Wer ein Abo bei Anbietern wie Urban Sports Club oder Wellpass (sog. Aggregatoren) hat, kann für einen monatlichen Fixpreis flexibel in unterschiedlichen Yoga- und Sportstudios üben. Eigentlich eine tolle Sache, aber was bedeutet das für die Studios? Das sollte im Herbst 2025 eine Online-Panel-Diskussion klären. Wir sprachen mit Moritz Ulrich, der die Veranstaltung gemeinsam mit Nicole Bongartz initiiert hat, über die Erkenntnisse.
Interview: Susanne Mors / Titelbild: Christian Harb via Unsplash
Als die Diskussion eröffnet wird, ist sofort klar: Das Thema brennt. Fast 200 Yogis und Yoginis sind live dabei und diskutieren in der Chat-Leiste mit, als vier Studioinhaber*innen und Vertreter*innen von Wellpass und Eversports im Online-Panel über etwas sprechen, das die Yogaszene seit einigen Jahren prägt – und zunehmend zerreißt: Aggregatoren. Zwar bringen sie neue Kund*innen in die Studios und können den Umsatz steigern, aber viele Studios klagen auch über Abhängigkeit, Preisdruck und mangelnde Transparenz bei den Konditionen. Moritz Ulrich (Peace Yoga Berlin Jivamukti) und Nicole Bongartz (Lord Vishnus Couch Köln) fanden: Wir müssen miteinander sprechen!
Anmerkung der Redaktion: Wir hatten das folgende Interview bereits hier auf unserer Webseite angeteasert. Hier geht’s zum Artikel, in dem wir kurz einen Überblick über die Vor- und Nachteile von Aggregatoren geben:
Interview mit Moritz Ulrich

Moritz, was wolltet ihr mit dem Panel erreichen?
Wir wollten herausfinden, wie die Yogaszene aktuell mit Aggregatoren umgeht. Es geht dabei um Fragen wie: Wer profitiert, wer verliert, und wie kann man faire Bedingungen für Studios, Lehrende und Teilnehmer*innen schaffen? Viele Studios fühlen sich ausgeliefert, haben kaum Einfluss auf die Konditionen und sehen ihre Vision bedroht.
Was nimmst du aus solchen Gesprächen mit?
Ich habe das Gefühl, dass viele wirklich am Ende ihrer Kräfte sind. Manche sind nicht mal mehr wütend. Sie haben einfach keine Lust mehr, ihre Vision von Yoga weiterzutragen, weil so viel Energie in Themen fließt, die eigentlich nichts mit dem Unterrichten zu tun haben. Das tut mir wirklich weh. Studioinhaber*innen sind mit voller Leidenschaft gestartet und jetzt fühlen sich viele ausgelaugt.
Im Panel wurde auch klar: Aggregatoren werden von vielen eher als Belastung wahrgenommen. Warum?
Die Vergütungen sind einfach zu niedrig. Wenn Studios nur ein paar Euro pro Check-in bekommen, reicht das oft nicht, um einen Raum zu betreiben, Lehrende zu bezahlen und ein gutes Angebot aufrechtzuerhalten. Wenn am Ende des Monats kaum noch etwas übrig bleibt, dann frustriert das. Völlig logisch. Dazu kommt, dass die Preise steigen und wir die Löhne unserer Lehrer*innen erhöhen müssten, anstatt zu drücken. Gleichzeitig können wir nicht ständig die Mitgliedschaften teurer machen. Diese Mischung bringt Studios in eine Situation, die wirtschaftlich kaum tragbar ist.
Wie stark hat sich der Anteil von Aggregatoren denn entwickelt?
Genaue Zahlen gibt es dazu nicht, aber wir wissen, dass gerade in den Städten mehr und mehr Studios mit Aggregatoren arbeiten – und bei manchen kommen deutlich mehr als die Hälfte der Buchungen über sie.
Was bedeutet das für die Einnahmen der Studios?
Das ist zweischneidig. Der Payout pro Person ist oft niedriger, aber dafür kommen in der Regel mehr Teilnehmer*innen ins Studio – und am Ende bleibt der Umsatz in vielen Fällen ähnlich. Für kleine Studios, die weniger Platz haben, ist das allerdings problematischer. Außerdem werden viele Lehrende pro Teilnehmer*in bezahlt, sodass höhere Honorarkosten entstehen können.
Gibt es Unterschiede bei den Konditionen zwischen Studios?
