Was bedeutet Ahimsa?

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv – Respekt für alle Lebewesen; Vermeidung von Verletzung und Gewalt – Ahimsa, der konsequente Verzicht auf Gewalt, ist das wichtigste ethische Prinzip des Yoga. Doch was bedeutet das konkret? Und wie können wir das in unser tägliches Leben hineintragen?

Wenn von Gewaltlosigkeit die Rede ist, dann geht es häufig um Gandhi oder Martin Luther King – um Menschen also, die im Angesicht von Unterdrückung bewiesen haben, welche ungeheuren Kräfte von einer friedlichen Bewegung ausgehen können. Gandhi wird sogar als “Vater der Gewaltlosigkeit” bezeichnet, dabei hat er eigentlich im Zeichen einer viel älteren spirituellen Tradition Indiens gehandelt, als er gegenüber den britischen Kolonialherren die kulturelle und politische Identität des Landes forderte: Ahimsa. Für gewöhnlich wird dieser Sanskrit-Begriff mit “Gewaltlosigkeit” übersetzt. Wörtlicher übertragen müsste es eher “Abwesenheit von Verletzung” oder “Nicht-Verletzen” heißen.

Ahimsa als ethisches Prinzip?

Als ethisches Prinzip finden wir Ahimsa schon in den Veden, den beinahe 4000 Jahre alten philosophischen und spirituellen Überlieferungen des alten Indien. Auch der legendäre Yogaweise Patanjali hat diese Schriften angeblich studiert und daraus das Yogasutra entwickelt. In diesem bis
heute ständig zitierten Quellentext gehört Ahimsa zum erstem der acht Glieder des Yoga: Yamas. Die Yamas sind Prinzipien der Selbstregulierung. Mit ihrer Hilfe sollen wir uns von Impulsen befreien, die uns immer wieder zu Opfern unseres eigenen Handelns machen. Man kann sich die Yamas als eine Art Reinigungstechnik für Körper, Geist und Persönlichkeit vorstellen. Ihre Praxis soll es uns ermöglichen, ein bewussteres, freieres Leben zu führen.

Aber nicht nur im Yoga spielt Ahimsa eine wichtige Rolle. Wir finden dieses Gebot auch in den religiösen Traditionen von Hinduismus, Buddhismus und Jainismus. Persönlichkeiten wie Gandhi lebten sogar nach der Devise Ahimsa Parama Dharma: “Gewaltlosigkeit ist das wichtigste aller Lebensprinzipien.” Doch was bedeutet das für unser modernes Leben mit all seinen Pflichten und Zwängen? Wie konsequent können oder wollen wir uns zum Gewaltverzicht verpflichten? Und wie können wir Ahimsa ganz konkret im Alltag praktizieren – und erkennen, was es bewirkt?

Alltägliche Gewalt

Die Tatsache, dass Ahimsa im Yogasutra als eine der Praktiken von Yamas aufgeführt wird, deutet schon darauf hin: Konsequente Gewaltlosigkeit ist mit Arbeit verbunden, sie zu verwirklichen braucht Zeit und ein beständiges Üben, Überprüfen und Verbessern des Erreichten. Dabei klingt es erst mal ja ganz logisch und simpel: Ich will in einer friedlichen Umgebung leben und auch selbst niemandem Leid zufügen – und entsprechend sollte ich mich verhalten. Zum Beispiel sollte ich nicht gleich explodieren, wenn es mal nicht nach meinen Vorstellungen läuft. Genauso wenig sollte ich jemanden hintergehen, um zu bekommen, was ich mir sehnlich wünsche oder dringend brauche. Die meisten von uns finden es wohl auch falsch, sich im Supermarkt vorzudrängeln oder zu lügen. Aber sobald man versucht, sich wirklich konsequent daran zu halten, merkt man leider: Es ist in der Theorie viel einfacher als in der Praxis – und genau deshalb braucht es Übung.

Erst kürzlich habe ich im Café eine Szene beobachtet: Drei Frauen saßen während ihrer Mittagspause am Nachbartisch. Sie plauderten freundlich miteinander, tauschten sich über ihre Jobs aus und erzählten von anstehenden Reisen. Nach einer Weile verabschiedete sich eine von ihnen, weil sie zu einem Termin musste. Kaum war sie aus der Tür, begannen die anderen beiden über sie zu lästern. Es begann mit ein paar geflüsterten Kommentaren, aber im Nullkommanichts waren sie bei ziemlich deftiger Kritik und Spott angelangt. Was sie nicht bemerkt hatten: Ihre Kollegin hatte ihr Handy auf dem Tisch vergessen und kam noch mal zurück. Als klar wurde, dass sie ungewollt die Bosheiten gehört hatte, war das für alle drei sehr unangenehm. Sogar als Außenstehende konnte ich den durchdie verletzenden Worte verursachten Schmerz sehen und spüren.

