Komme ich als Pinguin zurück, als Popstar oder als Stein? Werde ich vor ein Gericht gestellt und muss für alles büßen, was ich auf Erden verbockt habe? Oder erwartet mich nach meinem Ableben einfach nur Liebe und Licht? Ein Essay über das Jenseits …
Text: Carmen Schnitzer / Titelbild: Creatikon Studio von Getty Images via Canva
„Die muss so ein tolles Erlebnis gehabt, die muss echt das Paradies gesehen haben“, schwärmte mir gerade eine ältere Freundin am Telefon vor. Sie hatte früher mal in einem Seniorenheim gearbeitet und sprach von einer verstorbenen Bewohnerin, die im Tod „so wunderschön“ ausgesehen habe, dass sie sie am liebsten noch ganz lange betrachtet hätte. Eine tröstliche Vorstellung – auch wenn meine Freundin im weiteren Gespräch zugab, so einen Anblick bei Verstorbenen doch eher selten wahrgenommen zu haben.
Was die betreffende Frau tatsächlich erlebt oder gesehen hat, kann sie uns nicht mehr berichten. Zumindest nicht auf herkömmliche Weise, denn dass Kommunikation mit Verstorbenen grundsätzlich möglich ist, davon ist nicht nur Chanelling-Expertin Kristina Sacken überzeugt. Ich selbst bin es, na ja, mal mehr mal weniger. Seit einigen Jahren werde ich immer spiritueller und offener für „Übersinnliches“ jeglicher Art, doch meine immer noch stark präsente skeptische, rationale Seite ist weiterhin dankbar für handfeste Belege und Beweise. Von daher habe ich meine Recherche zum Thema „Was kommt nach dem Tod?“ auch damit gestartet, nach Forschungsergebnissen zu suchen, die vielleicht doch die ein oder andere wissenschaftliche „Sicherheit“ bieten könnten.
GRENZGÄNGE ZWISCHEN LEBEN UND TOD
Relativ schnell stieß ich dabei auf die nicht unumstrittene Studie zum Thema Nahtoderfahrungen (NTE) des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel, die 2001 im medizinischen Fachblatt The Lancet veröffentlicht wurde und die später Grundlage für seinen Bestseller „Endloses Bewusstsein“ wurde. Grob heruntergebrochen schloss er aus den Berichten von Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt worden waren, dass es eine Art allgegenwärtiges, nicht an den Körper gebundenes Bewusstsein geben müsse. So hatte etwa ein Patient sofort den Pfleger wiedererkannt, der ihm im Koma die Zahnprothese entnommen hatte, um den Beatmungsschlauch einzuführen: „Sie wissen, wo meine Zahnprothese ist!“, hatte er ihm nach dem Erwachen eine Woche später korrekterweise gesagt. Die beschriebenen Erfahrungen der ins Leben zurückgeholten Menschen können, so der Arzt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Pressetext von 2016, „nur bedeuten, dass unser Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht“. Eine Hypothese, gegen die sich allerdings viele seiner Kolleg*innen wehren, wie er zugibt.
Dass es nach dem Tod weitergeht, glauben Menschen über die Religionen hinweg. Die Vorstellung vom Wie aber unterscheidet sich.
Interpretation des Jenseits
Tatsächlich kritisieren einige Forscher*innen van Lommels Buch und seine Thesen aufgrund von Weglassungen und subjektiven Interpretationen als pseudowissenschaftlich. Andere halten seine Erkenntnisse und seine offene, weniger materiell geprägte Auffassung von Wissenschaft für bahnbrechend. Gemeinsam war den von van Lommel beschriebenen Patient*innen mit Nahtoderfahrung, dass sie gar nicht unbedingt glücklich darüber waren, weiterleben zu dürfen, sondern am liebsten „da“ geblieben wären. Wo auch immer dieses „Da“ sein mag, was auch immer es darstellte. Das Paradies? Wer weiß. Fest steht allerdings, dass sich die meisten Nahtodberichte ähneln. Über unterschiedliche Kulturkreise hinweg gibt es eindeutige Parallelen wie etwa außerkörperliche Erfahrungen, in denen der eigene Körper von oben betrachtet wird, außerdem sehen Betroffene oft ein helles Licht, haben Visionen von verstorbenen Angehörigen und empfinden ein tiefes Gefühl von Ruhe und Liebe. Je nach Religion oder Philosophie werden diese Erlebnisse allerdings unterschiedlich interpretiert.
Inwiefern van Lommels Studie oder andere NTE-Berichte tatsächlich etwas beweisen, wird kontrovers diskutiert. Von nüchternen Naturwissenschaftler*innen werden Nahtoderfahrungen auch gerne mit Sauerstoffmangel im Gehirn, einer letzten Aktivität der Nervenzellen oder der Freisetzung von Endorphinen erklärt.

