Kindheitserinnerung

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Sie würden gerne ein Instrument spielen, aber Sie glauben, dass Sie unmusikalisch sind? Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit! In jedem von uns steckt Musik und Gesang. Yoga hilft, das wieder zu entdecken.

Meine Lieblingsgeschichte von Swami Sivananda wird immer die mit dem jungen Musiker sein. In den späten fünfziger Jahren, so wurde mir erzählt, kam einmal ein reicher, spendabler Geschäftsmann zu Besuch in den Ashram in Rishikesh. Er reiste mit seinem Sohn, der gerade angefangen hatte, Flöte spielen zu lernen. In Indien ist man höflich, und daher lud Sivananda den jungen Mann am Abend im Satsang ein, vor allen Leuten etwas vorzuspielen. Ein Swami, der damals dabei war, sagte: Alle waren sich einig, noch nie eine so schreckliche Kakophonie gehört zu haben. Es muss wirklich schlimm gewesen sein. Als sein Auftritt vorbei – und die anderen Swamis froh waren – begann Sivananda aber zu klatschen, und rief: „Wundervoll! Dieser junge Musiker hat unser Herz sehr erfreut. Mir war, als ob Krishna selbst auf seiner Flöte gespielt hätte“. Damit nicht genug. Er bat ihn sogar, die Gemeinschaft im nächsten Jahr wieder zu beehren.

Nicht alle wachsen mit solchen Mentoren auf. Hanuman, hatte es beispielsweise deutlich schwerer. Obwohl die Voraussetzungen günstig gewesen wären, war er doch selbst eine Inkarnation Shivas und der Sohn des Gottes des Windes. Dass er äußerlich eine Affengestalt hatte, nahm ihm in seiner Kindheit nichts von seiner unbändigen Lebensfreude. Immer zu Streichen aufgelegt, geriet er jedoch oft in Konflikte. So hielt er einmal die Sonne, die durch die Äste eines Baumes schimmerte, für eine reife Mango, und flog los, sie zu essen. Dabei schepperte er allerdings in den Streitwagen Indras, des Königs der Götter. Und als er die Rishis, die still im Wald meditierten, einmal zu oft gestört hatte, belegte ihn einer von ihnen mit einem Fluch. Er musste für den Rest seiner Jugend all seine Kräfte und Fähigkeiten vergessen. Bis ihn wieder jemand daran erinnern würde. Die Weisen hatten ihre Ruhe.

Ich glaube, dass viele von uns das selbst erfahren haben. Man möchte als Kind nicht „anecken“ und passt sich den Anforderungen der Umgebung an. Das ist eine hilfreiche Strategie, aber manchmal klammert man damit große Aspekte seiner Persönlichkeit aus. Wenn man dann dem falschen Lehrer begegnet, kann sogar Yoga gefährlich werden. Wir lernen, dass unsere wahre „Natur“ Sat-Chid-Ananda ist: Sein, Wissen und Glückseligkeit – aber statt uns deswegen wirklich an unserer Lebendigkeit zu erfreuen, folgen wir dem bereits früher eingeschlagenen Pfad. Und machen uns selbst weiter klein. Weil wir das Göttliche doch eh nicht erreichen können, in diesem Leben. Wer sind wir denn schon?

Eine von Hanumans Gaben war, Gestalt jeder Größe annehmen zu können (das ist eine Frucht der Yogapraxis, die auch Patanjali in seinen Yoga Sutras beschreibt). Nach langen Jahren, in denen er in der Armee der Affen als General funktioniert hatte, brachte ihn das Leben schließlich in eine Situation, in der er „aufwachte“. Um seinem Freund Rama zu helfen, die schöne Prinzessin Sita wieder zu finden, war er an der Ostküste Indiens angelangt und musste nun einen großen Sprung wagen, um über das Meer ins Reich Lanka zu gelangen. Ein weiser Bär erinnerte ihn da an die ihm innewohnenden Kräfte und die Fähigkeiten, die er in seiner Jugend gehabt hatte. Und Hanuman sprang.

Das ist der Grund warum man in Yogaschulen auf der ganzen Welt heute die „Hanuman Chalisa“ singt, eines der schönsten Lieder zur Verehrung Hanumans. „Du bist so stark wie der Wind“ singen wir da. Und in der nächsten Zeile: „Es gibt nichts in der Welt, das zu schwierig ist, für Dich.“ Wir sagen, wir singen für Hanuman. Aber eigentlich singen wir für uns. Wir erinnern uns – indem wir seinen Ruhm preisen – an unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es gibt nichts auf der Welt, das zu schwierig für uns ist. Wir verpacken es in einen Gesang, weil wir sonst vor unserer eigenen Kraft zurückschrecken würden.

Hat Ihnen je jemand geraten, still zu sein, oder leise? Die „Hanuman Chalisa“ – wie alle Formen von Kirtan – sollte möglichst laut gesungen werden. Man kann nichts „falsch“ machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Dann sind wir selbst wie Krishnas Flöte, und Gott kann sein Lied auf uns spielen. Der Sohn des Geschäftsmannes kam übrigens im Jahr darauf erneut in Sivanandas Ashram. Und dieses Mal spielte er tatsächlich wie ein junger Gott. Die anderen Swamis waren erstaunt, aber wenn man darüber nachdenkt, war kein großes Wunder geschehen. Es hatte einfach einen Menschen in seinem Leben gegeben, der an ihn geglaubt und sein Vertrauen in sich selbst gestärkt hatte. Auch wir können uns immer daran erinnern, welche Geschenke in uns selbst stecken. Und in den Menschen um uns herum. Viel Spaß beim Entdecken!

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