Yoga und Selbstliebe: “Ich wollte nicht mehr mit mir kämpfen”

Als Kind mochte Yogalehrerin Sophie ihren Körper. Dann lernte sie auf die harte Tour, dass ihre Maße nicht der (erwünschten) Norm entsprachen. Doch irgendwann hatte sie die Nase voll davon und machte sich auf den Weg, ihr Selbstbild zu ändern und sich wieder voll und ganz zu lieben

Liebe Sophie, wie kam es, dass du dein Selbstbild ändern wolltest? Gab es einen “Auslöser-Moment”?

Einen direkten Auslöser-Moment gab es nicht. Zumindest habe ich ihn nicht bewusst mitbekommen. Ich bin ein friedlicher und harmoniebedürftiger Mensch und wollte nicht mehr mit mir endlose Kämpfe austragen müssen. Damals dachte ich, dass ich diesen Frieden erlange, wenn ich mein Äußeres ändere. Es stellte sich heraus, dass das, zumindest für mich, nicht stimmte. Also habe ich daraus geschlossen, dass ich mein inneres Selbstbild ändern muss, wenn ich inneren Frieden in mir erlange möchte. Im Nachhinein klingt das logisch.

Warum mochtest du deinen Körper früher nicht?

Ursprünglich, als ganz kleines Kind, mochte ich meinen Körper. Ab der Schulzeit wurde mir dann teilweise offensiv, teilweise subtil beigebracht, dass mein Körper nicht der Norm entspricht und dadurch ekelhaft, falsch oder hässlich ist. Irgendwann glaubte ich das und habe mir somit gegenüber erst Frust, dann Ablehnung und am Ende sogar Hass entwickelt. Ein Prozess der schleichend über Jahre ging und viele Jahre blieb. Wir werden dazu konditioniert uns kritisch zu betrachten und nie mit uns zufrieden zu sein. Sei es in der Fernsehwerbung, in Magazinen, in unseren Social Media Feeds, auf Plakaten. Uns wird ständig suggeriert, dass wir Äußerlichkeiten ändern müssten um endlich zufrieden mit uns sein zu können. Das habe ich ja auch geglaubt. Leider führt dieser Weg ins Unglück. Das innere Glück auf Extern zu verlagern kann nicht funktionieren. 

Also hast du mit deiner eigenen Körperarbeit begonnen und dich lieben gelernt. Was würdest du Frauen raten, die genau das auch wollen?

  • Fang an Kontakt mit deinem Inneren aufzunehmen. Sei es durch Bewegung, Musik hören, meditieren. Richte den Blick auf dein Inneres und höre hin.
  • Versuch nicht zu bewerten, was du denkst. Beobachte und fühle einfach nur. 
  • Ließ dir auf Wikipedia durch, was der menschliche Körper kann. Ich persönlich finde das inzwischen wahnsinnig faszinierend. Da spüre ich gleich wieder Ehrfurcht und Respekt. 
  • Umgebe dich mit Menschen, die gut für dich sind. 
  • Folge Accounts auf Social Media bei denen du nicht in einen Negativ-Vergleich abrutschst, sondern die dir Freude machen und Inspiration schenken.
  • Schreibe dir einen Satz auf ein Post-It, wie etwa “Ich bin wertvoll. Ich bin genug. Ich bin schön.” und hänge ihn dir irgendwo auf, wo du jeden Morgen daran vorbeigehst. Lese dir deinen Satz mit einem Lächeln laut vor. Vielleicht sogar vor dem Spiegel. 
  • Ruhe dich oft aus, mach öfters einfach Nichts. Klingt erstmal neu, weil wir anders konditioniert worden sind: “Ich darf mich erst ausruhen, wenn ich produktiv gewesen bin oder etwas geleistet habe.” Aber in der Ruhe liegt tatsächlich die Kraft und die Erkenntnis.

Du arbeitest mittlerweile auch als Yogalehrerin. Hat Yoga dir auf dem Weg zu mehr Selbstliebe geholfen? 

Ein klares Ja. Durch Yoga habe ich das erste Mal ein Körperbewusstsein erlangt. Ich habe sozusagen angefangen meinen Körper kennenzulernen und im nächsten Schritt hinzuhören: Was braucht er heute? Was tut ihm eigentlich gut? Wann darf ich ihn fordern und wann ist es Zeit ihm Ruhe zu geben? Das sind alles Fragen, die man sich nur stellen und beantworten kann, wenn man eine Verbindung zu sich und seinem Körper herstellen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt, der mir sehr geholfen hat, ist das Atmen, Pranayama. Allein sich seines Atems bewusst zu werden, war ein Game-Changer. Es wirkt für mich sehr verbindend und erdend. Und natürlich ist es einfach schön zu sehen, wenn der Körper eine Asana hält, von der man eigentlich dachte “Das schaffe ich nie…”. Yoga ist einfach der Hammer! 