DIE KOLLEKTIVE SEHNSUCHT NACH DEM „MEHR“
Naturwissenschaftlich bewiesen ist mit all dem also noch nichts, und doch gibt es viele Hinweise darauf, dass es noch mehr geben könnte als das, was wir rein mit unserem Verstand begreifen. Ein „Mehr“, von dem gläubige Menschen ohnehin über die Religionen hinweg überzeugt sind, wenngleich sich die Vorstellungen von dem, was nach dem Ende unseres physischen Seins passiert, unterscheiden.
Während es im Christentum und Islam etwa die Vorstellung von einer Gerichtsbarkeit gibt, die aufgrund der Taten eines Menschen auf Erden über ein Weiterleben im Himmel oder der Hölle entscheidet, existieren im Judentum verschiedene Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Darunter die einer Art Hölle auf Zeit (Scheol), in der verstorbene Menschen von ihren Sünden „gereinigt“ werden, bevor sie vor Gott treten und von ihm aufgenommen werden können. Insgesamt aber liegt der Fokus bei Jüdinnen und Juden mehr auf dem Diesseits, in dem es gilt, sich ethisch korrekt und gottgefällig zu verhalten.
Das Jenseits im Hinduismus und Buddhismus
Laut Hinduismus und Buddhismus wiederum werden wir nach unserem Tod wiedergeboren, wobei unsere Taten beziehungsweise unser Karma darüber entscheiden, als wer oder was wir zurück auf die Erde kommen – und wie oft. Mitunter ist von „bis zu 500 Mal“ die Rede, meist aber von einem unendlichen Kreislauf der Reinkarnationen, einem unendlichen Zyklus des Seins (Samsara). Beiden Religionen gilt es als Ziel, aus diesem Zyklus auszubrechen, wobei der Hinduismus den Fokus auf die Befreiung der Seele (Moksha) legt und der Buddhismus auf das Ende allen Leidens, aller Begierden und Unwissenheit (Nirvana). Im Buddhismus wird nicht etwa eine unsterbliche, unveränderliche Seele wiedergeboren, sondern ein Geist-Kontinuum, ein „Nicht-Selbst“ (Anatman), das durch einen sich wandelnden Fluss an Erfahrungen gleitet, bis es erlöst wird.
Wohin man auch blickt: Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod gibt es überall: Weder in der griechischen und römischen noch der ägyptischen oder nordischen Mythologie ist mit dem Ende unserer sterblichen Hülle alles vorbei. Auch in vielen afrikanischen Religionen oder denen amerikanischer oder australischer Ureinwohner existiert der feste Glaube, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form weitergeht, sei es durch Wiedergeburt, Aufnahme ins Paradies oder in Form von Ahnengeistern, die mit ihren Familien in Kontakt bleiben.
WAHRHEIT ODER FANTASIE?
Ist die Tatsache, dass sich der feste Glaube an ein Weiterleben nach unserem physischen Dasein weltweit über die Jahrhunderte und Jahrtausende so hält, schon Beleg genug dafür, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sein kann? So viele so unterschiedliche Menschen können doch nicht wirklich irren. Oder vielleicht doch? Spiegeln all die Konzepte von unsterblichen Seelen, Wiedergeburten und paradiesischen Gärten vielleicht einfach nur unsere urmenschlichen Ängste wider, denen wir mit tröstlichen Bildern irgendwas entgegensetzen möchten? Lässt uns letztlich nur unsere Sehnsucht nach Unsterblichkeit oder unser Wunsch nach Trauerbewältigung in schöne Fantasien flüchten, weil wir die banale und schreckliche Wirklichkeit anders nicht aushalten? Ich habe darauf keine Antwort, und ganz ehrlich: Ich glaube auch, dass wir die gar nicht unbedingt brauchen. Um zu erklären, warum ich zu diesem vielleicht unbefriedigend wirkenden Schluss komme, eine kleine persönliche Geschichte:
Während einer Quantum Light Breath Meditation im Rahmen eines Yogaretreats auf Bali habe ich mich vor ein paar Jahren – völlig unbeabsichtigt – in einem früheren Leben wiedergefunden, zumindest fühlte es sich währenddessen ganz stark so an: Ich hatte inmitten einer schwer zu lokalisierenden Felsenlandschaft während eines Krieges meinen gerade erwachsenen, sterbenden Sohn im Arm. Die Tränen schossen nur so aus mir heraus und ich fühlte den ganzen Schmerz einer Mutter, die ich in meinem aktuellen Leben nie geworden bin. Gleichzeitig war das Erlebnis ein ungemein tröstliches, erhellendes. Denn es half mir, mich in Liebe aus einer zutiefst ungesunden On-off-Beziehung zu lösen: Der sterbende Sohn aus dem früheren Leben hatte das Gesicht meines Ex-Geliebten aus dem aktuellen und ich konnte von da an akzeptieren, dass uns eine große Liebe verband, wir aber nicht als Paar funktionierten und ich ihn loslassen musste, damit es uns beiden besser ging.
