Die weiblichen Wurzeln von Somatics

Somatics oder „Somatic Yoga“ trendet gerade nicht nur auf Instagram. Dass so ein innerliches, spürendendes Üben gut in unsere hektische, extrovertierte Zeit passt, leuchtet ein. Was viele nicht wissen: Mit traditionellem Yoga hat das erst mal wenig zu tun. Wo kommt es also her und wie gelangte es ins moderne Yoga?

Text: Dr. Laura von Ostrowski / Titelbild: Heinrich Hamann von Europeana CC0 Images via Canva, Symbolbild

„Somatic Yin“, „Somatic Vinyasa“: Immer häufiger findet man solche Angebote auf Studio-Stundenplänen und Websites. In diesen Kursen geht es ums (Nach-)Spüren, um das Spielerische und Ergebnisoffene, das Innerliche und Individuelle. Starre Regeln haben hier keinen Platz. Vielmehr geht es darum, den Körper als Agens anzuerkennen, nicht als etwas, das geformt werden muss. Damit bekommt etwas Raum, das schon lange die Realität vieler Yogaerfahrungen vor allem von Frauen ist: die Sehnsucht nach einer tieferen Verbindung zum eigenen Inneren – ausgedrückt und erfahren über den Körper. Gerade Frauen, die mit ihrem Körper im Konflikt stehen oder mit Idealvorstellungen struggeln, suchen nach einem achtsameren und auch einem experimentell-lebendigen Zugang zu Bewegung und Eigenwahrnehmung. Doch wenn nicht gerade Tantra drübersteht (womit noch eine Menge weiterer Inhalte einhergehen würden), bleibt oft im Dunkeln, wo die Wurzeln einer solchen Arbeit liegen.

Somatics im frühen 20. Jahrhundert

Was, wenn dieser Aspekt in der indischen Yogageschichte kaum greifbar und stattdessen tief in unserer eigenen Bewegungskultur verwurzelt wäre – und wir diesen Bezug nur aus dem Blick verloren hätten? Tatsächlich ist verkörperte Achtsamkeit Teil einer westlichen, speziell auch deutschen Tradition. Es waren Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus einer vergleichbaren Sehnsucht wie der heutigen heraus somatische Ansätze entwickelten. Auch wenn sie ihre Praxis nicht „Yoga“ nannten, beeinflusst ihre Arbeit heute die Art, wie wir unseren Körper im Yoga erforschen. Man könnte es auch so beschreiben: Über dem modernen Yoga hängt eine „somatische Dunstwolke“. Manchmal umhüllt sie die Praxis nur sanft, manchmal regnet sie aber auch regelrecht auf ihn herab und führt zu fruchtbaren Hybriden aus traditionellem Hatha Yoga und der somatischen Körperkultur der frühen Moderne.

Von Gymnastik zu Somatics

In diesem Artikel soll es insbesondere um zwei Frauen gehen, die im frühen 20. Jahrhundert begannen, mit ihrem Körper aktiv, bewusst und experimentell zu arbeiten. Damit wandten sie sich vom damals gängigen, formellen Gymnastikverständnis im Geist des gestrengen „Turnvater Jahn“ ab und suchten neue Wege. Ganz ähnlich wie sich heute viele von uns von festen Regeln und Formen des Hatha Yoga entfernen, lösten auch sie sich also von der Strenge ihrer Zeit. Das war damals durchaus rebellisch – und ist es heute noch –, da es gängige Körpernormen in Frage stellt.

Beim Blick auf die Geschichte des modernen Yoga ist dieser Aspekt bisher kaum sichtbar gemacht worden. Meist wird dort nur die formfixierte, schönheitsgetriebene Gymnastiktradition betrachtet, die später sowohl in die Fitness-Bewegung als auch ins modernen Yoga einfloss – und das durchaus kritisch, da dieser Praxis die Innerlichkeit fehlte. In Wirklichkeit gibt es aber noch eine zweite Traditionslinie, die von der frühen Gymnastik ins heutige Yoga reicht: somatisch, spürend, propriozeptiv. Der Westen hat also eine eigene Geschichte der innerlichen Körperkultur – eine Geschichte, die sich ausgesprochen fruchtbar mit Yogahaltungen und -inhalten verbunden hat. Dieser historische Blick erklärt nicht nur viele heutige Hybride, sondern auch eine achtsam-verkörperte Alltagshaltung, die wir ganz selbstverständlich mit Yogaphilosophie assoziieren – obwohl sie in kaum einem alten Yogatext nachzulesen ist.