Was ist dir als Yoga-Lehrerin besonders wichtig, was willst du deinen Schülern mitgeben?

Mehr zu Sophies Yoga-Unterricht findest du auf Instagram: Sophies_Safespace

Ich möchte einen sicheren Raum (Anm. der Redaktion: Folge Sophie Instagram unter Sophies Safespace) schaffen, egal ob ich live vor Ort oder online unterrichte. Jede/r darf so sein wie sie/er ist. Durch meine Anleitungen gebe ich ein Angebot und es darf entschieden werden, was man davon wie ausführt. Es ist mir auch sehr wichtig Variationen der Asanas zu unterrichten und die Verwendung von Hilfsmitteln zu normalisieren. Menschen sind unterschiedlich, Körper sind unterschiedlich. Und das ist in Ordnung und gut so. Im Endeffekt möchte ich mit dem größtmöglichen Bewusstsein meine Schüler/innen unterrichten.

Wie du ja sagst, sind Körper einfach unterschiedlich. Trotzdem gibt es eine merkwürdige Dynamik unter uns Frauen. Kurvige Frauen werden gefeiert, wenn sie von Selbstliebe und Akzeptanz ihres Körpers sprechen. Dünne Frauen, die vielleicht unter fehlenden Kurven leiden, werden oft belächelt – “Jammer nicht, du bist doch dünn”. Denkst du wir Frauen müssten uns da noch mehr unterstützen? Also raus aus den zwei Lagern und rein in eine gemeinsame Welt – Body Positivity für Alle?

Ich denke man muss hier differenzieren: Die “Body Positivity Bewegung” wurde ursprünglich von mehrgewichtigen BiPoc Frauen ins Leben gerufen, weil sie aufgrund ihrer Erscheinung diskriminiert wurden und werden. Wenn dann schlanke, weiße Frauen, die einer aktuellen gesellschaftlichen Norm entsprechen, diesen Hashtag nutzen, kann es eben zu beschriebener Dynamik kommen. Schlank/dünn ist größtenteils immer noch mit “gut, richtig” gleichgesetzt, egal ob es den Frauen damit gut geht oder nicht. Dick zu sein wird von vielen immer noch als “gesellschaftlicher Verrat” angesehen, ebenfalls egal wie es den Frauen geht. Ich kann mir als dicker Mensch nicht aussuchen, ob das Fett an meinem Körper heute zum Thema gemacht wird oder nicht. Durch die starke Fettphobie, die in unserer Kultur verankert ist, ist es automatisch immer ein Thema, siehe #fatphobia und #antidietculture. Also, was ist der Weg? Wir müssen aufhören andere Körper zu kommentieren und zu beurteilen. Die (Be-)Wertung erschafft das Problem. Wir Menschen – übrigens nicht nur Frauen, auch Männer spielen hier auch eine große Rolle – müssen uns gegenseitig endlich als gleich- und vollwertig sehen, egal wie ein Körper aussieht. Das geht aber nur, wenn man eine gewisse innere Zufriedenheit mit sich selbst hat. Und da kommt unter anderem wieder Yoga ins Spiel.  

Es ist erschreckend wie schnell wir uns gegenseitig in Schubladen stecken. Was würdest du dir von anderen Frauen wünschen?

Das sie und wir uns frei machen von Dingen, die wir gelernt haben und “Unlearning” betreiben. Also alles abzulegen, was eigentlich keinen Sinn macht, uns aber so beigebracht worden ist. Ich glaube daran und ich spüre bereits Veränderungen. 

Meinst du wir schaffen es als Gesellschaft, dass das Thema “Körper und Aussehen” irgendwann keine Rolle mehr spielen wird? 

That’s the vision and the dream. 

Um dieser Vision einen Schritt näher zu kommen, hast du an der Foto-Ausstellung “Vom Selbstzweifel zur Selbstannahme?” als Model teilgenommen. Wusstest du gleich, dass du mitmachen möchtest oder musstest du kurz überlegen?

Sophie in Nahaufnahme – Fotos von Sophia Lasson für die Foto-Ausstellung “Vom Selbstzweifel zur Selbstannahme”

Ich wusste sofort, dass ich mitmachen möchte! Sophia Lasson, die Fotografin, ist eine wunderbare Seele und eine wahre Künstlerin. Was für eine Ehre. Sich selbst dann komplett nackt vor einer Kamera zu zeigen und auch auf Film aufgenommen zu werden war für mich auch nochmal ein Schritt hin zur Selbstakzeptanz/Liebe. Das hätte ich vor einem Jahr auch noch nicht gemacht. Es war wunderbar und ich kann so ein Nackt-Shooting sehr empfehlen. Es stärkt das Selbstbewusstsein und macht unendlich glücklich.

Liebe Sophie, danke für das wunderbare Interview.

Hier erfahrt ihr mehr über das Fotoprojekt und die wunderbaren Frauen, die ein Teil davon waren:

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