Patanjali und Familie: Stephanie Schönberger im Interview

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© Armin Schönberger

Mit Patanjali gegen den Wahnsinn: In ihrem Buch „Das Karma, meine Familie und ich“ beschreibt Yogalehrerin Stephanie Schönberger Gedanken und Methoden aus dem Yoga-Sutra, die den Familienalltag entspannen können – und gibt nebenbei eine kurze, lebenspraktische Einführung in die Yogaphilosophie.

Stephanie, die Elternrolle wird heute so intensiv wie vielleicht niemals zuvor reflektiert – ein eigentlich begrüßenswertes Phänomen, das jedoch oft in „Helikopter“-Verhalten mündet. Auch hier ist überall die Rede von „Optimierung“.
Ich finde diesen Optimierungswahn befremdlich. Wer definiert, was optimal ist, und vor allem, wer hat das Recht dazu? Der neuseeländische Yogalehrer Mark Whitwell erklärt gerne, jeglicher Optimierungsversuch sei letztlich eine Beleidigung der Intelligenz des Lebens.

Wie kann uns Yoga als Jahrtausende alte Lehre im Wahnsinn moderner Familienorganisation unterstützen?
Die alten Weisheitstexte geben zwar keine konkreten Erziehungstipps, aber sie können uns inspirieren, wie wir mit unseren Kindern umgehen könnten. Unsere Aufgabe, unser sogenanntes Svadharma, als Eltern ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Töchter und Söhne ihr Talent entwickeln, ausleben und als bewusste Menschen in die Welt bringen können. Auch in der Idee von Ishvara Pranidhana, eines höheren Prinzips, dem wir absolut vertrauen können, geht es um liebevolle Akzeptanz und Begleitung, nicht um Dauerbespaßung oder Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Das Elternsein stellt alles, was man vorher im Yoga erkannt und geübt hat, auf die ultimative Probe – ist das auch deine Erfahrung?
Ich habe erstmal ganz praktisch erfahren, was Avidya, die Unwissenheit, bedeutet: Vor der Geburt meiner Tochter habe ich ernsthaft geglaubt, dass die Welt mit Kind rosarot sein würde, so wie das in den Medien (für die ich übrigens jahrelang gearbeitet hatte) gerne dargestellt wird. Ebenso war ich überzeugt, dass sich Beruf und Kind mit links vereinbaren ließen, obwohl ich erlebt habe, wie Mütter aus den Redaktionen von Frauenzeitschriften gedrängt wurden. Die Landung in der Realität war für mich hart.

Also keine rosa Wolken …
Dafür schlaflose Nächte, eine zunehmende Entfremdung vom Vater meines Kindes, dazu der Verlust der bisher gekannten Selbstbestimmung und der finanziellen Sicher- und Freiheiten, die ich zuvor als Ressortleiterin hatte. In der Schwangerschaft habe ich meine erste Yogastunde besucht, nach der Geburt machte ich weiter. Bald dreimal die Woche, das waren meine Fluchten von zuhause.

Hat das deinen Alltag entspannt?
Erstmal gar nicht, auch nicht die vierjährige Yogalehrer-Ausbildung. In meinen Stunden habe ich Gelassenheit gepredigt, aber zuhause habe ich es nicht hinbekommen. Das hat dazu geführt, dass wir kurz vor dem familiären Burnout standen. Vom Zustand des Yoga, der dynamischen Stille der Gedanken und Gefühle, war ich teilweise meilenweit entfernt. Dafür konnte ich sehr gut die Nerven verlieren. Ich habe einen Weckruf gebraucht, es war ein verzweifelter Brief meiner Tochter, um endlich genau hinzuschauen, was da eigentlich schief läuft bei uns.

Was hat den Hebel umgelegt?
Dass ich meinen Fokus von den Asanas zur Yogaphilosophie gerichtet habe. Auf der Matte üben wir unter Idealbedingungen, alles ist friedlich, alles ist Om. Die Herausforderung, zumindest war es bei mir so, beginnt, wenn wir unsere kleine Auszeit beendet haben und wieder mit dem Alltagstrubel konfrontiert werden. Wie klappt es dann mit der Gelassenheit, mit Ahimsa? Die philosophischen, psychologischen und spirituellen Gedanken und Ansätze des Yoga, besonders die des Yoga-Sutra, zeigen uns, finde ich, einen sehr gangbaren Weg, wie wir den friedlichen Zustand, den wir auf der Matte hoffentlich erfahren haben, auch dauerhaft im Alltag erleben können.

Achtsamkeit und Gelassenheit kursieren gerade auch außerhalb der Yogawelt als Zauberwörter für funktionierende Gemeinschaften. Haben wir es unter Umständen mit einer Idealisierung dieser Begriffe zu tun, die wiederum Stress erzeugen kann („Ich MUSS mich entspannen, ich MUSS zum Meditations-Seminar, ich MUSS auf die Matte“)?
Mir geht es tatsächlich manchmal so, dass ich die Begriffe Achtsamkeit und Gelassenheit gar nicht mehr hören und benutzen mag. Weil man, wie du es ja ansprichst, das Gefühl hat, mit seinem Karma-Konto ordentlich in den Miesen zu landen, wenn man das Pausenbrot des Kindes nicht mit größter Achtsamkeit schmiert oder zwischenzeitlich die Fassung verliert, weil man das Chaos, das die Familie in der Wohnung hinterlassen hat, mal wieder ganz alleine aufräumen muss. Aber alles, was Gefahr läuft, zwanghaft zu werden, hat das Potenzial Duhkha, also Leid, zu erzeugen. Und das ist das Gegenteil von Sukha, der Weite, dem inneren Meeresstrand, dem guten Gefühl, nach dem wir uns alle sehnen.

Patanjalis Yoga-Sutra – vielleicht der beste Elternratgeber auf dem Markt?
Ein guter Lebensratgeber auf jeden Fall. Weil er uns erklärt, wie wir ticken, warum wir manchmal austicken und wie wir unseren inneren Frieden finden können. Der weise bayerische Komiker Karl Valentin sagte den schönen Satz: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ Patanjali kann uns helfen, ihnen etwas Gutes vorzumachen.

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