Schonen war gestern: Heute empfiehlt die moderne Medizin sogar ausdrücklich, sich bei Rheuma bzw. rheumatoider Arthritis zu bewegen. Was viele nicht wissen: Die Erkrankung trifft bei weitem nicht nur ältere Menschen – und Yoga kann eine wichtige Unterstützung sein.
Text: Nici Tannert / Titelbild: Vlada Karpovich von Pexels via Canva
Marisa Knecht hat nebenbei in einer Bäckerei gejobbt, als die Schmerzen begannen: Wenn sie nach der Zange griff, um Brötchen in die Papiertüte zu packen, taten ihr die Fingergelenke weh. Es wurde immer schlimmer. Damals war sie 19. Bald kamen Gelenkschmerzen in den Füßen dazu. Zuerst sah sie gar keinen Zusammenhang, denn das fühlte sich ganz anders an. Von zwei verschiedenen Orthopäden hörte sie: „An Rheuma würde ich erst mal nicht denken.“ Doch dann kamen die Blutwerte zurück und die waren eindeutig: Marisas Diagnose lautete rheumatoide Arthritis. Bald waren auch Knie und Schultern betroffen. Zu ihren schlimmsten Zeiten konnte sie kaum noch gehen, ihr Freund musste sie die Treppen rauf- und runtertragen und ihr sogar den Pulli an- und ausziehen, weil sie die Arme nicht mehr hochbekam.
Eine Krankheit mit vielen Gesichtern
„Wie, Rheuma? Kriegen das nicht nur Alte?“, wurde Marisa von Freund*innen und Familie gefragt. Doch auch wenn entzündliches Rheuma statistisch verstärkt im Alter zwischen 50 und 60 auftritt und mehr Frauen als Männer betrifft: Es kann jeden treffen, sogar Kinder. Genau genommen sind es mehrere hundert Krankheitsbilder, die unter dem Begriff Rheuma zusammengefasst werden. Die arthritische Form ist die häufigste, aber auch die kann individuell sehr verschieden ausgeprägt sein. Wichtig dabei zu wissen: Rheuma ist eine Autoimmunkrankheit.
Die Immunzellen bekämpfen körpereigenes Gewebe, in diesem Fall Gewebe innerhalb der Gelenkkapseln. Die betroffenen Gelenke schwellen an und tun weh, das sind die ersten Symptome. Meist sind es die Finger- und später auch die Hand- und Ellenbogengelenke. Oder auch die Zehen-, Fuß- und Kniegelenke. Die Entzündungen treten in Schüben auf und je mehr sich die Schübe häufen und je länger sie andauern, desto größer ist die Gefahr, dass auch Knorpel oder sogar Knochen angegriffen werden. Dann verformen sich die Gelenke, sie versteifen und die Beweglichkeit wird eingeschränkt. Dabei sind die Ursachen für Rheuma weitestgehend unklar. Teilweise ist es wohl genetisch bedingt, aber auch Infektionen, Übersäuerung oder Hormonstörungen können eine Rolle spielen.
Leben mit Rheuma
Heilbar ist die Krankheit bislang nicht, man muss also lernen, mit Rheuma zu leben. Eine wichtige Rolle in der konventionellen Therapie spielen dabei Medikamente. Um das Immunsystem zu regulieren und Entzündungen zu hemmen, bekam Marisa Kortison und einmal in der Woche Methotrexat (MTX) verschrieben. Damit verbesserten sich zwar die Rheumasymptome, aber von dem immer sonntags verabreichten MTX-Präparat wurde ihr so schlecht, dass sie den ganzen Tag im Bett verbringen musste. Partys fanden ohne sie statt, wenn ihre Freund*innen zum Skifahren aufbrachen, blieb sie zu Hause. „Einen Tod muss man sterben“, lautete die lapidare Antwort ihrer damaligen Ärztin.
Marisa probierte, durch den Wechsel von Arzt, Medikamenten und Dosierungen eine ganzheitliche Verbesserung zu erreichen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Wirklich besser ging es ihr erst, als sie begann, sich genauer zu beobachten. So fand sie heraus, dass Schübe bei ihr vor allem mit der Ernährung und dem Stresslevel zu tun hatten – Faktoren, die sie selbst in der Hand hatte. Heute, mit 36, braucht Marisa nur noch eine vergleichsweise geringe Dosis Kortison und keines der Medikamente, die bei ihr starke Nebenwirkungen verursacht haben. Schon seit vielen Jahren hatte sie keinen Rheumaschub mehr. Mit gesunder Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßiger Bewegung sorgt sie Tag für Tag selbst dafür, dass es so bleibt.
Bewegung als Medikament