Ja. Neue Studios bekommen oft andere Konditionen als etablierte. Das führt zu Intransparenz und teilweise unfairen Situationen. Non-Disclosure Agreements verhindern, dass Payouts offen diskutiert werden, wodurch Studios eine schlechte Verhandlungsbasis haben und schneller in eine gewisse Abhängigkeit geraten.
Heißt das, große Studios haben Vorteile?
Genau. Sie haben mehr Platz, mehr Verhandlungsmacht und so bessere Konditionen. Kleine Studios haben oft nicht einmal mehr direkte Ansprechpartner bei Aggregatoren und müssen fast alles per E-Mail klären.
Welche Probleme ergeben sich noch?
Ein großes Thema sind No-Show-Gebühren. Wenn jemand nicht erscheint, zahlt er zwar eine Gebühr an den Aggregator, aber das Studio bekommt bisher nichts, außer der Platz wird direkt wieder besetzt. Außerdem kontrollieren Aggregatoren über ihr Buchungssystem sogar, wer wann kommt, und zwar je nachdem welche Kurse zu welchen Zeiten sichtbar sind. Die Studios haben da kaum Einfluss.
Also zunehmend Abhängigkeit?
Genau. Studios müssen häufig akzeptieren, wie der Aggregator die Bedingungen setzt. Teilweise beginnen Kooperationen mit guten Konditionen, aber sie können sich plötzlich ändern. Studios, die sich dann gegen Aggregatoren entscheiden, riskieren, damit auch Teilnehmer*innen zu verlieren.
Was sollten Yogis und Yoginis beachten, die über Aggregatoren buchen?
Vor allem: Informiert euch. Fragt in eurem Lieblingsstudio nach: Wie läuft das eigentlich mit den Aggregatoren? So könnt ihr Entscheidungen treffen, die wirklich alle Informationen berücksichtigen. Bei uns im Studio verdienen wir zum Beispiel bei jemandem mit einem Urban-Sports-Abo, der achtmal im Monat oder noch öfter kommt, sogar mehr, als mit einer direkten Mitgliedschaft. Aber das passiert nicht oft. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was einem Yoga wert ist und ob man Studios nicht lieber direkt unterstützt. Viele wissen nicht, dass Studios von Aggregatoren meist nur einen kleinen Teil dessen bekommen, was als Monatsbeitrag gezahlt wird. Und dass direkte Buchungen das Studio wirklich unterstützen können. Ich finde, auch die Yoga-Community darf wissen, was gerade los ist. Das ist kein Jammern, sondern Realität.
Und die Lehrenden – wie sind sie betroffen?
Sie werden oft nach Teilnehmer*innen bezahlt. Das kann Vorteile bringen, wenn die Klasse voll ist, aber eben auch einen enormen Ausfall von Einkommen. Da müsste man Modelle entwickeln, die ein festes Gehalt mit Bonus kombinieren. Teilweise können Lehrende höhere Honorare erzielen, wenn sie kleinere Gruppen in selbst angemieteten Räumen unterrichten.
Wie verträgt sich das eigentlich alles mit den Werten des Yoga?
Zwei Seiten: Einerseits ermöglicht es mehr Menschen, Yoga zu erleben, die es sich sonst vielleicht nicht leisten könnten. Das ist inklusiv. Andererseits fehlt oft die Nachhaltigkeit und die partnerschaftliche Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler*in. Transparenz und Vertrauen, zentrale Werte wie Satya (Wahrhaftigkeit) werden durch NDAs und intransparente Verträge eingeschränkt. Ahimsa (Nicht-Schädigen) wird verletzt, wenn Studios unter wirtschaftlichem Druck zusammenbrechen.

Was bedeutet das für die Verbindung zu einem Studio oder einer Lehrperson?
Loyalität und kontinuierliches Üben werden schwieriger. Das Modell kann zwar kurzfristig funktionieren, langfristig fehlen aber oft Tiefe, Kontinuität und die Erfahrung, die Yoga eigentlich vermitteln will. Vertraute Räume verschwinden, langfristig könnten Lieblingsstudios aufhören zu existieren. Aber ich will nicht in Moraldebatten verfallen. Die Vision war großartig: möglichst vielen Menschen Zugang zu Bewegung zu geben.
Wer profitiert also von diesem System?
