Achtsamkeit im Familienalltag

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Erwartungen loslassen und Präsenz fühlen: Den achtsamen Umgang mit sich selbst und der Umwelt beschreiben die renommierten Achtsamkeitslehrer Jon und Myla Kabat-Zinn auch als Kompass durch den Familienalltag.   

Verklärte Blicke aus dem Auditorium, aufgeregte Erwartung, denn der Superstar der Anti-Stress Bewegung gibt sich die Ehre: Über eine solche Formulierung würde Jon Kabat-Zinn allerdings milde lächeln oder vielleicht etwas skeptisch über seine randlose Brille schauen. In Begleitung seiner Ehefrau Myla ist er auf Einladung von Arbor-Seminare zu einem seiner seltenen Workshops im deutschsprachigen Raum gekommen. Gemeinsam leitet das Ehepaar ein Seminar zum Thema „Mit Kindern wachsen“. Rührend umständlich – und ja, achtsam – helfen sie einander, die Mikrofone anzulegen. Um freiwillig oder unfreiwillig ihre Nähe zum Thema zu demonstrieren, haben einige Teilnehmer ihre Kleinkinder mitgebracht. Beim Großteil des Publikums, denen über 40, ist diese Phase des Familienlebens vermutlich eher am Ausklingen. Der Gesamteindruck ist lässig-alternativ, viele bewusst nicht gefärbte graue Haare: Die „Achtsamkeitsszene“ (wieder so eine Formulierung) hat, von diesem Workshop aus zu urteilen, keine so glänzende Oberfläche wie die urbanen Trend-Yogis – eine irgendwie erleichternde Beobachtung.

Genau darum geht es Jon und Myla Kabat-Zinn, weißhaarige Eminenzen der Entspannung und lebende Verkörperung dessen, was sie nicht nur heute in die Familien tragen wollen: Urteilt nicht, entspannt euch, seid präsent, feiert den Augenblick und hört auf mit den Erwartungen. „Never mind“ – „Lasst gut sein“.  Meditiert, aber hütet euch vor dem Selbstzweck und macht keinen Kult daraus. Welchen Nutzen das wertfreie Verweilen im Moment hat und wie man es ins eigene Leben integriert, hat der Molekular-Biologe, Medizin-Professor und Urvater der „achtsamsbasierten Stressreduktions-Therapie“ (MBSR) zunächst durch buddhistische Meditation gelernt und dann eindrucksvoll für den Westen übersetzt. Zunächst war das eine Begleitmaßnahme für die Behandlung von körperlichen Erkrankungen, dann wurde eine breite, von ihrem so genannten „Alltag“ gestresste Masse auf die Methode aufmerksam. Der Erfolg machte Kabat-Zinn unter anderem zum Guru des Silicon Valley, und ein wenig erinnert der schlaksige Visionär auch an Steve Jobs.

Gemeinsam mit Myla beschäftigt er sich seit einigen Jahren damit, die Achtsamkeitspraxis im Familienkontext zu verankern. „Alles, was ich heute weiß, habe ich durch die Elternrolle gelernt“, gibt Kabat-Zinn zu Beginn seines Vortrags zu. Das Leben, das er als „Labor“, als Raum für Experimentierfreude, sieht, werde durch Kinder nochmal interessanter. Im Gegensatz zur Wissenschaft gelten hier jedoch keine verbindlichen Formeln: „Achtsames Elternsein ist kein Konzept, sondern Einstellung, Geisteshaltung und Praxis.“   

Kabat-Zinns Statthalter in Deutschland ist der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin, der in Freiburg den Arbor Verlag und die gleichnamige Seminarreihe begründet hat. „Wenn man sicher sein will, dass man von nichts eine Ahnung hat, sollte man sich Kinder zulegen“, so Valentin bei seiner Begrüßung. Als junger Vater fühlte er sich mit seiner Erfahrung in Meditation und Gestaltpädagogik bestens vorbereitet, außerdem kannte er alle einschlägigen Standardwerke: „Wie sich herausstellte, hatte mein Sohn aber keines dieser Bücher gelesen“.

