemals das, was du siehst. Was du siehst, ist das Objekt, das Bewusstsein ist das Subjekt. Wenn du also sagst: „Ich bin zum Supermarkt gelaufen …“

… müsste ich eigentlich sagen: „Mein Körper ist zum Supermarkt gelaufen.“

Exakt. Und du hast deinen Körper dabei beobachtet. Du warst die ganze Zeit dieselbe Person, deren Körper sich einfach von einem Ort zum anderen bewegte und das tat, was dein Ich, das Bewusstsein, beobachtete. Dein Bewusstsein selbst dagegen kann nichts tun, weil es keine Hände, Füße, Augen, Ohren, Nase, Geschlechtsorgane und all das hat. Aber natürlich kannst du ruhig sagen: „Ich bin zum Supermarkt gelaufen.“ Auch wenn es nicht wirklich so ist. Dein Bewusstsein versorgt und erschafft quasi deinen Körper, daher kann es sich ihn auch zu eigen machen. Das Bewusstsein selbst kann sich aber nicht bewegen, weil es nur Bewusstsein gibt. Es ist die Basis der Existenz. Und Existenz ist quasi ein Leuchten des Bewusstseins.

Das klingt sehr schön. Nun wird es allerdings Menschen geben, die sagen: Mir doch egal, ob ich mein Körper bin oder einen Körper habe.

Dann würde ich fragen: „Bist du vollkommen zufrieden mit dir selbst, so wie du bist, zu jedem Zeitpunkt? Und vollkommen zufrieden mit der Welt der Objekte, so wie sie in jedem Augenblick ist?“ Falls ja – wunderbar, dann haben wir nichts weiter zu besprechen.

Aber da wird kaum jemand ehrlich Ja sagen.

Eben. Mit Ausnahme von einigen Menschen, die Vedanta leben, vielleicht, aber es ist sehr selten.

Vedanta ist also ein Weg, Glückseligkeit zu finden – beziehungsweise zu erkennen?

Ja. Denn das Wesen des Selbst ist Glückseligkeit. Ich hatte bis vor Kurzem eine Katze, die ich abgeben musste, weil ich mein Haus verkauft habe und noch nicht genau weiß, wo es mich hin verschlägt. Diese Katze jedenfalls, die hat verstanden, was Glückseligkeit ist. Ein Baby versteht es auch. Oder ein in der Sonne ruhender Löwe. Die sind nicht bewusstlos. Die genießen einfach ihr Dasein, fühlen sich vollständig und erfüllt. Weil sie ihrer gottgegebenen Natur folgen, so könnte man es vielleicht ausdrücken.

Glückseligkeit bedeutet, sich seiner Vollständigkeit bewusst zu sein?

So ist es. Glückseligkeit bedeutet Fülle und Vollständigkeit. Wenn man sich seiner selbst nicht bewusst ist, fühlt man sich unvollständig, unzulänglich, getrennt und einsam. Man empfindet eine Reihe unangenehmer Gefühle. Sobald du erkennst, wie vollkommen und rein du bist, verschwinden all deine Sehnsüchte, dich auf verschiedenen Wegen zu „vervollständigen“. Dann ruht man einfach in sich, als vollständiges, glückliches Wesen. So wie meine Katze.

James Swartz
James Swartz, Foto: privat

Wie ist das mit Entscheidungen? Wir können ja nicht einfach zufrieden vor uns hindämmern, wir müssen tagtäglich entscheiden, was wir tun wollen oder sollen?

Wenn du wirklich in dir ruhst, musst du dich nicht entscheiden. Jede Entscheidung, die dein Dasein dir vorgibt, ist in Ordnung. Du kannst sagen, du überlässt die Entscheidungen Gott, wenn du es religiös ausdrücken möchtest. Weißt du, es geht heutzutage in unserer Gesellschaft ganz viel um das „Ich“: Ich habe diese Ausbildung gemacht, diese Kinder bekommen, dieses Haus gebaut … Aber Vedanta sagt, dass derjenige, der behauptet, etwas getan zu haben, dies nur im Zusammenwirken aller anderen Faktoren im Bereich der Existenz tun kann. Handlungen bestehen nicht nur aus einer Person, die sie ausführt. Es sind viele, viele Faktoren erforderlich, um eine Handlung hervorzubringen. Du brauchst Wahrnehmungs- und Handlungsorgane, dein Nervensystem und so weiter, die du nicht selbst geschaffen hast. Gott hat sie dir gegeben. Dann brauchst du ein emotionales Zentrum. Du musst Emotionen erzeugen. Du musst unterscheiden können, Dinge miteinander vergleichen. Und handeln. Außerdem brauchst du den Gedanken: Ich handle. Und das Bewusstsein, die Achtsamkeit. Du musst existieren, sonst kannst du nicht handeln. Wenn du mal darüber nachdenkst, wie viele Faktoren nötig sind, nimmt dir das doch eigentlich den Stress als Handelnde, oder? Dann kannst du entspannen.

Theoretisch ja.

Auch praktisch. Ich lasse mir vom Universum einfach sagen, was es für mich will. Und selbst wenn es mir etwas gibt, was ich nicht will, habe ich die Kraft zuerkennen, dass auch das gut für mich ist. Das Universum sagt mir damit, dass ich einen Gedanken, eine Handlung, eine Überzeugung oder eine Meinung korrigieren muss, um mir den Kummer zu ersparen, unpassende Handlungen und Folgen zu erleiden. Unsere handelnde Wesenheit möchte genießen, nicht leiden. Das ist normal. Aber du kannst die Folgen deines Handelns nicht kontrollieren. Du trägst dazu bei, aber das gesamte Feld deiner Existenz kommentiert ständig, was es für dich und sich als gut erachtet. Entspann dich und lass sich die Dinge einfach natürlich entwickeln.

Leichter gesagt als getan.

Nimm dir nicht zu viel auf einmal vor. Jeden Tag ein wenig Karma- oder Bhakti-Yoga hilft. Also handelndes, hingebungsvolles Yoga, jenseits von Asana und Pranayama. Obwohl die natürlich auch unerlässlich sind. Du wirst das Konzept nicht verstehen, wenn du nicht auch an deiner äußeren Ausstattung arbeitest. Yoga ist grundsätzlich ein guter Weg, Nicht-Dualität zu verstehen.


Carmen_Schnitzer, Autorin Yoga Journal

Sich nicht zu viel auf einmal vornehmen: Diesen Abschluss-Rat von James Swartz will die FOMO*-geplagte Carmen Schnitzer in vielfacher Hinsicht beherzigen. Denn wer auf zu vielen Hochzeiten tanzt, tanzt in Wahrheit auf keiner richtig. *FOMO = Fear of missing out

YogaWorld Journal 5/26
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