Ein feministischer Blick auf Yoga – Interview mit Anjali Rao

„Welchen Stimmen geben wir Gewicht?“ … und welchen nicht? Um sich aus patriarchalen Denkstrukturen zu befreien, empfiehlt die in den USA lebende indische Philosophin Anjali Rao einen feministischen Blick auf die Traditionen des Yoga. Ein Gespräch über Macht, heilige Resilienz und Ungeduld.

Interview: Carmen Schnitzer / Titelbild: sparklestroke via Canva

Im Herbst 2025 erschien dein Buch „Yoga as Embodied Resistance“, was man übersetzen kann mit „Yoga als verkörperter Widerstand“. Darin betrachtest du die Geschichte des Yoga aus einem feministischen Blickwinkel. Warum ist dieser Blick zurück so wichtig?

Dazu müssen wir zunächst klären, was Geschichtsschreibung eigentlich ist. Nämlich nicht nur eine Sammlung von Daten, Orten und Ereignissen – nein, wir müssen uns auch bewusst machen, dass da Menschen eine bestimmte Auswahl getroffen haben bei dem, was sie für die Nachwelt notieren wollten, und wie sie es interpretierten. Und das sollten wir umfassend und kritisch betrachten.

Weil es überwiegend Männer waren, die diese Auswahl getroffen haben?

Auch. Aber es geht um mehr: Ein feministischer Blick auf die Geschichte beschäftigt sich grundsätzlich mit der Struktur und Dynamik von Macht. Geschichte wurde und wird aufgeschrieben von denen, die Zugang zu Quellen und damit zur Macht haben. Ihre Stimmen wurden gehört, während man andere marginalisierte. In Bezug auf die Yogageschichte waren es nicht nur, aber vor allem brahmanische, also der obersten Kaste angehörende Männer. Deren Geschichten wurden dann später weiterverbreitet durch Europäer – Deutsche, Briten. Die Texte wurden übersetzt, was auch wieder neue Interpretationen bedeutete. Und ja, es werden auch Frauen erwähnt, aber das sind eben stets außergewöhnliche Frauen. Die sind wichtig, aber deren Erwähnung erfasst die Komplexität und Dynamik der Zeit nicht, all diese Nuancen des Patriarchats.

Was wir heute über Yogaphilosophie und -geschichte wissen, wurde also größtenteils geprägt durch Brahmanen und europäische Forscher, die man im Kontext des Kolonialismus sehen muss.

So ist es. Und dabei geht natürlich viel verloren. Es ist entscheidend, sich das bewusst zu machen, denn Geschichte informiert uns darüber, wer wir als Menschen sind. Sie lenkt, was wir als gut und böse, wichtig und unwichtig betrachten. Die zentrale Frage ist: Wer sind diese Stimmen, denen Gewicht gegeben wurde – und welche wurden gelöscht? Und dabei geht es nicht nur um die Geschichte, sondern auch um die Praxis.

Inwiefern?

Wenn du zum Beispiel an die Hatha Yoga Pradipika denkst, auf die ja auch viele der Übungen zurückgehen, die wir heute praktizieren: Da steht immer ein männlicher Yogi im Zentrum. Nur sehr gelegentlich wird auch mal eine Yogini erwähnt, quasi als Zusatz. Vielleicht auch deshalb hält sich hartnäckig der Mythos, Yoga sei eine Praxis für Männer gewesen und erst der Westen hätte diese auch Frauen zugänglich gemacht. Dabei gab es im Lauf der Geschichte immer auch Frauen und nicht-binäre Personen, die gewisse Formen von Yoga praktiziert und weitergegeben haben, denken wir etwa an die gelehrten Rishikas wie Sulabha und Gargi aus der Antike oder Yoginis in den Tantra-Traditionen.

Anjali Rao
Anjali Rao richtet sich mit ihrem Buch „Yoga as Embodied Resistance“ gegen jede Form von Unterdrückung.

Dass Yoga traditionell Männern vorbehalten gewesen sei und erst der Westen die Praxis für Frauen geöffnet habe, ist ein Mythos.

Heute üben im Westen vor allem Frauen Yoga – wenn auch überwiegend weiße, finanziell besser gestellte Frauen.