Kurzfristig: die Kund*innen und die Aggregatoren. Die Kund*innen zahlen wenig und haben maximale Auswahl und Flexibilität, die Aggregatoren wachsen und steigen im Marktwert.
Und die Studios?
Sie verlieren Kontrolle, finanzielle Stabilität und oft auch ihre Motivation. Langfristig verlieren alle, wenn das System Studios zerstört. Denn ohne sie gibt es keine Kurse, keine Community und letztlich auch keinen Yoga mehr, wie wir ihn kennen.
Sind die Studios mittlerweile gezwungen, mitzuspielen? Könnten sie nicht einfach aussteigen?
Wenn wir alle morgen aussteigen würden, wäre das Problem sofort gelöst. Wenn ein einzelnes Studio es aber alleine versucht, muss es möglicherweise schließen. Das zeigt die Abhängigkeit des Marktes sehr deutlich. Und es wirft die Frage auf: Hätten diese Studios ohne Aggregatoren überhaupt je funktioniert? Ich will da keine vorschnellen Urteile fällen, aber es zeigt, wie komplex die Lage ist.
Du hast es gerade angedeutet und im Panel klang es auch an: Die Studios hätten mehr Macht, wenn sie zusammen aufträten. Ist das überhaupt realistisch?
Theoretisch ja, praktisch ist es schwierig. Studios haben Angst, Reichweite zu verlieren, niemand will der Erste sein, der sagt: „Wir machen nicht mehr mit.“ Gleichzeitig sind wir Yogis oft nicht die Typen, die laut auf den Tisch hauen. Aber ich glaube schon, dass wir mehr erreichen könnten, wenn wir uns vernetzen. Auch manche emotionale Ebene sollte man vielleicht stärker zeigen, auch Richtung Kund*in. Denn viele wissen gar nicht, welche Auswirkungen ihr Buchungsverhalten hat.
Welche Lösungen wünschen sich die Studios konkret?
Im Panel haben sich da vor allem drei Dinge herauskristallisiert: Echte Partnerschaften mit den Aggregatoren, also die Möglichkeit, Konditionen wirklich verhandeln zu können und nicht ausgeliefert zu sein. Faire und transparente Payouts, die nach Gruppengröße, Raum und Kursdauer berechnet werden, sind ein weiterer zentraler Punkt. Außerdem wünschen sich die Studios mehr Mitbestimmung, um die Kontrolle über Termine, Slots und Rahmenbedingungen zu behalten. Hilfreich wäre natürlich auch, die Preise für Kund*innen realistisch anzupassen, damit die Lehrenden angemessen bezahlt werden können.
Was wäre jetzt also aus deiner Sicht wichtig für die Branche?
Mehr Ehrlichkeit, mehr Mut, Emotionen auszusprechen, mehr Bewusstsein bei Yogis, mehr Zusammenhalt unter Studios und natürlich ein Geschäftsmodell, das für alle funktioniert.
Fazit:
Die Diskussion ist längst nicht nur eine Frage von Zahlen und Geschäftsmodellen. Sie berührt auch Grundwerte wie Fairness, Gemeinschaft und die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Lage ist komplex. Viele Studiobetreiber*innen wünschen sich mehr Transparenz und bessere Vergütung von den Aggregatoren. Andere äußern sich auch selbstkritisch, vor allem im Hinblick auf massenhafte Teacher Trainings und nicht tragfähige Geschäftsmodelle. Was die meisten eint, ist die Erkenntnis, dass die Yogaszene bewusster mit der wirtschaftlichen Dimension des Lehrens und Übens umgehen sollte. Ziel wäre ein „Win, win, win, win – für Studios, Plattformen, Lehrende und Übende“, sagte Nicole Bongartz im Panel. Vielleicht war das der wichtigste Impuls dieses Panels: Dass die Branche mehr miteinander spricht. In manchen Städten sind seither Arbeitsgruppen entstanden – es bewegt sich also einiges. Wir werden weiter berichten.
Wir haben das Thema auch auf Instagram begleitet. In den Kommentaren ist eine große Diskussionsrunde entstanden. Hier geht’s zum Post:
Dieses Interview stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 01/2026.

Die Frage „Kann man deinen Kurs auch über Wellpass buchen?“, kann Susanne Mors langsam nicht mehr hören. Unsere Autorin arbeitet als freiberufliche Yogalehrerin und Podcasterin in München. Mehr Info auf susanne.mors.de und Instagram @yogasahne