Zur entscheidenden Meditationspraxis wurde also das Familienleben, auch für die Kabat-Zinns, selbst Eltern dreier Kinder. Besonders Myla – die übrigen keinesfalls im Schatten ihres berühmten Mannes stehen sollte – setzt nicht auf die formale Meditationspraxis, sondern auf Intimität mit dem gegenwärtigen Moment und auf Resonanz mit dem eigenen Wesen und dem des Gegenübers. Sprich: Nicht nur stille Einkehr bei sich selbst, sondern bewusstes Erleben, gerne auch des Karottenschälens, Bauklötze-Aufräumens und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielens. „Uns steht so viel mehr Intelligenz zur Verfügung als nur das Denken“, bringt die langjährige Geburtsbegleiterin die Idee der Empathie ins Spiel, in der sich Verbindung und Menschlichkeit manifestierten.

Also Mitgefühl – aber bitte auch mit sich selbst: Achtsamkeit sei die „Vollkommenheit im Unvollkommenen“, keine Lösung der Dinge, sondern ein Weg, sie zu betrachten. Eine Praxis, keine gute Idee, sondern die Anregung zum neuen Umgehen mit alten Mustern. Das könne wie ein Muskeln trainiert werden, aber im Kontakt mit Kindern niemals als Mittel, „sie auf Spur zu bringen“. Eher als ständige Erinnerung, „dass wir okay sind“. „Anderenfalls werden sie Achtsamkeit den Rest ihres Lebens lang hassen“, warnt Kabat-Zinn humorvoll. Der überzeugte Yogi, der seit 20 Jahren regelmäßig übt, beschwört das Lernen durch Wiederholung, denn „jeder Moment ist frisch“.

Elternsein werde durch die eigenen Erfahrungen des Kindseins beeinflusst. Der Schlüssel zur Unabhängigkeit von diesen Ideen und den damit verbundenen Erwartungen liege darin, Urteile mitfühlend zu betrachten, sie von „Unterscheidungsvermögen“ abzugrenzen – und auch dies nicht zu beurteilen. Mit der entsprechenden inneren Einstellung seien – direktes Beispiel aus dem Salzburger Seminarsaal – störende Geräusche nur Geräusche, die zur jeweiligen Umgebung gehören. „Störend ist, was wir aus ihnen machen.“ Welch ein Kompass für den Kindergeburtstag und das Fußballspiel im Hinterhof! „Im Kontakt mit unseren Kindern müssen wir vor allem in Kontakt mit uns selbst sein“, so die Kabat-Zinns. Achtsamkeit sollte kein Ziel sein, kein weiteres Soll, sondern ein sich langsam entfaltender Prozess. „Eine spirituelle Praxis, die aus der Idee von Unzulänglichkeit betrieben wird, kann starr werden. Man sollte die Methode nicht idealisieren, aber regelmäßig anwenden – wenn die Intuition sagt, dass dieses Instrumentenstimmen wichtig ist.“ Beim bewussten Familienleben gehe es nämlich nicht nur um Kinder und Eltern, sondern um das Große und Ganze: die Gemeinschaft, letztlich die ganze Welt.

Dabei ist Wirrwarr inklusive: „Chaos bedeutet nicht, unachtsam zu sein, sondern einfach menschlich.“ Noch so ein Lieblingssatz! Dieses Verständnis von Achtsamkeit bringt mehr Raum und Weite in Beziehung – genau so, wie Kinder die unschätzbare Gelegenheit bieten, sich selbst besser kennen zu lernen. Komplett verwerfen die Kabat-Zinns an diesem Wochenende die Idee der achtsamen Supereltern. Authentische Hinwendung statt Perfektion: „Perfekte Eltern wären sehr schwierig für ein Kind“.


Jon und Myla Kabat-Zinns Standardwerk zum Thema heißt „Mit Kindern wachsen: Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie“ (Arbor, ca. 23 Euro). Kurse und Weiterbildungen: www.arbor-seminare.de

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