Früher wurde Rheumakranken geraten, sich zu schonen. Und noch immer ist die Angst weit verbreitet, durch Bewegung und sportliche Betätigung einen neuen Schub auszulösen oder die Gelenke kaputt zu machen. Doch diese Sichtweise gilt inzwischen als veraltet. „Wenn ein Muskel bewegt wird, bildet er sogenannte Myokine, das sind Botenstoffe, die antientzündlich wirken. Das ist bei Rheuma ganz hervorragend“, erklärt Dr. Wilma Ludwig, Rheumatologin am Alb-Donau-Klinikum Langenau. Mit anderen Worten: Rheumapatient*innen können durch Bewegung eine Art körpereigenes Medikament freisetzen.
Sofern die Muskulatur tatsächlich arbeitet und nicht nur passiv durchbewegt wird, kann dieses Biologikum neuen Schüben entgegenwirken. Wichtig sei dabei die Regelmäßigkeit und ein gesundes Maß, betont Dr. Ludwig. Ein guter Muskelaufbau entlaste zudem die Gelenke – erst recht, wenn das Training auch das Gewicht reguliert. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt Patient*innen 150 Minuten Sport pro Woche. „So viel muss man erst mal in den Alltag integrieren!“, weiß die Rheumatologin. Ihr Rat: „Das klappt nur, wenn man auch Freude daran hat.“ Erlaubt ist also alles, was Spaß macht, nur Sportarten, die die Gelenke stoßweise belasten, etwa Tennis oder Joggen, sind bei Rheuma ungünstig.
Die Rolle von Yoga bei Rheuma
Dagegen wird etwa Wandern, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Tanzen ausdrücklich empfohlen – und natürlich Yoga. In den langsamen, bewussten, eher fließenden Bewegungen sieht Dr. Ludwig genau die richtige Belastung, um durch den antientzündlichen Effekt eine Therapie zu unterstützen. Aber das ist nicht alles: „Die entspannende, meditative Komponente von Yoga ist ein weiterer hilfreicher Ansatz.“ Stresshormone werden reduziert und die Bildung von Endorphinen hebt die Stimmung. Auch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen mittlerweile, dass Yoga die gesundheitliche Lebensqualität von Rheumapatient*innen spürbar verbessern kann. Eine 2020 veröffentlichte Übersichtsstudie aus China hat unter dem Titel „Yoga for Treating Rheumatoid Arthritis“ die bis dato international vorliegenden Untersuchungen zusammengefasst.
Yoga verbessert demnach bei Rheuma die körperlichen Funktionen, wirkt Entzündungen entgegen und kann Schmerzen reduzieren. Da Rheuma heute meist früh diagnostiziert und behandelt wird, kommt es seltener zu chronischen Schäden und funktionellen Einschränkungen. Erkrankte können sich daher beim Üben auf der Matte oft ähnlichen Belastungen aussetzen wie Gesunde. Sei es, um die Beweglichkeit wiederherzustellen oder um präventiv einem nächsten Schub vorzubeugen: Die Aktivität wirkt auch gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit.
Oder wie B.K.S. Iyengar es formuliert hat:
„Yoga lehrt uns zu heilen, was nicht ausgehalten werden muss, und auszuhalten, was nicht geheilt werden kann.“
Worauf es dabei ankommt, erklärt der Berliner Arzt und Yogatherapeut Dr. Hermann Traitteur in diesem Interview:
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 01/26.

Marisa Knecht teilt auf ihrem Instagram-Kanal @sympathisch_rheumatisch ihre Erfahrungen. Sie möchte anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass ein Leben mit Rheuma nicht nur aus Einschränkungen besteht.

Unsere Autorin Nici Tannert ist Iyengar-Yogalehrerin und unterrichtet online und in Leipziger Studios. yogakraftwerk.de