Schwarz-weiß-Bild von Frau, die eine Gymnastikübung macht, Symbolbild für Weibliche Wurzeln in Somatics, c: Heinrich Hamann von Europeana CC0 Images via Canva
Bild: Heinrich Hamann von Europeana CC0 Images via Canva, Symbolbild

Elsa Gindler – die Großmutter der Somatik

Die Berlinerin Elsa Gindler (1885–1961) ist eine Schlüsselfigur dieser somatischen Körperarbeit. In den 1920er-Jahren entwickelte sie gemeinsam mit Heinrich Jacoby in ihrer „Arbeit am Menschen“ eine Praxis, die das Körperbewusstsein durch feine Wahrnehmung und innere Aufmerksamkeit fördern wollte. Vor allem ging es ihr um Atmung, Entspannung und Spannung. Klassische Turn- oder Gymnastikübungen lieferten nicht die Grundlage ihrer Arbeit, es war vielmehr eine leibbezogene Erforschung des Selbst, in der Konzentration zum Schlüssel wurde. In einem Vortrag von 1926 hat sie es folgendermaßen formuliert:

„Es ist für mich schwer, über Gymnastik zu sprechen, weil das Ziel meiner Arbeit nicht in der Erlernung bestimmter Bewegungen liegt, sondern in der Erreichung von Konzentration. Nur von der Konzentration her kann ein tadelloses Funktionieren des körperlichen Apparates im Zusammenhang mit dem geistigen und seelischen Leben erreicht werden: Wir halten darum unsere Schüler von der ersten Stunde dazu an, ihre Arbeit mit Bewusstsein zu verfolgen und zu durchdringen.“

Elsa Gindler

Damit schuf Gindler eine Praxis, die fast wie „Yoga ohne Yoga“ klingt. Dabei war sie überhaupt nicht von indischem Yoga beeinflusst. Es gab keine Asanas, keine Sequenzen, keine festen Programme. Im Mittelpunkt standen Atem, Spüren und eigenes Erfahren. Jede Stunde war experimentell: Aufgaben zur Reaktion auf Schwerkraft oder Spannkraft wurden individuell erarbeitet. Häufig ließ sie mit verbundenen Augen üben, um die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Die dabei gemachten Erfahrungen sollten ins tägliche Leben übersetzt werden, damit die Praxis an Wirkung gewann – wach, bewusst und reagierbereit. Ich bin überzeugt: Gindlers Arbeit ist einer der Gründe, warum wir heute im Yoga von innerer Aufmerksamkeit, Verkörperung und Körperbewusstsein sprechen können, denn nichts davon spielt in Texten wie dem Yoga Sutra oder der Hathapradipika eine Rolle.

Charlotte Selver – Somatics-Brückenbauerin in die USA

Charlotte Selver (1901-2003) interessierte sich für Bewegung und begann Anfang der 1920er-Jahre eine Ausbildung in formeller Ausdrucksgymnastik bei Rudolf Bode – der sie allerdings als unbegabt abtat. Erst die Begegnung mit Elsa Gindler 1923 öffnete ihr einen neuen Weg. Gindlers Ansatz, das Einfühlen in den Körper von innen her, prägte Selver nachhaltig. Als Jüdin floh Selver 1938 in die USA. Dort entwickelte sie weiter, was sie bei Gindler gelernt hatte, zunächst ohne festen Namen. Erst ab 1971 setzte sich mit der Gründung einer gleichnamigen Stiftung der Begriff „Sensory Awareness“ durch. Selver verstand ihre Arbeit nicht als Methode, sondern als Haltung:

„Beim Spüren begegnet man bewusst zum ersten Mal den schöpferischen, eigengesetzlichen Kräften seiner eigenen Natur; man findet, dass man sich selbst orientieren kann, wo man früher gewöhnlich Rat suchte, und man erkennt, dass die zuverlässigsten Quellen der Information und Leitung in einem selbst liegen.“