Auch dieses Elitäre war nicht immer so! Früher wurde Yoga von denen praktiziert, die sich aus sozialen Systemen wie Kasten oder Klassen befreien wollten, die gewisse Fähigkeiten erreichen wollten: Siddhis, Selbst- und Gottverwirklichung, Kraft. Von Menschen, die ihre Feinde bekämpfen wollten oder Krankheiten heilen … Es gab immer eine Reihe unterschiedlicher, großer Ziele im Yoga. In den letzten 200, 300 Jahren wurde dann so manches rausgepickt – ein bisschen Gymnastik hier, ein bisschen Pranayama da, dazu noch etwas Tanz – und das nennen wir dann Yoga. Yoga ist aber ein Sammelsurium verschiedenster Traditionen, die aus unterschiedlichsten Gründen miteinander verwoben wurden. Dabei spielt der Kolonialismus eine Rolle, der Kapitalismus und natürlich Krishnamacharya, der als „Vater des modernen Yoga“ gilt. Yoga ist heute ein multivalenter Begriff, also einer mit vielen Deutungsmöglichkeiten und Bezügen.

Mehrdeutigkeit ist ein gutes Stichwort: Die scheinen wir ja nur noch schwer auszuhalten. Glaubst du, Yoga kann dazu dienen, uns von stereotypen und allzu binären Denkweisen zu befreien – gut und böse, richtig und falsch und eben auch männlich und weiblich?

Wenn man wirklich neugierig ist, ja, dann glaube ich, hält Yoga diesbezüglich eine ganze Bandbreite von Lehren parat. Es gibt zwar viele Möglichkeiten, es zu praktizieren, aber irgendwann kommst du im Yoga zu Fragen wie: Was ist meine Position in der Welt und wie kann ich ihr dienen? Warum reagiere ich auf diese oder jene Situation so? Warum bin ich so ungeduldig, wenn es darum geht, Komplexität auszuhalten? Wir möchten am liebsten alles gleich labeln, gesagt bekommen, was zu tun ist, am besten in schön instagramtauglichen Häppchen serviert.

Wo uns dann etwa auch erzählt wird, was weibliche Energie ist oder männliche? Ich habe mit dieser Aufteilung ehrlich gesagt immer ein Problem.

Verstehe ich, darum benutze ich diese Begriffe auch nicht. Das sind wieder Label, die für geschlechtsspezifische Projektionen sorgen und eine beengte Sichtweise. Energie ist Energie.

Lass uns noch mal kurz über den Titel deines Buches sprechen, „Yoga als verkörperter Widerstand“. Gegen wen oder was richtet sich der?

Im Grunde gegen jede Form von Unterdrückung, sei es aufgrund von Rasse, Kaste, Geschlecht oder Fähigkeiten. Wir sind ja aktuell vielerorts wieder autoritären Regimen ausgesetzt, und es ist normal, sich von der Situation überfordert zu fühlen. Aber es lohnt sich, gegen patriarchale Strukturen zu kämpfen. So ein Widerstand kann allerdings nicht irgendwo im Äther stattfinden, wir müssen dabei ganz in unseren Körpern sein. Dafür ist Yoga ein gutes Tool – um Widerstand wirklich zu „verkörpern“.

Und auch, um „Sacred Resilience“, „heilige Resilienz“ zu entwickeln, um auch auf den Untertitel deines Buches zu sprechen zu kommen?

Genau. Resilienz bedeutet nicht nur die Fähigkeit, dem Geschehen standzuhalten und es zu verarbeiten, sondern auch, Dinge zu integrieren, herauszufordern, zu hinterfragen und sich gegen die dominante Kultur, das Patriarchat, zu wehren. Heilig ist diese Resilienz nicht in dem Sinne, dass wir etwas anbeten müssen, sondern weil sie ehrlich, integer und wahrhaftig ist.

Dieses Interview stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 06/25 mit dem Titelthema „Weibliche Kraft“.


Mehr über Anjali Rao erfährst du auf anjalikamathrao.com oder ihrem Instagram-Kanal @anjalikamathrao

Ihr Buch „Yoga as Embodied Resistance: A Feminist Lens on Caste, Gender, and Sacred Resilience in Yoga History“ erschien 2025 bei North Atlantic Books.

Hier findest du noch mehr Impulse rund um weibliche Spiritualität:

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