Die Relativität der Wahrheit
Später schaltete sich mein skeptisches, rationales Ich wieder ein, das das Erlebnis als eine Art Rauschzustand einordnete, als einen freundlichen Trick meines Hirns, um mich vom Liebeskummer gesunden zu lassen. Aber weißt du was? Mir ist letztlich egal, was es war. Es ist nicht wichtig. Wahrheit, wie wir sie auf Erden begreifen und beschreiben können, ist ohnehin etwas sehr Relatives, und was ich erlebt habe, ist wahr, ob die Erklärung dazu nun „früheres Leben“ oder „Sauerstoff- Überdosis“ heißt oder vielleicht auch nur „unterbewusste Überlistung meiner Psyche“.

SPÜREN STATT WISSEN
Worauf ich hinaus will: Ich denke, wir könnten unsere Konzepte von „richtig“ und „falsch“, „wahr“ oder „unwahr“ überdenken und uns stattdessen Erfahrungen öffnen, ohne sie sofort einordnen und bewerten zu wollen. Letztlich also genau das, was wir im Yoga tagtäglich üben: achtsames Spüren und Erkunden unserer körperlichen und seelischen Empfindungen, Offenheit und Akzeptanz gehenüber dem, was ist, was sich verändert und was irgendwann endet. Indem wir den Tod enttabuisieren und als Teil des Lebens akzeptieren, kann er zumindest ein wenig von seinem Schrecken verlieren, auch unabhängig von einem „Danach“.
Erst vorgestern war ich auf einer Beerdigung und sprach später mit der vierjährigen Enkelin der Verstorbenen über ihre Oma, die, wie sie mir erzählte, in einer Kiste gelegen hätte, die man dann in die Erde getan habe. Ich bemühte mich um einen liebevoll-ernsten Gesichtsausdruck und kindgerechte Kommentare, da hellte sich das Gesichtchen der Kleinen auf und sie entwaffnete mich mit der Feststellung: „Wie lustig – ein Mensch in einer Kiste!“ Auch wenn es mir aus meiner erwachsenen Perspektive schwer fällt, einem Sarg etwas Lustiges abzugewinnen, so hatte dieser kindliche Blick auf das Ganze doch etwas Herzerfrischendes und ja, Tröstliches. Einfach nicht mehr festhalten. Einfach beobachten und Schönheit – oder Humor – entdecken, auch im Abschied. Loslassen in Dankbarkeit und Freude. Auch das ein Yogathema, wie letztlich alles im Leben.
Wenn wir einen Schmetterling als Zeichen eines lieben, verstorbenen Menschen wahrnehmen – was sollte uns daran hindern, es anzunehmen?
Die Macht der Wahrnehmung
Doch so wie Sprache im Grunde nur ein Gerüst ist, mit dem wir einen kleinen Teil der Welt erfassen und uns darüber austauschen können, sind in meinen Augen auch viele religiöse Konzepte und Vorstellungen letztlich keine 1:1-Übersetzung der einen großen Wahrheit, sondern nur Versuche einer Annäherung an sie. Sie sind im übertragenen oder wortwörtliche Sinn gemalte Bilder, die uns helfen, das Unbegreifliche ein Stück weit begreifbar zu machen. Vielleicht ist es weniger wichtig, verbissen nach Beweisen für eine Gottes- oder Jenseits-Existenz zu suchen als vielmehr wahrzunehmen, welches Konzept in uns resoniert. Wenn wir etwa in einem vorbeiflatternden Schmetterling ein Zeichen eines lieben, verstorbenen Menschen wahrnehmen – was sollte uns daran hindern, es anzunehmen? Wenn wir seine Energie auch nach seinem Tod spüren, sie uns Kraft gibt und wärmt – was brauchen wir dann irgendwelche Beweise?
Jenseits der Wissenschaft
Ich begrüße es sehr, dass Wissenschaft und Spiritualität mittlerweile immer weniger als Gegensätze betrachtet werden und dass zwischen den beiden Betrachtungsweisen der Welt immer mehr Austausch stattfindet. Vieles, was zum Beispiel Menschen, die regelmäßig Yoga üben, schon seit Jahrtausenden intuitiv gespürt haben, wurde mittlerweile wissenschaftlich untermauert – etwa, dass Meditation heilsame Kräfte haben kann. Möglich also, dass Forscher*innen irgendwann auch Beweise für die Existenz eines wie auch immer gearteten Jenseits finden.
Wenn dem so sein sollte – gut. Wenn (noch) nicht, dann eben nicht, dann können wir das, was wir ganz unwissenschaftlich spüren, dennoch für uns nutzen und uns über unsere Erfahrungen friedlich austauschen – im steten Bewusstsein, dass wir alle fehlbar und unser Verstand begrenzt ist und dass es hier nicht ums Rechthaben geht, sondern um Liebe und Verbindung. Und wer weiß – vielleicht begegnen wir uns eines Tages alle in einem ganz anderen Himmel wieder als gedacht und können über das lachen, was wir uns auf Erden so zusammengereimt haben.
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 06/25.

Carmen Schnitzer arbeitet als Journalistin und schreibt seit Jahren für das YOGAWORLD JOURNAL.
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