Charlotte Selver

Verkörperte Aufmerksamkeit

Selver wurde zu einer wichtigen Figur der Human-Potential-Bewegung in Kalifornien. Sie stand in engem Kontakt mit dem die Hippie-Generation prägenden Alan Watts, unterrichtete am Esalen Institute und prägte so ein Umfeld mit, in dem sich Yoga allmählich etablierte. Obwohl sie nie Yogalehrerin war, wurde sie für viele Yogapraktizierende der damaligen Zeit zu einer entscheidenden Lehrerin. Gleichzeitig beeinflusste sie andere Körperpionierinnen wie Ida Rolf, Psychoanalytiker wie Erich Fromm und Traumatherapeuten wie Peter Levine. Bis ins hohe Alter sprach Selver von Achtsamkeit und Bewusstheit als Lebenspraxis. Mit 100 Jahren sagte sie in einem Vortrag:

„Wir müssen still werden, um aufnahmefähig zu sein. In der Stille ist alles möglich. Sie wendet sich nicht ab. Die Stille hat Reagierfähigkeit in sich, die unmittelbare Bereitschaft.“

Charlotte Selver

Das ist wichtig, denn damit formulierte sie etwas, das wir aus heutiger Yogaphilosophie kennen: nicht eine spirituelle Transzendenz, wie sie der alte Yoga sucht, sondern die Fähigkeit, Alltag, Körper und Aufmerksamkeit in eine durchlässige, lebendige Beziehung zu setzen. Die Zen-Priesterin Yvonne Rand ist überzeugt, dass Selvers Arbeit sogar daran Anteil hatte, „dass Zen in Amerika sich dem somatischen Bereich öffnete, dass die Aufmerksamkeit wieder im Körperlichen, in den Sinnen verankert wurde – und zwar auf eine Weise, die aus Europa kam, nicht aus Asien.“

Schwarz-weiß-Bild von Frau, die eine Gymnastikübung macht, Symbolbild, c: Heinrich Hamann von Europeana CC0 Images via Canva
Bild: Heinrich Hamann von Europeana CC0 Images via Canva, Symbolbild

Zwei Welten verbinden sich leise

Doch wie genau ist diese somatische, westliche Kultur in den Yoga gesickert? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, denn es lassen sich kaum konkrete Figuren benennen, die beide Welten gezielt miteinander verbunden hätten. Meine Hypothese ist, dass es „stille Trägerinnen“ waren, unbekannte Yogalehrerinnen mit gymnastischer Vorbildung. Diese heute namenlosen Frauen bauten die Brücken, indem sie zunächst als Turnlehrerinnen oder Atemtherapeutinnen arbeiteten, sich nach zwei Weltkriegen spirituell neu orientierten und im Yoga eine neue Form der Körper-Seelen-Schulung fanden. Für sie war Yoga weniger ein exotisches Phänomen, sondern eher eine Fortsetzung und Weiterentwicklung ihres vertrauten körperpädagogischen Umfelds. Ein Beispiel dafür beschreibt die Historikerin Beatrix Hauser in einem Aufsatz über Hatha-Yoga-Pionierinnen. Darin verweist sie auf zwei deutsche Schwestern, die 1952 mit dem Yoga-Unterrichten begannen – und zwar ausdrücklich aus der Tradition der „harmonischen Gymnastik“ heraus.

Somatisches Yoga heute

Ich sehe somatisches Yoga, wie es heute in aller Munde ist, also nicht als Bruch mit der Yogatradition, sondern als ein Offenbarwerden von etwas, das Yoga im Westen schon lange, bisher jedoch still und leise, geprägt hat. Natürlich gibt es eine lose Verbindungslinie: von Elsa Gindler und Charlotte Selver über Methoden aus der westlichen Körperkultur wie Rolfing, Feldenkrais oder Pilates hin zu frühen Yogalehrerinnen, die von solchen Erfahrungen geprägt waren, und weiter zu heutigen somatischen Yogastunden. Das Thema ist noch lange nicht zu Ende erforscht.

Wenn wir jedoch heute im Yoga vom Spüren sprechen, sollten wir auf jeden Fall auch die Stimmen dieser Frauen als Wurzel davon verstehen. Dass wir dafür heute den Begriff „Somatics“ verwenden, verdanken wir übrigens dem US-amerikanischen Philosophen Thomas Hanna, der ihn 1988 einführte. Die Praxis selbst aber reicht weit tiefer zurück. Von Frauen wie Elsa Gindler und Charlotte Selver wurde sie verkörpert und mit Erfahrung gefüllt.


Dr. Laura von Ostrowski leitet in München das Studio Svaira Yoga. Sie hat über Patanjali promoviert und unterrichtet Yogaphilosophie und -geschichte.

Mehr dazu findest du auf ihrer Webseite:
lauravonostrowski.de

Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 01/2026.

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