Wenn Worte sich in Waffen verwandeln

Das zeigt: Verletzungen sind bei Weitem nicht nur das Resultat von körperlicher Gewalt. Worte, ein gewisser Ton, bestimmte Verhaltensweisen und sogar unausgesprochene Gedanken können sich in Waffen verwandeln. In den Veden wird daher zwischen drei verschiedenen Arten des Verletzens unterschieden:

  • kayaka (“mit der Hand”, also physisch),
  • vacaka (“ausgedrückt”, also verbal) und
  • manasika (“im Geist”, also gedanklich).

Zwar wurde bei der Szene im Café niemandem körperlich wehgetan, aber die bösen Worte führten doch zu einem Schmerz, der auch körperlich spürbar war. Die geröteten Wangen der Frau sahen beinahe aus, als hätte jemand ihr ins Gesicht geschlagen. Sogar das flaue Gefühl in meinem eigenen Bauch fühlte
sich an, als hätte ich einen Hieb hinein bekommen. Die Blicke der drei Frauen zeigten auch, dass jeder von ihnen schmerzhafte Gedanken durch den Kopf schossen. Es war also auch geistig Leid entstanden. Mit anderen Worten: Man kann die drei Arten des Verletzens zwar theoretisch unterscheiden, dennoch sind sie untrennbar miteinander verwoben.

Wir leiden wenn wir anderen Schmerz zufügen

Und noch etwas hat mir dieses Erlebnis deutlich gemacht: Auch wenn man äußerlich betrachtet unterscheiden konnte zwischen jener, die verletzt wurde, und jenen, die ihr Schmerz zugefügt haben:
Im Grunde haben alle gelitten – und das nicht erst, als die Kollegin überraschend ins Café zurückkam. Anzunehmen, dass der Schmerz nur entstand, weil die Frau wider Willen Zeugin der bösen Worte
wurde, wäre zu einfach. Zwar hätte sie vermutlich nie von dem Gespräch erfahren und ihre Kolleginnen hätten sich nicht ertappt fühlen müssen, aber auf einer tieferen Ebene leiden wir immer auch selbst, wenn wir anderen bewusst oder unbewusst Schmerz zufügen. Das hängt damit zusammen, dass wir einen Kreislauf der Verletzung fortschreiben.

Wenn wir lächelnd das eine sagen und uns dann abwenden, um genau das Gegenteil zu sagen oder zu tun, dann gehen wir ziemlich wahrscheinlich davon aus, dass andere uns dasselbe antun. So tragen wir dazu bei, dass wir alle gegenüber unseren Mitmenschen ständig unsicher und in der Defensive sind. Ahimsa zu praktizieren bedeutet innezuhalten, genau hinzuschauen, mitzufühlen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Indem wir das tun, ermöglichen wir uns als Individuen aber auch als Menschheit ein stressfreieres, friedlicheres Leben. Wenn wir nichts zu verheimlichen oder zu bedauern haben, leben wir einfacher und freier – und genau darin besteht Yoga.

Lies auch die spannende Geschichte von Sophie: Yoga und Selbstliebe – “Ich wollte nicht mehr mit mir kämpfen”

Die Grundlage von Ahimsa

Gandhi soll gesagt haben: “Wenn man Gewaltlosigkeit nicht zuallererst in seinen persönlichen Beziehungen praktiziert, hat man sie völlig falsch verstanden. Genau wie Güte und Barmherzigkeit muss auch Gewaltlosigkeit zu Hause beginnen.” Was allerdings nicht heißt, dass dieses Zuhause und unsere Interpretation von Ahimsa nicht von Mensch zu Mensch recht verschieden sein können. Die Veden ermutigen uns ausdrücklich dazu, das eigene Dharma, also den persönlichen Lebensweg, zu würdigen, während wir Ahimsa und andere ethische und spirituelle Prinzipien praktizieren.

Dabei ist die zwischenmenschliche Ebene für die meisten von uns sicher das naheliegendste und konfliktreichste Feld, um Gewaltlosigkeit zu üben. Doch ich selbst habe Ahimsa erst einmal anders kennengelernt: Meine Eltern haben meiner Schwester und mir immer vorgelebt, dass wir mit allen Lebewesen verbunden sind, sogar mit den scheinbar unbedeutendsten: Insekten bestäuben die Pflanzen, die wir essen, Vögel ernähren sich von Insekten, wir tragen zur Gesundheit unseres Planeten bei. Wenn wir Ahimsa praktizieren, indem wir liebevoll auch mit den kleinsten Kreaturen umgehen – zum Beispiel, indem wir eine Fliege aus der Wohnung ins Freie befördern, statt sie totzuklatschen –, dann beginnen wir mit der Zeit, die Welt anders wahrzunehmen: Wir sehen durch eine viel weitere Linse. Aber das ist nur meine persönliche Interpretation beziehungsweise die, mit der ich aufgewachsen bin. Andere Yogis setzen andere Schwerpunkte – und die Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Ansätzen ist bereichernd.

Was bedeutet Ahimsa für dich? Wo liegt dein Schwerpunkt? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar.


Autorin Rina Deshpande unterrichtet, schreibt und forscht über Yoga und Achtsamkeit. Sie hat indische Wurzeln, ist in Florida aufgewachsen und lebt heute in New York. Mehr Info: rinadeshpande.com

Titelbild: Sunyu vias unsplash

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