Loslassen im Yoga: Früher und heute

Was wir Yogis in unseren Breitengraden häufig unter „Loslassen“ verstehen, ist in den alten Schriften des Yoga so nicht zu finden. Machen wir es uns da mit der Praxis vielleicht zu leicht? Wir haben mal nachgelesen …

Loslassen oder Wegschmeißen?

„Yoga heißt ja auch Loslassen.“ Diesem oder ähnlichen Sätzen begegnen wir gefühlt in jeder zweiten Yogastunde. Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Ist Loslassen im Yoga eher ein passiver oder ein aktiver Vorgang? Und was wollen wir überhaupt loslassen? Zwischen dem 21. Jahrhundert und den Ursprüngen des Yoga scheint es doch einige Unterschiede zu geben. Es lohnt sich also, die alten Schriften mal wieder in die Hand zu nehmen und sich ein paar Gedanken zu machen.

Wer spricht von Loslassen?

Wenn man die im Westen wohl populärste Übersetzung von Patanjalis Yogasutra liest, wird schnell klar, warum die Idee, Yoga sei Loslassen, so weit verbreitet ist. In der deutschen Übertragung des englischen Buches von T. K. V. Desikachar heißt es nämlich: „Durch Üben und die Fähigkeit loszulassen, kann unser Geist den Zustand von Yoga erreichen.“ (Yogasutra 1.12) Demnach ist „Loslassen“ wenigstens die halbe Miete auf dem Yoga-Weg. Nun sind Patanjalis Aphorismen äußerst knapp gehalten und entsprechend viel Spielraum besteht beim Übersetzen – erst recht, wenn vom Sanskrit ins Englische und weiter ins Deutsche übersetzt wird. Denn jede Übersetzung spiegelt die Haltung des Übersetzers wider.

Loslösen der Vrittis

Eine andere, in Deutschland etwas weniger oft verkaufte Übertragung ist die von Deshpande. Er interpretiert den Sanskrit-Begriff Vairagya, um den es hier geht, nicht als Loslassen, sondern als „Loslösung“. In den Erläuterungen wird es dann noch ein wenig genauer: Es handelt sich um die Loslösung von den Vrittis, also salopp gesagt von dem, was wir so im Kopf haben. Das Loszulassen, ist manchmal gar nicht so bequem, wie wir uns das landläufig vorstellen, wenn wir sagen: „Lass es doch los!“ Eigentlich ist dieser Satz nichts anderes als eine scheinbar spiritualisierte Form von „laissez faire“: Hoffen, dass sich die Dinge auch ohne eigenes Zutun zum Besten regeln. Lass das Universum mal machen!

Wie sehr sollen wir loslassen?

Viele kennen das: Wenn wir mit Yoga beginnen, dann ist es oft Liebe auf den ersten Blick. Aber diese Liebe bringt auch hohe Ansprüche mit sich: an die eigene Praxis, das damit verbundene Leben und den ganzen bisherigen Alltag. Man würde gerne direkt alles richtig machen, vielleicht auch mal ein Jahr in einem Ashram leben und sowieso nie wieder Fleisch essen, geschweige denn ein ordentliches Bier trinken. Nachdem man sich dann eine Weile so vollkommen in den sattigen Lebensstil gezwungen hat, klopft das alte Leben aber
wieder an. Es waren ja schließlich auch nicht alle alten Freunde doof.

Yoga und Verzicht

In dieser Situation liest man dann gerne den Begriff „Loslassen“ in die alten Schriften hinein. Ein Glas Wein kann man doch mal trinken, oder? Ich würde sagen: Kann man, aber man sollte dabei mit sich im Reinen sein und es nicht begründen mit: „Das gehört auch zu Yoga: mal loslassen.“ Um beim Beispiel der Ernährung zu bleiben: Krishna ist im 17. Kapitel der Bhagavad Gita ziemlich eindeutig darin, was akzeptabel ist und was nicht. Auch sonst ist der liebe Gott eher restriktiv denn liberal: Loslassen heißt im traditionellen Yoga, auf vieles zu verzichten. Nun muss niemand zu dem in der Bhagavad Gita dargestellten „reinen Menschen“ (Bhagavad Gita, 17.8) werden. Aber dann können wir den tollen Schokoladenkuchen eben auch nicht legitimieren, indem wir sagen, das sei „auch Yoga“. (Mit der Ausnahme von diesem veganen Schokokuchen mit Roter Bete und Avocado vielleicht) Anders gesagt: Wenn im traditionellen Yoga losgelassen wird, dann richtig. Es hat eher den Geschmack von Entsagung und Etwas-von-sich-Werfen als von großzügiger Ausgewogenheit.


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Was sollen wir loslassen?

Nun wollen wir den Krishna der Bhagavad Gita aber nicht nur als Hardliner dastehen lassen. Schließlich ist genau dieser Text ja eine Einladung für uns Laienpraktiker, den göttlichen Gesang auch im Alltag zu hören. Die Botschaft lautet: Man muss nicht ins Kloster gehen, um den Weg des Yogi zu gehen. Den Yoga des Wissens, der Hingabe und des selbstlosen Dienens, den können wir auch in der Berliner Innenstadt oder in einem Dorf in der Eifel beschreiten. Allerdings sollten wir dann besser nicht die Hatha Yoga Pradipika aufschlagen: Denn da sehen wir uns sofort wieder gezwungen, uns „in eine einsame Zelle“ (Hatha Yoga Pradipika, 1.17) zurückziehen. Auch wenn die mit einem Altar und einem Brunnen verschönert werden darf.

Yoga und Besitz

Auch der in der modernen Yogawelt so viel zitierte Patanjali ist eher restriktiv. Vor allem, wenn es um materiellen Besitz geht: Der Yogi, der Aparigraha übt, soll sich konsequent „auf das beschränken, was er braucht und was ihm zusteht“. Die Frage, wie sehr wir heutigen Yogis das reflektieren, dürfte für die meisten von uns nicht gerade angenehm sein.

Festhalten, wo es geht

Auch wenn es nicht immer bequem ist: Yoga ist halt doch vor allem auch die erste Hälfte des oben zitierten Yogasutra-Satzes: beharrliche Übung. Und ein Festhalten an dieser Praxis. Manchmal bedeutet das nicht einfach ein „Alles darf sein“, sondern ein bewusstes Loslösen, ja fast ein Wegschmeißen von alten Ideen, Vor-
stellungen und Verhaltensweisen. Nicht, dass wir den klassischen Weg so strikt gehen müssen, wie es die Schriften empfehlen. Die stammen aus einer anderen Zeit. Aber wenn wir uns darauf beziehen, dann sollten wir uns auch darüber klar sein, wann wir ein Stück weit unsere alten Muster bedienen. Es muss ja nicht Samadhi in diesem Leben sein.


RALF STURM ist Meditationslehrer und führt mit seiner Frau Katharina Middendorf eine Praxis für Paar- und Sexualtherapie. Mehr über ihn findest du auf middendorf-sturm.de

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